HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


 

Schespurch ob der Kukel ...

Zur umstrittenen Etymologie zweier siebenbürgischer Namen

Wenn man sich etwas eingehender, vor allem aber unvoreingenommen mit Teilbereichen siebenbürgisch-sächsischer Forschungsgeschichte befaßt, wie etwa jenen der Herkunftsforschung oder der Namenforschung, trifft man zuweilen auch auf sog. Petrefakte. Der Geologe versteht darunter nichts anderes, als über einen längeren Zeitraum entstandene Versteinerungen organischen Materials. Diese wirken auf den Betrachter im allgemeinen überzeugend, ja manchmal beeindruckend, jedenfalls wird in den seltensten Fällen die Echtheit der Einschlüsse (Inklusionen) in Zweifel gezogen.
Ähnlich ? jede Metapher ist bestenfalls ein hilfreiches Sinnbild ? verhält es sich mit einigen Namendeutungen: Hier hat sich im Laufe eines Jahrhunderts eine Verfestigung von als unumstößlich betrachteten Dogmen vollzogen.
"Ich hoffe bei einigen unsrer Namen..., dass die populär gewordenen Erklärungen unhaltbar sind, ... es muss tiefer, viel tiefer gegraben werden, als es bisher geschehen ist."
Diese mahnenden Worte schrieb anno 1883 (!) Johann Wolff (1844?1893), einer der hervorragendsten Sprachwissenschaftler und Onomatologen, die Siebenbürgen je hervorgebracht hat, in der Einleitung zu einer kritischen Abhandlung.1)
Leider ist diese, seinerzeit gegen den Strich des Zeitgeistes gebürstete Untersuchung m. W. später kaum ernsthaft aufgegriffen worden. 2)
Die Folge: In sämtlichen siebenbürgischen Nachschlagewerken gilt es als ausgemacht, daß der Gewässername Kokel auf die ungarische Bezeichnung Küküllö zurückzuführen sei.
Der aus Malmkrog gebürtige Philologe Wolff nimmt sich als erster die Arbeit des ungarischen Namenkundlers Paul Hunfalvy vor, auf den die erwähnte These zurückgeht.
Hunfalvy glaubte bewiesen zu haben, daß 1. der slawische Name dieses Fließgewässers Tirnava (rum. Tarnava) übersetzt so viel wie Dornbach bedeutet, und 2. im ungar. Wort kökeny (Schwarzdorn, Schlehe) der Flußname kükül-jo verborgen sei. Kökeny habe in der "alten Sprache" kukun entsprochen und bedeutete Dorn. Das kükün müßte (!) aber auch kükül gelautet haben, "denn die lateinischen alten Quellen nennen den Fluss aqua Kukul".
An dieses kükül soll nach Hunfalvy jo, jö = Fluss getreten sein, sodaß aus Küküljo durch Assimilation schließlich Kükülö, d. h. Dornfluß, entstanden sei.
Demgegenüber weist Wolff in seiner mehrseitigen linguistischen Detailuntersuchung nach, daß Gewässernamen wie Drau, Trave (Holstein), Drone (Nebenfluß d. Mosel), Traun und eben Ternava (noch im 15. Jh. in der Form Drenowa nachgewiesen!) letztendlich allesamt auf eine gemeinsame Wurzel zurückzuführen sind, die schlichtweg nichts anderes als Fließen, Fluß ausdrückt.
Nebenbei bemerkt Wolff noch ? was übrigens auch die neuere Hydronymie?Forschung bestätigt ? daß, mit wenigen Ausnahmen, für die Namengebung von Wasserläufen Charakteristika bezüglich der Beschaffenheit des Wassers und seines Laufes, also der Farbe, Reinheit, Temperatur, oder aber der Gewundenheit und Fließgeschwindigkeit (die Träge, Eilende, Tosende, Wogende, Rauschende usw.) herangezogen werden.
Wolffs Schlußfolgerungen (wörtliche Zitate):
1. Ternava bedeutet nicht so viel wie Dornbach und darum kann der Name Kukul, selbst wenn es wirklich ein alt-magyarisches kukul = Dorn geben sollte, keine Übersetzung von Ternava sein.
2. Ein altmagyarisches kukul = Dorn ist erschlossen worden aus der Annahme, daß Ternava = Dornbach sei, da diese Annahme aber falsch ist, so ist auch der Schluss falsch, d.h. es ist unerwiesen, dass es ein magyarisches Wort kukul in der Bedeutung Dorn gegeben habe.
3. Sind aber alle Stützen gebrochen, auf die Hunfalvy seine Etymologie gebaut hat, so ist auch jene Behauptung haltlos geworden, wonach der Name Kockel ein magyarischer sein soll ...
Wovon ist der Name dieser beiden uns so vertrauten Flüsse dann sonst abzuleiten?
Zunächst führt Wolff die ältesten ihm bekannten Namensformen der Kokel an: villa Cuculiensis castri (1197); inter duos fluvios Kukullw (1271), Kuquellev (1278), Kukulu (1328) etc.
Allgemein läßt sich feststellen, daß bis etwa um das Jahr 1370 fast ausschließlich der Wortstamm Kukul (mit der Variante Kykul) zu verzeichnen ist; danach dominiert eindeutig Kukel bzw. Kykel. 3)
Die Umlautung von u zu o ist erst Anfang des 16. Jh. belegbar: Koclo-, Coclowarenses (1500), Koclypurg (1503).
Gleichwohl findet sich die ältere Form Kukel ? der das mundartliche Keakel entspricht ? noch um das Jahr 1797. 4)
Nachdem Joh. Wolff auf die zahlreichen Orts- und Bergnamen im altfränkischen Gebiet mit dem Bestimmungswort Kockel bzw. Kuckel hinweist (Kockelberg, Kuckelberg, Kuckelsberg, Kokelscheuer, Kökelwik, Kükelhausen usw.) und diese vom Stamm kuka (= Berg, Fels, Gebirge) herleitet, macht er sich auf die Suche von lautähnlichen Gewässernamen.
Hierbei setzt er bisweilen die Übertragung von Bach- auf Orts- und Weilernamen voraus, so bei Kochenbach und Kuckenbach im Siegerland. Den Unterschied zwischen Kucken(bach) und unserem Kuckel sieht der Sprachforscher lediglich darin, daß "jener am Stamme ein kasusbildendes Suffix, eine Flexionssilbe (-en) trägt, dieser aber durch ein wortbildendes Suffix (-el) vermehrt ist".
In Kuckel-, Kuchel- entdeckt er also ein mit der Ableitungssilbe -el(i1) vom Adjektiv quek oder vielmehr von dessen Nebenformen kuk und kuch neugebildetes Adjektiv. Diese Eigenschaftswörter besagen soviel wie: sich unruhig bewegen, unruhig-gaukelnde Bewegung.
Im Mittelniederdeutschen stand für Gaukelei Kuckelerie, während der Gockelhahn (Gockeln hängt mit Gaukeln zusammen) Kukelhan genannt wurde. 5)
Auch in Personennamen hat im übrigen das Bestimmungswort Kukul (Kukel, Kokel) Eingang gefunden: So wird anno 1257 ein Johann de Kukuldorp in Zusammenhang mit einem Wachszins des Klosters Flaesheim (Lkr. Recklinghausen) erwähnt; 6) im Hessen-Nassauischen wird zum andern ein gewisser Heinrich Kokel v. Rheinberg (1438) genannt, 7) während knapp 300 Jahre später in Siebenbürgen der PN Kukelschmid in die Matrikeln eingetragen wird. 8)
Schließlich soll noch der Hof Kukelmann bei Altwarendorf (Westfalen) angegeben werden. 9)
Wolff erblickt, wie gesagt, im Namen Kokel ein adjektivisches Simplex. Da die Urkundenschreiber jedoch des öfteren die Wendung "fluvius Kuku" oder "fluvius Kükül aquae" gebrauchen, lasse sich daraus schließen, daß es sich ursprünglich um ein Kompositum gehandelt habe. Ob dabei als Grundwort -bach oder aber das alte -aha (lat. aqua) anzunehmen sei, läßt er offen. Für "ursprüngliche Zusammensetzung mit -a (ch) oder -bach" zeuge wohl auch das Geschlecht des Flußnamens.
In der Tat fällt die Kokel mit ihrem weiblichen Artikel innerhalb Siebenbürgens insofern aus dem Rahmen, als sie mit den (ebenfalls weiblichen) Bachnamen zusammengeht, während alle anderen Flüsse, deren Namen jedoch unstrittig nichtdeutscher Herkunft sind, männliches Geschlecht aufweisen (Mieresch, Alt, Zibin, ete.)!
Eine dritte Möglichkeit für eine ursprüngliche Endung bestünde freilich auch noch:
In einer toponomastischen Arbeit, die vor etwa 10 Jahren erschienen ist, hat der Autor darauf hingewiesen, daß bei einigen Ortsnamen die Endungen -au und -ow aus dem Grundwort -owe, -ow (die mittelhochdeutsche Bezeichnung für Wasser, Fluß, von Wasser umgebenes Land) herrühren können. 10)
Als naheliegendstes Beispiel drängt sich die urkundliche Bezeichnung für Tartlau (Tortillou: das vom Wasser der Tartel umgebene Land) auf. 11) In diesem Zusammenhang ist auch von nicht unerheblichem Interesse ein 1928 veröffentlichter Beitrag des Germanisten Richard Huß. 12) Obzwar er dort fälschlich auf den Bach Kokelawe aufmerksam macht, ist dieses Ortsnamen-Vorkommen von besonderem Belang.
Das ehemalige Dorf, späteres Vorwerk Kukulau, war eine ehemalige Grangie des Klosters Schulpforta und an einer Bergkuppe südöstlich von Bad Kösen (bei Naumburg) gelegen. Es ist auch von einem Wildbach ("a torrente ultra Kokolowe") die Rede. 13)
Die jetzige Wüstung ist in der Gemeinde Flemmingen (bei Naumburg/Saale) zu lokalisieren. Sie taucht in den ersten Urkunden unter den Formen Cocolou, Kocolowe, Kokelowe auf. 14) Wie Huß 15) darlegt, ist das fragliche Gebiet um Flemmingen etwa um das Jahr 1140 mit "Flandrern" (= Flamen) besiedelt worden.
Schließlich sei noch ein Beispiel aus Ostfriesland angeführt: Im Bereich der Stadt Weener (Landkr. Leer) gibt es einen Bauernhof mit der Postanschrift Kukelborg 3. Wie vom Besitzer 16) zu erfahren war, geht dieser Name auf eine alte Warfsiedlung zurück, die anfänglich an einem Nebenpriel der alten Ems lag. Mit "Borch" bzw. "Borg" bezeichnete man in Ostfriesland seit der Mitte des 14. Jh. einfach das feste (Stein)Haus ? daher tragen viele Bauernhöfe Namen mit dem Grundwort -borg. 17)
Die Priele bilden (bekanntlich) in den Watten die Hauptrinnen für das bei Ebbe und Flut aus- und einströmende Meerwasser.

Schlußfolgerungen
1. Beim Lexem Kokel haben wir es, nach vorausgesetztem Schwund des Grundwortteils, mit dem Bestimmungswort eines ursprünglichen Kompositums zu tun (nach Joh. Wolff: adjektivisches Simplex).
2. Etymologisch kann Kokel/Kukel auf das Adjektiv quek bzw. dessen Nebenformen kuk und kuch zurückgeführt werden. Semantisch hieße das: unruhig-gaukelnde Bewegung.
3. Für die beiden Kokeln träfe diese Charakterisierung durchaus zu, weisen sie doch noch gegenwärtig, trotz stellenweiser Regulierung (Begradigung) allgemein stark gewundene, mäandrierende Flußläufe auf.

4. Zum Gewässernamen Kokel (Kukel) gibt es offenbar gewisse Entsprechungen im nordwestdeutschen und auch flämischen Raum.
5. Noch mehr Licht ? womöglich endgültige Klarheit (?) ? könnten in dieser namenkundlichen Angelegenheit sicherlich die Altphilologen bringen.
6. Unserer Auffassung nach kommt der Versuch, Kokel von Küküllö abnötigen zu wollen, jedenfalls einem Fehlschlag gleich.
Daß auch überaus verdienstvolle Sprachwissenschaftler wie Karl K. Klein gegen Irrtümer nicht gänzlich gefeit waren, läßt sich anhand des Ortsnamens Schäßburg festmachen.
Eingeräumt muß gleichzeitig werden, daß Klein zum einen für die Deutung ausschließlich die urkundliche Bezeichnung Seguswar heranzog und andererseits offenbar der Falschdatierung einer Urkunde mit der seltsamen, wahrscheinlich von einem ungarischen Kanzleischreiber herrührenden Namensform castrum sex aufgesessen ist.
Wie der Kronstädter Staatsarchivar G. Nußbächer 18) vor wenigen Jahren berichten konnte, wurde die fragwürdige Urkunde "irrigerweise für das Jahr 1280 angesetzt", in Wirklichkeit jedoch kann sie erst "um 1320" verfaßt worden sein kann.
Demnach ist als älteste bekannte urkundliche Erwähnung Schäßburgs das am 20. März 1298 von der päpstlichen Kanzlei genannte Schespurch zu betrachten. 19) Im Jahre 1309 verwendet der päpstliche Gesandte die Schreibvariante Schesburg. 20)
Nach 1320 ist im allgemeinen ? wortgeschichtlich nicht uninteressant ? wieder vom castrum Sches (mit den Abweichungen Schez, Scheks und Sez) die Rede. Erst gelegentlich der Immatrikulation eines Schäßburgers an der Universität in Wien (1406) tritt eine nachhaltige phonologische Änderung in Erscheinung: Möglicherweise aus Abneigung gegen den mit dem Bestimmungswort lautähnlichen österreichischen Vulgärausdruck "Schas" (für Darmwind) wurde die Form Schessberg 21) (mit stimmlosem S) geboren. Andererseits ist an gleichem Studienort 1442 (diesmal mit Umlautung) Schaespurg als Herkunftsort vermerkt.
Von den Deutungsversuchen seien auch einige angeführt: Während es für M Orend 22) immerhin "keine Veranlassung (gibt), den O. N. in eine fremde Sprache zu verlegen", wobei er als zu vergleichende Form freilich Sexburg (Seges) angibt (!), schlägt der weiter oben erwähnte K. K. Klein 23) Schäßburg zu den aus dem Ungarischen übernommenen sächsischen Ortsnamen. Demnach wäre der deutsche O. N. vom ungar. Segesvar abzuleiten (von magyar. Seg = culus, also After, bzw. von altmagyar. Ség = Hügel, also etwa i. S. von "Einsattelung, Einkerbung", sowie von var = Burg).
Durch versuchte Heranziehung eines namhaften Autors glaubte E. Giurgiu 24) einer beinahe abenteuerlichen Erklärung von castrum sex etwas abgewinnen zu können: Es habe sich nämlich bis zur Mitte des 14. Jh. bei Schäßburg um die 6. Burg unter den sieben sächsischen Burgen (Stühlen) gehandelt! Der vermeintliche Kronzeuge 25) wies demgegenüber ? freilich erst Jahre danach ? eine derartige Behauptung entschieden zurück.
Allein schon aus grammatikalischen Gründen hätte es ja "castrum sextum" heißen müssen.
Im Zuge einer flurnamenkundlichen "Rasterfahndung" konnte im Rheinland ein Scheeßberg 26) geortet werden. Desgleichen war hier 1606 der Flurname im Scheeß 27) anzutreffen, dessen Erklärung auf "steiler Hang" (von Schiess) lautet. Bestätigt wird diese Deutung einige Seiten weiter durch das anno 1636 aufgezeichnete Mikrotoponym am Schiesberg; 28) als Erklärung wiederum "abschüssiger Berghang".
Auf Schaesberg hat G. Kisch aufmerksam gemacht. Es gehört längst nicht mehr zum Kreis Heinsberg sowie zum Regierungsbezirk Aachen, sondern ist im Jahre 1982 in der neu entstandenen niederländischen Stadt Landgraaf (Provinz Limburg), gemeinsam mit zwei anderen Gemeinden, aufgegangen. Daher auch konnte es von W. Roth, 29) der übrigens in seinem Beitrag irrtümlich von Schaessburg spricht, im Bundesgebiet nicht ausfindig gemacht werden.
Wie der naturräumlichen Beschreibung der Niederlande 30) zu entnehmen ist, hat der äußerste Südosten Anteil an der Lößbörde und der Mittelgebirgszone, wobei dieses Gebiet mit dem Vaalser Berg auch die höchste Erhebung der Niederlande (321 m) aufzuweisen hat.
Nicht von ungefähr ist die hügelige Landschaft bei Valkenburg als "holländische Schweiz" bekannt. Es ist ein größtenteils der Niederterrasse zuzuordnender Teilraum, wobei auch von sich aufwärts der Mittelterrasse versteilendem Randgehänge der angrenzenden Hauptterrassenebene die Rede ist.
In Landgraaf selbst bzw. der Ortschaft Schaesberg gibt es einige "Berge": Lichtenberg, Bousberg, Wilhelminaberg, auf letzterem ist sogar die längste Kunstschipiste Europas angelegt worden! 31)
Ob mit Schaasberg (Provinz Lüttich) 32) eine weitere Namensparallele hinzukommt, konnte vom Verf. (noch) nicht überprüft werden.
Bei Förstemann 33) wird ein "Schasberg, unweit des Mannhardberges" angegeben, ohne daß freilich die Flurbezeichnung und damit die Ortschaft lokalisierbar wären.
Erwähnenswert erscheint in diesem Kontext noch die Gemeinde Scheessel an der Wümme (Kreis Rotenburg), ca. 40 km östlich von Bremen. Ob hierbei ein Zusammenhang mit der in der ersten Hälfte des 12 Jh. erfolgten Ansiedlung holländischer Kolonisten in der Wümmeniederung besteht, kann ohne eingehendere Sonderuntersuchung indessen nur angenommen werden. 34)
Nicht selten variieren die Ortsnamen auf -burg bzw. auf -berg urkundlich zwischen diesen beiden Grundwörtern. Wie hierzu aus einer linguistischen Abhandlung 35) hervorgeht, sind Burg und Berg zuweilen austauschbar. Als Beispiele werden u. a. die Namenspaare Biburg/Biberg, Brandinberg/Brannenburg und Wartberg/Wartburg gebracht. 36)
Auch in einer rezenteren Arbeit über Siedlungsnamen 37) wird diese These bekräftigt ("Die Namen auf -burg lassen sich allerdings nicht in allen Fällen von jenen auf -berg trennen").
Allerdings ist das Grundwort -berg nur unter Vorbehalt als direkter Nachweis für das Vorhandensein einer Burg heranzuziehen; es bezeichnet zunächst lediglich die Höhe im Hügel- oder Bergland bzw. die Anhöhe in der Niederung. 38)
Das zuvor Gesagte läßt sich auch am Beispiel Siebenbürgens verifizieren: Von den acht Ortsnamen auf --burg hat immerhin die Hälfte auch die urkundliche Form auf -berg vorzuweisen (Stolzimberc/Stolzenburg, 39) Clusenberg/Klausenburg, 40) Syberg/Seiburg,41) Merenberg/Marienburg b. Schäßburg. 42)
Umgekehrt ist unter den 10 Gemeinden auf -berg nur in zwei Fällen auch eine (Höhen-)Burg vorhanden (Michelsberg und Burgberg/Winz).
Wie neuere siedlungsgeschichtliche Forschungen ergeben haben, "kann die Ansiedlung der Sachsen in Schäßburg um das Jahr 1220 datiert werden". 43) Es ist leicht möglich, ja wahrscheinlich, daß vor der bislang ersten Erwähnung (1298) die Kolonisten auf der "Burg" von ihrem Schesberg sprachen.
Die durch eine geologische Auffaltung (Antiklinale) bedingte Ausformung des 429 m hohen Schulberges (aus Sandstein bestehend) sowie der etwa 50 m tiefer gelegenen Burgterrasse zeigt an drei Seiten steil abfallende Lehnen.
Nachdem als Ergebnis einer dialektgeographischen Untersuchnung 44) die "Urheimat" der Schäßburger nicht allein im Moselfränkischen, sondern auch im Ripuarischen und Flämischen zu suchen sein wird, erscheint es als nicht allzuweit hergeholt, für das sicherlich (auch) mitgebrachte Namengut der Siedler Gleiches annehmen zu können. Nicht zuletzt wird man in dieser Ansicht von einer Koryphäe deutscher Namenforschung bestärkt, zumal wenn sich die Feststellung auf die Sprachinsel-Toponomastik bezieht: "Das Namengut dt. Siedler im Osten und Südosten muß Äquivalente in der appellativen Lexik der Ausgangslandschaften besessen haben). 45)

Resümierend ist festzuhalten, daß:
1. Der Ortsname Schäßburg mit hoher Wahrscheinlichkeit deutscher Herkunft ist, von den Erstsiedlern also mitgebracht wurde.
2. Der O. N. sich aus dem Grundwort Burg bzw. dessen Ersatz Berg, sowie aus dem Bestimmungswort Sches zusammensetzt.
3. Der Ortsname als "Burg auf steilem Berg" gedeutet werden kann.
Schlußendlich sei lediglich noch angemerkt, daß es im binnendeutschen Sprachraum eine Periode der Keltomanie gegeben hat, in welcher jene Namenforscher "Meinungsmacher" waren, die sich fieberhaft bemühten, in der Mehrzahl der Orts- und Gewässernamen einen keltischen Ursprung zu entdecken.
Uns will scheinen, in Siebenbürgen eine historische Parallele feststellen zu können, diesmal unter dem Vorzeichen einer Hungaromanie.
Soll nota bene nicht heißen, daß es im toponomastischen Bereich nicht auch Entlehnungen aus dem Ungarischen gegeben hat.
Walter Schuller (TraunlÖsterreich)

Q u e 11 e n v e r z e i c h n i s
1) Johann W o 1 f f : Zur Etymologie siebenbürgischer Fluss- und Bachnamen. 1.Ternave ? (Caucaland) Kockel. In: Archiv d. Vereins für siebenbürg. Landeskunde, Neue Folge, XVII. Bd., 3. H., Hermannstadt 1883, S. 487 ? 510. Anmerkung: Nachdem im ersten Teil des Beitrages hauptsächlich auf die Wolffsche Untersuchung Bezug genommen wird, verzichtet der Verf. ? entgegen den wissenschaftlichen Usancen ? bewußt auf Einzelfußnoten zugunsten einer Gesamt-Seitenangabe.
2) Leise Zweifel an der magyarischen Entlehnungstheorie meldete etwa Ernst W a g n e r an, in: Historisch-statistisches Ortsnamenbuch für Siebenbürgen (Studia Transylvanica, Bd. 4, Köln/Wien, 1977), wo es auf S. 25 heißt: "Der in. ON Küküllö (daraus Kokelburg, Küküllövar, Cetatea de Balta) ist nach Kisch Grundlage der deutschen Namensform. Ein Kokelberg existiert allerdings auch i. d. Nähe von Trier u. in Luxemburg, wo slawische oder magyarische Beeinflussung ausscheidet". In letzter Zeit hat Walter Roth im Rahmen eines namenkundlichen Streifzuges die Problematik kurz angerissen. Darauf wird an anderer Stelle noch eingegangen.
3) Paul B i n d e r : Das Kokelburger Komitat. In: Det Zenderscher Zichen, XV/1995, S. 91 ? 135.
4) Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch ? 5. Band K, Bukarest/Berlin, 1975, S. 245.
5) August L ü b b e n: Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, Darmstadt 1979, S. 192.
6) Verein f. Geschichte u. Alterthumskunde Westfalens: Westfälisches Urkundenbuch, 7. Bd.: Die Urkunden des kölnischen Westfalens v. J. 1200 ? 1300, Münster 1908, S. 942.
7) Bruno K r i n g s : Das Prämonstratenserstift Arnstein a. d. Lahn im Mittelalter (1139 ? 1527), Wiesbaden 1990, S. 517.
8) Fritz K e i n t z e 1 - S c h ö n: Die siebenbürgisch-sächsischen Familiennamen, Köln/Wien 1976, S. 49, 52.
9) Ernst F ö r s t e m a n n: Altdeutsches Namenbuch, 2. Band - Orts- u. sonstige geographische Namen ? Erste Hälfte A ? K, Bonn 1913, S. 1747.
10) Heinrich S c h 1 i f k o w i t z : Typische Ortsnamen zwischen Elbe und Weichsel. Ortsnamen auf -au, --ow, -witz, -itz, -schütz und -in, Karlsruhe 1988, S. 38.
11) Ernst W a g n e r: a. a. 0., S 378
12) Richard H u ß : Die Flandrer und Holländer in der ostdeutschen Kolonisation des 12. Jahrhunderts. In: Archiv für Wanderungswesen, Bd.1, 1928, H. 1, S. 34 ? 38, H. 2, S. 79 ? 87.
13) F. R o s e n f e 1 d (Bearb.): Urkundenbuch des Hochstifts Naumburg. Teil 1 (967 ? 1207), Magdeburg 1925, S. 150.
14) Paul B ö h in e: Urkundenbuch des Klosters Pforte. 1. Theil, Halle 1904, S. 5, 17, 20.
15) Richard H u ß: a. a. O., S. 85.
16) Freundliche Mitteilung von Herrn H. A e i k e n s vom 10. 10. 1997.
17) Heinrich S u n d e r in a n n : Friesische und niedersächsische Bestandteile in den Ortsnamen Ostfrieslands. Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte der Nordseeküste, Emden 1901, S. 18.
18) Gernot N u ß b ä c h e r: War Schässburg die "sechste Burg"? Zu einer neuen Erklärung des Ortsnamens der Kokelstadt. In: Aus Urkunden und Chroniken, 4. Band, Bukarest 1994, S. 138.
19) Urkundenbuch (1) zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen, Nr. 28 1, S. 210 ? 211.
20) Ebenda, Nr. 314, S 240.
21) Gernot N u ß b ä c h e r: a. a. O., S. 138
22) Misch 0 r e n d: Zur Heimatfrage der Siebenbürger Sachsen. Vergleichung der siebenbürgisch-deutschen Ortsnamen mit denen des übrigen deutschen Sprachgebietes, Marburg 1927, S. 50 ? 5 1.
23) Karl Kurt K l e i n : Nemeti-Orte in Ungarn und Siebenbürgen. In: Transylvanica. Gesammelte Abhandlungen und Aufsätze zur Sprach- und Siedlungsforschung der Deutschen in Siebenbürgen. München 1963,S.164.
24) Emil G i u r g i u : Sighisoara (Schässburg). Bukarest 1985, S. 25
25) Gernot N u ß b ä c h e r; a. a. O., S. 140.
26) J. D i e t z : Die Bonner Flurnamen. Bonn 1973, S. 100.
27) Ebenda, S. 181.
28) Ebenda, S. 202.
29) Walter R o t h : Aus der geographischen Namenkunde von Schäßburg. Geschichte und Geschichten zur Herkunft geographischer Bezeichnungen aus unserer Heimatstadt und ihrer Umgebung. In: Schäßburger Nachrichten, 2. Jg., Nr. 3 v. 30. März 1995, S. 13.
30) Aus "Brockhaus-Enzyklopädie", 15. Band, Mannheim 1991, S. 567.
31) Gemeentegids '98/'99, hrg. von der Gemeente Landgraaf, Stadtplan, S. 10?11.
32) Arnold H u t t m a n n: Verwandte von siebenbürgischen Ortsnamen in Flandern und den benachbarten Ländern. In: Zeitschrift für siebenbürgische Landeskunde, 1. Jg., Heft 2, 1978, S. 153.
33) Ernst F ö r s t e m a n n: Altdeutsches Namenbuch, 2. Band, 2. Hälfte L ? Z, Bonn 1916, S. 750.
34) Richard H u ß: a. a. O., S. 37
35) Lotte M o t z : Burg ? Berg, burrow ? barrow (in engl. Sprache). In: Indogermanische Forschungen. Zeitschr. f. Indogermanistik u. allgem. Sprachwissenschaft, 8 1. Band, Berlin/New York 1976, S. 205.
36) Ebenda, S. 208 ? 209.
37) Klaus A n d r i e ß e n : Siedlungsnamen in Hessen. Verbreitung und Entfaltung bis 1200 (DDG, Bd. 88), Marburg 1990, S. 28.
38) Hans P a t z e (Hg.): Die Burgen im deutschen Sprachraum. Ihre rechts- und verfassungsgeschichtliche Bedeutung, Bd. I, Sigmaringen 1976,S.462.
39) Ernst W a g n e r : a. a. O., S. 352.
40) Ebenda, S. 212.
41) Ebenda, S. 368.
42) Ebenda, S. 188.
43) Paul N i e d e r m a i e r: Der mittelalterliche Städtebau in Siebenbürgen, im Banat und im Kreischgebiet. Teil 1 ? Die Entwicklung vom Anbeginn bis 1241, Heidelberg 1996, S. 269.
44) Robert B r u c h: Die Mundart von Schässburg in Siebenbürgen. In: Luxemburg und Siebenbürgen (Siebenbürgisches Archiv, Bd. 5), Köln/Graz 1966, S. 160.
45) Wolfgang K 1 e i b e r: Die Flurnamen. Voraussetzungen, Methoden und Ergebnisse sprach- und kulturhistorischer Auswertung. In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, 2. Halbband, Berlin/New York 1985, S. 2133.
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