HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Interethnisches Jugendbildungszentrum am DFDR-Zentrumsforum Schäßburg

Gefödert durch die Regierung der Bundesrepublik Deutschland und durch das Institut für Auslandsbeziehungen e.V. Stuttgart

Am Samstag, dem 4. November 2000, wurde im Festsaal des Schäßburger Bürgermeisteramtes die Interethnische und Interkulturelle Jugendbildungs- und Begegnungsstätte offiziell eröffnet. Dieses interethnische Bildungszentrum für Jugendliche wird über den Stabilitätspakt für Süd-Osteuropa finanziert, wobei das Projekt von der Deutschen Bundesregierung über das Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (IfA) in Stuttgart gefördert und in Zusammenarbeit mit dem Demokratischen Forum der Deutschen in Schäßburg/Sighis¸oara und dem Jugendforum vor Ort organisiert wird.

Dabei stellt das Schäßburger Forum den idealen Ausgangspunkt dar, so Projektleiter Volker Reiter bei der Eröffnungsrede, in der er unter anderem folgendes berichtete:

Jugend im Aufwind
Ifa-Stabilitätspaktprojekte in Rumänien

"Im Dezember begeht man auch in Rumänien den zehnten Jahrestag des politischen Wandels vom totalitären, menschenverachtenden Ceausescu-Regime hin zu demokratischen Strukturen. Dieser Transitionsprozess, in dessen Verlauf in den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens viel geleistet wurde, wird von einem Großteil der Bevölkerung ziemlich negativ rezipiert. Wirtschaftliche Armut, Zukunftsangst und nicht erfüllte Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Standard westlicher Provenienz führen 70 % der Bewohner Rumäniens laut Umfrageergebnissen zu der Ansicht, dass sie unter der Herrschaft des Diktators Ceaus¸escu besser gelebt hätten.
Gerade bei der jüngeren Generation ist jedwedes Vertrauenin das rumänische Gemeinwesen weitgehend verloren gegangen. Dieser Vertrauensverlust hat im wesentlichen zwei Konsequenzen:

- Die Bereitschaft, am Aufbau von Strukturen im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich mitzuwirken, ist nur in Ausnahmefällen vorhanden.
- Ein Großteil der jüngeren Generation strebt die Auswanderung in ein westliches Land an, beliebte Staaten sind die USA, Kanada, aber vor allem die Staaten der EU. Die Folgen dieser Auswanderungswelle für Rumänien sind fatal, eingedenk der Tatsache, dass insbesondere ein Großteil der Elite abwandert. (20 % der Angestellten des Konzerns Microsoft stammen aus Rumänien.)

Neues Interethnisches Jugendbildungszentrum in der Schanzgasse 
Foto: W. Lingner

Gerade bei den jugendlichen Vertretern der insgesamt 19 anerkannten nationalen Minderheiten Rumäniens treten die oben beschriebenen Phänomene verstärkt auf. 
Das ist darauf zurückzuführen, dass die Minderheiten seitens der Mehrheitsbevölkerung einer gewissen Geringschätzung ausgesetzt sind, ein Phänomen, welches sich insbesondere hinsichtlich der Roma-Bevölkerung und der ungarischen Minderheit aufzeigen lässt.

Eine Ausnahme stellt in diesem Zusammenhang die Anerkennung der deutschen Minderheit in Rumänien sowohl seitens der rumänischen Mehrheitsbevölkerung als auch seitens der meisten Minderheiten Rumäniens dar, eine Anerkennung, die im Juni dadurch ihren Ausdruck fand, dass der Kandidat des Demokratischen Forums der Deutschen aus Hermannstadt bei den Kommunalwahlen als Bürgermeister hervorging, und zwar mit dem besten Ergebnis landesweit.

Somit ist die deutsche Minderheit Rumäniens ein geeigneter Ausgangspunkt für multiethnische Projekte, wie die beiden Ifa-Stabilitätspaktprojekte "Politische Mitbestimmung Jugendlicher verschiedener Ethnien" sowie "Aufbau und Leitung eines interethnischen Jugendbildungszentrums mit 50 Übernachtungsmöglichkeiten am deutschen Forum Schäßburg".

Seit Mitte des Jahres entsteht so am deutschen Forum ein Interethnisches Jugendbildungszentrum (IBZ). Dieses Projekt gliedert sich zunächst in drei Bereiche:
- Restaurierung eines Gebäudekomplexes und zweier Wehrtürme auf der Schäßburger Burg, die im letzten Jahr in das Programm "Unesco Weltkulturerbe" aufgenommen wurde. Die Renovierungsarbeiten werden Ende 2001 abgeschlossen. Nach Abschluss der Arbeiten wird hier eine Jugendbildungsstätte mit Seminarräumen im mittelalterlichen Ambiente Schäßburgs nach europäischem Vorbild betrieben.

- Schaffung von Arbeitsbedingungen, z. B. ein Internetraum im provisorischen Projektsitz in den Räumlichkeiten des deutschen Forums Schäßburg.
- Interethnische Jugendbildungsprojekte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
Auf lokaler Ebene werden vom IBZ in Zusammenarbeit mit den Institutionen der Minderheiten Arbeitsgruppen angeboten, die inhaltlich einerseits stark auf die Minderheiten ausgerichtet sind, wie z. B. Musik und Tanz der Roma, Traditionelle Handwerke der Roma sowie Geschichte und Literatur der ungarischen Minderheit in Rumänien. Andererseits werden aber auch allgemeinbildende und künstlerische Kurse organisiert, in denen jeweils Plätze für die Jugendlichen der Minderheiten reserviert sind. In diesem Bereich sind vor allem der Journalismuskurs, der Kurs zur politischen Bildung, Theater- und Musikkurse und Kurse im Bereich der bildenden Künste zu nennen.

Der Medienbereich ist im Rahmen dieses Projektes von außerordentlicher Wichtigkeit. So wird vom IBZ aus in naher Zukunft eine Minderheitenseite in der lokalen Presse koordiniert und der Kontakt zu regionalen und nationalen Medien intensiv gepflegt.

Auf nationalem und internationalem Plan organisiert das IBZ Anfang November ein Seminar zur Vorbereitung auf ein Minderheitenfestival in Schäßburg, das im Sommer 2001 stattfinden wird. An dem Vorbereitungsseminar nehmen Vertreter von 16 Minderheiten Runmäniens teil, aber auch die rumänische Minderheit aus Serbien und Bulgarien wird vertreten sein. Zur Vorbereitung des Minderheitenfestivals wird das IBZ weitere derartige Seminare organisieren.

Abschließend sei erwähnt, dass es in Rumänien keine Jugendbildungsstätten gibt. So kann das IBZ eine Modellfunktion erlangen, entsprechende Gespräche mit dem Jugendministerium wurden bereits geführt."

Der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt, Harald Gehrig, unterstrich im Kontext die in Siebenbürgen anwesende Vielfalt der Ethnien aber auch der Konfessionen, die zur gegenseitigen Bereicherung von Minderheit und Mehrheit geführt hat.

Auch der Bürgermeister von Schäßburg, Dorin Danasan, IfA-Koordinator Peter Kratzer, Carol König, Direktor beim rumänischen Kulturministerium oder Marius Clonda vom Jugend- und Sportministerium sowie Vertreter von der Liga "Pro Europa" in Neumarkt/Târgu Mures oder "Pro Democratia"-Hermannstadt/Sibiu, wollen an diesem Projekt anpacken und beteiligt sein. Vom Forum sprachen Christian Elges, Vorsitzender des DFD Schäßburg, der Ehrenvorsitzende des Landesforums Paul Philippi und Vorsitzender Wolfgang Wittstock. Roma-Prinzessin Luminita Cioaba? berichtete über die spezifischen Probleme ihrer Minderheit. Die Tagesveranstaltung beendete ein gelungener Kulturabend im Hotel "Europa-Kokeltal 2000" mit Auftritten von Tanzgruppen der Rumänen, der Ungarn und der Roma aus Schäßburg.

Konkret werden schon jetzt im Rahmen des Bildungszentrums außerschulisch Ausbildungs- und Fortbildungskurse in den Bereichen Theater, Tourismus, Umweltschutz, Journalismus, Multimedia, Konversation, zivile Bildung, Fachhandwerk und Fremdsprachen angeboten. Selbst eine Roma-Tanzgruppe wurde seit kurzem ins Leben gerufen, ihre Muttersprache Romanes, können die Angehörigen dieser benachteiligten Minderheit neu in einem Sprachkurs erlernen. Ein moderner Internet-Raum steht überdies den Jugendlichen zur Verfügung. Selbst das Schäßburger Bürgermeisteramt gab dem Zentrum zwei Wehrtürme der Burg zur Verwaltung frei, wo in Zukunft Ateliers für traditionelles Handwerk eröffnet werden sollen, desgleichen will man eine Bühne für Veranstaltungen errichten und, warum nicht, ein Gastronomielokal, das im Menü die kulinarischen Leckerbissen der Minderheitenküche anbietet. Zur Zeit wird auch an einer Jugendherberge gearbeitet, wo 50 Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen werden sollen.

All dies konnten die Vertreter der Ungarn, der Roma, der Serben, der Türken, der Russen, der Albaner, der Ukrainer, der Moslem-Tataren, der Mazedorumänen (Arumunen) und der Rumäniendeutschen schon am Donnerstag besichtigen.

DFDR (Schäßburg)

 

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Letztes Update: 09. Juli 2001 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg