HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Wie wurde im Schäßburger Musikverein Geselligkeit gepflegt?

Zu den bedeutendsten Aufgaben, die sich viele Vereine stellten, gehörte die Förderung der Geselligkeit. Wo wäre es einfacher gewesen als in Musikvereinen, diese Aufgabe zu erfüllen? Musik und Geselligkeit gehören einfach zusammen und fördern sich gegenseitig. Wen wundert es also, wenn sich die Musikvereinsmitglieder nach gemeinsamem Singen noch ein Weilchen zusammensetzten, plauderten und wenn möglich sich auch noch ein Schlückchen süßen Weines genehmigten. Solches taten schon die Mitglieder der "Liedertafel", d. h. jener Musikgemeinschaft, die der damalige Gymnasialrektor Georg Daniel Teutsch 1862 ins Leben gerufen hatte. Desgleichen taten später auch die Mitglieder des Musikvereins. Die Männer trafen sich nach den Proben in einem Gasthaus, die Damen wiederum suchten eine Konditorei auf und saßen noch eine Weile gemütlich beisammen. Angenehmer gestaltete man den "zweiten Teil der Probeabende", nachdem der Verein ein eigenes Haus erworben hatte. In diesem Haus richtete der Vorstand eine Kneipe ein und bot allen Mitgliedern Gelegenheit, den Arbeitstag in froher Runde zu beenden. Bei solchen Gelegenheiten fanden die Sänger Zeit, sich näher kennenzulernen und engere freundschaftliche Bande zu knüpfen. Bald reichten die wöchentlichen Treffen allein nicht mehr aus, und man organisierte jährlich mehrere Veranstaltungen, die hauptsächlich der Geselligkeit dienten. Zu den bedeutendsten Festen, die der Musikverein im Lauf eines Jahres feierte, gehörten der "Vereinsball", der "Jahresausflug" und das "Schweineschlachtfest".

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Schäßburg über 25 Vereine. Die meisten von diesen organisierten zur Faschingszeit je eine Tanzunterhaltung, einen "Vereinsball". Bei dieser Gelegenheit demonstrierte jeder Verein seine Eigenart und versuchte gleichzeitig, seine Überlegenheit anderen Vereinen gegenüber hervorzuheben. Diese Bälle waren geschlossene Veranstaltungen, an denen außer den Vereinsmitgliedern und deren Familienangehörigen nur "geladene Gäste", d. h. Vertreter sonstiger Vereine teilnehmen durften. Der Musikverein leitete seine Tanzunterhaltung jeweils mit einem gezielten Chorkonzert ein und versuchte dadurch, die künstlerische Begabung seiner Mitglieder zu unterstreichen. Danach tanzte man bei guter Stimmung bis in die frühen Morgenstunden.

Besondere Aufmerksamkeit schenkten die Männer des Musikvereins dem Herbstausflug auf die "Schäßburger Breite": Nachdem auch die letzten Sangesbrüder aus der "Sommerfräsch" ? dem Sommerurlaub ?, den sie in ihren "Bangerten" (Baumgärten), in Bädern der Hargita oder in den Südkarpaten (in der Schäßburger Hütte im Sambata-Tal) verbracht hatten, heimgekehrt waren, begann der Vereinsvorstand mit der Vorbereitung des Herbstausflugs. Aufmerksam beobachtete man Anfang September das Barometer, und sobald dieses "Schönwetter" verhieß, wurde der nächstfolgende Sonntag als "Ausflugtag" festgelegt und ein Festkomitee ernannt. Mitglieder dieses Komitees waren hauptsächlich junge, kräftige Männer, denn von ihnen erwartete man eine Menge Arbeit. Sie mußten den altgewohnten Platz auf der Breite herrichten, das nötige Material für den Aufbau von Tischen und Bänken beschaffen, mit Wagen transportieren und schließlich auf der Breite ausbauen. Auch besorgten sie die nötigen Lebensmittel wie Fleisch, Würstchen, die Wurst- und Käseplatten, Brot, Salzstangen und nicht zuletzt auch Wein, Sodawasser, Bier und Schnaps samt den nötigen Gläsern, Flaschen, dem kühlenden Kokeleis, ebenso auch das nötige Kochgeschirr und Essbesteck. Zu den ständigen Mitgliedern des Festkomitees gehörten in der Zwischenkriegszeit: der "Butzer" (Fritz Schuster), der "Schorr" (Georg Winter), der "Kon" (Konrad Zielinski), der "Pitz" (Dr. Fritz Markus), der "Sepp" (Josef Auer) u. a. Diese Herren hatten nicht nur organisatorisches Talent allein, sie waren auch Lieferanten von Fleisch- und Backwaren, von sonstigen notwendigen Lebensmitteln und auch von Materialien, die man bei einem Massenfest benötigt. Mitnehmen mußte man auch das "Wald-, Feld- und Wiesenharmonium", die Instrumente des Bläserquartetts und die Notenhefte.

Der Festtag selbst begann für die Komiteemitglieder schon bei Tagesanbruch. Nachdem man sich bei "Schorr" mit einem Frühtrunk und warmen Salzstangen gestärkt hatte, fuhr man mit Ochsenwagen, auf denen der gesamte Proviant und alle anderen notwendigen Sachen geladen waren, mit lautem Peitschenknallen auf die Breite. Dort bauten die Männer Tische und Bänke auf, bereiteten die Kochstelle vor, zündeten das Herdfeuer an und brachten das Wasser zum Sieden, in dem die Würstchen gekocht werden sollten. Nach getaner Arbeit blieb den jungen Männern nur wenig Zeit für eine Verschnaufpause, in der sie es aber nicht versäumten, von all den mitgebrachten Leckerbissen zu kosten und ein kühles Bier zu trinken. Schon erschienen die ersten Gruppen der Sangesbrüder am Horizont, voran die Mitglieder des Bläserquartetts. Hurtig bediente man die Bläser mit Speis und Trank, denn ihnen fiel die Aufgabe zu, die neuen Ankömmlinge mit einem Tusch zu empfangen.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte man den in Kutschen anreisenden Senioren des Vereins. Nach herzlicher Begrüßung bediente man jeden mit heißen Würstchen, Salzstangen und den gewünschten Getränken. Fröhliche Melodien, die das Bläserquartett und Butzer auf dem Harmonium spielten, ergänzten die Feststimmung und förderten die gute Laune der Sangesbrüder. Hatten sich alle gesättigt und vom Anmarsch erholt, gruppierte sich der Chor und sang seine altgewohnten und liebgewonnenen Lieder. Danach legte man eine Verdauungspause ein. Die meisten Sänger wanderten in den nahen Wald, andere wieder unterhielten sich im Schatten der jahrhundertealten alleinstehenden Eichen. Allzuschnell verging die Zeit, und schon rief ein Trompetensignal die Ausflügler zum Mittagessen. Auf dem Weg zu den Tischen rätselte man, ob diesmal Tokane, Hühnerpaprikasch oder Klausenburger Kraut zum Mittagessen serviert würde. Was es auch immer war, die Sänger verzehrten alles mit großem Appetit. Nach dem Essen ergriff der Vorstandsvorsitzende das Wort, begrüßte offiziell alle Anwesenden und berichtete über ernste und weniger ernste Ereignisse des verflossenen Jahres. Dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden, Dr. Hans Balthes, einem "Meister des Wortes", gelang es jedesmal, den richtigen Ton zu treffen, er versäumte es aber nie, auch auf die notwendige Verbesserung der Vereinstätigkeit hinzuweisen. Es war keine Seltenheit, dass sich auch andere Sangesbrüder zu Wort meldeten, besonders jene, denen der Schabernack im Nacken saß. Nach Beendigung des Festmahls wurde musiziert. Es sang der Männerchor, ebenso auch mehrere Solisten, und schließlich spielte das Bläserquartett flotte Weisen. Zwischendurch gab es immer wieder heitere Unterhaltungseinlagen. Als Höhepunkt galt die "Prüfung der Fest-Neulinge", die "Girgel" (Herr Winter sen.) vornahm. Die Prüfung bestanden alle Kandidaten, doch einer von ihnen diente immer als Zielscheibe ironischer Angriffe und musste das laute Gelächter der gesamten Gesellschaft über sich ergehen lassen. Nachmittags fünf Uhr ging man geschlossen zur "Rudolfshöhe", wo der Chor mehrere Lieder sang und auch das Bläserquartett für die daheim gebliebenen Vereinsmitglieder ein Ständchen ins Tal hinunter sandte. Nicht nur jene, die aus verschiedenen Gründen nicht am Ausflug hatten teilnehmen können, sondern auch andere Stadtbewohner lauschten gespannt den vom Wind getragenen Bruchteilen der bekannten Melodien und bekundeten auf diese Weise ihre Anteilnahme am Herbstfest.

An die Festtische zurückgekehrt, verspeisten die Sänger alles, was die "kalten Platten" boten, und ließen auch noch manch Tröpfchen vom edlen Kokeltaler durch ihre Kehle rinnen. Nach der Jause machten sich zuerst die Senioren, bald aber auch andere Grüppchen auf den Heimweg. Die kleiner gewordene Gesellschaft rückte näher zusammen und merkte kaum, dass die Sonne hinter dem waldbedeckten Bergrücken verschwunden war. Erst als die Ordnungsmänner den letzten Tisch abbauen wollten, um alle Bretter auf den bereitstehenden Wagen zu laden, forderten sie ihre Kollegen auf, den Festplatz zu verlassen. Singend machten sich nun alle auf den Heimweg und kehrten wohlbehalten in die Stadt zurück. Auch nach längerer Zeit erinnerten sich die Vereinsmitglieder gerne an den schönen Herbstausflug und die gemeinsam verlebten Stunden.

(Nach Aufzeichnungen von Dr. Fritz Mild)

 

Seit 1897 feierten die Musikvereinsmitglieder in jedem Jahr zur Faschingszeit das "Schweineschlachtfest", allgemein nur "Schweinsfest" genannt. Auch hierfür ernannte man ein Festkomitee, dessen Mitglieder sich um alle "Kleinigkeiten" kümmern mussten. Sie kauften ein gemästetes Schwein, ebenso auch den edlen Kokeltaler Wein, Brotwaren und was man sonst noch zum Festmahl benötigte. Auch bestellten sie zwei erfahrene Köchinnen, die zusammen mit ihren eigenen Ehegattinnen Brat-, Koch- und Blutwürste herstellten, das Fleisch für die Tokane vorbereiteten und die Faschingskrapfen buken. Gefeiert wurde an einem Samstagabend. Bis zum Erwerb des eigenen Hauses traf man sich in einem gemieteten Lokal, später dann im Vereinshaussaal. In letzterem konnte man auch der Saalausschmückung mehr als anderswo Aufmerksamkeit schenken. Dem Festnamen entsprechend schmückte man die Wände mit verschiedenen Teilen des Schweinskörpers. Als Festemblem hängte man einen mächtigen Schweinskopf an die Stirnwand des Saales. Ironisch blickten die runden Schweinsaugen auf die Festteilnehmer herab und erinnerten jedermann daran, dass an diesem Abend andere Umgangsformen als sonst üblich zu befolgen seien.

 

Pünktlich versammelten sich die Vereinsmitglieder und setzten sich an die schön gedeckten Tische. Die Saaldekoration, noch viel mehr aber der Duft, der aus der Küche drang, regte den Appetit der Gäste an, und so mancher konnte den Augenblick kaum erwarten, bis all die kulinarischen Herrlichkeiten aufgetragen wurden. War es dann endlich so weit, schmauste man nach Herzenslust. Dabei befriedigte man nicht nur den Magen allein, nein, die Augen wollten auch gesättigt werden. Wer dachte schon daran, dass ein Übermaß an Speis und Trank zu unangenehmen Folgen führen könnte? Waren schließlich alle leiblichen Bedürfnisse befriedigt, ging man zum zweiten Teil des Festes über. Humorvolle Tischreden wurden gehalten, Gedichte vorgetragen, kurze Theaterstücke, ja sogar "Schweinsopern" wurden aufgeführt. Dass alle Darbietungen humorvollen Inhalt hatten, war selbstverständlich. Persönliche Schwächen einzelner Vereins? und Vorstandsmitglieder, aber auch schrullige Stadtereignisse nahm man bei dieser Gelegenheit auf die Schippe. Klang manches auch derb, nach "Schäßburger Art, achtete man doch darauf, niemanden zu verletzen. Zu beliebten Autoren von "Schweinsdarbietungen" zählten in der Zwischenkriegszeit die Herren Samuel Both, Robert Jacobi, Reinhardt Pretz, Gustav Schotsch u. a. Als Beispiel bieten wir ein Gedicht, das im März 1922, anlässlich des 25jährigen "Schweinefest-Jubiläums" vorgetragen wurde:

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein fettes Schwein,
Der Butch faßt es am Ohre,
Ziehts in den Hof hinein,
Dort warten Löw und Broser,
Und reiben sich die Händ! ?
Ach armes, armes Schweinlein,
Mit dir gehts nun zu End. -

Der Johann, ? hört und schaudert, ?
Ist vor Vergnügen rot.
Er schreit: Frisch, nicht gezaudert,
Stecht mir das Schweinchen tot.
Der Pitter und der Pitze,
Versteinert ist ihr Herz.
Die machen schlechte Witze,
Nicht rührt sie des Schweines Schmerz.

Zielinski nur der Gute,
Ergriffen steht er da.
Vor ihm liegts Schwein im Blute,
Ach hört, was da geschah!
Aus seinen unschuldvollen,
Tiefblauen Äugelein
Zwei dicke Tränen rollen,
Und kollern auf das Schwein.

Ergriffen fragen alle,
Warum er stöhnt so sehr?
Ob gar vielleicht das Schweinchen
Aus seiner Freundschaft wär?
Doch wütend schreit Zielinski,
Mir scheint, ihr seid verruckt,
Ich heul, weil mich der Stiefel
Aufs Hühnerauge druckt.

Auch an Ordensverleihungen fehlte es bei diesen Festen nicht Sänger bzw. Vorstandsmitglieder, die besondere Leistungen vollbracht hatten, erhielten als höchste Auszeichnung den Orden "Pour le Hemoroid, zu tragen am Bruchbande in Form eines schön verzierten Schweineringleins". Die "Laudatio" trieb dem Ausgezeichneten zwar die Röte ins Gesicht, dem Auditorium aber bereitete sie viel Spaß. ? Wie ausgiebig man an diesen Abenden auch immer speiste, alles konnte nicht verzehrt werden. Was lag also näher, als die Reste durch Tombolalose zu verteilen. Natürlich verbanden die Organisatoren auch diese Aktion mit einer Menge Humor. Dabei richtete es der erfahrene Vorstandsvorsitzende, Dr. Hans Balthes, immer so ein, dass die dicken Speckseiten "Ferri" ? dem verarmten Musiklehrer Glatz, welcher an der Vereinsmusikschule Violineunterricht erteilte ? zugesprochen wurden. Bei so viel Fröhlichkeit, Gesang und Tanz verging die Zeit allzuschnell, und das Morgengrauen mahnte die lustige Gesellschaft daran, dass auch die schönsten Stunden des Lebens nicht ewig dauern.

(Nach Aufzeichnungen von Dr. Fritz Markus)

 

Bei allen Festlichkeiten, die der Musikverein veranstaltete, zechte man fröhlich, hänselte sich gegenseitig und lachte über manch derben Scherz. Dabei verließ man aber nie den Boden der Fairness und zollte der angegriffenen Person immer einen gewissen Respekt. Nie ist es nach geselligen Zusammenkünften zu feindseligen Auseinandersetzungen gekommen, im Gegenteil, man ging in Freundschaft auseinander wohl wissend, dass auch bei nächster Gelegenheit persönliche Schwächen bzw. Pannen des alltäglichen Lebens an den Pranger gestellt würden. Fremde, die den Schäßburgern eine gewisse Derbheit nachsagen, müssen es gelten lassen, dass sich unter der rauen Schale ein warmes Herz verbirgt. Dass dem so war, beweisen die musikalischen Leistungen der Vereinsmitglieder, ihre Zusammenarbeit in Freud und Leid und nicht zuletzt ihre freundschaftlichen Beziehungen im Alltag.

Gustav A. Schneider (Köln)

 

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