HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Eine Zeitung ist gewissermaßen ein Spiegel der Zeit: Sie berichtet über das aktuelle Geschehen und lässt erkennen, was ihre Leser gerade am meisten bewegt. Wenn wir also in den Publikationen blättern, die den Schäßburgern zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zur Verfügung standen, erfahren wir einerseits, was gerade Stadtgespräch oder von besonderem Interesse für die Öffentlichkeit bzw. gewisse Kreise war, können uns aber auch in die Lage unserer Vorfahren versetzen: Was erfreute sie? Worüber machten sie sich Sorgen? Wovor hatten sie Angst? Viele finden es interessant, in alten Zeitungskollektionen zu blättern. Ich war geradezu fasziniert. Als es endlich gelungen war, von den beiden 1901 in Schäßburg erschienenen Zeitungen der Schäßburger Zeitung und dem Groß-Kokler Boten Kopien zu machen und nach Deutschland zu bringen (hier zu Lande gibt es nur in einer Stuttgarter Bibliothek vereinzelte Exemplare auf Mikrofilm), saß ich stundenlang über den DINA3Kopien und vergaß alles um mich herum. Ich lese einen Namen und überlege: Das könnte der Großvater von dem oder dem gewesen sein. Ich finde mehrere Nachrichten und Berichte über den Umbau unseres Gymnasiums und wundere mich: So viele haben dafür gespendet! Ich lese über das geplante Elektrizitätswerk und stelle fest: Sehr interessant, die Überlegungen damals, das hatte ich alles nicht gewusst. Oder das Sängerfest zu Pfingsten: Ein so großes Kulturereignis in unserer Stadt! Alle Achtung vor den Schäßburger Organisatoren und allen beteiligten musikbegeisterten Siebenbürger Sachsen! Ich mache mir so meine Gedanken bei der Lektüre des Kommentars über die Volkszählung oder der Rezension über ein Buch, dessen Autor Anzeichen für einen bevorstehenden Krieg zu erkennen glaubt Das neue Jahrhundert. In der Silvesternacht 1999/2000 begrüßten wir (ein Jahr zu früh?) das 21. Jahrhundert. Vor 100 Jahren, genau: in der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar 1901 (laut Mathematikergenie Adam Riese der richtige Zeitpunkt) feierten unsere Vorfahren in Schäßburg die vorige Jahrhundertwende. Die Schäßburger Zeitung Nr. 1 vom 1. Januar 1901 steht An der Bahre des (alten) Jahrhunderts und hält Rückschau: Die angestammte deutsche Treue ist uns Gottlob noch nicht abhanden gekommen, sie ist das beste Teil unseres Volksinnern. ,Siebenbürgen ist unserem Volke eine treue, liebende Mutter gewesen, und hat uns genährt und gepflegt. Kein Sachse sei ein undankbarer Sohn. So lautete vor hundert Jahren die Mahnung an uns, die nachkommenden Geschlechter. Wir sind der lieben Mutter bis heute treu geblieben und nie hat undankbares Sehnen uns von der teuern Scholle hinwegzuführen versucht. Was hätte der Verfasser dieser Zeilen am 1. Januar dieses Jahres an der Bahre des 20. Jahrhunderts geschrieben? Aufführung des Musikvereins. Der Groß-Kokler Bote Nr. 1150 vom 6.1. 1901 bespricht die Aufführung von Lortzings Oper Waffenschmied am 28., 29. und 30. Dezember durch den Schäßburger Musikverein. In den Hauptrollen traten auf: Josefine Roth, Mathilde Groß, Herr M. A. Zickeli, Herr Dr. J. Jacobi, Otto Wohl, Josef Teutsch, Heinrich Hausenblaß. Nach anerkennenden Worten über die Leistung der Solisten schreibt der Chronist der Zeitung: Die Solisten der Aufführung ergänzte und unterstützte auf der Bühne in wirksamer Weise und in farbenreicher Kostumierung der Männer und Frauenchor und von unten herauf das prächtige, niemals fehlgehende Spiel des kleinen Orchesters ... Über der ganzen Aufführung schwebte zusammenhaltend und anfeuernd der Taktstock des Herrn Musikdirektors Fleischer Ergebnisse der Volkszählung. Vom 1. bis 10. Januar 1901 fand eine Volkszählung statt, deren Ergebnis die Schäßburger Zeitung Nr. 7 vom 10.2. 1901 kommentiert. Die Einwohnerzahl unserer Stadt war seit der vorigen Volkszählung 1857 von 7996 auf 10 875 angewachsen. Betrachten wir die Seelenzahl der einzelnen Nationalitäten, so stellt sich die Wachstumsziffer bei Weitem am ungünstigsten bei den Deutschen bez. uns Sachsen. Ihre Zahl wuchs von 1880 auf 1890 um 75 und von 1890 auf 1900 um 276 Seelen, im letzten Zeitabschnitt also um blos 5,3 %. Dagegen sind die Romänen in den genannten Jahren um 333 bez. 70, d. i. im letzten Zeitraum um 28,9 % gewachsen und werden des sind wir gewiß in den kommenden zehn Jahren um weitere 1500 zunehmen. Die Magyaren wuchsen von 1880 auf 1890 um 452 und von da bis heute um 576, die Zunahme ihrer Seelenzahl war also 35,3 %, entschieden steigend, wenn auch durchaus nicht so rapid emporwachsend, wie die der Romänen ... Es zählen also nach der letzten Feststellung die Deutschen rund 51 %, die Magyaren 20 %, die Romänen 29 % der Gesamtbevölkerung. Wir Sachsen haben heute in unserer Stadt eine absolute Majorität von nur 81 Seelen noch.
Verkehrsstörung. Die Schäßburg-Agnehtler Eisenbahn ward durch den in der Nacht vom 6. zum 7. in großen Massen gefallenen Schnee, welcher an einigen Stellen auf der Wasserscheide Trappold Henndorf meterhoch lag, gezwungen, ihren Verkehr auf unbestimmte Zeit einzustellen. Es arbeiteten vier Tage hindurch zahlreiche Arbeiter auf der ganzen Strecke an der Bloßlegung des Geleises und wurde der regelmäßige Verkehr am Freitag, den 11. wieder aufgenommen. (Schäßburger Zeitung Nr. 3, 13.1. 1901) Installation des neuen Obergespans. Die Schäßburger Zeitung Nr. 3 vom 13.1. 1901 berichtet ausführlich über die Amtseinführung des neuen Obergespans Dr. Ladislaus von Béldi im Großkokler Komitat, das es nun seit 25 Jahren in dieser Organisationsform gab. Im schmucken Prunksaal des Comitatshauses war eine festlich geschmückte Menge versammelt, auf hohem Balcon ringsum die Damen in schönem Kranz, im SaalParterre die Mitglieder der Comitatsversammlung, Bürger und Bauern im Sonntagskleide, die Commitatsbeamten vollzählig um den grünen Tisch versammelt, Uniformen der Thierärzte, des Forstpersonals und geistliche Ornate brachten Farbenstimmung in das Bild und die richtigen Effectlichter setzten sich aus den farbensatten mit Geschmeide prangenden ungarischen Galagewändern zusammen ... Die Sitzung eröffnete der Vicegespan, indem er den Obernotär beauftragt, die königliche Ernennung des neuen Obergespans vorzulesen. Dann beantragt der Vicegespan, daß sich eine Abordnung mit dem Grafen Johann Haller als Führer in die Amtswohnung des neuen Obergespans begebe, ihn abzuholen, und an ihrer Spitze erschien nach kurzer Frist der Gefeierte im Saale, begrüßt von dröhnenden Hoch, von schneidigen Éljen und von hellen SetreascaRufen. Die Zeitung zitiert aus den Reden u.a. von KomitatsObernotär Dr. Julius Schaser und BankdirektorJulius Balthes (namens des ComitatsMunizipiums Schäßburg). Während des Banketts am Nachmittag desselben Tages brachten auch Stadtpfarrer Johann Teutsch, Bürgermeister Friedrich Walbaum und Prof. Dr. Hans Wolff Trinksprüche aus. Sprachschwierigkeiten. Dieser Tage wollte ein Herr mit dem Nachtzug von Schäßburg nach Klausenburg fahren, trat an den Fahrkartenschalter und verlangte in deutscher Sprache eine Karte nach Klausenburg. Die Kassierin erklärte, nicht zu wissen, was Klausenburg sei, wogegen der Herr ihr vergeblich bedeutete, er verstehe magyarisch nicht. Schon wollte er zum Stationschef, um Beschwerde zu führen, als ein anwesender Kutscher den Geographiekenntnissen der Kassierin auf die Beine half und ihr verdolmetschte, der Herr wolle nach Kolozsvar (Schäßburger Zeitung Nr. 5, 27.1. 1901) KindergartenJubiläum. Am letzten Sonntag, den 3. Februar l. J. fand hier im Saale der evangelischen Mädchenschule A. B. ein wahrhaft kindlichschönes, aber seltenens Fest aus Anlaß des 25jährigen Bestandes des hiesigen evang. Kindergartens, der unter der Leitung der Gründerin desselben, Frau Josefine RothGottschling steht, unter sehr großer Beteiligung seitens des p. t. Publikums statt (GroßKokler Bote Nr. 1155 vom 10.2. 1901) Die I. Baiergässer Nachbarschaft hielt hier am 15. d. nachmittags
einen belustigenden Faschings-Burenumzug und führte auf einem 12 Meter langen bekränzten
Wagen das zukünftige Elektrizitätswerk für unser Kleingewerbe vor.
(Großkokler Bote Nr. 1156 vom 17.2. 1901) Der GroßKokler Bote kündigte am 3. März (Ausgabe Nr. 1158) eine neue Ausstellung an: Ende dieser Woche steht uns ein neuer künstlerischer Genuß bevor. Herr Coulin wird hier in Schäßburg eine Ausstellung seiner Arbeiten veranstalten. Er gehört ebenso wie Professor Fleischer, den wir auch erst vor kurzem kennen und schätzen gelernt haben, zu den jungen siebenbürgischen Malern, die in jahrelang hartem Ringen die Feuerprobe für ihre Kunst bestanden haben Feuerwehr-Generalversammlung. Vorigen Sonntag nachmittags 2 Uhr hielt die hiesige freiwillige Feuerwehr ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung bei reger Teilnahme seitens der aktiven und unterstützenden Mitglieder im Saale des alten Gewerbevereinshauses ab. Nach Erstattung des Rechenschaftsberichtes pro 1900 erfolgte die Neuwahl der Funktionäre und Chargen mit nachstehendem Ergebnis: Obmann: M. A. Zickeli; Obmannstellvertreter: Fr. Zimmermann; Steigerlöschmeister: Joh. Falk; Steigerlöschmeister-Stellvertreter: Franz Haleksy; Spritzenmannschafts-Löschmeister: Heinrich Groß; Spritzenmannschafts-Löschmeister-Stellvertreter: Johann Reschner; Schutzmannschafts-Löschmeister: Georg Ungar; Schutzmannschafts-Löschmeister-Stellvertreter: Johann Roth. Zum Schriftführer wurde ernannt: Adolf Höhr (Groß-Kokler Bote Nr. 1159 vom 10.3. 1901) Umbau des Gymnasiums. Mit der Abtragung des Schulgebäudes des hiesigen evang. Gymnasiums A. B. ist am 11. d. M. begonnen worden. Zu Ende dieser Woche war das Gemäuer vom Dachstuhl blosgelegt. (Groß-Kokler Bote Nr. 1160 vom 17.3. 1901)
Schon seit Monaten berichteten die beiden Schäßburger Zeitungen über das große Vorhaben Umbau des Gymnasialgebäudes. 83 Jahre war das Gebäude nun alt, und inzwischen viel zu klein: Seit 1817 hat sich die Schülerzahl gewiß verdreifacht, da dieselbe noch 1851 nur 111 betrug und heuer auf 257 gestiegen ist, ... Den von der modernen Schulhygiene gestellten Anforderungen entspricht kaum einer der Unterrichtsräume und ein Neubau ist die schwere Sorge, die schon seit Jahren die Väter unserer Stadt beschäftigt. (Schäßburger Zeitung Nr. 50 vom 16.12. 1900) Aus derselben Zeitung erfuhren die Leser, dass im Januar 1900 das Presbyterium den Herrn Stadtingenieur Gottfried Orendi ersucht hatte, einen Plan für den Umbau des Gebäudes anzufertigen. Der dann vorgelegte Plan fand allgemeine Zustimmung: Darnach bleiben die Umfassungsmauern des jetzigen Gebäudes stehen, die innern Mauern werden abgetragen, alle Plafonds und Gewölbe durchgeschlagen, es wird ein zweiter Stock aufgebaut und ein Anbau in der Richtung gegen das Collegengärtchen geplant. Die Kostenvoranschläge wiesen die hohe Summe von 86 155 K 34 h aus. Den Bauauftrag erhielt auf dem Licitationswege die Firma Gebrüder Leonhardt, die einen Kostennachlass von 12,99 % angeboten hatte. Mit dem Bau sollte am 1. März begonnen und das Gebäude am 1. September 1901 seiner Bestimmung übergeben werden. Zur Finanzierung der Baukosten beschloss das Presbyterium, ein größeres Amortisations-Darlehen von der Hermannstädter Sparkassa aufzunehmen und Eichenbestände im Kirchenwald zu verkaufen. (Schäßburger Zeitung Nr. 1 vom 1.1. 1901) Außerdem wurden die Bürger aufgefordert, mit Spenden den Umbau des Gymnasialgebäudes zu unterstützen. Am 3. März berichtete die Schäßburger Zeitung über eine kleine Feier zum Abschied vom alten Schulgebäude. Gymnasialdirektor Daniel Höhr beendete seine Rede mit den Worten: Lassen Sie uns heute, liebe Schüler, von diesen Räumen Abschied nehmen mit dem festen Entschluß, auch in Zukunft diese andere Mutter unseres Lebens zu ehren mit starkem tatbereitem Willen, aus allen unseren Kräften Abschied nehmen mit der Bitte zu Gott, Er möge unserem Auszug aus diesen Räumen beschieden sein lassen einen frohen, von Seinem Schutz und Segen begleiteten Einzug in das neue, auf dieser Stätte zu erbauende Heim unserer teuern Schulanstalt. Fast in jeder der beiden Schäßburger Zeitungen findet sich eine Nachricht über Spenden zum Umbau des Gymnasiums. Es spendeten Nachbarschaften, Fabrikanten, Kaufleute, Lehrer, Pfarrer, Beamte, Handwerker; Schäßburger sowie Personen aus Karlsburg, Agnetheln, Bistritz u. a. Ortschaften, vor allem ehemalige Schüler des Schäßburger Gymnasiums. Die Summen liegen zwischen 1 Krone (eine Witwe aus Karlsburg) und 2857,82 Kronen (der löbliche Hypotheken-Kreditverein) in der Liste, die die Schäßburger Zeitung in ihrer Ausgabe vom 19. Mai 1901 veröffentlichte. Elektrizitäts- und Wasserwerk. Der vielverdiente Bürgermeister unserer Stadt Friedrich Walbaum reiste vor mehreren Tagen nach München, um die Verträge wegen der Erbauung des Elektrizitäts- und Wasserwerks mit der dortigen Unternehmerfirma Oskar von Miller endgültig abzuschließen. (Groß-Kokler Bote Nr. 1164 vom 14.4. 1901) Am 17. März hatte dieselbe Zeitung ausführlich über einen Vortrag von Ing. Oskar von Miller aus München in dem Saale des Gewerbevereins vor einer zahlreichen Versammlung von Bürgern aus allen Kreisen unserer Stadt berichtet. Der Gast, Erbauer vieler Elektrizitäts- und Wasserwerke (z.B. in Nürnberg, Frankfurt, Straßburg, Hermannstadt) erläuterte sein Projekt für ein neues Elektrizitäts- und Wasserwerk in Schäßburg. Die Versorgung dieser Stadt mit Wasser und Licht beschäftigt Ihre Behörde schon lange. Sie haben auch schon ein Projekt für ein Wasserwerk gehabt. Es wurde nicht ausgeführt, weil es mit zu großen Kosten verbunden gewesen wäre. Auch für ein Elektrizitätswerk hatten Sie nicht nur einen Plan, sondern sogar einen Vertrag abgeschlossen und doch ist es gut, daß das Werk nicht errichtet worden ist, denn Sie werden dadurch in den Stand gesetzt, diese beiden so hochwichtigen Fragen mit einemmale zu lösen, ohne daß es so großer Geldopfer bedürfe, als sie bei der Errichtung zweier getrennter Werke nötig gewesen wären Generalversammlung des Stadtverschönerungs-Vereins. Dieselbe findet Sonntag, den 24. März l. J. nachmittags 3 Uhr im Zeichensaale der ev. Mädchenschule mit folgender Tagesordnung statt: 1. Jahresbericht; 2. Jahresrechnung pro 1900; 3. Voranschlag pro 1901; 4. Wahl des Vorstandes; 5. Etwaige Anträge. Um zahlreichen Besuch wird gebeten. (Groß-Kokler Bote Nr. 1160, 17.3. 1901) Hauptversammlung des Schäßburger Männerturnvereins. Die diesjährige ordentliche Hauptversammlung des Schäßburger Männerturnvereins fand am 22. April l .J. im Gesellschaftszimmer des neuen Gewerbevereinshauses unter der Leitung des Vorstehers Julius Unberath statt. Die Schäßburger Zeitung Nr. 19 berichtet über den Verlauf der Versammlung, zitiert aus dem Jahresbericht und veröffentlicht anschließend den neuen Turnrat. Dem Jahresbericht wird u.a. Folgendes entnommen: Die Jahresrechnung weist bei 1094 K 72 Einnahmen und 977 K 96 Ausgaben einen Kassarest von 116 K 76 aus. Der Verein zählte am 31. Dec. 1900 Mitglieder 197 darunter 74 Turnerinnen gegen 163 im Vorjahr. Geturnt wurde an 90 Abenden bei einem durchschnittlichen Besuch von 15 Turnern, gegen 22 des letzten Jahres Das einzige Schauturnen fand am 1. Juli auf dem Turnplatz der Bürgerschule statt bei einer Beteiligung von 25 Turnern und 40 Turnerinnen In den neuen Turnrat wurden gewählt: Prof. Julius Unberath, Vorsteher; Prof. Carl Seraphin, Turnrat; Apotheker A. W. Lingner, Geldwart; Assessor Dr. Hans Maetz, Schriftwart; Prof. Theodor Fabini, Stadtarzt Dr. Josef Bacon, Prof. Dr. Hans Wolff Turnräte. Brückenbau. Kundmachung. Die löbliche Stadtcommunität hat in ihrer Sitzung am 30. März 1901 Z. 64/1901 beschlossen: 1. Der Hundsbach ist von seiner Einmündung in die Baiergasse bis zu der Baiergässer Brücke zu überdecken und sind die hiezu nötigen Arbeiten sofort zu beginnen 4. Die Gesamtbausumme von 8800 Kronen ist aus den Ersparnissen des laufenden Jahres zu decken (Schäßburger Zeitung Nr. 16, 14.4. 1901) Patentierte Erfindung eines Schäßburger Meisters. Herr Schmiedemeister Friedrich Philippi hat eine ,Moment-Ausspann- und Schnelleinspann-Vorrichtung erfunden, die er beim kön. ung. Patentamt in Budapest und beim kaiserl. Patentamt in Wien zur Patentierung angemeldet hat. Die Vorrichtung unterscheidet sich von allen bisherigen ähnlichen besonders durch ihre einfache Construktion und ihre daher geringen Herstellungskosten Patentanwalt J. Kalmar in Budapest hat sich sehr anerkennend über die Erfindung geäußert, indem sie die Mängel aller bisherigen beseitige und die Gefahren beim Scheuwerden der Pferde auf ein Minimum herabsetze. (Schäßburger Zeitung Nr. 19, 5.5. 1901) Zwei Theateraufführungen. Schillers romantische Tragödie ,Die Jungfrau von Orleans wurde zur Erinnerung an die Jahrhundertwende ihrer Vollendung am vorigen Samstag und Sonntag (27. und 28. April) in ihren Hauptszenen von Schülern des hiesigen evang. Obergymnasiums, unter der gefäll. Mitwirkung hiesiger Fräuleins: Marie Höhr, Hedwig v. Steinburg, Guste Adleff, Emma Siegmund und Elise Theil als Schulfeier vor jedesmal ausverkauftem Hause aufgeführt (Groß-Kokler Bote Nr. 1167 vom 5.5. 1901) Das Sängerfest in Schäßburg. Eines der größten Ereignisse für die Schäßburger Sachsen im Jahre 1901 war, wie den Zeitungsberichten zu entnehmen ist, offensichtlich das dritte große Sängerbundfest, das der am 15. August 1892 in Hermannstadt gegründete Siebenbürgisch-deutsche Sängerbund zu Pfingsten 1901 (25.27. Mai) veranstaltete. Der Austragungsort wechselte alle drei Jahre, diesmal war Schäßburg an der Reihe, und die Organisation lag in den Händen von Mitgliedern des Schäßburger Männerchors, die in dieser Zeit auch den Bundesvorstand bildeten. Schon die Vorbereitungen waren gewaltig. So schrieb z.B. die Schäßburger Zeitung vom 21.4. 1901: Da keiner unserer öffentlichen Räume die voraussichtliche Zahl von 400500 Sängern samt sonstigen Gästen und hiesigem Zuhörerpublikum zu fassen vermag, so ist der Bau einer Sängerhalle beschlossen worden, den die hiesige Firma Brüder Leonhardt aus Holzfachwerk und für den Preis von 4000 K fertig zu stellen sich bereit erklärt hat. Dieselbe soll bis 30. April stehen auf dem Platz gegenüber vom Männerbad, dem früheren Eislaufplatz. Und in derselben Ausgabe der Zeitung zum Thema Unterbringung der Gäste: Der Quartierausschuß wird schon in wenigen Tagen mit der Bitte um Beherbergung der Sänger und Gäste anklopfen und rechnet auf ein lautes, freundliches ,Herein, das den lieben Gästen willig Herzen und Thüren öffnet Die Schäßburger Zeitung Nr. 23 vom 2. Juni 1901 berichtet ausführlich über den Verlauf des dreitägigen Sängerfestes: Empfang der Gäste auf dem Bahnhof am Samstagnachmittag; Begrüßungsabend in der Festhalle am Samstagabend; Festgottesdienst in der Klosterkirche und Gesamtprobe für das Festkonzert in der Festhalle am Sonntagvormittag; Bannerweihe und Festkonzert in der Festhalle am Sonntagnachmittag ab 3 Uhr; Festkommers in der Festhalle am Sonntagabend ab 9 Uhr; Sängertag im Unterhaltungszimmer des neuen Gewerbevereinshauses und Festzug durch die Stadt am Montagvormittag; Festessen in der Festhalle am Montag zu Mittag; Ausflug in den Siechhofwald am Nachmittag desselben Tages. Es wurden viele Reden gehalten (seitens der Schäßburger: Vorstandsstellvertreter Friedrich Markus, Bezirksdechant und Stadtpfarrer Johann Teutsch, Bundesvorstand Julius Balthes, Frieda Schuster, Prof. Dr. Julius Jacobi, Bürgermeister Friedrich Walbaum), und es wurde natürlich viel gesungen: die teilnehmenden Chöre aus Agnetheln, Bistritz, Broos, Fogarasch, Hermannstadt, Kronstadt, Mediasch, Mühlbach, Reps, Sächsisch Regen und Schäßburg sangen einzeln, a cappella oder mit Begleitung von Instrumenten oder Orchester, aber auch zusammen als Massenchor. Am Ende seines Berichts über das Sängerfest im Groß-Kokler Boten (Nr. 1171 vom 2. Juni 1901) stellt der Verfasser fest: Die Festtage sind verrauscht; der Alltag fordert seine Rechte. In die Arbeit desselben können wir das Bewußtsein mittragen, ein echt deutsches Fest gefeiert zu haben: bei aller Farbenmannigfaltigkeit, bei allem Frohsinn und Festesfreudigkeit, kein ungeordnetes Gewoge und Gedränge, kein Johlen und nächtliches Skandalieren, bei ausgeprägtem nationalem Grundton keine takt- und zwecklosen Demonstrationen oder Provokationen. Wir können das Bewußtsein mittragen, daß unsere Vaterstadt wieder einmal sich treue Freunde innerhalb unseres Völkchens erworben hat, denen die schönen Tage, die sie in ihren Mauern zugebracht, die herzliche Aufnahme, die sie gefunden, in lieber Erinnerung verbleiben werden. Scopationsfest. Am 1.d.M. ist man wieder einmal ,scopatum gewesen und unsere lieben Kleinen und Großen haben ihre Freude gehabt. Der eigenartig schöne Zug bewegte sich im altgewohnten bunten Schmucke der Fähnchen, Uniformen und Blumenkränze und -kronen, unter dem stolzen Rasseln und Klirren der Säbel und den Klängen unserer wirklich wackern Schülermusik vom Bürgerschulhof aus die Burg hinauf auf den Pfarrhofplatz, wo in althergebrachter Gepflogenheit ,Der Mai ist gekommen gesungen und dem Herrn Stadtpfarrer, wie alljährlich, das Hoch ausgebracht wurde. Dann gings zum Marktplatz hinunter. Daselbst sang man ,Siebenbürgen und brachte dem Herrn Bürgermeister und allen Freunden und Gönnern der Schule die gewohnte Ovation dar. Unter der Schanze erst löste sich der Zug auf, die Jüngsten kehrten unter der Führung der Eltern und Lehrer um, die Größeren pilgerten im Schweiße ihres Angesichts zur Breite hinauf. Wagen auf Wagen rückten allmählig heran, sie waren in den ,hergestellten Wegen wirklich nicht stecken geblieben. Es wurde wieder einmal lebendig im Schatten der alten Eichen, die seit vielen Jahrzehnten nun so manches Fest schon mitgemacht (Schäßburger Zeitung Nr. 24 vom 9.6. 1901) Maturitätspüfungen. Die Reifeprüfung der Schüler unseres Gymnasiums findet am 27. und 28 Juni unter dem Vorsitz Seiner Hochwürden, des Herrn Superintendentialvikars D. Fr. Teutsch und unter Beisein des Regierungsvertreters, Herrn Universitätsprofessor Dr. Stefan Schneller im Musiksaale des Alberthauses statt. Gemeldet sind zu dieser Prüfung 14 Schüler. (Schäßburger Zeitung Nr. 26, 23.6. 1901) Und das Ergebnis? Eine Woche später veröffentlichte die Schäßburger Zeitung die Resultate der Maturitätsprüfungen an den Gymnasien von Hermannstadt, Bistritz, Mediasch und Schäßburg: Schäßburg von 14 Schülern 13 zugelassen, 1 bestand mit Vorzug, 5 mit gut, 6 mit hinreichend und 1 fiel in Mathematik bis September. Gewitter. Am 26. d.M. ging über Schäßburg ein schweres Gewitter dahin. Mehrere heftige Blitzschläge folgten aufeinander; wie man erzählt, schlug es in die Pappel im Balthesischen Garten in der Baiergasse, ein zweitesmal in der Hüllgasse ein. Am selben Tag wurde auch Hermannstadt und Umgebung von mehreren Gewittern mit Hagelfall heimgesucht und ist auch eine Girelsauer Frau sammt Kind auf dem Feld vom Blitz erschlagen worden. (Schäßburger Zeitung Nr. 27, 30.6. 1901)
Es war gar nicht einfach, einige Nachrichten und Zitate für Sie, liebe
Leser, auszuwählen. Sie sollten einen kurzen Überblick über das Geschehen und die
Probleme in unserer Stadt in der ersten Hälfte des Jahres 1901, also von vor 100 Jahren,
bekommen. Ob es gelungen ist? In unserer nächsten Folge werden wir versuchen, Ihnen
anhand von Zeitungsberichten die zweite Jahreshälfte 1901 in Schäßburg vor Augen zu
führen.
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