HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Die Instandsetzung der Bergkirche (1993-1999)
Nachtrag zur jüngeren Geschichte der Bergkirche

 

Viele unserer Schäßburger können sich nur schwer daran gewöhnen, wie sich das Aussehen der Bergkirche in den letzten Jahren verändert hat, ist doch das bruchsteinsichtige, vom Zahn der Zeit geprägte Gemäuer ein seit altersher gewohnter, im Bewußtsein und in der Erinnerung verankerter Anblick hinter einem gelb eingefärbten Putzkleid verschwunden. Und fühlt man sich schon des liebgewonnenen, Alter, Würde, Tradition, ja Erfurcht einflößenden, romantischen Anblicks beraubt, so ist zu allem Überfluss auch das gewohnte Kopfsteinpflaster des Umwegs bis zur Kirche hoch von Betonplatten bedeckt! 


Die Bergkirche umrüstet 1997. 
(Foto: W. Lingner)


Luftaufnahme der Bergkirche kurz nach 
Baubeginn 1994. (Foto: Georg Gerster)


Das neue Dach. (Foto: Martin Zinz)

Bekanntlich hängt beides mit den im Jahre 1993 begonnenen, wohl seit Jahrhunderten umfangreichsten Instandsetzungsmaßnahmen an der Bergkirche zusammen, die voraussichtlich noch in diesem Jahr zum Abschluss gebracht werden können. Danach werden die Betonplatten verschwinden, da sie lediglich die Auffahrt des schweren Baustellengeräts bis zur Bergkuppe ermöglicht haben und gleichzeitig einen Schutzbelag für das Pflaster bilden. 

Der Verputz der Kirche jedoch soll und wird hoffentlich die nächsten Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte überdauern, denn er ist gleichermaßen ein Schutzbelag, eine Schutz- und Verschleißschicht für das darunterliegende Mauerwerk.


Längsbohrungen im Mauerwerk für das "Vorspannverfahren" mit stählernen Ankern. 
(Foto: Martin Zinz)


Bischof D. Christoph Klein besichtigt die 
Baustelle mit Baumeister Horst Zikeli und 
Stadtpfarrer Hans Bruno Fröhlich. 
(Foto: Martin Zinz)

Diese ist zwar ganz bewusst aus konservatorischen Gründen, doch wohlgemerkt nicht als Neuerfindung der heutigen Denkmalpflege aufgebracht worden, sondern als getreue Wiederherstellung des in geringen Resten noch vorhandenen Putzes aus der Erbauungszeit. Die Farbe Gelb war direkt auf diesen Putz aufgetragen, wie mittels restauratorischer Untersuchungen festgestellt werden konnte, allerdings überlagert von einem zeitgleich in weißer Farbe aufgemalten Fugennetz: Diese ursprüngliche Fassadengestaltung glatter Verputz mit aufgemalter Mauerwerksimitation aus gelben Steinquadern mit weißen Mörtelfugen entspricht einer allenthalben in der europäischen Gotik verbreiteten Farbkonzeption. Die Entscheidung für das Gelb, jedoch gegen eine Rekonstruktion des weißen Fugennetzes begründet sich darin, dass die vorhandenen Mittel vorrangig für die Sicherung des Bauwerks einzusetzen waren.


So kannten wir die Bergkirche. (Foto: W. Lingner)


So erstrahlt sie nun im neuen Putzkleid. (Foto: W. Lingner)

