Ein vorzüglicher Fachmann und Wissenschaftler
Dr. Ing. Robert Jakobi -
der letzte sächsische Stadtingenieur von Schäßburg
Drei sächsische Stadtingenieure mit Hochschulausbildung waren zwischen 1861 und 1944 in Schäßburg tätig:
-
Dr. Wilhelm Mild (1829-1910) leitete das Bauamt von 1861 bis 1899. Ein kurzer Bericht über Milds Tätigkeit von Dipl.-Ing. Arch. Kurt Leonhardt erschien in Schäßburg, Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart, Bd. II, herausgegeben von der Schäßburger Nachbarschaft Heilbronn, 1991.
-
Dipl.-Ing. Gottfried Orendi (1867-1913) übernahm das Amt 1899 und führte es bis zu seinem frühen Tod 1913. Über Orendis Leben und Wirken berichtete Dipl.-Ing. Ekart Letz in den Schäßburger Nachrichten der HOG Schäßburg vom 1. Dezember 1999.
-
Dr. Ing. Robert Jacobi (1877-1954) folgte Orendi 1913 als Leiter des städtischen Bauamtes bis zu seiner Pensionierung1938 bzw. bis 1944.
Mit der hier vorliegenden Würdigung Dr. Ing. Robert Jakobis soll die Reihe über die sächsischen Stadtingenieure von Schäßburg abgeschlossen werden.
Robert Jacobi wurde am 7. Dezember 1877 in Schäßburg geboren. Sein Vater, Martin Jacobi, gelernter Kaufmann, arbeitete als Prokurist in der Spezerei-, Schnitt- und Modewarenhandlung J. B. Teutsch in Schäßburg. Von der Mutter, Bertha, geb. Habersang, erbte Robert die musische Begabung. Sein Großvater mütterlicherseits, Karl Julius Habersang, stammte aus Leipzig und war seinerzeit zusammen mit Max Moltke, dem Dichter des Siebenbürgenliedes, nach Siebenbürgen gekommen. Habersang ließ sich in Schäßburg nieder und eröffnete 1844 auf der Burg die erste Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung der Stadt.
Studium im Ausland
Robert Jacobi besuchte die Grundschule und das Bischof-Teutsch-Gymnasium in Schäßburg, welches der vielseitig begabte Schüler 1896 mit glänzenden Matura-Ergebnissen abschloss. Seine große Vorliebe für Musik ließ ihn ernsthaft ein Musikstudium in Leipzig in Erwähnung ziehen. Sein praktischer Sinn siegte jedoch über die künstlerische Neigung, und er wandte sich der Technik zu. In München und Karlsruhe studierte er Bauingenieurswesen und legte 1903 erfolgreich die Diplomprüfung ab. Als Diplomarbeit hatte Jacobi den Entwurf eines Schleusenkanals zu bearbeiten, der einen größeren Fluss mit einem Parallelkanal verbindet, dessen Wasserspiegel 20 m über dem Niedrigwasser des Flusses liegt. Die Arbeit wurde mit der Note gut bewertet.
Anschließend an sein Studium erwarb sich Jacobi gründliche und vielseitige praktische Kenntnisse als Mitarbeiter oder Leiter auf großen Baustellen: Teltow-Kanal Berlin, Staudamm und Elektrizitätswerk am Walchensee, Kanalisation und Wasserleitung in Kaschau und
Neusohl.
Während einer kurzen Tätigkeit in Hermannstadt heiratete er 1906 seine Jugendliebe Paula, geb. Zimmermann aus Schäßburg. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Rolf und Paula, verh.
Honigberger.
Von 1907 bis 1912 leitete Jacobi große Streckenerweiterungen der österreichisch-ungarischen Staatsbahn in Oberungarn, heute Slowakische Republik.

Dr. Ing. Robert Jakobi mit Ehefrau und Enkelkindern,
ca. 1940 (Archivbild)

Dr. Ing. Robert Jakobi (Archivbild)
Die Sehnsucht nach der Heimat führte die Familie nach Siebenbürgen zurück. Zuerst war Jacobi etwa ein Jahr lang als Stadtingenieur in Mühlbach tätig. Nach Gottfried Orendis Tod 1913 trat er in den Dienst seiner Vaterstadt Schäßburger als Chef des Stadtbauamtes ein. Über eine Zeitspanne von 25 Jahren leitete er dieses Amt sehr erfolgreich bis zu seiner Pensionierung 1938 und darüber hinaus noch einmal von 1940 bis 1944. Daneben hatte er bis 1932 als Direktor auch das städtische Elektrizitäts- und Wasserwerk zu betreuen. In seinen Aufgabenbereich fielen viele große und kleine städtische Bauvorhaben, die er zu planen und auch in eigener Regie des Bauamtes auszuführen hatte. Dabei verfügte er über einen sehr kleinen Mitarbeiterstab.
Im Folgenden werden nur seine wichtigsten, größeren Arbeiten aufgeführt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Projekt für Flussregulierung
1914,ein Jahr nach Jacobis Amtsantritt, brach der Erste Weltkrieg aus. Die in dieser kurzen Zeitspanne geleisteten Vorarbeiten und Planungen für die Erweiterung der städtischen Kanalisation und Wasserleitung mussten vorerst zurückgestellt werden. Während der Kriegsjahre 1914-1918 erstellte Jacobi ein Vorprojekt für die Regulierung des Flusslaufs der Großen Kokel. Als Fachmann für Wasserbau war er sich der Wichtigkeit dieser Maßnahme bewusst, um die Stadt in Zukunft vor Überschwemmungen zu schützen. Die schwierige finanzielle Lage von Stadt und Staat nach dem Ersten und dann auch nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubten es leider nicht, sein Projekt zu verwirklichen. Es vergingen über 60 Jahre in dieser Zeit erlitt die Stadt schwere Schäden durch drei große Überschwemmungen, bis die inzwischen sozialistische Regierung sich 1975 dazu entschloss, den Fluss zu regulieren. Die ausgeführten Bauten weichen allerdings erheblich von Jacobis Vorstellungen ab und sind aus städtebaulicher Sicht wenig überzeugend.
Nur langsam fand die Nachkriegswirtschaft nach 1920 in normale Bahnen zurück, und die Nachfrage nach neuen Bauplätzen wuchs. Die Parzellierung des infrage kommenden Bauerwartungslandes für die Erweiterung der Stadt stellte das Bauamt vor schwierige Aufgaben. Nur nach jahrelanger mühevoller Arbeit konnten städtebauliche Gesichtspunkte durchgesetzt werden. Endlich wurden auch die zurückgestellten Erweiterungsarbeiten von Wasserleitung und Kanalisation wieder aufgenommen. Es kamen die Asphaltierung bzw. Pflasterung von Straßen und Wegen hinzu. Der Neue Weg wurde tiefer in den Berg eingeschnitten, und der Sportplatz samt Holztribühne wurden angelegt.
Moderneres Wehr aus Stahlbeton
In den Jahren 1925 1927 ergab sich eine neue große Aufgabe für das Bauamt: Das alte Rutenwehr, durch den alljährlichen Eisgang der Kokel beschädigt, entsprach den Anforderungen nicht mehr. Nach Jacobis Berechnung und Planung wurde das Rutenwehr in eigener Regie der Stadt durch ein damals modernes Wehr aus Stahlbeton ersetzt. Weil der Stadtingenieur äußerste Wirtschaftlichkeit zum Ziel hatte, gelang es ihm, mit seinem Wehr-Projekt im Vergleich zu früheren staatlichen Entwürfen mehrere Millionen Lei einzusparen. Durch das neue Wehr wurde ein gleichbleibender Wasserstand im Mühlengraben erreicht und eine zuverlässige Versorgung der Turbinen des Elektrizitätswerkes sichergestellt. Wie bekannt, ist das Wehr infolge der Kokelregulierung nach 1975 aufgelassen und das Elektrizitätswerk stillgelegt worden.

Das Betonwehr erbaut 1925/27, zerstört 1980. (Archivbild)

Anlageplan für das neue Betonwehr 1927. (Archivbild)
Parallel zu diesen Arbeiten entfaltete Jacobi eine rege private Entwurfs- und Bautätigkeit im Hochbau. Einige Beispiele: das Sanatorium Dr. Müller/Dr. Leonhardt (heute Entbindungsklinik), die Häuser Richard und Wilhelm Löw in der Albertstraße, eine Kraftwerksanlage in Keresztbànya und um 1940 zusammen mit Architekt Hans Letz das Kino in der Unteren Baiergasse. Ferner beaufsichtigte er als Bauleiter im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde die Renovierungen der Kloster- und Bergkirche, den Neubau des Kindergartens sowie des Südflügels des Alberthauses.
Dissertation als 56-Jähriger
Trotz beruflicher Überbürdung arbeitete Robert Jacobi in der Freizeit laufend an seiner fachlichen Weiterbildung und an ingenieur-wissenschaftlichen Studien. (Letztere sind am Ende dieses Beitrags aufgeführt.) 1933, also 30 Jahre nach der Diplomprüfung, reichte der inzwischen 56-jährige Diplom-Ingenieur an der TH Karlsruhe seine Dissertation zum Thema Zur Hydrographie des Siebenbürgischen Hochlandes ein und erwarb den Grad eines Doktor-Ingenieurs für Bauwesen. Die Dissertation ist die erste wissenschaftliche, auf jahrelangen Messungen an den Gewässern beruhende Studie über die Niederschlagsverhältnisse und die monatlichen Abflussmengen in Siebenbürgen.
Als die alte hölzerne Siechhofbrücke baufällig wurde, entstand 1936 1937 nach statischen Berechnungen und Plänen von Dr. Ing Robert Jacobi die so genannte Neue Brücke über die Kokel. Es handelte sich hierbei um eine Bogenbrücke aus Stahlbeton mit angehängter Fahrbahn. Sie überspannte den Fluss wegen der Hochwasser-Gefahr frei von Ufer zu Ufer und war damals nach modernsten Gesichtspunkten geplant worden und auch für Schwerlastverkehr geeignet. Jacobi war besonders glücklich, dass seine Brücke im Vergleich zu anderen Entwürfen wirtschaftlicher war und der Stadt 1,5 Millionen Lei Einsparungen gebracht hatte, was damals eine beachtliche Summe war. Leider wurde auch dieses Bauwerk während der Kokel-Regulierung 1980 abgetragen.
Ab 1936 wurde in Schäßburg das Erdgas eingeführt. Bis zu seiner Pensionierung war Jacobi auch an der Projektierung des städtischen Leitungsnetzes für Erdgas beteiligt. Im Juni 1938 trat Dr. Ing. Robert Jacobi in den wohlverdienten Ruhestand.
Aber offensichtlich fand sich kein qualifizierter Nachfolger. 1940 wurde er wieder zum Chef des Stadtbauamtes berufen und blieb es noch bis 1944. In dieser Zeit war er mit Straßenbauten, Kanalisationsprojekten und dem Bau der Brücke über den Schaaser Bach am Ende der Hüllgasse beschäftigt.
Muße für Musik
Nach 1944 widmete er sich wissenschaftlichen Fragen, erstellte Gutachten und Studien im Auftrag des Ministeriums für Elektrische Energie und der Generaldirektion für Hydrometeorologie in Bukarest. Nun fand er auch die nötige Muße, seinen musikalischen Neigungen nachzugehen. Er komponierte sechs Sonaten, ein Trio, mehrere Romanzen und Präludien, neun geistliche Kantaten, mehrere Chöre und etwa 25 Lieder.
Mit Freude erlebte er, dass seine Kompositionen in Schäßburg aufgeführt wurden und gute Aufnahme fanden. Zudem war Jacobi ein guter und sensibler Pianist, und man kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass er der bedeutendste Laienmusiker Schäßburgs im 20. Jahrhundert gewesen ist. Die Tochter Paula Honigberger, geb. Jacobi, hat den musikalischen Nachlass ihres Vaters größtenteils sichern können.
Die Sichtung und Wertung dieses Nachlasses dürfte eine reizvolle Aufgabe für einen Musik-Fachmann sein. Schließlich sei daran erinnert, dass Robert Jacobi viele Jahre lang zweiter Vorsitzender des Schäßburger Musikvereins war und das Musikleben seiner Vaterstadt mitgeprägt hat.
Wie bereits erwähnt, hat Dr. Ing. Robert Jacobi sich eingehend mit hydrographischen Fragen und Studien beschäftigt und zahlreiche ingenieur-wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, die für fachlich interessierte Leser hier aufgezählt werden:
-
Verfahren zur Bestimmung der günstigsten Abmessungen für drucklose Kraftwasserleitungen, Verlag Oldenbourg, München, 1927;
-
Monographie des Groß-Kokel-Tals, Handschrift, 1927;
-
Zur Hydrographie des Siebenbürgischen Hochlandes (Dissertation), Markus-Verlag, Schäßburg, 1933;
-
Rechnerische Ermittlung der Abflussdauerlinie einer Fluss-Strecke, Oldenbourg, München, 1934;
-
Die orographische Konstante im Abflussproblem der Gewässer, Verein für Math. Wissenschaften, Hermannstadt, 1935/1936;
-
Zur Schiffbarmachung des Pruth, Oldenbourg, München, 1936;
-
Beitrag zur rechnerischen Bestimmung des sektoralen Wertes einer Fluss-Strecke, IRE. Bukarest, 1936;
-
Studie zur Berechnung wasserwirtschaftlicher Gleichgewichtsstörungen, IRE. Bukarest, 1940;
Die Wasserkräfte Rumäniens, Oldenbourg, München, 1941;
-
Über Wiederholungserscheinungen im Haushalt fließender Gewässer, Oldenbourg, München, 1941;
-
Beitrag zur Bestimmung der größten Hochwassermenge, Oldenbourg, München, 1943;
-
Vorschlag für eine neue Form gewölbter Talsperren aus bewehrtem Beton (in rumänischer Sprache), Constructii, Bukarest, 1950.

Die Betonbrücke erbaut 1937, abgetragen 1980. (Archivbild)

Anlageplan für die Betonbrücke und die neue
orthodoxe Kathedrale 1927. (Archivbild)

Villa Richard Löw in der Albertstraße (Archivbild)
Die hier angeführten Veröffentlichungen Jacobis sind sowohl von der Fachpresse als auch von Universitätsprofessoren aus Deutschland, Rumänien und Russland sehr günstig und anerkennend beurteilt worden. So z. B. von Prof. Dr. Ing. Rehbock, Karlsruhe; Oskar von Miller, München; Prof. Dr. Dorin Pavel, Bukarest; Prof. Dr. Eugen Oppokov, Kiew. Der technische Nachlass Dr. Ing. Robert Jacobis ist von dessen Sohn Rolf Jacobi der Siebenbürgischen Bibliothek auf Schloss Horneck zur Verfügung gestellt worden und kann dort eingesehen werden. Eine fachmännische Sichtung und Wertung dieses Nachlasses dürfte ebenfalls eine interessante Aufgabe sein.

Der Sportplatz errichtet 1934. (Archivbild)
Abschließend ist zu sagen, dass Dr. Ing. Robert Jacobi ein vielseitiger Bauingenieur, ein über unsere Heimat hinaus anerkannter Wissenschaftler und Forscher auf dem Gebiet der Hydrographie und ein begabter Laienkomponist gewesen ist, dessen Wirken für Schäßburg unsere Würdigung verdient.
Robert Jacobi starb am 21. August 1954 in seiner geliebten Heimatstadt. Ekart Letz,
(Germering)
P.S.: Mein besonderer Dank gebührt Frau Paula Honigberger, geb. Jacobi, und Herrn Helmut Honigberger (Tochter bzw. Enkel R. Jacobis) für die freundlichen Hinweise, die Überlassung von Unterlagen und die Gewährung von Einblick in das Familien-Archiv Jacobi, die notwendig waren, um vorliegende Würdigung zu verfassen. Ebenso dem Schäßburger Stadtarchiv, das uns alle noch vorhandenen Pläne zur Verfügung stellte. Gleichzeitig möge dieser Beitrag unsere Schäßburger Landsleute anregen, über verdiente Persönlichkeiten zu schreiben, Erinnerungen aus dem Leben der Stadt festzuhalten und diese in den Schäßburger Nachrichten zu veröffentlichen.
Ekart Letz (Germering)

Letztes Update: 2003-01-13
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|