HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Schäßburg das heißt mittelalterliche Stadtburg, heißt fast einen Kilometer Ringmauer, mit noch neun von 14 Wehrtürmen, Bergkirche, Bergschule, gedeckte Holztreppe (auch Schülertreppe) und heißt auch Stundturm.
Stundturm, das Wahrzeichen von Schäßburg, worunter der Eingeborene den einstigen südlichen Torturm versteht, ein herrliches Bauwerk mit dem schlanken, himmelwärtsstrebenden Dach und nicht zuletzt den vier Türmchen darauf als Zeichen der Stadtgerichtsbarkeit. Wer jedoch das einstige Stadtrathaus kennt, und das in seinen sieben Geschossen untergebrachte Geschichtemuseum gesehen hat, stellt sich unter Stundturm der Turm der die Stunde anzeigt schon etwas ganz anders
vor. Da hört er im Geiste das bei jeder Stund sich wiederholende Glockenspiel und sieht die kunstreichen etwa 80 cm großen Holzfiguren, die die 7 Wochentage symbolisieren, oder sieht die beiden kleinen Engelsfiguren auf der Nordseite des Turmes, die, als noch 12 Stunden täglich gearbeitet wurde, immer um 6 Uhr und um 18 Uhr in Erscheinung traten und den Arbeitsbeginn bzw. Arbeitsschluss ankündigten. Oder da sind desgleichen auf der Nordseite, die beiden fast lebensgroßen Frauengestalten, in lange himmelblaue Gewänder gekleidet: Justitia mit den verbundenen Augen und dem Richtschwert in der Hand und die Gerechtigkeit mit einer Waage in der Rechten, auf deren Schalen die guten und schlechten Taten des zu Richtenden gelegt werden. Alle 30 Sekunden wenden sich die Schicksalsgöttinnen die Häupter zu und sprechen ein Urteil aus.
In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts standen alle diese Figuren still. Ein Fritz Konrad musste kommen, um sie nach 80 Jahren wieder in Bewegung zu setzen, und dieses, wie es hieß, aus reiner Liebhaberei.
Fritz Konrad, der am 8. Februar 1903 in Schäßburg geboren wurde, ist nicht nur von ungefähr in den Stundturm gelangt. Schon Anfang der 30er Jahre wurde der als Elektriker ausgebildete, aber auch als Schlosser tätige Mann in den Stundturm gerufen, um nach dem Uhrwerk zu sehen. Als er 1964 in Rente ging übernahm er dann richtiggehend die Uhr, um dafür zu sorgen, dass sie dem Schäßburger immer die genaue Zeit angibt.
Nur eben begnügte sich der Uhrendoktor, wie Fritz Konrad alsbald von seinen Landsleuten genannt werden sollte, nicht nur mit der Instandhaltung der Uhr, sondern begann erstrecht einem Hobby zu frönen, das heißt er begann, wie er es nannte zu tüfteln. Schon als Instandhaltungselektriker in der Fayencefabrik hatte er immer schon herumgetüftelt und sich durch manche Neuerung einen Namen gemacht. Das gleiche in dem Maschinenbaubetrieb Nicovala, wo er als Rentner halbtags weiter arbeitete, wo sein Wissen, seine Dienste desgleichen sehr gefragt waren, und von wo er erst mit 70 Jahren von dem Berufsleben Abschied nahm. Doch im Stundturm da lagen die Dinge schon anders. Da sind diese besagten Holzfiguren, die einmal lebendig waren, als noch ein anderes Uhrwerk im Stundturm stand. Denn früh schon zeigte die Stadtuhr die Stunde an, seit 1648 (!) auch die Viertelstunden. Der Erbauer dieser Uhr, Meister Johann Kirschel, stellte auch die Figuren zusammen. Durch den großen Brand 1676 wurde der Turm samt Glocken und Uhrwerkdesgleichen damals in Siebenbürgen nicht war, ein Raub der Flammen. Doch bereits ein Jahr später wurde der Turm wieder von den Baumeistern Veit Gruber aus Tirol, Philipp Bonge aus Salzburg und dem Zimmermann Valentin aufgebaut. Dass die Mechanismen der Figuren seit angeblich 80 Jahren nicht mehr arbeiteten ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, dass das Uhrwerk inzwischen einige Male durch ein besseres ersetzt wurde. Das jetzige Uhrwerk stammt aus dem Jahr 1906, zählt demnach auch zu den Oldtimern. Fritz Konrad stellte es sich zur Aufgabe, die Holzfiguren an den neuen Uhrenmechanismus anzuschließen, um sie in Bewegung zu setzen. Er musste viel, sehr viel herumtüfteln, um die bestmögliche Lösung zu finden. Die elementarsten Gesetze der Physik, wie Hebelgesetze, Übertragungen usw. gaben ihm die Lösungen. Er baute Mechanismen, Kupplungen, Transmissionen und Sicherungen, drehte Achsen, Rollen und Zahnräder, um die Figuren in Bewegung setzen zu können. Sein elektrotechnisches Wissen war gefragt und dann funktionierte wieder alles. Seit 1966 hatten die Schäßburger wieder eine intakte Stundturmuhr. Immer um Mitternacht, beim dritten Glockenschlag, setzt sich die, den abklingenden Tag symbolisierende Figur in Bewegung, um der nächsten Figur, dem nächsten Tag, den Stand zu überlassen. Beim 12-ten Schlag ist die Wachablösung beendet. Frau Luna, mit der Mondsichel auf dem Haupt, übergibt dem als römischer Krieger gekleideten Mars den Dienstag; dieser wiederum macht Merkur, dem Gott des Handels und der Medizin, wenn es Mittwoch wird den Platz frei. Und so lösen sich auch Jupiter mit dem Blitzstrahl in der Hand für Donnerstag, Venus für Freitag, Saturn für Samstag und die Sonnengöttin für Sonntag ab. Seit also der Uhrendoktor in den Stundturm eingezogen war, bewegten sich die Figuren wieder. Und selbst das Uhrwerk blieb nicht mehr stehen, wenn einmal ein Stromausfall war und das mit elektrischem Strom betriebene Selbstaufziehwerk ausfiel, denn Fritz Konrad hatte sich etwas einfallen lassen und eine Einrichtung geschaffen die dem Uhrwerk noch drei Stunden den Gang sicherte. Für Publicity hatte der unermüdlich arbeitende Mann nichts übrig. Ein Sahia-Film jedoch hatte ihn, den Tüftler aus Leidenschaft verraten, sein Hobby publik gemacht. Die Folge war, dass die Präfektur der moldauischen Stadt Iasi an ihn herantrat mit der Bitte, ihnen ein Uhrenwerk in Betrieb zu setzen, das bei jeder vollen Stunde ein Singspiel mit der Hora Unirii auslöst. Fritz Konrad sen. und Fritz Konrad jun. fuhren nach Iasi und nach einem Monat harter Arbeit konnte das Singspiel eingeweiht werden. Es gab dann noch Aufträge aus Vinatori bei Schäßburg, Deutsch-Kreuz und Kreis Hermannstadt, wo ebenfalls Turmuhren zu reparieren waren. Der Stundturm blieb nach wie vor der Hauptbetätigungsbereich von Fritz Konrad. In seiner Gartenlaube, gewissermaßen der Heimwerkstatt, stand ein weiteres Werk, ein Kalender, der auf der Südseite des Stundturmes, unter den Figuren der Wochentage, seinen Platz bekommen sollte. Aus mir unbekannten Gründen wurde dieser Kalender, der den Monat mit römischen Zahlen und den Tag mit arabischen Zahlen angibt, nicht angebracht. Leider! Denn dieser Kalender sollte, laut Fritz Konrad, zumindest in Europa einmalig dastehen. Mit Hilfe eines komplizierten Programmierungsmechanismus konnte der Kalender ein Jahr hindurch ohne Unterbrechung funktionieren. Fritz Konrad übersiedelte im Januar 1976 nach Deutschland, wo er in Haar
bei seiner Tochter ein neues Zuhause fand. Der Tatendrang des Uhrendoktors war zwar
ungebrochen, aber wo ansetzen in Deutschland
? Nota: Die Stundturmuhr, einschließlich aller Figuren, steht zur Zeit
wieder still. Fehlt da ein Fritz Konrad?
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