HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
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Seine nächtliche Majestät, Oetvös DaniAus "Versunkene Welt" - Schäßburgs Originale und Originalitäten von Dr. Fritz Markus 1967 In meiner Kinderzeit war der Zigeuner Oetvös Dani als Nachfolger des Italieners Mattani in Schäßburg "Nachtkönig" geworden. Nachts betrieb er mit seinen Knechten, den "Budaren" oder "Hengeren", wie man sie auch nannte, das Handwerk der städtischen Latrinenausfuhr, während er tagsüber als Woewode über die Zigeuner Schäßburgs und Umgebung herrschte. Er war ein kleiner, dicklicher Mann mit einem ansehnlichen Schmerbauch, weißem zerzaustem Vollbart, mit listigen, verschlagenen Schweinsäuglein und von tief kreoler Hautfarbe. Er trug als erster in Schäßburg einen hellbraunen, von Herrschaften abgelegten, abgeschabten Lederrock und am Kopfe ein grünes Jägerhütchen. Die Füße staken in kurzschäftigen Stiefeln, in die er auch die Hosen hineinsteckte und über dem dicken Bauch spannte sich eine mächtige silberne Uhrkette von links nach rechts. Dani besaß eine gelbe, zerharrelte, koberlose Kutsche, vor die 2 Schindmären vorgespannt und die vom Großbudaren angetrieben wurden. Jeden Vormittag zwischen 9 und 10 Uhr kam Dani mit der Kutsche auf den Marktplatz angefahren und hielt mitten am Platz zwischen den 2 Bogenlampen. Er saß behäbig, sich seiner entwaffnenden Würde bewusst, im Fond seiner Kutsche, schmauchte an seiner dicken Lederzigarre und spielte mit der freibleibenden Hand an seiner Uhrkette. Am Marktplatz hatten sich inzwischen viele Zigeuner angesammelt, die
ein Anliegen, eine Beschwerde oder Bitte an ihn hatten. Die traten nun
demütig an seinen Wagen heran, umgaben ihn von allen Seiten und brachten
ehrfürchtig grüßend ihr Anliegen vor. Dani blinzelte mit
den listigen Augen, setzte eine todernste Miene auf, schlichtete Streitigkeiten
und sprach Recht. Einst wurde ihm ein verheirateter Wanderzigeuner, ein
Cortorar, und verheiratete Cortorarin vorgeführt, die ein Liebesverhältnis
miteinander unterhalten hatten. Ehebruch aber gilt bei den Cortoraren
als Schwerverbrechen. Dani wurde auch sehr ernst und grimmig und sprach
vor der ängstlich lauschenden Menge seinen Richterspruch. In der Nacht hingegen betrieb er mit seinen Budarizi die städtische Latrinenausfuhr. Das geschah auf zweierlei Art, entweder mit Pumpe oder mit dem Schaff. Sie besaß zu diesem Zwecke eine Sang- und Druckpumpe, deren Schlauch in die Grube gesenkt wurde, und die von vier Budarenknechten in Tätigkeit gesetzt wurde und beim Ansaugen einen quietschenden Ton von sich gab. Dani saß auf einem mitgebrachten Bänkchen und rauchte seine Zigarre. Aus dem Quietschton konnte er das Arbeitstempo berechnen. Wenn es dann langsam vor sich ging, spornte er seine Leute scharf an: "Miklos Hammarab!" worauf der Quietschton der Pumpe im Eiltempo erklang. Wo der Schlauch nicht reichte oder die Zufahrt ein Heranbringen der Pumpe unmöglich machte, griff man zur zweiten Art, zum Schaffsystem. Die Leute schöpften den Senkgrubeninhalt mit langstieligen Löffeln in die Schäffer, die sie anschließend schulterten und in den, vor dem Haustor stehenden Wagen leerten. Umsichtig gingen die Leute dabei nicht zuwerke und ein guter Teil des
Schaffinhalts ergoss sich in den Hof und auf die Gasse, einen fürchterlichen
Gestank verbreitend. War der Wagen voll, dieses wurde vom Kunden jeweils
begutachtet, so wurden die abgerackerten Pferde mit Peitschenhieben und
unter lautern Schimpfen und Fluchen in Bewegung gesetzt. Das Holpern des
Wagens, der Lärm der nebenher laufenden Budaren samt dem durchdringenden
Gestank waren ein so typisches Nachtbild, dass jeder Schäßburger
schon von weitem wusste, worum es ging und sich beim Herannahen der Kavalkade
eiligst in ein offen stehendes Tor oder Haus flüchtete. So wie "Dani" arbeiteten auch seine Budaren in Tag- und Nachtschicht. Während sie nachts der oben geschilderten Tätigkeit nachgingen, waren sie tagsüber Hundefänger. Bei behördlich anbefohlener Hundesperre erschienen sie barfüßig und in langen Hosen auf der Bildfläche und durchrasten zu fünft oder sechst die Gassen hinter den herumstreunenden Hunden. In der Hand hatten sie eine an langen Stielen angebrachte Drahtschlinge. Sie umzingelten einen Hund und versuchten, ihm die Schlinge über den Kopf zu ziehen. Wir Jungen sahen dem Treiben interessiert zu und verjagten ihnen ahnungslose Hunde, sehr zum Missfallen der "Hengeren". Hatten sie einen Hund gefangen, fassten sie ihn mit einer langen Zange am Hals und beförderten ihn in den bereit stehenden, auf einen Wagen montierten Käfig.
Letztes Update: 2004-02-21 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de / http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg |