HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Der Applaus war überwältigend
"Kabale und Liebe" - denkwürdige Theateraufführung der Bergschule vor 50 Jahren

 

Mit der Schulreform im Jahre 1948 wurde die deutsche Lehrerbildungsanstalt von Hermannstadt mit der deutschen Lehrerinnenbildungsanstalt von Schäßburg zusammengelegt. Beide fanden unter dem Namen „Deutsche Pädagogische Schule“ in der Schäßburger Bergschule ihr neues Zuhause. Die neue Schule konnte unter Direktor Paul Schuller und seinem Lehrkörper den überlieferten Charakter als eigenständiger deutscher Kulturträger trotz Druck und Gängelung durch die kommunistischen Behörden weiterhin bewahren. Man sah sich in die Pflicht genommen, neben der beruflichen schulischen Ausbildung auch allgemeiner Kulturträger zu sein, so wie es einst die Schäßburger deutschen Vereine gewesen waren, die mit ihren zum Teil anspruchsvollen klassischen Aufführungen von Opern, Operetten und Theaterstücken sowie mit sinfonischen Konzerten Meilensteine gesetzt hatten.


Rehner als Millerin, Wagner als Miller, Schuster als Luise. 
(Archivbild)


1.7 Florescu als Ferdinand, Menning als Präsident von 
Walter: "Du bist der Lady gemeldet... Du wirst dort 
sein, oder fliehe meinen Zorn."                  (Archivbild)


3.1 Menning als Präsident von Walter, Irtel als Wurm: 
"Gnädiger Herr, Zwang erbittert die Schwärmer immer, 
aber bekehrt sie nie."                                  (Archivbild)


3.2 Menning als Präsident von Walter, Kirschlager als 
Hofmarschall von Kalb: "Will nicht - will nicht - ich hab's 
in der ganzen Stadt schon herumgesagt."   (Archivbild)

Man entschloss sich daher im Jahr 1950, ein anspruchsvolles Bühnenwerk zur Aufführung zu bringen, wobei die Wahl auf Schillers bürgerliches Trauerspiel „Kabale und Liebe“ fiel, in welchem die Dramatik durch Inhalt, mitreißenden Schwung der Sprache und straffe Szenenführung äußerst wirkungsvolle Höhepukte erreichte. Dies Stück hatte die aus Berlin stammende, dort ausgebildete und auch dort wirkende Schauspielerin Margot Göttlinger vorgeschlagen, die über eine reiche Bühnenerfahrung verfügte. Es hatte sie seinerzeit nach Siebenbürgen verschlagen, und weil sie in den Nachkriegsjahren ihren Wohnsitz in Schäßburg bezogen hatte, konnte sie glücklicher- und dankeswerterweise als Regisseurin für die Inszenierung gewonnen werden. Bei der Bewältigung dieser Aufgabe wurde sie von Egon Machat, dem Deutschlehrer der Schule, wirkungsvoll unterstützt. 

Zunächst galt es, die Hauptrollen zu besetzen. Margot Göttlinger ließ sich von ausgewählten Schülern und Lehrern längere Textteile des Trauerspiels vorsprechen und traf dann im Beisein des Deutschlehrers Egon Machat ihre Entscheidungen. Für die Rolle des Präsidenten von Walter bedurfte es einer reiferen Person, und man fand diese im damaligen Übungsschullehrer Friedrich Menning, von dem man erfahren hatte, dass er als Schüler Theater gespielt hatte. Eine reifere Person wurde auch für die Rolle des Stadtmusikanten Miller gebraucht. Die Wahl fiel auf den Schüler Günther Wagner, der nach Jahren der Zwangsarbeit in der Sowjetunion nun seine Ausbildung hier in der Lehrerbildungsanstalt nachholte. Die Rolle der Lady Milford wurde mit der Schülerin Irmtraut Hayn besetzt, die ebenfalls von der Deportation aus Russland zurückgekehrt war. Für Major Ferdinand wurde der Bankangestellte Victor Florescu gewählt, auf den man durch seine vorherige Beschäftigung als Sekretär der Schule aufmerksam geworden war. Den Sekretär Wurm sollte der Musiklehrer der Schule, Ernst Irtel, spielen. Sehr geglückt war auch die Besetzung der Luise Millerin mit der Schülerin Hiltrud Schuster, die später das Publikum nicht nur durch ihre äußere Erscheinung, sondern auch durch ihr einfühlsames, natürliches Spiel besonders beeindruckte. Regisseurin Margot Göttlinger spielte vorbildlich abwechselnd die Rolle der Lady Milford und die Rolle der Luise. Auch die übrigen Darsteller wirkten in ihren Rollen später so überzeugend, dass man froh war, die richtige Wahl getroffen zu haben. Die ganze Rollenbesetzung sah dann so aus:

  • Präsident von Walter: Friedrich Menning (Übungsschullehrer)

  • Ferdinand, sein Sohn: Victor Florescu (Bankangestellter)

  • Hofmarschall von Kalb: Hans Kirschlager (Schüler, 3. Sem.-Klasse)

  • Lady Milford: Margot Göttlinger (Berufsschauspielerin, Regisseurin) Irmtraut Hayn (Schülerin, 4. Sem.-Klasse)

  • Wurm, Haussekretär des Präsidenten: Ernst Irtel (Musiklehrer)

  • Miller, Stadtmusikant: Günther Wagner (Schüler, 4. Sem.-Klasse)

  • Dessen Frau: Helga Rehner (Schülerin, 4. Sem.-Klasse)

  • Luise, deren Tochter: Hiltrud Schuster (Schülerin, 3. Sem.-Klasse)Margot Göttlinger (Berufsschauspielerin, Regisseurin)

  • Sophie, Kammerjungfrau der Lady: Johanna Hienz (Schülerin, 3. Sem.-Klasse)

  • Kammerdiener des Fürsten: Hermann Pitters (Schüler, 4. Sem.-Klasse)

  • Gerichtsdiener: Johann Untch (Schüler, 2. Sem.-Klasse)
    Alfred Fetz (Schüler, 4. Sem.-Klasse)



2.7 Fechtszene "lupta de clasa!" ausschlaggebend für 
die Freigabe der Aufführung.                    (Archivbild)


2.7 Im Zimmer des Stadtmusikanten, Wagner als Miller: 
"Knie vor Gott alte Heulhure, und und nicht vor - 
Schlemen....                                                     (Archivbild)


2.2 Hienz als Kammerjungfer, Hayn als Lady Milford, 
Pitters als Kammerdiener zitternd: "Edelsteine wie diese 
da - Ich hab auch ein paar Söhne drunter." (Archivbild)

Nun wurde Szene um Szene, Abend für Abend, oft bis spät in die Nacht hinein geprobt. Dabei achtete Margot Göttlinger nicht nur auf die Gestaltung wirkungsvoller Auftritte, sondern auch auf eine bühnenreine Aussprache, sodass die späteren Aufführungen beträchtlich an Qualität gewannen. Sie entwarf auch die Bühnenbilder, die ihr Gatte Gustav Binder, ausgebildeter Bühnenbildner, mit viel Geschick anfertigte. Den größten Teil der zeitgemäßen Kostüme fand man in einer Truhe des Schäßburger Musikvereins, der Rest wurde von der Schneiderfamilie Weißkopf, von Brigitte Kotsch und von weiteren Helferinnen angefertigt. Die Perücken hatte man sich vom aufgelösten Landestheater in Hermannstadt besorgt.

Vor der Premiere war noch eine beschwerliche Hürde zu nehmen: Die Aufführung musste von staatlicher Seite genehmigt werden. Die Lösung dieser Aufgabe hatte Direktor Paul Schuller übernommen. Zur Generalprobe stellte sich eine Kommission aus der Hauptstadt Bukarest ein, die das Bühnengeschehen argwöhnisch verfolgte. Als dann in der siebenten Szene des zweiten Aktes die Fechtszene über die Bühne ging, erhellten sich die Gesichter der Kommissionsmitglieder, und mit proletkultischem Enthusiasmus bemerkte einer: „Aici se vede lupta de clasa. Reprezentatia se aproba.“ (Hier ist der Klassenkampf sichtbar. Die Aufführung wird genehmigt.)


Die hinter den Kulissen v.l.n.r.: Ludwig Gergel, Gernot Wagner, Hans Polder, 
Heinz Roth, Konrad Adleff, Prof. Hans Weber, ?, Otto Hahn, Hogo Fleischer, 
Adolf Aescht, Franz Kostend, Kurt Bartmus.                               (Archivbild)

So konnte die Premiere am 29. Januar 1951 im ausverkauften Schäßburger Stadthaussaal stattfinden. Für die Organisation war Deutschlehrer Egon Machat zuständig. Er hatte nichts dem Zufall überlassen, sondern vielmehr eine ganze Truppe für die Arbeiten auf der Bühne zusammengestellt, wobei jeder genau wusste, was er zu tun hat. Da musste jeder Handgriff sitzen. Selbst für die Zuweisung der Sitzplätze im Saal hatte er nette Schülerinnen bestellt, die ihrer Aufgabe in einer sehr höflichen Art und Weise nachgingen. Die Truppe hatte sich bereits zwei Stunden vor Spielbeginn eingefunden, denn die Darsteller mussten noch geschminkt werden. Allen war das Lampenfieber vom Gesicht abzulesen. Als dann die Souffleuse Herta Höhr ihren Platz eingenommen hatte, wurde es mäuschenstill auf der Bühne. Der Gongschlag ertönte, der Vorhang ging auf, das Spiel nahm seinen Lauf und steigerte sich von Szene zu Szene, sodass man die Spannung auch im Publikum verspürte. Der Applaus nach den einzelnen Aufzügen und vor allem am Schluss war überwältigend.

So kam es, dass es nicht nur bei einer Aufführung blieb. Es folgten noch eine Reihe von Aufführungen: vormittags, nachmittags, abends. Der Erfolg hatte sich so weit herumgesprochen, dass man sich zu Gastspielfahrten überreden ließ. Es fanden weitere Aufführungen in Mediasch, Hermannstadt, Heltau, Kronstadt, Neustadt, Weidenbach, Reps und Agnetheln statt. Insgesamt wurde „Kabale und Liebe“ 28-mal aufgeführt. Es gebietet sich, diese denkwürdige Leistung der Bergschule nach 50 Jahren noch einmal in Erinnerung zu rufen.
Friedrich Menning (Bempflingen)

 

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