HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

150 Jahre seit der Geburt, 70 Jahre nach dem Tod:

Dr. Carl Wolff (1849 - 1928) - ein gebürtiger Schäßburger


Dr. Carl Wolff - Archivbild

Der nähere Wirkungskreis von Dr. Carl Wolff als Volkswirtschaftler, Journalist, Politiker und Landeskirchenkurator war Hermannstadt, doch strahlte von hier sein Einfluß als Anreger und Verwirklicher bahnbrechender Neuerungen vor allem in der Wirtschaftspolitik nachhaltig auf ganz Siebenbürgen aus. Als gebürtigen Schäßburger und Sohn einer angesehenen Schäßburger Familie ehren wir ihn auch als Persönlichkeit unserer Stadt.
Sein Vater, Joseph Wolff, Sohn des Schäßburger Senators Johann Wolff, war Arzt, der zuerst seine Praxis als Spitalarzt ausübte und dann als Stadtphysikus wirkte. Carl Wolff wurde am 11. Oktober 1849 geboren. Aus seiner Kindheit und Jugend sind einige Anekdoten und Begebenheiten überliefert (Carl Wolff von Ungar/Nistor, Kriterion 1981, Kap. C.W. war Schäßburger). So heißt es, seine Schwester habe ihn für den ersten Schulunterricht vorbereitet und dafür 20 Kreuzer monatlich von den Eltern erhalten. Doch habe der Kleine bereits "Wirtschaftssinn" bewiesen und ebenfalls ein Honorar von 20 Kreuzern verlangt mit der Drohung, er werde sonst nicht lernen.
Er besuchte bis 1867 das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo er hervorragende Lehrer hatte. Er war hochbegabt und ein glänzender Schüler. Es wird berichtet, er habe oft bis spät in die Nacht gelesen; zu seiner Lieblingslektüre gehörten Shakespeare und Byron. Er übersetzte bereits als Gymnasiast griechische Dichter. Doch trug das Gymnasium nicht nur zu seiner Bildung bei, sondern formte auch seinen Charakter. Er war ein treuer Kamerad und immer hilfsbereit, bewies Führungseigenschaften und Teamgeist ? Persönlichkeitszüge, die sich in seiner späteren Tätigkeit als Politiker und Volkswirtschaftler bestens bewährten.
Friedrich Müller, Professor und später Rektor des Gymnasiums, nachmalig Bischof, hätte es sehr gewünscht, daß Wolff Theologie und geisteswissenschaftliche Fächer studiere, doch fühlte sich dieser mehr vom Studium der Technik angezogen. Ein Realgymnasium hätte damals entsprechendere Voraussetzungen für ein Ingenieurstudium geschaffen als das Gymnasium von Schäßburg mit seinen theologischen-germanistischen-historischen Überlieferungen. So sattelte er um und studierte in Wien, Heidelberg und an einheimischen Hochschulen Rechtswissenschaften.
Nach dreijähriger Tätigkeit in der Redaktion der renommierten "Neuen freien Presse" in Wien kehrte er nach Siebenbürgen zurück und ab 1. Januar 1874 übernahm er als erster die Leitung des eben gegründeten "Siebenbürgisch-Deutschen Tagesblattes", die Publikation, die zur wichtigsten Tageszeitung von Siebenbürgen werden sollte. Bis zur Abgabe der Leitung des Tagesblattes 1885 war dieses das Forum, von dem er seine politischen und wirtschaftspolitischen Ideen verbreiten konnte. Der Grundgedanke Wolffs ging davon aus, daß das sächsische Volk in den Zeiten des Umbruchs nach Auflösung des Sachsenbodens, staatlicher Magyarisierungspolitik, Verfall des Zunftwesens etc. seine "Kolonisatorenrolle" verloren habe und nur durch eine neue, moderne Wirtschaftspolitik wieder erstarken und sich seine nationale und kulturelle Identität sichern könne. Seine gesamte Tätigkeit verfolgte die Stärkung von Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe aufgrund genossenschaftlichen Gedankengutes. Diese Ziele hatten auch sein Wirken als Direktor der Hermannstädter Allgemeinen Sparkasse und als Gründer der Raiffeisen-Genossenschaft (1885). Er war ein Förderer der Elektrifizierung und des Eisenbahnbaues und des Baues des Wasserversorgungsnetzes. Die elektrische Straßenbahn von Hermannstadt wurde ebenfalls in dieser Zeit angelegt. Kühne zukunftweisende Pläne, wie z. B. die Schiffbarmachung des Alt-Flusses kennzeichneten seinen impulsgebenden Ideenreichtum. Es ist wohl kein Zufall und liegt im Bereich der Modernisierungsbewegung, deren Verfechter, wie geschildert, C. Wolff war, daß zu gleicher Zeit auch in Schäßburg wichtige wirtschaftliche Veränderungen vor sich gingen und Neuerungen stattfanden, die die städtische Infrastruktur modernisierten und das neue Stadtbild von Schäßburg prägten. Zu nennen sind beispielsweise Elektrizitätswerk, Bahnanschluß, Kanalisation, Wasserleitung, Fabriken, Um- und Neubau von öffentlichen Gebäuden und Schulen, Volksbad, Sportanlagen u. a. Wir sehen heute in Dr. Carl Wolff den bedeutendsten Wirtschaftsfachmann der Siebenbürger Sachsen ? und das über seine Zeit hinaus. Er starb hochbetagt und verehrt vor 70 Jahren am 3. Oktober 1929.
Walter Roth (Dortmund)
(SN 13)

 

 

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