Diese Mittel sind bekanntlich von der Messerschmitt Stiftung München zur Verfügung gestellt worden, die sich bereits Ende der 80er Jahre für den Erhalt der deutschen Siedlungen in Rumänien eingesetzt hatte und nach den Ereignissen von 1989-1990 nunmehr konkret Hilfestellung leisten wollte. Während eines ersten Erkundungsbesuches in Schäßburg im Herbst 1992 einigten sich Dr. von Srbik, Geschäftsführer der Stiftung, Bischof D Dr. Klein und der damalige Schäßburger Stadtpfarrer Grau, dem Vorschlag von Dr. Machat von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege der UNESCO) zu folgen und die Bergkirche modellhaft instandzusetzen. Mit der Durchführung der Arbeiten wurde der Schäßburger Bauunternehmer Horst Zickeli beauftragt, als Architekt konnte Sándor Benczédi vom Architekturbüro M in Sf. Gheorghe gewonnen werden. Der Winter 1992/93 wurde dazu genutzt, das denkmalpflegerische Gesamtkonzept unter der Federführung von Christoph Machat und nach bundesdeutschen Maßstäben zu entwickeln, führende Experten der Denkmalpflege in Rumänien und Deutschland als Mitarbeiter zu gewinnen und die logistischen Vorbereitungen für die Einrichtung der Baustelle zu treffen. Als Grundlage der Planung dienten die Bauaufmaße der Bergkirche, die vom Schäßburger Architekten Kurt Leonhard freundlicherweise zur Verfügung gestellt worden waren.

Vorrangige Ziele der Instandsetzung waren die statische Sicherung der Kirche, die im Laufe der Jahrhunderte von Erdbeben mehrfach geschädigt worden war, die zimmermannsmäßige Reparatur des aus dem Lot geratenen Dachstuhls, die Reparatur bzw. Erneuerung der Dachdeckung und die Restaurierung der Wandgemälde. 

Eine gründliche Untersuchung des Bauwerks, u.a. durch den Münchener Bauforscher Dr. Mader oder Befunduntersuchungen durch Prof. Mohanu von der Kunstakademie Bukarest dienten der Klärung technischer Probleme und der Festlegung erforderlicher Eingriffe. Daraufhin wurde das Projekt zur statischen Sicherung mittels Betonringankern von Ing. Pavelescu/Bukarest zugunsten des seit Jahren in Deutschland erfolgreich angewandten sogen. Vorspannverfahrens aufgegeben, dessen Ausführung von Dr. Haller/Karlsruhe geplant und begleitet wurde. Bei diesem Verfahren an der Bergkirche zum ersten Male in Rumänien angewandt werden nach horizontalen Längsbohrungen im Mauerkern stählerne Anker eingebracht, die an den Gebäudeecken miteinander verbunden und zusätzlich unter Spannung gesetzt werden, entsprechend den Be-rechnungen der jeweiligen Erdbebenkoeffizienten. Diese an der Universität Karlsruhe durchgeführten Berechnungen hatten übrigens ergeben, daß im damaligen Zustand die Bergkirche bei einem stärkeren Erdbeben wie ein Kartenhaus zusammengefallen wäre. 

Mit der Ausführung der Bohrarbeiten einschließlich Vorspannen wurde die Münchener Niederlassung der Firma Wolfsholz beauftragt. Die statische Sicherung war im Frühjahr 1996 abgeschlossen, nachdem auf Veranlassung von Ing. Pavelescu zur Aussteifung der Mauerkrone ein Metallrahmen oberhalb der Gewölbe eingebracht worden war.

Parallel dazu waren auch weitere Sicherungsarbeiten im Gange, wie die zimmermannsmäßige Reparatur des Dachstuhls und die Reparatur bzw. letztlich die Erneuerung der Dachdeckung. Untersuchungen der vorhandenen Dachziegeln hatten ergeben, dass neben sehr unterschiedlichen Formen die meisten der Ziegeln zu mürbe waren, um weiterhin Verwendung zu finden. So wurde die Form des Schwalbenschwanzes als Dachziegel gewählt und die traditionsreiche Schäßburger Ziegelfabrik beauftragt, ein kleines Probekontingent zu brennen, das zwei Jahre auf Haltbarkeit und Farbe getestet werden konnte, bevor das Dach neu gedeckt wurde. Mit den Putzarbeiten (eingangs geschildert) konnte naturgemäß erst nach Abschluss der statischen Sicherung be-gonnen werden. Gleich-zeitig wurden die Steinarbeiten - Fenstergewände, Maßwerk, Statuenzyklus an den Chorstrebepfeilern, Gurt- und Sockelgesimse in Angriff genommen, Arbeiten, die eine hohe restauratorische Qualifikation erfordern und daher bekannten Steinrestauratoren aus Ungarn anvertraut wurden.

Ähnlich international gestaltete sich auch die restauratorische Behandlung der Wandgemälde bzw. des Innenraums der Bergkirche. Um auch hier höchsten fachlichen Ansprüchen zu genügen, konnte im Sommer 1995 ein dreimonatiger internationaler Restaurierungskurs für Wandmalerei veranstaltet werden, ein Fortbildungskurs für Restauratoren, der unter der Federführung von ICCROM Rom stand, dem einzigen internationalen Restaurierungszentrum der UNESCO.

Unter den vielfältigen und interessanten Ergebnissen der Kursarbeit sei die Datierung der verschiedenen Malschichten und Abfolge der Wandmalereien, das Restaurierungskonzept oder die farbliche Behandlung der Raumschale erwähnt, verbunden mit der Gewissheit, dass die Freilegung der Wandmalereien 1934 fachlich einwandfrei ausgeführt worden ist. Die ab 1996 durchgeführten Konservierungsarbeiten wurden von Prof. Mohanu und seinem Team durchgeführt. Weitere Wandgemälde waren während des Kurses 1995 im Innern der Kirche nicht gefunden worden, doch erlaubte abfallender Putz in der inneren Laibung der südlichen Turmarkade 1998 die Entdeckung und Freilegung des Patronatsbildes mit Szenen aus der Legende des hl. Nikolaus, dem (ehemaligen) Kirchenpatron der Bergkirche, entstanden wohl um 1380.

Weitere Arbeiten im Innern der Bergkirche und ihre künftige Nutzung seien kurz zusammengefaßt: Nach dem baustellenbedingten Ausräumen der Bänke und des Gestühls in der Halle sind die wichtigsten Exemplare des historischen Gestühls einschließlich Chorgestühl vom Holzrestaurator Mihaly Ferry behandelt und rückgeführt worden. Um die sehr hohe Feuchtigkeit im Innern bekämpfen zu können, musste der Boden im Innern ausgekoffert werden. 

Nach archäologischen Untersuchungen sie werden in einer Festschrift dargelegt werden wurde die Halle mit einem in Längsbändern verlegten Steinboden versehen. Während der Chor weiterhin als Andachtsraum zur Verfügung stehen wird, soll die Halle eine Reihe wertvoller Flügelaltäre aus anderen Kirchen (inzwischen ohne Gemeinde) aufnehmen, die museal präsentiert werden. Als Altar wurde auf dem gemauerten Altartisch im Chor der Flügelaltar aus Schaas aufgestellt.

Zur Sanierung, insbesondere der Entfeuchtung des Sockelmauerwerks sind auch außen eine Reihe von Erdarbeiten erforderlich gewesen, u.a. die Absenkung des Bodens auf das ursprüngliche Niveau. Auch hier wurden in letzter Zeit archäologische Untersuchungen vorgenommen, die demnächst veröffentlicht werden. Da die Messerschmitt Stiftung Ende 1997 die weitere Förderung (nach Investitionen von über 5 Millionen DM) eingestellt hatte, konnte mit Mitteln des rumänischen Kulturministeriums weiter gearbeitet werden. 


Innenarbeiten und Restaurierung der Wandgemälde.
 (Foto: Martin Zinz)

 


Letzte Innenarbeiten vor der Einweihung (24.4.1999)
mit Aufbau des Schaaser Altars. (Foto: Martin Zinz)

In Anbetracht der jeweiligen Haushaltslage war es jedoch bislang nicht möglich, die Arbeiten zu beenden und die Bergkirche ihrer Kirchengemeinde voll funktionsfähig zu übergeben. Zur Zeit besteht jedoch berechtigte Hoffnung auf baldigen Abschluss, da die neue Mannschaft im Bukarester Kulturministerium vor kurzem die erforderliche Restfinanzierung zugesichert hat.

Eine Festschrift mit der ausführlichen Darstellung sämtlicher Arbeiten ist in Vorbereitung, um auch auf diesem Wege die Baustelle Bergkirche - ein hervorragendes Beispiel der Zusammenarbeit rumänischer, ungarischer und deutscher (einschließlich Schäßburger) Experten - gebührend zu würdigen. 
Christoph Machat (Köln)

 

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