HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Bauen heißt ständiges Lernen

Vor hundert Jahren wurde Dipl.-Ing. Architekt Franz Letz (1900 - 1978)
in Schäßburg geboren

Aus Anlaß des hundertsten Geburtstages wird über Leben und Werk des Architekten berichtet. Während der fruchtbarsten Jahre seines Schaffens wohnte Letz in Schäßburg. Hier lag der Schwerpunkt seiner beruflichen Tätigkeit; doch plante und baute er auch in vielen anderen Orten Siebenbürgens.

Franz Letz kam am 11. April 1900 in Schäßburg/Siebenbürgen zur Welt. Der Vater, Baumeister Franz Letz senior (1867?1921), gebürtiger Kronstädter, folgte seinen Brüdern Johann und Karl nach Schäßburg, die dort eine Baufirma gegründet hatten. Die Mutter, Hedwig (1874?1948), war eine Tochter des Schäßburger Gymnasialprofessors Johann Hillner, der später Pfarrer in Meeburg und in Deutsch Kreuz wurde.
Volksschule und Gymnasium besuchte Letz in Schäßburg. Schon im Kindesalter zeichnete er gerne. Als Gymnasiast wurde er durch den pädagogisch hervorragenden Zeichenlehrer Georg Donath sehr angeregt. An die acht Gymnasialjahre auf der Bergschule mit ihrer geschichtsträchtigen Umgebung, der Bergkirche, der Burg mit Ringmauer und Türmen erinnerte er sich dankbar. Rückblickend bezeichnete er seine Lehrer als gut, zum Teil als mitreißend. Dem Gymnasiasten fiel das Lernen nicht schwer und es machte ihm Freude. Das Schönste dieser Zeit war die restlose Hingabe, mit der er sich seinen Lieblingsfächern Zeichnen und Aquarellieren, Mathematik, Naturkunde, Geschichte und Literatur widmete. Schäßburgs Umgebung wurde auf weiten Wanderungen mit Freunden und Lehrern erkundet.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 bedeutete einen Einschnitt in den bis dahin ungestörten Verlauf der Gymnasialjahre. Kriegsbedingt erlosch die Bautätigkeit in Siebenbürgen und der Vater, Franz Letz senior, mußte eine Stelle als Bauleiter im rumänischen Erdölgebiet annehmen, damals Ausland. Frau und Sohn Franz blieben zu Hause in Schäßburg.

Im August 1916 trat das anfangs neutrale Rumänien in den Krieg gegen Österreich-Ungarn und Deutschland ein. Als Ausländer wurde Franz Letz senior von den Rumänen in Husi interniert. Rumänische Truppen überschritten die Karpatenpässe und Siebenbürgen wurde Kriegsgebiet. Die ungarischen Behörden ordneten die Evakuierung der männlichen Bevölkerung über 15 Jahre an. So flüchtete der 16 Jahre alte Franz mit seiner Mutter nach West-Ungarn, von wo beide erst nach Vertreibung der rumänischen Truppen aus Siebenbürgen kurz vor Weihnachten 1916 heimkehren durften.

Inzwischen verlief der Unterricht an der Bergschule wieder in normalen Bahnen. Hinzu kam die Aktivität im Coetus, dessen Rex Letz 1917/1918 war. Mit Tanz und Gesang vergnügte man sich in den Kränzchen und genoß "die schöne Zeit der jungen Liebe", wenn auch mit Einschränkungen wegen des Krieges. Die Reifeprüfung wurde in den März 1918 vorverlegt und anschließend rückten die Abiturienten zum Militärdienst ein. Letz kam zur Ausbildung in die Reserveoffiziers-Schule nach Karlsburg. Infolge des Waffenstillstands im Spätherbst 1918 entließ man die Offiziersschüler nach Hause und der Fronteinsatz blieb ihnen erspart.

Vom internierten Vater Franz Letz senior fehlte seit Sommer 1916 jede Nachricht. Der wurde erst Ende 1918 aus der rumänischen Internierung entlassen und kehrte entkräftet und krank nach Schäßburg zurück, wo er 1921 starb.

Nach dem verlorenen Krieg kam Siebenbürgen an Rumänien und die Bevölkerung erhielt die rumänische Staatsbürgerschaft.
Der zugesicherte Minderheitenschutz wurde in der Praxis fast gar nicht angewandt, zur großen Enttäuschung der Siebenbürger Sachsen.
Franz Letz hatte sich entschlossen, in Deutschland Architektur zu studieren. Im Herbst 1919 erhielt er den Paß. Da Österreich seinen ehemaligen Staatsbürgern sogar die Durchreise verweigerte (!), ging die Bahnfahrt über Budapest nach Prag und endete in Dresden, wo Letz sich an der Fakultät für Architektur einschrieb.

Die fünf Studienjahre in Dresden waren die erlebnisreichsten und bestimmten sein späteres Leben am nachhaltigsten. Neben den Fächern, die ihm die berufliche Grundlage boten, belegte er auch Vorlesungen über Kunstgeschichte, Volkswirtschaft, Literatur und zeichnete und aquarellierte eifrig. In der Freizeit besuchte er Vorträge, Theater- und Opernaufführungen, die berühmte Gemäldegalerie im Dresdener Zwinger, pflegte geselligen Umgang und schloß Freundschaften mit deutschen Kommilitonen, die ein Leben lang dauerten.

Während der letzten drei Semesterferien arbeitete Letz im Privatbüro seines verehrten Professors Martin Dülfer und erhielt auf diese Weis eine praktische Einführung in die Bauplanung. Die Studienzeit fiel in die Inflations- und Hungerjahre in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, eine schwere Zeit für den vaterlosen Studenten.

Im Juli 1924 legte Letz die Diplomprüfung ab und kam mit sehr guten Zeugnissen, jedoch halb verhungert, und wehen Herzens ob der Trennung vom schönen Dresden, nach Schäßburg zurück. Um sich mit den örtlichen Gepflogenheiten, der Kalkulation und den Baupreisen vertraut zu machen, praktizierte der junge Architekt zuerst ein Jahr lang bei der Baufirma Fabini & Klingenspohr in Mediasch. Dort lernte er seine spätere Frau Erna, geb. Brekner (1905?1979) kennen. Der Ehe entsprossen im Lauf der Jahre drei Söhne.

1926 machte sich Architekt Franz Letz selbständig und eröffnete in Schäßburg ein Architekturbüro samt Baugeschäft.
Damals war es in Siebenbürgen üblich, daß Planung und Bauausführung in einer Hand lagen. Der Rückschau auf 73 Jahre seines Lebens fügte Letz eine Zusammenstellung seiner Bauten bei. Aufgezählt werden darin alle von ihm entworfenen und zum großen Teil vom eigenen Baugeschäft ausgeführten Bauwerke:

  • in Schäßburg:
    • 21 Industriebauten bzw. Nebengebäude
    • 34 Wohn- und Geschäftshäuser
    • 24 Aus- und Umbauten
    • 5 Baumgartenhäuser
    • 5 landwirtschaftliche Gehöfte sowie
    • 11 Neubauten oder Renovierungen von Kirchen, Schulen, Kindergarten
  • in Mediasch:
    • 44 Gebäude vom Fabriksbau bis zum Einfamilienhaus, ein Teil davon erst nach 1952
  • in anderen Orten Siebenbürgens:
    • 19 Bauwerke; es handelt sich um Gemeindesäle, Volksschulen, Wohnhäuser, Sanatorien, Arztpraxen etc.

Eine erstaunlich umfangreiche Planungs- und Bauleistung, wenn man bedenkt, daß diese in einer Zeitspanne von 15 Jahren erbracht wurde, von 1926 bis kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, als etwa 1940/41 die Bautätigkeit kriegsbedingt beinahe zum Erliegen kam.
Beispielhaft wird auf einige Bauten von Letz kurz eingegangen:

  • das Wohnhaus des Architekten (1926/27) in Schäßburg, mit Büro-, Wohn- und Wirtschaftsräumen im Erdgeschoß, Schlafräumen und Bad in der Mansarde. Es war mit Möbeln nach eigenen Entwürfen gediegen ausgestattet und diente auch als Vorzeige-Objekt für Kunden.
  • die umfangreichen Renovierungsarbeiten der Klosterkirche (1928) und der Bergkirche (1934). Ausführliche Berichte erschienen im Großkokler Boten
  • der evangelische Kindergarten, geplant nach den damals neuesten Erkenntnissen, errichtet 1935 und bis heute als Kindergarten genutzt
  • Eisenhandlung und Wohnhaus Julius Petrovits (heute abgerissen)
  • Fleischwarengeschäft und Wohnung Georg Winter
  • Arzthaus Dr. J. Waedt und Arzthaus Dr. Capatina
  • Textilwebereien Wilhelm und Richard Löw, Groß, Hayn
  • Seidenweberei, Aktiengesellschaft (inzwischen umgebaut)
  • Tuchweberei Zimmermann, Wiederaufbau nach dem Brand 1936
  • Aussegnungshalle Schäßburg (im Volksmund "Totenhalle")
  • Gemeindesäle: Großlasseln, Peschendorf, Katzendorf, Trappold, Neustadt bei Agnetheln, Dunnesdorf
  • Volksschulen: Schirkanyen, Botsch, Draas, Radeln
  • Wohnhäuser H. Lehrer und Klinger in Mediasch
  • Kulturhaus "Caragiale" der Generaldirektion Gaz Metan in Mediasch (nach 1952)
  • Aussegnungshalle in Mediasch (nach 1952).

 

Wie sah nun der Alltag eines so viel beschäftigten Architekten aus? Gebaut wurde vor dem Zweiten Weltkrieg in der warmen Jahreszeit, der "Saison", ungefähr vom 15. März bis zum 15. November. Den Rohbau errichtete man möglichst im Herbst vor dem Kälteeinbruch. Über Winter trocknete der Rohbau aus und im Frühjahr erfolgten Innenausbau und Gesamtfertigstellung. Gearbeitet wurde an sechs Tagen in der Woche. Während der Saison fand täglich zwischen 7 und 8 Uhr eine Lagebesprechung mit dem Polier statt. Anschließend folgten Besuche von Baustellen, Behörden, Kunden, Handwerksbetrieben und Materiallieferanten bis 18 Uhr, mit einer kurzen Mittagspause. Abends von 20 bis 23 Uhr wurden Planungsarbeiten im eigenen Büro erledigt.

Am Sonntagvormittag stand Kirchgang auf dem Programm, denn Letz war Mitglied des Presbyteriums. Der Nachmittag gehörte der Familie.
In den vier Wintermonaten verlief das Tagesprogramm viel ruhiger, meist mit Entwürfen und Planungen für die nächste Saison. Doch es blieb auch Zeit für die Familie, gesellschaftliches Leben und Weiterbildung.

Auf den Baustellen stand dem Architekten Letz der handwerklich und organisatorisch sehr tüchtige Bauleiter/Polier Michael Sigmund zur Seite, nach dessen Tod Georg Schuster.

Von den Schäßburger Handwerkern und Handwerksbetrieben, die gut, zuverlässig und selbständig arbeiteten, seien hier beispielhaft einige erwähnt:

  • Zimmermeister: Feder, H. und G. Schenker
  • Maurermeister: Enzinger, Schuster, Zickeli
  • Installateure, Spengler: Bachner, Breihofer, Greff
  • Tischlerwerkstätten: Czernetzky, Graef, Langer.

Zusätzlich wurden in Spitzenzeiten Handwerker aus umliegenden Dörfern und Szekler beschäftigt.
Die Arbeiten im Büro bestritt Letz meistens allein, unterstützt von einer Schreibkraft, die auch Lohnlisten erstellte, Löhne auszahlte und einfachere Behördengänge erledigte; in den letzten Jahren Maria Sigmund.

 

Während der Hochkonjunktur Mitte der dreißiger Jahre waren zur Unterstützung von Letz nacheinander die Architekten Both, Weber und Kiss sowie die Praktikanten Frank und Müller im Büro mit Planungsarbeiten betraut.
Bemerkenswert ist, daß Letz nicht nur die Architektenplanung, sondern auch die statischen Berechnungen sämtlicher Bauwerke selbst machte, dank seiner gründlichen und vielseitigen Ausbildung in Dresden. Für heutige Begriffe kaum vorstellbar, daß die gesamte Buchhaltung, Arbeitsvorbereitung, Baustellenorganisation, Aufmaß und Abrechnung mittels eines Notizbuches abgewickelt wurden, das der Architekt stets in der linken Tasche seines Anzugs trug.

Zum Baugeschäft gehörte ein Bauplatz mit Schuppen für Baustoffe und Werkzeuge, mit Holzgerüsten, Leitern, Flaschenzügen, Winden und mit einem einzigen (!) Betonmischer.
Dieser insgesamt sehr "schlanke" Baubetrieb von Franz Letz bewährte sich bestens in der Wirtschaftskrise um 1930 sowie während und nach dem Zweiten Weltkrieg, da es sich um keine personal- und festkostenintensive Firma handelte.

Wie bereits erwähnt, gab es während des Zweiten Weltkriegs nur eine geringe Bautätigkeit in Siebenbürgen. Nach dem Frontwechsel Rumäniens auf die Seite der Sowjetunion wurde Letz zusammen mit andern Sachsen im Mai 1945 von den rumänischen Behörden ohne Angabe von Gründen und ohne sich politisch betätigt zu haben, für sieben Monate in Caracal interniert.

Mit kleinen Gelegenheitsarbeiten versuchte er nach seiner Entlassung, den Unterhalt für die Familie zu bestreiten.
Im Zuge der sozialistischen Verstaatlichungen 1948/49 wurden das Büro, das Baugeschäft, die Häuser und das gesamte Vermögen des Architekten entschädigungslos enteignet. Ohne Arbeit, mit drei Söhnen in der Ausbildung, stand der nun mittellose Mann vor einer beinahe unlösbaren Aufgabe. Darüber zu klagen, lag nicht in seiner Art. Andern ging es ja auch nicht besser.

Den Ausweg brachte die so genannte sozialistische Industrialisierung. Der Staat gründete Bautrusts, die mangels Personal auf die vorhandenen Baufachleute zurückgreifen mußten. So erhielt Letz 1948 eine Stelle bei der Niederlassung Mediasch des Bautrusts Nr. 5. Obwohl der Abschied von Schäßburg schwer fiel, übersiedelte die Familie 1952 nach Mediasch.

Der Wechsel vom freischaffenden Architekten in das abhängige Angestelltenverhältnis war nicht einfach. Trotz schwerfälliger, ineffizienter sozialistischer Planwirtschaft, ungekannter Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung und ständiger Schikanen durch Behörden und Parteifunktionäre, wurden mit großen Anstrengungen Industriekombinate und Wohnblocks in Mediasch, Klein-Kopisch und Tarnaveni gebaut.

1956 übernahm Letz die Stelle des Chef-Architekten der Stadt Mediasch. Vertraut mit Problemen des Städtebaus, gelang ihm die Aufstellung eines Systematisierungsplans, der von zentraler Behörde genehmigt, für Mediasch verbindlich wurde. Mit Geduld und gutem Zureden gelang es häufig, städtebaulichem Unfug zu wehren, leider nicht in allen Fällen. Parteifunktionäre beanspruchten nämlich Sonderrechte für ihre Bauten. Nach Ablehnung ihrer Eingabepläne durch das Stadtbauamt wegen Mißachtung des Systematisierungsplans, erhielten sie nichtsdestotrotz die Genehmigung von der vorgesetzten Regionalbehörde. Dadurch war die Tätigkeit für den Stadtarchitekten oft frustrierend.

So entschloß sich Architekt Letz, mit der Familie 1963/64 nach München zu übersiedeln. Hier arbeitete er noch bis zum fünfundsechzigsten Lebensjahr bei der Baufirma Dyckerhoff & Widmann und anschließend weitere drei Jahre als freischaffender Architekt zusammen mit seinem Studienfreund Hans Högg aus der Dresdener Studienzeit.

Die letzten Jahre widmete Architekt Letz dem baulichen Kulturerbe der Siebenbürger Sachsen und veröffentlichte 1970 bis 1976 Mappen mit Zeichnungen und Texten von den Siebenbürgisch-Sächsischen Kirchenburgen, den Bauernburgen, den Städten und von seinem Geburtsort Schäßburg, die nicht nur im Kreise der Landsleute, sondern auch in der interessierten Fachwelt der Bundesrepublik Deutschland Zuspruch und Anerkennung fanden.

Rückschauend schreibt Letz über sein Schaffen als Architekt: "Durch meine Hochschullehrer und die Arbeiten des Architekten Heinrich Tessenow wurde ich in dem Empfinden bestärkt, daß Einfachheit und Klarheit in der Architektur unsere zeitgemäße Haltung ist. BAUEN HEISST STÄNDIGES LERNEN, und so verläßt mich rückblickend nie das Gefühl, daß man vieles auch besser hätte machen können."
Architekt Franz Letz erlag am 6. Juni 1978 auf einer Kulturreise in Prag einem Herzinfarkt. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Waldfriedhof Solln in München.

Ekart Letz (Germering)

 

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