HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Im Banne der Schmetterlinge

Es mag im Jahr 1954 gewesen sein, als mir auf dem Dachboden unseres Hauses in Schäßburg die Insektensammlung in die Hände kam, die meine Frau Inge als Schülerin zusammengetragen hatte. Da sah ich zum ersten Mal gespannte Falter verschiedener Arten: Kohlweißling, Segelfalter, Schwalbenschwanz, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und Zitronenfalter, die alle gut erhalten und schön präpariert waren. Unter dem wunderbaren Eindruck ihrer Schönheit faßte ich den Entschluß, dieses Hobby zu betreiben.

Bald schon machte ich Bekanntschaft mit dem Schäßburger Apotheker und Sammler Wilhelm Weber, von dem ich die ersten Anleitungen erhielt, für die ich ihm bis heute dankbar bin. Zusammen haben wir oft in Schäßburg und Umgebung Schmetterlinge gefangen und spannende Stunden erlebt, da jeder Fang eines Falters ein Erlebnis ist ? und je bedeutender der Falter, um so spannender der Fang. Zunächst muß man ihn im Flug erkennen, ihm dann nachgehen und beobachten, wo er sich niederläßt, sich dann heranschleichen, die richtige Position einnehmen, das Netz langsam heranführen und fachmännisch zuschlagen. Dann wird ein Glas, in dem sich mit Chloroform getränkte Wattebäusche befinden, in das Netz geführt, über den Falter gestülpt und geschlossen. Diese Dämpfe töten ihn sofort und man kann ihn dann mit einer Pinzette herausholen, in ein Papiertütchen stecken und ins Sammelgefäß legen. So werden Tagfalter gefangen. Zum Fangen der Nachtfalter ist eine starke Lichtquelle nötig, die sie anzieht. Am nächsten Tag folgt dann das Präparieren. Nachdem sie auf dem Spannbrett getrocknet sind, können sie etikettiert und in die Sammlung eingereiht werden.

Ein beliebtes und viel versprechendes Fanggebiet war das Peschendorfer Tal jenseits der Breite, Bajendorf genannt. Kilometerweit zogen sich die Wiesen des Tales, beiderseits flankiert von schönsten Laubwäldern ? ein Paradies für Schmetterlinge, die dort ungestört ihre Metamorphose durchlaufen konnten. Besonders reich war dieses zehn Kilometer lange Tal an Tagfaltern wie Schwalbenschwanz, Schwarzer Apollo, Großer und Kleiner Schillerfalter, Kleiner Fuchs, Distelfalter, Tagpfauenauge, Kaisermantel oder C-Falter. Mit Hilfe eines Wolfsmistes, den ich im Wald fand und mitnahm, habe ich dort in nur einer halben Stunde die vielfältigsten Arten gefangen.

Abenteuer der besonderen Art brachte damals in Schäßburg das Fangen von Nachfaltern mit sich. Als ich einmal nach Mitternacht die beleuchteten "Auslagen" (Schaufenster) der Geschäfte nach Faltern absuchte und bei der Buchhandlung "Cartea Rusa" fündig wurde ? mal oben, dann unten, dann wieder oben einen ?, standen plötzlich zwei Polizisten vor mir, die mich fragten, was ich da mache. Ich erklärte und zeigte es ihnen, doch da sie so etwas noch nie gesehen hatten und mich auch nicht kannten ? zu allem Überfluß hatte ich keinen Ausweis, kein "Buletin", dabei ?, nahmen sie mich mit auf die Wache. Dort mußte ich einem Offizier Rede und Antwort stehen, der mich ebenfalls nicht kannte, schließlich aber mit der Bemerkung entließ: "Totusi e suspect" ? es/er ist trotzdem verdächtig.

