HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Schäßburg vor 150 Jahren

Als die Kanonen donnerten

Familienerinnerungen an 1848/49, an Krieg und Bürgerkrieg
Was Albert Reinhardt von Vater und Großmüttern alles erfuhr.

Albert Reinhardt, "Pretz" genannt, ? für Schäßburger immer noch ein Begriff, wenigstens vom Hörensagen. In der ersten Auflage des Buches "Schäßburg ? Bild einer siebenbürgischen Stadt" steht noch über ihn: "Schade, dass er sein Wissen um die Geschichte und die Menschen dieser Stadt nie zu Papier gebracht hat."
Diesen Satz berichtigen wir gerne: Er hat! Und einiges davon wurde vor kurzem aufgefunden und wird jetzt aufgearbeitet. Hier ein Auszug zu Ereignissen, die inzwischen fast genau 150 Jahre zurückliegen.

Die Aufzählung von allerlei Begebenheiten aus dem Leben meiner Vorfahren wäre unvollständig, wollte ich ihre vielfachen Erinnerungen an die Jahre 1848/1849 übergehen. Im Lande war seit weit über 100 Jahren kein Krieg gewesen. Kein Wunder, dass die sich überstürzenden Ereignisse, ihr blutiger Verlauf zwischen den sich bekämpfenden Brudervölkern des Landes, die seit vielen Jahrzehnten in Ruhe und Frieden nebeneinander gelebt hatten, die Zeitgenossen tief beeindruckten und noch lange in ihnen nachklangen.
Schäßburg, so nahe am Szeklerland, erlebte den Wechsel der Kriegslage in besonders aufregendem Maße. Den Höhepunkt der wilden Zeit bildete die Einnahme der Stadt durch General Bem im Februar 1849, der Einmarsch der Russen Ende Juli 1848 und dann die Schlacht zwischen Schäßburg und Weißkirch am 31. Juli.

Wie in allen anderen sächsischen Städten war auch in Schäßburg eine Bürgergarde zum Schutz von Ruhe und Ordnung eingesetzt. Mein Großvater Michael Reinhardt diente auch bei der Bürgergarde. Er war ein ordentlicher, treu bewährter Gardist. Der Major der Bürgergarde, Kerner, ein pensionierter Offizier, schätzte den ruhigen, zuverlässigen Mann. Als die rumänischen Untertanen des Grafen Haller im nahen Weißkirch das Schloss plünderten, wurde zur Wiederherstellung der Ordnung die Kompanie der Bürgerwehr hinbeordert, der der Großvater angehörte. Er ging durch die zum Teil abgebrannten Wirtschaftsgebäude des Schlosses, die vom Feuer noch schwelten. Nirgends begegnete ihm eine Seele, denn das Gesinde, es war zum größten Teil ungarischer Volkszugehörigkeit, war geflohen. Da hörte der Großvater in einem Stall ein weinendes Kind. Er trat ein und fand einen kleinen Säugling hilflos in der Krippe liegen. Er nahm ihn an sich und brachte ihn der Großmutter zu ihren vier eigenen Kindern. Es war ihm nicht möglich, anders zu handeln, denn er musste an den kleinen Jesus denken. Die Großmutter nahm sich des Kindes an. Nach einigen Wochen meldeten sich die Eltern des Kindes, dessen Mutter in der Schreckensstunde geistesverwirrt geflohen war. Mit vielem Dank übernahm sie das Totgeglaubte.

Auch die Eroberung von Elisabethstadt machte der Großvater mit. Es ist bezeichnend für seine Denkungsart, dass er nicht, wie viele andere, mit großer Beute aus den Verkaufsläden und Haushalten der reichen Armenier heimkehrte. Er brachte nur einige Päckchen Spielkarten mit, die auf dem Boden eines geplünderten Ladens lagen, und gab sie seinen Kindern als Bildchen.
Die vorübergehende Besetzung der Stadt durch General Bem im Februar 1849 hatte nicht geringen Schrecken in der Bewohnerschaft hervorgerufen. Die Bürgergarde war abmarschiert, die Frauen waren allein zu Hause, als der Feind einbrach. Großvater Reinhardt war auch mit der Bürgergarde mitgezogen und die Großmutter mit 4 Kindern, 2 Jungen und 2 Mädchen, waren zurückgeblieben. Mein Vater als der älteste war im 13. Jahr.

Wenige Jahre vorher hatte der Großvater das Haus in der Kleingasse gebaut. Es war nicht groß, aber freundlich und gefällig. Die Zimmer trugen eine flache Decke und ließen das Licht zu großen Fenstern herein. Dazu gehörte ein großer Hof mit Bäumen und einer Laube. Im inneren Keller hatte der Großvater viel Wein, der von der Besatzung der Großmutter immer wieder abgefordert wurde. Um allen Belästigungen zu entgehen, hatte sich die Großmutter schlechte Kleider angezogen, sich tagelang nicht gekämmt und gewaschen. Mit einem Wort, sie hatte sich aller weiblichen Anmut entkleidet, um nur den Wein zu retten. Noch vor Ankunft der Feinde hatte sie in den äußeren Keller Wasser aus dem Schaserbach, der damals hinter dem Anwesen floss, geleitet. Forderten die feindlichen Soldaten nun Wein, verwies die Großmutter sie in den Keller, aus welchem sie bald zurückkehrten, denn das Wasser stand kniehoch in ihm.

Im übrigen waren die Feinde verträglich. Ja, es gab unter ihnen aus Friedenszeiten persönlich bekannte, harmlose Leute. Mein Vater sah ihnen zu, wie sie ihre Waffen reinigten, jedoch auch, wie sie spielten, indem sie einen Kreuzer in einen Hut warfen und dann auf "krajcza" und "sas" setzten und je nach dem Fall des heraus geschüttelten Kreuzers gewannen oder verspielten.

Allgemein wurde die Mannszucht, die General Bem unter seinen Truppen hielt, von der Bewohnerschaft anerkannt. Bem selbst war freundlich und rücksichtsvoll. Er hat ein gutes Andenken hinterlassen. So handelte er auch nur nach Kriegsrecht, als er der Stadt eine Kontribution auferlegte. Die Bevölkerung konnte sie schwer aufbringen, wollte vielleicht auch nicht aus den vielen Verstecken Geld herausheben, denn in jedem Haus war zahlreiche Einquartierung. Man hätte sich zu leicht verraten und dadurch vielleicht auch die andere, wertvolle Habe gefährdet. Magistratsbeamte, ja selbst der hochangesehene Pfarrer M. A. Schuller waren in die Bürgerhäuser gegangen und hatten ermahnt, zur abverlangten Summe beizusteuern, um die Stadt nicht etwaigen Brutalitäten der Soldateska, oder noch größeren Gefahren auszusetzen. Bis nachmittags 3 Uhr müsse die Kontribution abgeliefert werden, so ging das Gerücht, wenn nicht, stehe der Stadt Übles bevor.

Der Großmutter war es in der Stadt nicht behaglich. Sie ging mit den Kindern in den Baumgarten auf dem Knopf. Dort wohnte als Meier ein alter treuer Ungar, der viele Jahre in ihrem Elternhause Knecht gewesen war. Er war ein dem Hause zuverlässig ergebener Mann, in dessen Schutz sie sich geborgen fühlte. Mittag war kaum vorüber, so entstand, vom Knopf gut wahrnehmbar, auf der Burg ein Tumult. Es fiel ein Schuss und man sah eine Rauchsäule aufsteigen. Die Großmutter glaubte, dass Brand und Plünderung ihren Anfang genommen hätten, aber nach kurzer Zeit trat Ruhe ein. Die Rauchsäule verschwand.

Welche Freude, als Nachricht aus der Stadt eintraf, die Kontribution sei voll erlegt, Ruhe und Frieden gesichert. Der Auflauf auf der Burg war durch einen kleinen, aus Unachtsamkeit entstandenen Brand entstanden. Den Schuss hatte die Wache zur Herbeirufung der Wachbereitschaft abgegeben, die den Brand in kurzer Zeit löschte. Die Kontribution jedoch hatte der Gerbermeister Theil bis zur eingeforderten Summe ergänzt. Schlicht und einfach, mit dem Schurzfell bekleidet, war er beim Bürgermeister erschienen. Zwei Gesellen trugen die Geldbeutel, die er der Stadt zur Errettung aus Not und Bedrängnis zur Verfügung stellte.

Inzwischen hatte auch meine Großmutter Zikeli ein Versteck aufgesucht. Mit meiner Mutter, die damals ein Kind von 3 Jahren war, hatte sie sich im Garten eines Verwandten in der Baiergasse, in einer Pflaumendarre verborgen, die sie, als der befürchtete Aufruhr des Feindes nicht losbrach, glücklich und froh verlassen konnte. Die Bevölkerung atmete auf, als die Besatzung abzog. Überall sah man ihrem Abmarsch mit stiller Freude zu. So stand auch in der Baiergasse die reiche Pickelin ? das angesehene Geschlecht ist ausgestorben ? und sah sich den Vorbeiritt der Kossuth-Husaren an. Da es kühl war, hatte sie ihren neuen schönen Kirchenpelz um die Schultern gelegt. Da sprang ein Husar vom Pferde: "Ej szep szasz otthon ha niki adom". Sprach's und nahm der Pickelin den Pelz ab, hing sich ihn über den Husarenattila, bestieg das Pferd und weg war er. Wie oft haben wir diese Begebenheit von der Frau Pickelin, die eine Gevatterin der Großmutter Reinhardt war, erzählen hören.
In gehobener zuversichtlicher Stimmung sah man Ende Juli die Russen mit klingendem Spiel einmarschieren. Es waren schöne, disziplinierte Truppen des Gardekorps. Wieder gab es in Großvater Reinhardts Haus Einquartierung. Diesmal eine ganze Kompanie Infanterie, die in Hof und Schopfen, die

Offiziere (Hauptmann, Oberleutnant und Leutnant) in der Wohnung untergebracht wurden. Unter den Offizieren war nur einer, der Oberleutnant Russe, der Hauptmann Balte, der Leutnant Pole. Es waren gebildete Menschen, die sich taktvoll und fein benahmen. Die Mannschaft wurde in strenger Zucht gehalten. Im Hof auf einem Nähtischchen der Großmutter war die Kompaniekasse. Dort lag das Geld, österreichische und russische Münzen in Säulen aufgeschichtet.

Nun war der Großvater ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher und besaß eine schöne Pfeifensammlung. Ein Stück aus Weichselholz, geschnitzt vom Bauern Zintz, der ein Meister dieser Arbeit war, hatte es dem russischen Oberleutnant angetan. Er bat, durch Vermittlung des Hauptmanns den Großvater, er solle ihm das Stück überlassen, er verlange es nicht umsonst. Doch der Großvater, der sich von seiner Lieblingspfeife nicht trennen wollte, bot ihm welche immer zum Geschenke an. Die verlangte könne er ihm beim besten Willen nicht überlassen. Als der Russe wieder einmal auf die Weichselpfeife zu sprechen kam, meinte der baltische Hauptmann: "Hausherr, geben Sie dem Oberleutnant die Pfeife. Der Russe, der sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist starrsinnig. Erfüllen Sie ihm seinen Wunsch, dass er zufrieden ist." Der Großvater nahm die Pfeife vom Rahmen und gab sie dem Russen. Der dankte mit einem Schwall von Worten, die der Großvater freilich nicht verstand. Dann ging er in den Hof zur Kompaniekasse, griff in seine Soldsäule, erraffte eine Hand voll Silberrubel und drückte sie dem Großvater als Gegengeschenk in die Hand. Der Großvater aber weigerte sich, 11 Rubel, denn soviel hatte der Russe abgehoben, für die Pfeife anzunehmen, die ihn viel weniger gekostet hatte. Aber der Hauptmann drang in ihn, das Geld zu nehmen, weil er sonst den Russen schwer beleidige.

Die Lebensweise der Russen erregte starkes Aufsehen. Sie verzehrten die rohen Gurken in großen Massen und tranken Unmengen von russischem Tee, Tschai, wovon sie ganze Dosen an die Hausleute verschenkten. Ihre guten Kapellen veranstalteten auf dem Marktplatz Platzmusik. Die Offiziere gaben im alten Stadthaus den Honoratioren der Stadt sogar einen Ball.
In dieses friedliche Kriegerleben donnerten am 31. Juli, vormittags 10 Uhr, die Kanonen Bems von der Weißkircher Au herüber. Sofort gab es Alarm. Die Menagekessel, denn die Mannschaft sollte ihr Essen bekommen, wurden ausgeschüttet und während sich die Kompanie im Hof sammelte, die Kinder in Großmutters Stube erschreckt von den dröhnenden Kanonenschüssen weinten, begann der Oberleutnant, das jüngste Kind, ein Mädchen von einem Jahr, in die Arme nehmend, einen wilden russischen Tanz, wobei er sich auf die Brust schlug und laute Rufe ausstieß. Sie besagten, wie der Hauptmann in Eile erklärte, dass so lange ein Soldat des mächtigen Zaren noch am Leben sei, kein Feind die Stadt betreten und keinem ihrer Bewohner ein Haar gekrümmt werde.

Singend und im Laufschritt zog die Armee aus der Stadt, zum Baiergässer Tor hinaus auf die Weißkircher Au, wo vor dem Dorfe Weißkirch die ungarische Armee unter Bem aufmarschiert war und ihre Artillerie mächtig zu feuern begann. Hier ist der russische General Skariatin, der für den Aufmarsch seiner Truppen das Gelände rekognoszierte, durch den Luftdruck einer neben ihm krepierenden Granate schwer verwundet worden und auf dem Transport in die Stadt gestorben. Das Denkmal, das ihm später errichtet wurde, steht auf der Höhe nebenan. Die Verwundung des Generals erfolgte in der Ebene, auf der nach Weißkirch führenden Straßen.

Um den Tod des Helden wob sich ein ganzer Legendenkranz. Viele behaupteten, ihm den letzten Trunk Wasser verabreicht zu haben und es wurden mehrere Becher gezeigt, aus denen er diesen Trunk empfangen habe. Sein Leichnam wurde in das Haus am Markt gebracht, dort von Honoratiorenfrauen gewaschen und eingekleidet und am folgenden Tage unter großen militärischen Ehren neben der alten griechisch-orthodoxen Kirche provisorisch beigesetzt. Nach Friedensschluss ist er exhumiert und in seine Heimat überführt worden. Die Exhumierung war mit einer großen militärischen Parade verbunden, die mein Vater, ein Junge von 14 Jahren, sich ansah. Seine Neugierde trieb ihn zu nahe an die Ehrensalut feuernden Batterien, was seinem mitgenommenen jüngeren Bruder Hans, dem späteren Apotheker Karl Johann Reinhardt in Mühlbach, ein heftiges Nasenbluten eintrug.

Die Schlacht selbst hielt die Bewohner der Stadt in Atem. Viele sahen ihrem Verlauf vom Galgenberge zu, wo der russische Stab unter General Lüders seinen Beobachtungsstand bezogen hatte. So auch mein Vater. In den Vormittagsstunden hatten die Russen einen schweren Stand, denn es focht nur die Hälfte ihrer Armee. Die andere lagerte zwischen den "Hillen", neben der Wenchbrücke, wo ein Angriff der Ungarn auch von Neumarkt her befürchtet wurde. Als aber Kosakenstreifen festgestellt hatten, dass die Straße nach Neumarkt bis weit in das Kleinkokeltal vom Feinde frei war, konnte auch die andere Hälfte der russischen Armee, welche durch die schon lange kämpfenden russischen Truppen durch hoch am Himmel auf steigende leuchtende Raketen aufs Schlachtfeld gerufen wurde, eingreifen. Ebenfalls im Laufschritt erreichte sie das Kampfgelände. Während ihre Kavallerie, durch die Auenwäldchen der Kokel vordringend, die rechte Flanke der ungarischen Armee fasste, griff ihre Infanterie, geführt von einigen ortskundigen Bürgern, die linke Feindflanke an und entschied in kurzer Zeit siegreich die Schlacht.
Nun wurden die Verwundeten in die Stadt gebracht, unter den Toren der Unteren Baiergasse auf Stroh gebettet, die Toten auf dem Schlachtfelde am 1. August begraben. In Massen strömte die Bevölkerung hinaus, um die blutige Walstatt und die Beerdigung der vielen Opfer in Augenschein zu nehmen.

Der russische Oberleutnant, der tanzend vor dem Ausmarsche im Hause des Großvaters die Soldaten des Zaren gerühmt hatte, bezahlte seine tapfere Haltung mit dem Leben. Er ist gleich zu Beginn des Kampfes, an beiden Beinen schwer verwundet, gefallen.
In einem der Massengräber ist wahrscheinlich auch der große ungarische Dichter Alexander Petöfi, der Th. Körner der Magyaren, beigesetzt, der als Adjutant Bems mitgefochten hatte. Da ihn niemand nach der Schlacht mehr gesehen hat, ist anzunehmen, dass sein unruhiges, von genialer Leidenschaftlichkeit durchglühtes Leben hier ein Ende gefunden hat. In den 90er Jahren untersuchte eine Kommission aus Budapest einige Massengräber nach Petöfis Überresten. Sein intimer Jugendfreund, der Dichter Maurus Jokai, war Mitglied der Kommission und glaubte, den Schädel Petöfis an einem eigentümlichen Augzahn erkennen zu können. Die Nachforschungen sind ergebnislos geblieben.
Die Vorgänge, die sich auf die Russenzeit, die Schlacht und den Besuch des Schlachtfeldes beziehen, wie ich sie hier schilderte, verdanke ich durchweg den Erzählungen der Großmutter und meines Vaters, der, ein lebhafter begabter Junge, überall dabei war und in seinem ausgezeichneten Gedächtnis alle Einzelheiten bis an sein Lebensende behielt.

 

 

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