HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
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Georg Schuster - ein Schäßburger ZeitzeugeGeorg Schuster, mein Großvater, erblickte am 4. März 1900 in Schäßburg als Sohn des Georg Schuster sen. (Zimmermann) und der Katharina Polder das Licht der Welt. Diese Schusters waren alteingesessene Schäßburger. Die Familie lässt sich immerhin bis Ende des 17. Jahrhunderts in Schäßburg nachweisen. 1)
Sein schlichtes Grab befindet sich auf dem Schäßburger "Galtberg",
mit Blick auf das wunderschöne Panorama seiner Heimatstadt.
Er überlebte Schrapnell-Beschuss und Gasgranatangriffe und diesen schrecklichen Krieg. Doch die Donaumonarchie, sein Vaterland, überlebte diesen Krieg nicht. Sie brach zusammen, löste sich in viele kleine Staaten auf oder wurde zwischen den Siegermächten aufgeteilt. Siebenbürgen fiel an Rumänien, das nun zu den Siegerstaaten gehörte und sich zu dem so genannten "Großrumänien" aufblähte. "Irgendwie" kam er auch wieder nach Hause, nach Schäßburg, wo er das Mechaniker-Handwerk erlernte. Von nun an begleiteten Kraftwagen, die "Automobile", seine Karriere, sie bestimmten sein Leben. Die Kriegserlebnisse mussten noch gegenwärtig gewesen sein, als er erneut in die Armee einberufen wurde, dieses Mal in das rumänische Heer. Er kam zur Luftwaffe, als Mechaniker - und wieder hatte er es mit Motoren zu tun. Er muss gut gewesen sein, denn kurze Zeit darauf wurde er als Fahrer zu Colonel Radeseu, dem Adjutanten der alten Königin Maria, ins königliche Schloss abkommandiert. Nach etwa zwei Jahren in dessen Diensten übernahm ihn 1925 die Bukarester "Siguranta" als Fahrer. Wen er in den folgenden ca. zwei Jahren herumkutschierte oder was er da genau tat, ist nicht bekannt. Hier muss jedoch sein Sprungbrett zu seiner weiteren Karriere zu suchen sein.
Aus der Dienstzeit meines Großvaters bei König Carol II. ist vielleicht noch eine recht amüsante Begebenheit erwähnenswert, die mir unlängst ein "alter Schäßburger" 2) erzählt hat:
1940 mußte Georg Schusters "Arbeitgeber", König
Carol II. abdanken und ins Ausland gehen. Zu diesen Ereignissen existiert
im Politischen Archiv des Außenministeriums in Bonn 3) eine Aussage
meines Großvaters zur Flucht des rumänischen Königs, Carol
II. "Wie aus einer Erklärung des deutschen Konsulats in Sevilla,
die ich hier vorlege, hervorgeht, habe ich seit dem 15.10.1940 alle erdenklichen
Anstrengungen gemacht, um nach Rumänien zurückzukehren und auch
den übrigen Personen, die den Exkönig gezwungenermaßen
nach Spanien begleiteten, die Heimreise zu ermöglich. Die Heimreise
wurde aber durch Umstände verzögert, die außerhalb meiner
Person lagen. Wie ich vertraulich dazu erfuhr, hatte die spanische Polizei
die Anweisung erhalten, unsere Pässe nicht zu visieren. Seine einzige Erholung war damals die Jagd. Bekanntlich unterhielt er auch schon damals Beziehungen zu der Mme. Lupescu 4) die ihren Namen Wolf in den Namen Lupescu rumänisierte. Ich erwähne an dieser Stelle, dass sie ihre Auslandsfahrten stets unter dem Namen Lorenz ausführte. So hieß ihre Schwester, deren Mann in Paris Architekt war. Ich habe festgestellt, dass Carol 1930 sehr selten mit ihr zusammenkam. Es war eine große Seltenheit, wenn die Lupescu mal ins Schloss kam. Es ist festzustellen, dass er sie zwar des öfteren besuchte, doch
glaube ich annehmen zu können, dass die Beziehungen damals nicht
über den Charakter eines Liebesverhältnisses hinausgingen. Urdarianu verfügte über eine ausgezeichnete Intelligenz und
vielfältige Beziehungen zu maßgebenden Finanzkreisen, deren
Häupter Ausschnitt und Malaxa waren. Diese Clique traf sich jeden
Donnerstagabend zu Kartenpartien im Schloss. Bei dieser Gelegenheit wurden
alle wirtschaftlichen und politischen Fragen so geregelt, wie es den Teilnehmern
und Interessenten angenehm war. Das Haupt dieser Hofcamarilla war Urdarianu.
Die Zusammenkünfte fanden auch schließlich bei der Lupescu
statt, die einen immer größeren Einfluss auf Carol bekam und
? wie bekannt ? ihn schließlich völlig beherrschte. Ich möchte
an dieser Stelle erwähnen, dass Carol (...) ihr schließlich
sexuell völlig hörig war und dass die Lupescu diese Hörigkeit
zu politischen Geschäften für sich und ihren Anhang ausnutzte. Der König war schließlich so weit, dass er auch in kleinsten Dingen des Lebens den Rat der Lupescu nötig hatte. Diese Dinge sind aber der Öffentlichkeit sattsam bekannt. Ich möchte nur hier diese Tatsachen bestätigen, da ich doch Gelegenheit hatte, täglich in meinem Dienst als Fahrer den König zu beobachten. Ich kann mir daher ein menschliches Urteil über ihn erlauben. Ohne jede Sensationsmacherei muss ich feststellen, dass die über ihn veröffentlichten Einzelheiten in keiner Weise übertrieben sind.
Die Reise verlief bis Temeschburg normal und ruhig. Der Direktor des Hofzuges, Pavelescu, hatte mit dem Stationschef in Temeschburg bestimmte Winkzeichen verabredet für den Fall, dass der Zug von Legionären, wie zu erwarten war, angegriffen würde. Sollte dringende Gefahr bestehen, so sollte der Stationschef nicht auf dem Bahnsteig stehen. Das war für den Lokomotivführer das Zeichen, dass er in Temeschburg durchfahren musste, ohne Halt zu machen. Diese Vorsichtsmaßregel war getroffen worden, weil gerade in Temeschburg der König und die Lupescu besonders unbeliebt waren und sich schon dort früher Zwischenfälle ereignet hatten. Ich nehme an, dass auch bestimmte Informationen vorgelegen haben. Gleich nach Passieren des Bahnhofs von Temeschburg wurde der Hofzug auch wirklich angegriffen und stark beschossen. Durch das Fenster meines Abteils flog ein mächtiger Stein. Der König, die Lupescu und die ganze Zugbesatzung lagen platt am Boden. Ein Kammerdiener hat behauptet, dass der König und die Lupescu sich in die Badewanne geflüchtet haben. Ich habe das nicht gesehen, halte es aber für möglich, da beide keine großen Charakterhelden waren. Als der Angriff ohne sichtlichen Erfolg geblieben war, wurden wir von einer einzelnen Lokomotive und auch einigen Autos verfolgt und bis zur jugoslawischen Grenze beschossen. Der Zug ist ohne Halt bis auf jugoslawisches Gebiet gefahren. In Jugoslawien und auch in Italien, wo der Zug jeweils von der Polizei des Landes begleitet wurde, traten keine Ereignisse von Belang ein. In der Schweiz, d. h. bei der Ankunft in Lugano, wurden der König und seine Begleitung von einer größeren Menge empfangen. Das auf dem Bahnhof versammelte Volk jubelte dem Exkönig zu. Nach zweitägigem Aufenthalt im Hotel "Grand Palace" fuhren wir über Italien und dem unbesetzten Frankreich zur spanischen Grenze. Die Schweizer Behörden hatten das Aufenthaltsersuchen des Exkönigs und seiner Begleitung abgelehnt. Da die spanischen Eisenbahnen breitspurig sind, musste der ganze Zug an der spanischen Grenze umgeladen werden. Die spanische Polizei dirigierte den König nach Barcelona, obwohl er nach Lissabon wollte. Dieser Entscheid der spanischen Regierung wurde ihm von einigen höheren spanischen Offizieren mitgeteilt. Der König wurde gegen seinen Willen gezwungen, sich in irgendeinem spanischen Ort aufzuhalten, bis der Entscheid über seine Weiterreise ergangen wäre. Auf Vorschlag der spanischen Behörden ging der König nach Sitges am Mittelländischen Meer, nicht weit von Barcelona. Hier verblieb er vier Wochen. Da er jeden Tag auf die Weiterreise hoffte, wurde das Gepäck nicht ausgeladen. Auf diese Weise hat sich der König selbst gezwungen, wahrscheinlich zum ersten Male in seinem Leben, vier Wochen denselben Anzug, dieselbe Krawatte und dieselbe Wäsche zu tragen. Am 10. Oktober fuhren wir über Madrid nach Sevilla. In Madrid wurde er von einer Verwandten und zwei spanischen Offizieren begrüßt, die ihm vorschlugen, in einem Hotel abzusteigen. Abends um 20.00 Uhr fuhren wir weiter nach Sevilla, wo wir am nächsten Tag ankamen. Wir wurden dort im Hotel "Andalusia Palast" untergebracht. Der König setzte alles in Bewegung, um so bald wie möglich aus Spanien herauszukommen. Urdarianu hat mehrmals versucht, beim spanischen Außenminister wegen der Ausreise nach Portugal zu intervenieren. Diese Versuche sind aber ? soweit ich feststellen konnte ? ohne Erfolg geblieben. Der König ist auch einmal in Begleitung von Urdarianu und der Lupescu nach Madrid gefahren, um eine Audienz beim Außenminister nachzusuchen. Ob es ihm gelungen ist, weiß ich nicht. Der Aufenthalt in Madrid dauerte vier Tage. Er hat damals im Hotel "Palast" gewohnt, wo auch Urdarianu von dem türkischen Minister von Madrid aufgesucht wurde. Das Ergebnis dieser Reise ist mir nicht bekannt. Er hat aber nach seiner Rückkehr nach Sevilla den Besuch des Gouverneurs von Andalusien bekommen. Ich nehme an, dass dieser Gouverneur die Flucht des Urdarianu nach Portugal im November unterstützt hat.
Mitte November bekam ich von Urdarianu den Befehl, ihm einen Wagen des Königs vorzuführen und diesen einem spanischen Fahrer zu übergeben. In Begleitung des Polizeipräfekten von Sevilla bestieg Urdarianu diesen Wagen, der von dem Spanier gesteuert wurde. Wie ich nach 2 Tagen, als der Wagen wieder zurück war, an dem Kilometerzähler feststellen konnte, hatte der Wagen 250 km zurückgelegt. Das entspricht der Strecke von Sevilla über Huelva an die portugiesische Grenze. Urdarianu kehrte nicht zurück. Nach zwei Tagen rief er den König aus Lissabon telefonisch an. Von dem Tag an hatte der König täglich 2-3 Telefongespräche mit Urdarianu. Vertraulich konnte ich durch ein Telefonfräulein erfahren, dass dem König von spanischer Seite Schwierigkeiten gemacht wurden, gleichfalls nach Portugal abzureisen. Die Lupescu beschwerte sich einmal bitter am Telefon darüber, dass ihr aus Kreisen ihrer Begleitung Hemmnisse in den Weg gelegt würden, um nach Portugal zu kommen. Sie hatte mich im Verdacht, den spanischen und deutschen Behörden insgeheim Nachrichten zukommen zu lassen. Tatsächlich habe ich mich auch in dieser Hinsicht betätigt. Ich habe während meines dortigen Aufenthalts täglich dem Konsulatssekretär Wack und einem gewissen Hans Seidel vom deutschen Konsulat in Sevilla Nachrichten über den König und die Lupescu gebracht.
Der König steht heute mehr denn je unter dem Einfluss der Lupescu. Er scheint sein Vertrauen zu sich selbst völlig verloren zu haben. Mir fiel jedenfalls auf, dass er mit den Nerven völlig herunter war und auch die kleinsten privaten Dinge der Entscheidung der Lupescu überlässt. Ich möchte noch erwähnen, dass Urdarianu in Portugal mit dem früheren rumänischen Gesandten Pangall zusammenarbeitet." Am 15. Dezember 1940 konnte mein Großvater also aus Spanien wieder heimkehren. Der Empfang war nicht sonderlich herzlich. Kaum hatte er wieder rumänischen Boden unter den Füßen, wurde er erst einmal kurzerhand verhaftet, jedoch kurze Zeit später wieder auf freien Fuß gesetzt. Wer ihn damals auf dem Bukarester Flughafen verhaftete bzw. auf wessen Veranlassung hin dies geschah, ist unbekannt. Bekannt ist nur, dass ihm bei dieser Gelegenheit sein(e) Tagebuch(bücher) abgenommen wurde. Hier könnte eine Öffnung der Siguranta-/Securitate-Archive vielleicht Licht ins Dunkel bringen. Seine in Spanien geknüpften Kontakte zu deutschen Behörden zahlten sich nun aus. Er erhielt einen Job als Chauffeur bei der deutschen Gesandtschaft in Bukarest, den er bis zum 23. August 1944 bekleidete. Der einzig erhaltene "Wisch" aus dieser Zeit ist die Verleihungsurkunde der deutschen Reichsangehörigkeit an meinen Großvater nebst Familie aus dem Jahre 1942. Andere Dokumente aus jenen Jahren seiner Dienstzeit bei der deutschen Gesandtschaft existieren nicht mehr. Sie wurden während der Ereignisse um den 23. August 1944 vernichtet, um nicht in die Hände der heranrückenden Russen oder Rumänen zu fallen. Die Ereignisse in Bukarest überschlugen sich. Ein paar Tage nach dem 23. August 1944, dem Tag, an dem Rumänien seine Waffen gegen den einstigen Waffenbruder kehrte, am 25. August 1944, wurde mein Großvater mit Familie sowie dem gesamten Botschaftspersonal verhaftet und ins Internierungslager Ghencea bei Bukarest gebracht. Von hier aus ging's dann im November 1945, in einer 6-wöchigen Bahnfahrt in Viehwaggons, in das Internierungslager nach Turnu Magurele an der Donau, wo sie schließlich am 25. Dezember 1945 eintrafen. In diesen Lagern wurde von Botschaftsangehörigen und anderen deutschen Kriegsgefangenen, die im zivilen Leben von Beruf Lehrer waren, den mitinternierten Kindern provisorisch Schulunterricht erteilt. Es ging soweit, dass hier sogar Reifeprüfungen (Matura/Abitur) abgenommen wurden. Auf Intervention des internationalen Roten Kreuzes wurden meine Großmutter und ihre zwei Söhne aus der Internierungshaft entlassen. Als letzter der Familie schließlich auch mein Großvater am 17. Mai 1946, allerdings mit der Auflage, sich jeden Sonntag bei der zuständigen Polizeidienststelle seines einstigen Wohnortes Bukarest (damals Str. Wilson 7?9 = Nebengebäude der deutschen Gesandtschaft) melden zu müssen. Er konnte demnach nicht zu seiner Familie, die mittlerweile in Schäßburg wohnte. Hier in Schäßburg besuchte mein Vater bis 1948 die Bergschule, das "Bischof Teutsch Gymnasium".
Irgendwann einmal, kurz nach der Lagerhaft meines Großvaters, kreuzten sich in Bukarest zufällig wieder ihre Wege. Vasile Vaida erkannte meinen Großvater, ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit den Worten: "Domnule, Dumneavoastra miati salvat viata" (Herr, Sie haben wir mein Leben gerettet). Auf dessen Betreiben erhielt mein Großvater dann auch die Erlaubnis, Bukarest endlich verlassen zu dürfen, ja er organisierte ihm sogar einen Job als Chauffeur in Mediasch bei der dortigen Leder- und Schuhfabrik, "Intreprinderea de Incaltaminte 8. Mai" (ehemals "Karres"). 1948 übersiedelte dann die Familie von Schäßburg nach Mediasch. Nach der Pensionierung meines Großvaters 1960 kehrten meine Großeltern jedoch wieder nach Schäßburg zurück. Hier in Schäßburg, in seinem Elternhaus in der Baiergasse, starb Georg Schuster 1965. Fünf Jahre nach seinem Tod erschien in dem systemkonformen "Magazin Istoric" ein Artikel von einem gewissen Mircea N. Popa mit dem Titel: "Der Chauffeur des ehemaligen Königs Carol II. erzählt", Untertitel: "Am Steuer der Limousine des Carol II. ein Spitzel des Nazi-Spionagedienstes" ("La volanul limuzinei lui Carol II-lea, un informator al serviciului de spionaj nazist"). Offensichtlich war dieser Mircea N. Popa auf die o. g. Aussage meines Großvaters gestoßen, hatte diese in seinem Sinne interpretiert, willkürlich in Kapitel unterteilt und diese mit unpassenden Überschriften versehen. Alle Proteste der Familie gegen diesen Artikel nutzten nichts, war doch dieser Mann fest in der kommunistischen Partei verwurzelt, war sogar autorisiert in westlichen Archiven zu schnüffeln. Rücknahmen derart gelagerter Behauptungen waren zu jener Zeit schlicht und ergreifend unmöglich. Die einzig reale Möglichkeit der Heimkehr damals 1940 aus Spanien nach Hause zu Frau und Kinder war eben nur über eine Kontaktaufnahme mit den deutschen Konsulatsangehörigen in Sevilla zu erreichen. Was mein Großvater schließlich in jener Aussage zu Papier brachte, war im Großen und Ganzen nichts Neues und offensichtlich für die "braunen" Ohren der Empfänger in Berlin zugeschnitten, die ihm dann auch die Heimkehr ermöglichten und ihm allen Anscheins nach auch seinen Job als Fahrer in Diensten der deutschen Gesandtschaft in Bukarest vermittelten. Eine wie auch immer gelagerte historische Bedeutung hat diese Aussage wohl nicht, jedoch als Augenzeugenbericht aus einer bewegten Zeit ist sie mit Sicherheit interessant, vielleicht genau so interessant wie das Leben von Georg Schuster, an den sich mit Sicherheit der eine oder andere ältere Schäßburger noch erinnern kann. Günther Schuster (Nürnberg) 1) An dieser Stelle Dank an Herrn Ernst Graef für die geleistete
Hilfe im Rahmen meiner Familienforschung.
Letztes Update: 2004-02-13 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de / http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg |