HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Georg Schuster - ein Schäßburger Zeitzeuge

Georg Schuster, mein Großvater, erblickte am 4. März 1900 in Schäßburg als Sohn des Georg Schuster sen. (Zimmermann) und der Katharina Polder das Licht der Welt. Diese Schusters waren alteingesessene Schäßburger. Die Familie lässt sich immerhin bis Ende des 17. Jahrhunderts in Schäßburg nachweisen. 1)


Erster Wltkrieg - Georg Schuster (sitzend)
Rekrutenzeit in Strebersdorf bei Wien
(4.3.1918) - Foto: Moderne Fotografie
SEL-KA Wien


Der erste "dieser Schuster" kam aus Meschendorf. Am 22. November 1681 heiratete ein gewisser Johann oder Johannes Schuster, Bauer aus Meschendorf, die erst 14jährige Schäßburgerin, Katharina Krafft (getauft am 17.12.1667) und ließ sich in Schäßburg nieder. Selbst die große Pestepidernie von 1709 schaffte es nicht, die Familie völlig auszulöschen. Sie "überlebte und durchlebte" die Jahrhunderte als Bauern und Handwerker in Schäßburg bis hin zu meinem Großvater, dem letzten in Schäßburg geborenen und auch hier verstorbenen Schuster dieser Sippe. Er starb am 7. Januar 1965 an den Folgen eines Schlaganfalls in seinem Elternhaus in der Baiergasse.

Sein schlichtes Grab befindet sich auf dem Schäßburger "Galtberg", mit Blick auf das wunderschöne Panorama seiner Heimatstadt.
Er stammte aus einfachen Verhältnissen und es wäre aus seinem Leben mit Sicherheit nichts Besonderes zu berichten gewesen, wäre er nicht schon als junger Mann in den Strudel der Zeitereignisse geraten.
1914 brach über die Welt der erste "große Krieg" herein. Auch Georg Schuster traf es. Er wurde ins k. u. k. Heer einberufen, um die letzten großen Schlachten am Isonzo mitzuerleben.


Georg Schusters erster Führerschein - Wien 5. April 1918


Zu Beginn des Jahres 1918 finden wir ihn als Rekruten in Strebersdorf bei Wien (heute Wien-Strebersdorf), wo er am 5. April 1918 seinen ersten Führerschein, "Befähigungszeugnis für Lenker von Autos der k. u. k. Heeresverwaltung", erhielt. Danach ging es mit der k. u. k. schweren Autokolonne Nr. 311 sofort an die italienische Front. Diese Autokolonne versorgte die Front mit Munition und Granaten. Ein äußerst gefährlicher Job, wenn man bedenkt, dass die Nachschublinien dauernd unter feindlichem Beschuss lagen und die klapprigen LKWs, bis unters Dach mit hochexplosivem Zeug beladen, so nah wie möglich an die Stellungen heranfahren mussten.

Er überlebte Schrapnell-Beschuss und Gasgranatangriffe und diesen schrecklichen Krieg. Doch die Donaumonarchie, sein Vaterland, überlebte diesen Krieg nicht. Sie brach zusammen, löste sich in viele kleine Staaten auf oder wurde zwischen den Siegermächten aufgeteilt. Siebenbürgen fiel an Rumänien, das nun zu den Siegerstaaten gehörte und sich zu dem so genannten "Großrumänien" aufblähte.

"Irgendwie" kam er auch wieder nach Hause, nach Schäßburg, wo er das Mechaniker-Handwerk erlernte. Von nun an begleiteten Kraftwagen, die "Automobile", seine Karriere, sie bestimmten sein Leben. Die Kriegserlebnisse mussten noch gegenwärtig gewesen sein, als er erneut in die Armee einberufen wurde, dieses Mal in das rumänische Heer. Er kam zur Luftwaffe, als Mechaniker - und wieder hatte er es mit Motoren zu tun. Er muss gut gewesen sein, denn kurze Zeit darauf wurde er als Fahrer zu Colonel Radeseu, dem Adjutanten der alten Königin Maria, ins königliche Schloss abkommandiert. Nach etwa zwei Jahren in dessen Diensten übernahm ihn 1925 die Bukarester "Siguranta" als Fahrer. Wen er in den folgenden ca. zwei Jahren herumkutschierte oder was er da genau tat, ist nicht bekannt. Hier muss jedoch sein Sprungbrett zu seiner weiteren Karriere zu suchen sein.


In den Jahren 1927-1930 finden wir ihn bereits als Chauffeur des Prinzen Nikolaus, dem Bruder des Königs Carol II. Auf dessen Verwendung hin wurde er schließlich, nach Rückkehr König Carols II. auf den rumänischen Thron im Jahre 1930, als sein Chauffeur ins Schloss beordert. Er blieb 10 Jahre lang sein Chauffeur und war ? soviel bekannt ist ? die letzten Jahre auch Chef der königlichen Garagen ("Seful Garajului Majestatii sale Regele Carol II") bis zum 15. Dezember 1940, seiner Rückkehr aus Spanien, wohin er den König während dessen "Flucht" begleitet hatte.
Am 3. Oktober 1927 heiratete Georg Schuster in Sinaia meine Großmutter Martha. Dieser Ehe entsprangen zwei Söhne, Nikolaus Georg (geb. 20.10.1928) und Eduard Alfons (10.08.1935), mein Vater ? manchen Schäßburgern eher unter dem Namen "Butzi" bekannt.

Aus der Dienstzeit meines Großvaters bei König Carol II. ist vielleicht noch eine recht amüsante Begebenheit erwähnenswert, die mir unlängst ein "alter Schäßburger" 2) erzählt hat:


"Er (Georg Schuster) war eine stattliche Erscheinung. Ich war im Jahre 1932 Zeuge eines interessanten und heiteren Ereignisses anlässlich der Königsmanöver auf dem "Schmilefeld" bei Hundertbücheln neben Schäßburg. Die rumänische Generalität und höhere Offiziere waren auf dem Marktplatz in Schäßburg aufgestellt, um die Parade der rumänischen Truppen abzunehmen. Man wartete bloß noch auf König Karl. Da kam ein schmucker, offener Wagen angebraust, am Steuer König Karl, das wusste natürlich niemand. Auf dem Rücksitz, auch in Uniform, der königliche Chauffeur Georg Schuster. Wie es seine Dienstvorschrift vorsah, stieg er aus, um dem König die Wagentür zu öffnen. Die Generäle waren aber schneller als er und "rapportierten" ihm anstatt dem König. König Karl blieb noch immer im Wagen sitzen und schmunzelte vergnügt über die gelungene Täuschung. Ob er das absichtlich gemacht hat, sei dahingestellt. Ob es für die Generäle böse "Nachwehen" hatte, weiß ich nicht. König Karl jedenfalls hatte seinen Spaß daran."

1940 mußte Georg Schusters "Arbeitgeber", König Carol II. abdanken und ins Ausland gehen. Zu diesen Ereignissen existiert im Politischen Archiv des Außenministeriums in Bonn 3) eine Aussage meines Großvaters zur Flucht des rumänischen Königs, Carol II.
Doch lassen wir nun meinen Großvater mit eigenen Worten jene Ereignisse schildern:

"Wie aus einer Erklärung des deutschen Konsulats in Sevilla, die ich hier vorlege, hervorgeht, habe ich seit dem 15.10.1940 alle erdenklichen Anstrengungen gemacht, um nach Rumänien zurückzukehren und auch den übrigen Personen, die den Exkönig gezwungenermaßen nach Spanien begleiteten, die Heimreise zu ermöglich. Die Heimreise wurde aber durch Umstände verzögert, die außerhalb meiner Person lagen. Wie ich vertraulich dazu erfuhr, hatte die spanische Polizei die Anweisung erhalten, unsere Pässe nicht zu visieren.
In der ersten Zeit seiner Regierung, d. h. in den ersten Monaten seines Regierungsantritts im Jahre 1930, war Carol ein in jeder Weise anständiger Mensch, der sich auch um die kleinsten Dinge seiner Untergebenen kümmerte und sich für alle sozialen und menschlichen Fragen seiner Diener usw. interessierte. Er war um alles besorgt. Damals hat er sich auch seinen Regierungsgeschäften sehr eingehend gewidmet. Ich weiß, dass er seiner Zeit sehr viel arbeitete und dass er sogar in Sinaia, seinem Sommersitz, bis spät in die Nacht hinein über seinen Arbeiten hockte.
Er machte s. Zt. auch viele überraschende Besuche in Kasernen, Ministerien, Handelsunternehmungen usw., um sich über den Zustand dieser Einrichtungen ein unverfälschtes Bild zu machen.

Seine einzige Erholung war damals die Jagd. Bekanntlich unterhielt er auch schon damals Beziehungen zu der Mme. Lupescu 4) die ihren Namen Wolf in den Namen Lupescu rumänisierte. Ich erwähne an dieser Stelle, dass sie ihre Auslandsfahrten stets unter dem Namen Lorenz ausführte. So hieß ihre Schwester, deren Mann in Paris Architekt war. Ich habe festgestellt, dass Carol 1930 sehr selten mit ihr zusammenkam. Es war eine große Seltenheit, wenn die Lupescu mal ins Schloss kam.

Es ist festzustellen, dass er sie zwar des öfteren besuchte, doch glaube ich annehmen zu können, dass die Beziehungen damals nicht über den Charakter eines Liebesverhältnisses hinausgingen.
Die Haltung des Königs wurde grundsätzlich anders, als im Jahre 1935 Ernest Urdarianu als Major der Kavallerie ins Schloss kam. Er wurde damals zum Vizepräsidenten des Schlosses ernannt. Kurz darauf wurde er Schlosspräfekt, dann Vizehofmarschall, Hofmarschall und schließlich 1939 Hofminister.

Urdarianu verfügte über eine ausgezeichnete Intelligenz und vielfältige Beziehungen zu maßgebenden Finanzkreisen, deren Häupter Ausschnitt und Malaxa waren. Diese Clique traf sich jeden Donnerstagabend zu Kartenpartien im Schloss. Bei dieser Gelegenheit wurden alle wirtschaftlichen und politischen Fragen so geregelt, wie es den Teilnehmern und Interessenten angenehm war. Das Haupt dieser Hofcamarilla war Urdarianu. Die Zusammenkünfte fanden auch schließlich bei der Lupescu statt, die einen immer größeren Einfluss auf Carol bekam und ? wie bekannt ? ihn schließlich völlig beherrschte. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass Carol (...) ihr schließlich sexuell völlig hörig war und dass die Lupescu diese Hörigkeit zu politischen Geschäften für sich und ihren Anhang ausnutzte.

Der König war schließlich so weit, dass er auch in kleinsten Dingen des Lebens den Rat der Lupescu nötig hatte. Diese Dinge sind aber der Öffentlichkeit sattsam bekannt. Ich möchte nur hier diese Tatsachen bestätigen, da ich doch Gelegenheit hatte, täglich in meinem Dienst als Fahrer den König zu beobachten. Ich kann mir daher ein menschliches Urteil über ihn erlauben. Ohne jede Sensationsmacherei muss ich feststellen, dass die über ihn veröffentlichten Einzelheiten in keiner Weise übertrieben sind.


Georg Schuster mir dem späteren König Mihai I.
(orig. signiertes Foto= Foto: St. Ignat, Bukarest


Die politischen Verhältnisse in Rumänien zwangen Carol II. am 6. September 1940 zur Flucht. Am Morgen des 6. September 1940 erhielt ich Befehl, 3 Automobile des Königs in den "Hofzug" einzuwaggonieren und diese Wagen bis in die Schweiz zu begleiten, um sie dort zu übergeben. Anfänglich hieß es, dass Carol sich in der Schweiz niederlassen wollte. Am 7. September fuhr der Exkönig mit seinem Hofzug in Begleitung der Lupescu, Urdarianus und des damaligen Innenministers, des Generals Popescu (als Garantie bis zur Grenze) um 4.00 Uhr morgens vom königlichen Bahnhof ab. Das königliche Gepäck bestand aus 160 Koffern und Kisten. Außer den Genannten begleiteten ihn noch etwa 30 Dienstpersonen.

Die Reise verlief bis Temeschburg normal und ruhig. Der Direktor des Hofzuges, Pavelescu, hatte mit dem Stationschef in Temeschburg bestimmte Winkzeichen verabredet für den Fall, dass der Zug von Legionären, wie zu erwarten war, angegriffen würde. Sollte dringende Gefahr bestehen, so sollte der Stationschef nicht auf dem Bahnsteig stehen. Das war für den Lokomotivführer das Zeichen, dass er in Temeschburg durchfahren musste, ohne Halt zu machen. Diese Vorsichtsmaßregel war getroffen worden, weil gerade in Temeschburg der König und die Lupescu besonders unbeliebt waren und sich schon dort früher Zwischenfälle ereignet hatten. Ich nehme an, dass auch bestimmte Informationen vorgelegen haben. Gleich nach Passieren des Bahnhofs von Temeschburg wurde der Hofzug auch wirklich angegriffen und stark beschossen. Durch das Fenster meines Abteils flog ein mächtiger Stein. Der König, die Lupescu und die ganze Zugbesatzung lagen platt am Boden. Ein Kammerdiener hat behauptet, dass der König und die Lupescu sich in die Badewanne geflüchtet haben. Ich habe das nicht gesehen, halte es aber für möglich, da beide keine großen Charakterhelden waren. Als der Angriff ohne sichtlichen Erfolg geblieben war, wurden wir von einer einzelnen Lokomotive und auch einigen Autos verfolgt und bis zur jugoslawischen Grenze beschossen. Der Zug ist ohne Halt bis auf jugoslawisches Gebiet gefahren. In Jugoslawien und auch in Italien, wo der Zug jeweils von der Polizei des Landes begleitet wurde, traten keine Ereignisse von Belang ein.

In der Schweiz, d. h. bei der Ankunft in Lugano, wurden der König und seine Begleitung von einer größeren Menge empfangen. Das auf dem Bahnhof versammelte Volk jubelte dem Exkönig zu. Nach zweitägigem Aufenthalt im Hotel "Grand Palace" fuhren wir über Italien und dem unbesetzten Frankreich zur spanischen Grenze. Die Schweizer Behörden hatten das Aufenthaltsersuchen des Exkönigs und seiner Begleitung abgelehnt. Da die spanischen Eisenbahnen breitspurig sind, musste der ganze Zug an der spanischen Grenze umgeladen werden. Die spanische Polizei dirigierte den König nach Barcelona, obwohl er nach Lissabon wollte. Dieser Entscheid der spanischen Regierung wurde ihm von einigen höheren spanischen Offizieren mitgeteilt. Der König wurde gegen seinen Willen gezwungen, sich in irgendeinem spanischen Ort aufzuhalten, bis der Entscheid über seine Weiterreise ergangen wäre. Auf Vorschlag der spanischen Behörden ging der König nach Sitges am Mittelländischen Meer, nicht weit von Barcelona. Hier verblieb er vier Wochen. Da er jeden Tag auf die Weiterreise hoffte, wurde das Gepäck nicht ausgeladen. Auf diese Weise hat sich der König selbst gezwungen, wahrscheinlich zum ersten Male in seinem Leben, vier Wochen denselben Anzug, dieselbe Krawatte und dieselbe Wäsche zu tragen. Am 10. Oktober fuhren wir über Madrid nach Sevilla. In Madrid wurde er von einer Verwandten und zwei spanischen Offizieren begrüßt, die ihm vorschlugen, in einem Hotel abzusteigen. Abends um 20.00 Uhr fuhren wir weiter nach Sevilla, wo wir am nächsten Tag ankamen. Wir wurden dort im Hotel "Andalusia Palast" untergebracht.

Der König setzte alles in Bewegung, um so bald wie möglich aus Spanien herauszukommen. Urdarianu hat mehrmals versucht, beim spanischen Außenminister wegen der Ausreise nach Portugal zu intervenieren. Diese Versuche sind aber ? soweit ich feststellen konnte ? ohne Erfolg geblieben. Der König ist auch einmal in Begleitung von Urdarianu und der Lupescu nach Madrid gefahren, um eine Audienz beim Außenminister nachzusuchen. Ob es ihm gelungen ist, weiß ich nicht. Der Aufenthalt in Madrid dauerte vier Tage. Er hat damals im Hotel "Palast" gewohnt, wo auch Urdarianu von dem türkischen Minister von Madrid aufgesucht wurde. Das Ergebnis dieser Reise ist mir nicht bekannt. Er hat aber nach seiner Rückkehr nach Sevilla den Besuch des Gouverneurs von Andalusien bekommen. Ich nehme an, dass dieser Gouverneur die Flucht des Urdarianu nach Portugal im November unterstützt hat.


Georg Schuster - Aufnahme anl. einer der häufigen königlichen
Jagdpartien (Januar 1932) - Foto: J.Berman, Bukarest

Mitte November bekam ich von Urdarianu den Befehl, ihm einen Wagen des Königs vorzuführen und diesen einem spanischen Fahrer zu übergeben. In Begleitung des Polizeipräfekten von Sevilla bestieg Urdarianu diesen Wagen, der von dem Spanier gesteuert wurde. Wie ich nach 2 Tagen, als der Wagen wieder zurück war, an dem Kilometerzähler feststellen konnte, hatte der Wagen 250 km zurückgelegt. Das entspricht der Strecke von Sevilla über Huelva an die portugiesische Grenze. Urdarianu kehrte nicht zurück. Nach zwei Tagen rief er den König aus Lissabon telefonisch an. Von dem Tag an hatte der König täglich 2-3 Telefongespräche mit Urdarianu. Vertraulich konnte ich durch ein Telefonfräulein erfahren, dass dem König von spanischer Seite Schwierigkeiten gemacht wurden, gleichfalls nach Portugal abzureisen. Die Lupescu beschwerte sich einmal bitter am Telefon darüber, dass ihr aus Kreisen ihrer Begleitung Hemmnisse in den Weg gelegt würden, um nach Portugal zu kommen. Sie hatte mich im Verdacht, den spanischen und deutschen Behörden insgeheim Nachrichten zukommen zu lassen. Tatsächlich habe ich mich auch in dieser Hinsicht betätigt. Ich habe während meines dortigen Aufenthalts täglich dem Konsulatssekretär Wack und einem gewissen Hans Seidel vom deutschen Konsulat in Sevilla Nachrichten über den König und die Lupescu gebracht.


Einer der wenigen erhaltenen Dienstausweise
von Georg Schuster.


Als ich am 15. Dezember den König verließ, befand er sich noch in Sevilla. Ob er inzwischen nach Portugal gekommen ist, ist mir unbekannt. Ich weiß aber, dass sein Onkel, der Infant von Orleans, der auch spanischer Fliegergeneral war, seinen sehr maßgeblichen Einfluss eingesetzt hat, um dem König zur Weiterreise nach Portugal zu verhelfen. Mir ist es erst nach sehr großen Schwierigkeiten gelungen, mit den übrigen Dienern und Angestellten nach Hause zu kommen.

Der König steht heute mehr denn je unter dem Einfluss der Lupescu. Er scheint sein Vertrauen zu sich selbst völlig verloren zu haben. Mir fiel jedenfalls auf, dass er mit den Nerven völlig herunter war und auch die kleinsten privaten Dinge der Entscheidung der Lupescu überlässt. Ich möchte noch erwähnen, dass Urdarianu in Portugal mit dem früheren rumänischen Gesandten Pangall zusammenarbeitet."

Am 15. Dezember 1940 konnte mein Großvater also aus Spanien wieder heimkehren. Der Empfang war nicht sonderlich herzlich. Kaum hatte er wieder rumänischen Boden unter den Füßen, wurde er erst einmal kurzerhand verhaftet, jedoch kurze Zeit später wieder auf freien Fuß gesetzt. Wer ihn damals auf dem Bukarester Flughafen verhaftete bzw. auf wessen Veranlassung hin dies geschah, ist unbekannt. Bekannt ist nur, dass ihm bei dieser Gelegenheit sein(e) Tagebuch(bücher) abgenommen wurde. Hier könnte eine Öffnung der Siguranta-/Securitate-Archive vielleicht Licht ins Dunkel bringen. Seine in Spanien geknüpften Kontakte zu deutschen Behörden zahlten sich nun aus. Er erhielt einen Job als Chauffeur bei der deutschen Gesandtschaft in Bukarest, den er bis zum 23. August 1944 bekleidete. Der einzig erhaltene "Wisch" aus dieser Zeit ist die Verleihungsurkunde der deutschen Reichsangehörigkeit an meinen Großvater nebst Familie aus dem Jahre 1942. Andere Dokumente aus jenen Jahren seiner Dienstzeit bei der deutschen Gesandtschaft existieren nicht mehr. Sie wurden während der Ereignisse um den 23. August 1944 vernichtet, um nicht in die Hände der heranrückenden Russen oder Rumänen zu fallen.

Die Ereignisse in Bukarest überschlugen sich. Ein paar Tage nach dem 23. August 1944, dem Tag, an dem Rumänien seine Waffen gegen den einstigen Waffenbruder kehrte, am 25. August 1944, wurde mein Großvater mit Familie sowie dem gesamten Botschaftspersonal verhaftet und ins Internierungslager Ghencea bei Bukarest gebracht. Von hier aus ging's dann im November 1945, in einer 6-wöchigen Bahnfahrt in Viehwaggons, in das Internierungslager nach Turnu Magurele an der Donau, wo sie schließlich am 25. Dezember 1945 eintrafen. In diesen Lagern wurde von Botschaftsangehörigen und anderen deutschen Kriegsgefangenen, die im zivilen Leben von Beruf Lehrer waren, den mitinternierten Kindern provisorisch Schulunterricht erteilt. Es ging soweit, dass hier sogar Reifeprüfungen (Matura/Abitur) abgenommen wurden.

Auf Intervention des internationalen Roten Kreuzes wurden meine Großmutter und ihre zwei Söhne aus der Internierungshaft entlassen. Als letzter der Familie schließlich auch mein Großvater am 17. Mai 1946, allerdings mit der Auflage, sich jeden Sonntag bei der zuständigen Polizeidienststelle seines einstigen Wohnortes Bukarest (damals Str. Wilson 7?9 = Nebengebäude der deutschen Gesandtschaft) melden zu müssen. Er konnte demnach nicht zu seiner Familie, die mittlerweile in Schäßburg wohnte. Hier in Schäßburg besuchte mein Vater bis 1948 die Bergschule, das "Bischof Teutsch Gymnasium".


Königlicher Zug - Aufnahme
möglicherweise während der Flucht
von König Carol II. 1940 -
Foto: OMNIA Bukarest


Verständlicherweise wurde in der Familie über diese Zeit nicht viel gesprochen. Bekannt jedoch ist, dass es da jemanden gegeben hatte, der schützend die Hand über meinen Großvater und seine Familie hielt. Es handelte sich um eine Person, die nach dem Kriege die Hierarchieleiter in der kommunistischen Partei bis in höchste Sphären erklommen hatte. Diese Person hieß Vasile Vaida, war nach dem Krieg kurze Zeit Landwirtschaftsminister und danach "Primsecretar al regiunii Cluj" (erster Parteivorsitzender der Region Klausenburg). Bevor er zu dem wurde, ließen meine Großeltern in Bukarest ihre Schuhe bei ihm anfertigen oder reparieren. Bei einer Polizeirazzia in den 40-iger Jahren wurden in seiner Wohnung diverse Manifeste der kommunistisehen Partei gefunden, was zu jener Zeit einem Todesurteil gleichkam. Seine Frau kam weinend zu meinem Großvater und bat um Hilfe. Dieser konnte es erreichen, dass er in dem darauf folgenden Prozess auch vernommen wurde und sagte für die Rechtschaffenheit des Angeklagten Vaida aus. Es wurde gegen Vasile Vaida keine Todesstrafe verhängt, er bekam lebenslänglich. Pfeifend soll er ins Gefängnis abgeführt worden sein.

Irgendwann einmal, kurz nach der Lagerhaft meines Großvaters, kreuzten sich in Bukarest zufällig wieder ihre Wege. Vasile Vaida erkannte meinen Großvater, ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit den Worten: "Domnule, Dumneavoastra miati salvat viata" (Herr, Sie haben wir mein Leben gerettet). Auf dessen Betreiben erhielt mein Großvater dann auch die Erlaubnis, Bukarest endlich verlassen zu dürfen, ja er organisierte ihm sogar einen Job als Chauffeur in Mediasch bei der dortigen Leder- und Schuhfabrik, "Intreprinderea de Incaltaminte 8. Mai" (ehemals "Karres"). 1948 übersiedelte dann die Familie von Schäßburg nach Mediasch. Nach der Pensionierung meines Großvaters 1960 kehrten meine Großeltern jedoch wieder nach Schäßburg zurück. Hier in Schäßburg, in seinem Elternhaus in der Baiergasse, starb Georg Schuster 1965.

Fünf Jahre nach seinem Tod erschien in dem systemkonformen "Magazin Istoric" ein Artikel von einem gewissen Mircea N. Popa mit dem Titel: "Der Chauffeur des ehemaligen Königs Carol II. erzählt", Untertitel: "Am Steuer der Limousine des Carol II. ein Spitzel des Nazi-Spionagedienstes" ("La volanul limuzinei lui Carol II-lea, un informator al serviciului de spionaj nazist"). Offensichtlich war dieser Mircea N. Popa auf die o. g. Aussage meines Großvaters gestoßen, hatte diese in seinem Sinne interpretiert, willkürlich in Kapitel unterteilt und diese mit unpassenden Überschriften versehen. Alle Proteste der Familie gegen diesen Artikel nutzten nichts, war doch dieser Mann fest in der kommunistischen Partei verwurzelt, war sogar autorisiert in westlichen Archiven zu schnüffeln. Rücknahmen derart gelagerter Behauptungen waren zu jener Zeit schlicht und ergreifend unmöglich. Die einzig reale Möglichkeit der Heimkehr damals 1940 aus Spanien nach Hause zu Frau und Kinder war eben nur über eine Kontaktaufnahme mit den deutschen Konsulatsangehörigen in Sevilla zu erreichen. Was mein Großvater schließlich in jener Aussage zu Papier brachte, war im Großen und Ganzen nichts Neues und offensichtlich für die "braunen" Ohren der Empfänger in Berlin zugeschnitten, die ihm dann auch die Heimkehr ermöglichten und ihm allen Anscheins nach auch seinen Job als Fahrer in Diensten der deutschen Gesandtschaft in Bukarest vermittelten.

Eine wie auch immer gelagerte historische Bedeutung hat diese Aussage wohl nicht, jedoch als Augenzeugenbericht aus einer bewegten Zeit ist sie mit Sicherheit interessant, vielleicht genau so interessant wie das Leben von Georg Schuster, an den sich mit Sicherheit der eine oder andere ältere Schäßburger noch erinnern kann.

Günther Schuster (Nürnberg)

1) An dieser Stelle Dank an Herrn Ernst Graef für die geleistete Hilfe im Rahmen meiner Familienforschung.
2) Ernst Graef, Brief vom 26.06.1998.
3) Geheime Note vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD, IV D 5 an das Auswärtige Amt, z. Hd. von Herrn Gesandten Luther, o. V. i. A. in Berlin, datiert: Berlin SW 11, den 6. Februar 1941 ? archiviert im Politischen Archiv des Außenministeriums, Bonn unter "Bukarest ? Inland, II g, 428".
4) Mme. Lupescu war jüdischer Abstammung.


 

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