Ein anderes Mal befand ich mich nach Mitternacht beim Kino: Ich kauerte in Hockestellung unter einer Lampe am Straßenrand und verfrachtete die auf dem Asphalt befindlichen Falter in mein Fangglas, als zwei Betrunkene sich vom Wirtshaus "Buren" her näherten und der eine laut zum anderen sagte: "Uite ma, acolo se caca unul in mijlocul drumului" ? he, schau mal, da sch... einer mitten auf die Straße! Ich ließ mich nicht beirren und sammelte weiter.

Einmal entdeckte ich an der Zementbrücke schöne Ordensbänder, doch saßen sie so weit oben, daß ich auf die Brückenbogen hinaufkriechen mußte, um in Reichweite zu gelangen. Passiert ist damals Gott sei Dank nichts ...


Eine sehr gefährliche Expedition habe ich zusammen mit Wilhelm Weber in Herkulesbad am Domogled unternommen, wo das ganze Gebirge von Kreuzottern wimmelt, die man dort für medizinische Zwecke gefangen hat. Man mußte bei jedem Schritt aufpassen, um nicht auf eine zu treten. Jenes Gebiet ist allerdings wegen seines erstaunlichen Falterreichtums berühmt, weil dort unterschiedliche klimatische Verhältnisse aufeinander treffen.

Wußten Sie, daß drei Viertel aller heutigen Tierarten Insekten sind? Und daß die Insekten ? mit 800.000 Arten ? die artenreichste Tiergruppe darstellen? Innerhalb dieser Tiergruppe stehen die Schmetterlinge mit ca. 120.000 Arten an zweiter Stelle. An erster Stelle stehen die Käfer, die artenreicher sind.

Entwicklungsgeschichtlich nimmt die Wissenschaft heute an, daß die ersten Schmetterlinge vor ca. 250 Millionen Jahren aufgetreten sind ? damals allerdings nicht in der heutigen Farben- und Formenpracht. Es wird angenommen, daß sie braun bis weiß gefärbt waren.


Von den 120.000 Arten von Schmetterlingen sind 20.000 Tagfalter-Arten, der Rest sind Nachtfalter. Des weiteren gibt es eine Einteilung in Groß- und in Kleinschmetterlinge, die Großschmetterlinge werden darüber hinaus noch in Familien, Gattungen, Arten und Unterarten klassifiziert. Gemäß dieser Einteilung unterscheidet man die Schmetterlinge voneinander - es gibt keine zwei gleichen Arten auf der Welt.

Alle Schmetterlinge haben jedoch einen gleichen Grundbauplan. Ihr Körper besteht aus:

  • dem Kopf mit zwei Augen, zwei Fühlern und einem Saugrüssel
  • dem Brustkorb mit drei Beinpaaren, zwei Flügelpaaren und drei Brustringen
  • dem Hinterleib mit zehn Segmenten, die den Geschlechtsapparat enthalten.

Im Inneren des Körpers haben sie ein Blutkreislauf-, Verdauungs-, Atmungs-, Fortpflanzungs- und Nervensystem.

Der Lebenszyklus der Schmetterlinge verläuft in vier voneinander völlig verschiedenen Stadien: Das Eistadium, das Raupenstadium, das Puppenstadium und das Falterstadium. Alle Stadien zusammen nennt man Metamorphose. Jedes Stadium aber hat seine Besonderheiten und Bedeutungen ? in unseren geografischen Breiten kann zum Beispiel das Puppenstadium dem Überwintern des Falters dienen. Ein ausführliches Eingehen auf die Besonderheiten dieser Entwicklungsstadien ist allerdings in dem hier vorgegebenen Rahmen nicht möglich.
Die Falter haben kein so angenehmes Leben, wie man landläufig annimmt. Sie sind zunächst allen äußeren Widrigkeiten des jeweiligen Ortes ausgesetzt. Hinzu kommt, daß sie viele Feinde haben ? nicht zuletzt den Menschen, der ihnen ihre Umwelt rücksichtslos zerstört. Dadurch verlieren sie ihre Nahrungsquellen und Schutzmöglichkeiten und eine Art stirbt nach der anderen aus.

Vor bestimmten Feinden aus dem Tierreich werden die Schmetterlinge durch ihre Formen, Farben und Zeichnungen geschützt. Zu den wichtigsten Feinden zählen ? außer dem Menschen ? die Vögel, verschiedene Insektenarten wie Fliegen und Milben sowie Pilz- und Bakterienarten.

 

Da sich die Raupen von Pflanzen ernähren, ist das Leben der Schmetterlinge von der Pflanzenwelt abhängig. Man kann sagen: Wo es Pflanzen gibt, gibt es auch Schmetterlinge. Die meisten leben jedoch in den warmen Zonen der Erde. Diese Falter übertreffen alle anderen an Größe, Farbenpracht und Zeichnung. Fast alle hier abgebildeten Falter stammen aus der tropischen Klimazone ? nur jene, die kleiner und weniger bunt sind, stammen aus unseren geografischen Breiten.

Einige Falter haben sich - den Zugvögeln vergleichbar ? ebenfalls das Wandern angewöhnt, weshalb sie auch Wanderfalter genannt werden. Dazu zählt zum Beispiel der Monarch-Falter aus Nordamerika. Er wandert aus Kanada bis nach Mexiko, also ca. 3.000 Kilometer, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 bis 35 Kilometer pro Stunde und etwa 130 Kilometer pro Tag. Diese Schmetterlinge fliegen aus den nördlichen Brutgebieten in die südlichen Überwinterungsgebiete. Auch bei uns gibt es Wanderfalter, zum Beispiel der Linienschwärmer, der Totenkopf, der Oleanderschwärmer und das Taubenschwänzchen. Von all diesen habe ich Exemplare in Schäßburg und am Schwarzen Meer fangen können, da sie aus dem Mittelmeerraum dorthin einfliegen.

Was aber ist das Schöne, das Besondere an den Schmetterlingen, was entzückt uns und was bewundern wir? Zunächst einmal die Tatsache, daß jeder Falter für sich genommen ein Wunderwerk der Natur darstellt in Bezug auf Flügelform, Farbtönung, Farbanordnung, Muster und Zeichnung, die uns in perfekter Symmetrie begegnen. Denn die beiden Vorderflügel haben, genau wie die beiden Hinterflügel, die gleichen Formen, Farben und Zeichnungen. Es gibt nur ganz wenige Arten, die in der Färbung und Zeichnung - aber nicht in der Form! - von dieser Regel abweichen. Anhand der Fotos läßt sich das genau verifizieren. Weiterhin passen alle Farben und Farbnuancen zueinander: das Grün mit dem Schwarz, das Schwarz mit dem Blau etc. Alles an einem Falter ist vollendet. Wir bewundern also die Perfektion und die Harmonie, die sich in den Schmetterlingen verkörpert.
Die unterschiedlichen Farben und Zeichnungen werden von den Schuppen auf den Flügeln und ihrer Anordnung hervorgebracht. Es gibt aber auch Tarnfärbungen und Tarnzeichnungen, zum Beispiel bei einem Schmetterling, der mit geschlossenen Flügeln wie ein trockenes Blatt aussieht, mit Blattrippen und Stiel.

In Schäßburg hat sich der Apotheker Wilhelm Weber seit Jahrzehnten mit der Erforschung der lokalen wie auch der Schmetterlingsfauna von Rumänien befaßt und eine schöne Sammlung zusammengetragen. Besonders stolz dürfen wir Schäßburger auf Dr. Laszlo Rakosy sein, der als erster ein wichtiges Bestimmungsbuch für die Noctuiden Rumäniens erstellt hat.

Das Sammeln ist zu Dokumentations- und Forschungszwecken unentbehrlich, doch sind wir heutzutage alle dazu aufgefordert, die Natur zu schützen und zu bewahren, damit sich noch viele Generationen an ihren Wundern erfreuen können.


Michael Konradt (Geretsried)


 

 

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