Die Schäßburger Dichterin Ursula Bedners wurde achtzig

Ursula Bedners
Ursula Bedners, Tochter des bekannten Schäßburger Arztes Dr.
Fritz Markus, wurde am 14. Mai 1920 in Schäßburg geboren.
Die heute in Schäßburg lebende Lyrikerin und Übersetzerin
blickt auf 50 Jahre literarisches Schaffen zurück.
1969 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband "Im Netz des
Windes". Es folgen die Gedichtbände "Schilfinseln"
(1973) und "Märzlandschaft" (1981).
1974 erscheint eine Auswahl ihrer Gedichte in rumänischer Übersetzung
"Poeme".
1988 erscheint von Ursula Bedners ein kleines Prosabändchen "Hinter
sieben Bergen".
Ursula Bedners ist seit 1978 Mitglied des Schriftstellerverbandes Rumäniens.
Für die Übertragung des Romans " Der schluchzende Affe"
(1979) zeichnete sie 1980 die Schriftstellervereinigung von Hermannstadt
mit einem Preis aus.

Ehrung Ursula Bedners im Presbyterialsaal des Stadtpfarrhauses.
Foto: Wilhelm Fabini
Für das Prosabändchen "Hinter sieben Bergen" erhielt
sie von der Karpatenrundschau den Silberdistelpreis.
Am 17. Mai veranstaltete das Schäßburger Forum in Zusammenarbeit
mit dem Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde in dem Presbyterialsaal
des Stadtpfarrhauses eine Ehrung der Schriftstellerin, an der zahlreiche
Gäste aus Hermannstadt, Mediasch und Kronstadt teilnahmen.
Inge Wittstock würdigte das literarische Schaffen der Jubilarin,
der Vorsitzende des Siebenbürgerforums, Dr. Paul Jürgen Porr,
überreichte ihr (als erstem hiesigen Siebenbürger Sachsen und
als erster Frau) die Johannes-Honterus-Medaille, Hermann Baier überbrachte
die Glückwünsche aller Schäßburger von nah und fern.
Ursula Bedners bot zwei Kostproben aus ihrem Schaffen, eine aus dem Prosaband
"Auf den Spuren der Vergangenheit", den sie jetzt vorbereitet
und der demnächst erscheinen wird.
Die musikalische Umrahmung der Feier bot der Kirchenchor unter der Leitung
von Theo Halmen.
Hermann Baier (Schäßburg)
Kostprobe aus dem Prosaband "Auf den Spuren der Vergangenheit":
Ein Sandhaufen als Schutzengel
(Anfang des 20. Jahrhunderts in Schäßburg)
Damit die Buntziegeln am Stundturm - Wahrzeichen der Stadt -die ein Herbststurm
herabgefegt hat, ersetzt würden, betrauten die Stadtväter Meister
Konrad, den Dachdecker mit der Reparatur. Dieser rückt auch pünktlich
mit seinen beiden Gesellen an und macht sich unverzüglich an die
Arbeit. Hinaufklettern ist eins, dann kommt das Anseilen an die Reihe,
sicher ist sicher. Wie sicher es war, zeigt sich, als Meister Konrad aus
der Schlinge rutscht und kopfüber 50 m in die Tiefe saust. Ein Aufschrei
aus drei Kehlen ist zunächst alles. Wie gelähmt verharren die
Gesellen, ehe sie Hals über Kopf die steile, gewundene Treppe, vorbei
am riesigen, tickenden Uhrwerk, hinabhasten.
Inzwischen rappelt sich Meister Konrad aus dem Sandhaufen hoch, befühlt
Kopf und Glieder, klopft die Kleider ab, wirft einen Blick auf die Turmuhr:
Fünf vor zwölf, Mittagspause, lohnt sich nicht, noch einmal
hinaufzusteigen. Das Eingesackte freilich ist oben geblieben, also beschließt
er, nach Hause zu gehen, die Frau wird ja etwas gekocht haben. Unterwegs
trifft er noch einen Freund, dem er lang und breit sein Erlebnis schildert.
Unten angekommen stellen die Gesellen entsetzt fest, daß die Leiche
auf unerklärliche Weise verschwunden ist. Da rennt einer ins Spital,
der andere, um die Frau von dem Unglück zu benachrichtigen. Atemlos
betritt er die Küche und kann im Angesicht der Frau nur stammeln:
Frau Meisterin, Ihr seid Witwe. Was, schreit sie auf, fasst ihn am Kragen
und schüttelt ihn: Sag das noch einmal! Der Meister ist vom Turm
gefallen, erklärt er während sie Kleider und Mantel überwirft
und auch schon losrennt, ins Spital in die Leichenhalle.
Inzwischen ist Meister Konrad zu Hause angelangt, findet die Küche
leer. Die Frau wird ja hierherum sein, denkt er sich, bei den Hühnern,
im Garten, hebt den Deckel vom Suppentopf, schöpft einen Teller voll
und stellt beim ersten Schluck fest, daß sie noch nicht fertig ist,
auch das Fleisch ist hart. Da schneidet er sich ein Stück Speck und
fängt an zu essen.
Währenddessen stehen die Gesellen ratlos und aufgeregt inmitten von
Neugierigen und beraten, was jetzt geschehen soll: im Spital ist er nicht,
in der Leichenhalle auch nicht, wo also ist er? Als sich jedoch Meister
Konrad leibhaftig durch die Menge drängt und sie anherrscht: Was
steht ihr hier herum, die Mittagspause ist zu Ende, starren sie ihn mit
offenem Mund an, trauen ihren Augen nicht und wenden sich erst zum Gehen,
als er auf den Sandhaufen zeigt: Auf den bin ich gefallen und nun an die
Arbeit!
Ehe sie noch die Treppe erreichen, stürzt Frau Konrad herbei, fasst
ihren Mann am Rockzipfel, dreht ihn zu sich herum und wirft sich ihm an
die Brust: Zuhilf, soviel Glück kann ich allein gar nicht tragen
...

Letztes Update: 2004-03-01
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