HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Archäologische Entdeckung im Raum Schäßburg

Ein historischer Überblick über die archäologischen Ausgrabungen in und um Schäßburg/Wertvolle Funde in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts
Das Interesse zur archäologischen Erforschung des Schäßburger Gebietes zeigte sich schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ersten Schritte auf diesem Gebiet wurden vom Verein für siebenbürgische Landeskunde unternommen. Das Verdienst der ersten ? romantischen ? Forscher, eigentlich nur Sammler alter Fundstücke, war, daß sie das Vorkommen alter Fundstücke bekannt gemacht haben und beweisen konnten, daß Siebenbürgen schon seit der Neusteinzeit besiedelt gewesen war.


Schäßburg, Burg, Grundriss um 1880, 1:2500.
1. Burgplatz, 2. Schulgasse, 3. Schanzgasse,
4. Klostergässchen, 5. Bischof-Teutsch-Platz,
6. Kirchgässchen, 7. Pfarrergässchen,
8. Entengasse (heute verbaut), 9. Tischlergasse,
10. Hinter der Mauer, 11. Umweg, 12. Schülertreppe,
13. Hunsrücken, 14. Entenplätzchen. -
Archivbild "Alt Schäßburg"

An erster Stelle erweckte das römische Standlager auf dem Burgstadl das Interesse der Forschung. Dieses liegt 3,5 km von Schäßburg entfernt auf einem linksufrigen Plateau der Großen Kokel und muß sich bis ins frühe Mittelalter als Ruinenstätte erhalten haben.
Im Jahre 1865 unternahmen Friedrich Müller und Carl Goos, zwei begeisterte Schäßburger Altertumsforscher, einen Grabungsfeldzug auf dem Burgstadl. Malerisch ist die Beschreibung dieses Unternehmens an den Verein, in der Fr. Müller in seinem Bericht erzählt: "Es war der 22. Juli, als nach ununterbrochenem Regen, wie in den Tropen, am ersten Tage mit heiterem Himmel in den frühen Morgenstunden sich eine Karawane von zwölf kräftigen Tagelöhnern mit Werkzeug und einem Ochsenkarren, wie in unserer Gegend üblich, aufmachte, um das Geheimnis der alten Welt zu entschleiern".

Friedrich Müller (1828?1915) und Carl Goos (1844?1882) waren nun doch in Geschichte und Archäologie ausgebildete Männer, die ihre Studien an deutschen Universitäten absolviert hatten. Fr. Müller ist der Verfasser der ersten archäologischen Synthesearbeit "Archäologische Skizzen aus Schäßburg", während Carl Goos die erste Zusammenfassung aller archäologischen Entdeckungen in Siebenbürgen zu jener Zeit erarbeitet hat.
Ein weiterer, begeisterter Forscher der Vergangenheit dieser Gegend war Karl Fabritius (1826?1881). Er studierte Theologie, Sprachwissenschaften und Geschichte in Wien und Leipzig und ist der Entdecker eines wichtigen, aber widersprochenen Fundes dakischer Altertümer aus provinzialrömischer Zeit auf dem Kulterberg. Seine auf eigene Kosten betriebenen Grabungen wurden 1862 im Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde (AVSL) veröffentlicht.


Ausschnitt (A), Annahme und
Rekonstruktion der ersten Ansiedlung
im 12. Jh. Markierungen: Ausgrabungen/
Holzbauten. Zeichnung: Gh. Baltag.

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Archäologie eine selbständige Wissenschaft und legte sich ihre eigenen Forschungsmethoden zurecht. Nach 1900 treten auf diesem Gebiet Carl Seraphin (1872?1951) und Kurt Horedt (1914-1991) in Erscheinung. Carl Seraphin hat die berühmte Entdeckung vom Wietenberg gemacht. Die ersten Grabungen wurden dort 1902?1904 begonnen und 1938 von K. Horedt weitergeführt. Die Siedlung vom Wietenberg gab einer gesamten Kultur der mittleren Bronzezeit (1800-1300 vor unserer Zeit) den Namen ? "Wietenbergkultur" ?, deren Träger Thraker waren.

Die Siedlung der Bronzezeit wurde von einer neuen Siedlung, einer dakischen überlagert, die mit Wall, Graben und Palisaden aus dicken, senkrecht eingerammten Eichenstämmen, einer richtigen Holz-Erdewand, befestigt wurde. Diese befestigte dakische Siedlung (Dawa) vom Wietenberg erlebte ihre Blütezeit unter König Burebista (l. Jh. vor d. Zeit) und wurde während des dakisch-römischen Kriegs (105-106 u. Z.) zerstört.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die archäologische Grabungstätigkeit nach langer Unterbrechung erst 1960 wieder aufgenommen. Im Tal des Schaaserbaches wurden die Grabungen im bekannten römischen Friedhof vom Hattertgraben von Nicolae Lupu aus Hermannstadt und Alexa Muresan vom Schäßburger Stundturmmuseum wieder aufgenommen.

Bald darauf, zwischen 1963 und 1967, wurden auch die Grabungen im römischen Castrum vom Burgstadl durch Ioan Mitrofan vom Klausenburger Geschichtsmuseum wieder aufgenommen und die Form, die Bauart des Verteidigungssystems und die Zeitbestimmung dieses Militärlagers besser bestimmt. Mitrofan nahm 1970-1973 auch die Grabungen am Hattertgraben wieder auf und entdeckte 90 Brandgräber in ausgebrannten oder unausgebrannten Gruben, die einer Illyro-Pannonisehen Kolonistengruppe angehörten, die im römischen Dazien angesiedelt worden war. Aus diesem römischen Friedhof stammen jene drei Grabinschriften auf Stein, welche als die ältesten schriftlichen Texte der Schäßburger Gegend gewertet werden.

Nach 1975 wurde die Erforschung des Schäßburger Umfeldes nach einem genauen Plan begonnen. Erst wurden die bekannten archäologischen Fundorte, vor allem jene der Wandervölkerzeit, erfaßt. Danach wurde, in erweitertem Maß, die Ausgrabung der Siedlung aus dem Mühlenhamm begonnen.



In meiner Feldforschungstätigkeit, die parallel mit den anderen Ausgrabungen verlief, erhielt ich wesentliche Hilfe von dem passionierten Forscher der Lokalgeschichte, Dipl.-Ing. Eberhard Amlacher. Ab den achtziger Jahren war uns dabei sein bescheidener, aber zäher "Trabant 601" von großem Nutzen. Die Ergebnisse dieser Feldforschungen wurden in den beiden archäologischen Repertoiren, die fast das gesamte mittlere Becken der Großen Kokel umfassen, veröffentlicht.

Zwischen 1976 und 1986 wurden die systematischen Ausgrabungen im Mühlenhamm von einem Kollektiv durchgeführt, welchem Gheorghe Baltag vom Stundturmmuseum Schäßburg, Radu Harhoi vom Archäologischen Institut Bukarest und Mihai Petica vom Neumarkter Museum, angehörten. Nach 1986 erstreckten sich diese Ausgrabungen auch auf den Friedhof der Siedlung, welcher 350 m östlich davon liegt und von einem Kollektiv geleitet wurden, dem Radu Harhoi aus Bukarest, Antal Lukacs von der Universität Bukarest und N. Boroffka vom Archäologischen Institut Berlin angehörten.

Die zweite wichtige Siedlung aus der näheren Umgebung von Schäßburg, die von Gheorghe Baltag zwischen 1987 und 1997 erforscht wurde, ist die Siedlung "La Cetatea" von Weißkirch.
Den merkwürdigsten Fund von dort stellt eine rote, halbfein körnige Keramik guter Machart dar, die durch tiefe, senkrechte Rillen verziert ist und für die es in den niedrigen Regionen Siebenbürgens keine Analogien gibt und die der slawischen Keramik des 7.?8. Jahrhunderts, wie sie in ganz Mittel- und Südosteuropa bekannt ist, nicht ähnlich ist. Diese Weißkircher Keramik ist in das 8.?9. Jahrhundert zu datieren, kommt aus den höheren Regionen der Siebenbürgischen Hochebene und ist mit der Bevölkerung der "blachi", "blasi" (der späteren Walachen) in Verbindung zu setzen, die, gemeinsam mit Slawen ("blachi et sclavi") der frühen madjarischen Chroniken erwähnt werden und älter als die ungarische Landnahme ist.
In den Jahren 1991?1995 wurden die Ausgrabungen auf dem Wietenberg wieder aufgenommen, und zwar von I. Andritoiu vom Thrakologischen Institut Bukarest und A. Rustoiu vom Archäologischen Institut Klausenburg. Sie wollten stratigrafisch noch, unklare Probleme lösen und sollten das Alter der dortigen Befestigungsanlage bestimmen. Das Ergebnis dieser Untersuchung, das die Schlüsse von Carl Seraphin und Kurt Horedt im wesentlichen nicht widerlegt, ist in einer kürzlich erschienenen Arbeit niedergelegt.

Die Burg von Schäßburg, dieses schöne, mittelalterliche Architekturensemble, das einmalig in Südosteuropa ist und ein beachtliches Werk der sächsischen Ansiedler darstellt, hat ihre eigene Geschichte vor der mittelalterlichen Gründung. Dank seiner Lage an der engsten Stelle des Kokeltales hat der Burgberg schon in der Urgeschichte eine strategische Bedeutung gehabt. An seinem Ostabhang, neben dem Stundturm, wurden 1903, anläßlich des Aushebens eines Abflußgrabens, drei sehr alte Gräber entdeckt, in welchen drei Goldringe gefunden wurden, die mit feinen Schräg- und Kreuzschnitten verziert waren. Auch weitere sieben Goldringe werden in der Fachliteratur erwähnt, aber es ist unbekannt, ob sie vom Burgberg oder aus der Schäßburger Umgebung stammen. Diese Goldgegenstände werden mit der größten Sicherheit an den Anfang der Eisenzeit (1100-1000 v Chr.) datiert und gehören der Hallstatt-A-B-Zeit an. Anhand dieser Funde vermutete Kurt Horedt einen Friedhof der Hallstattzeit im ost-südöstlichen Teil des Burgberges. Es ist sehr wahrscheinlich, daß auch eine Siedlung dieser Zeit dort bestanden hat, die einen Teil der nördlichen Mitte des Burgbergs eingenommen hat. Anläßlich einer von uns 1989 durchgeführten Suchgrabung im Untergrund des Bakonschen Hauses (Haus mit dem Hirschgeweih) wurden mehrere irdene Topfbruchstücke und eine schöne Platte aus schwarzer, mit konzentrischen Rillen verzierten Keramik gefunden, die alle aus derselben Zeitepoche stammen, wie die Ringe, die beim Stundturm gefunden worden sind. Diese und andere Entdeckungen erlauben den Schluß, daß ein Gutteil der unteren Terrasse des Berges während der Eisenzeit besiedelt gewesen ist.

Den oberen Schulberg betreffend, wo die Bergkirche steht, haben wir am Nordhang, am Fuß der Stützmauer, die heute den Seilerturm mit der"alten Schule" verbindet, einen Suchgraben aufgeworfen, aus welchem hallstattzeitliche Keramikscherben, einige Bruchstücke aus der Wandervölkerzeit und viele Scherben des 12. und 13. Jahrhunderts hervorgekommen sind. Anhand der Form des Bodens dürfen wir uns erlauben, eine vorgeschichtliche Fluchtburg mit Wall und innerem Graben anzunehmen, die auf der Spitze des Schulberges und auch später bestanden hat. Im 12. Jahrhundert wurde diese alte, vorgeschichtliche, hallstattzeitliche Burg von den Kezder Szeklern, die das Kokelgebiet als Grenzwächter des ungarischen Reiches, welches sich im 12. Jahrhundert nach Süden auszudehnen begann, beherrschten, übernommen und vergrößert. Beim Mongoleneinfall von 1241 bis 1242 wurde diese Burg zerstört, und nach dem schrittweise Verlegen der Szekler in andere Gebiete, siedelten sich zahlreiche Gruppen deutscher Kolonisten an und begradigten in einer titanischen Arbeitsleistung den Schulberg, um dann, in mehreren Bauetappen, die heutige Bergkirche dort zu errichten.

In der Frage des Beginns der mittelalterlichen Besiedlung des Burgbergs haben die Entdeckungen des letzten Jahrzehnts neue Perspektiven und Hypothesen eröffnet.
Bei den Bauarbeiten für das Heizwerk der Gastwirtschaft "Cetate" (ehemals Altfrauenheim) wurden die Überreste eines großen Holzhauses mit Keller entdeckt, das einen Einblick in den zivilisatorischen Stand der ersten deutschen Ansiedler des 13. Jahrhunderts ermöglicht. Die Grabung brachte einen Teil des Kellers des Hauses, einen ebenfalls hölzernen Brunnenschacht, der ziemlich tief in die Erde reichte, ein Faß mit hölzernen Reifen sowie auch einige Wirtschaftsanbauten im Hofe zutage. Der Keller dieses Hauses begann mit einem rechteckigen Grundrahmen aus dicken, vierkantigen Eichenbohlen von 40 cm Dicke, die auf der Höhe des Kellerbodens lagen und auf welche senkrechte Holzsäulen aufgestellt worden waren, die den Oberbau des Hauses trugen. Über dem Keller muß sich eine Wohnung aus Eichenholzbohlen befunden haben, etwa 48 m2 groß, mit mehreren Zimmern, also ein großes Haus für jene Zeiten, als im bäuerlichen Siebenbürgen die Mehrzahl der Wohnungen halbvertiefte Erdhütten von höchstens 16 m2 Wohnfläche waren. Die vorgefundenen Gegenstände, insbesondere die rote, geglättete sächsische Keramik, datieren das Haus nicht vor die Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Die Reste eines anderen hölzernen Kellers der gleichen Zeitperiode und der fast gleichen Bauart wurden 1992-1993 im Untergeschoß des Bakonschen Hauses entdeckt und erforscht.
Auf Grund dieser Entdeckungen kann man die Vermutung aufstellen, daß ein erstes "Stadtviertel" mit gefügtem Gassensystem auf dem Burgberg von den Sachsen angelegt worden ist und sich in einen viereckigen, beschränkten Rahmen zwischen dem Stundturm, dem Bakonschen Haus, der alten Kirchenruine neben der Schülertreppe und dem Zinngießerturrn einfügte.

Dieses erste Stadtviertel des 13. Jahrhunderts scheint in seinem oberen Teil, vor der alten Kirche, einen großen, freien Platz gehabt zu haben, von welchem sich bis heute ein Teil im Südosten im Entenplätzchen erhalten hat. Von diesem freien Platz aus führten zwei Parallelgassen abwärts nach Nordosten, von denen eine sich bis heute erhalten hat: das Pfarrergäßchen. Die andere, heute verschwundene Gasse, führte ungefähr durch die heutige Häusergruppe, die sich zwischen dem Pfarrergäßchen und der Schulgasse befindet und wurde von uns früher als eine Fortsetzung der Klostergasse vermutet, doch ist der heutige Verlauf der Klostergasse eine spätere Verlängerung nach Nordosten der ursprünglichen Gasse, die im 13. Jahrhundert von oben, von der alten Kirche begann und auf dem Burgplatz endete. Das Holzhaus im Untergeschoß des Bakonschen Hauses bestätigte unsere Vermutungen, weil dieses Haus mit der Front zur alten Klostergasse steht und der Hof sich zur heutigen Schulgasse erstreckte.
Hier muß bemerkt werden, daß die heutige Anordnung der Gassen auf der Burg eine andere ist als im 13.-14. Jahrhundert und das Werk eines unbekannten Architekten ist, der drastische Veränderungen im Sinne der damaligen Mode (Spät-Renaissance) auf der Burg nach dem großen Brande von 1676 vorgenommen hat.

Die leidensreiche und zu wenig bekannte Geschichte der Burg von Schäßburg spiegelt sich auch in einer kürzlich gemachten Entdeckung wider. Im August 1999 anläßlich einer Befestigungsarbeit an den Grundmauern eines Hauses auf dem Burgplatz wurde in der Füllschicht des Kellers ein Tongefäß mit einem Silbermünzenschatz gefunden. Das Gefäß konnte nicht mehr geborgen werden, aber von dem Schatz konnten 800 polnische Silbergroschen sichergestellt werden. Leider hat der heutige Besitzer des Hauses den Beistand von Fachleuten nicht angefordert (in Rumänien noch nicht Vorschrift), so daß ein Teil der Münzen wie auch die Scherben des Tongefäßes verloren gegangen sind. Die meisten wurden in der Regierungszeit des Königs Sigismund des III. von Wasa (1587-1632) in Umlauf gebracht, die numismatische Erforschung ist in Auftrag gegeben worden.

Wahrscheinlich gehörte der Schatz einer Schäßburger Kaufmannsfamilie des 16. Jahrhunderts, die ihre Ersparnisse in der äußerst trüben Zeit zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als die Stadt wiederholt erobert und verwüstet worden war, im Keller vergraben hatte.
Zweifelsohne birgt die Burg von Schäßburg, noch viele Kulturvorkommen und Geheimnisse in sich, die darauf harren, ans Licht gebracht zu werden.

Gheorghe Baltag (Schäßburg)


 

balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2004-03-01 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg