HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Prof. Dr. Hermann Binder wird 90 Jahre alt

Altbischofsvikar und Dekan a.D.

Pfarrer des dritten Jahrganges von Studenten am Protestantisch-Theologischen Institut in Klausenburg aus dem Jahr 1951 treffen sich im Oktober d.J. in Rastatt. Sie haben keine Beziehung zur Stadt, aber zu ihrem einstigen theologischen Lehrer und späteren Vorgesetzten und Amtsbruder, Altbischofsvikar und Dekan a.D., Prof. Dr. Hermann Binder, der in dieser Stadt wohnt. Dem Hochbetagten wollen sie die Reise an irgendeinen anderen Ort ersparen und kommen gerne nach Rastatt, um mit ihm zusammen zu sein. Selbst auch schon Ruheständler, haben sie die seltene Gelegenheit, dem früheren Lehrer und späteren brüderlichen Freund in seinem hohen Alter die Beliebtheit bei seinen einstigen Hörern, die tiefe Verbundenheit mit ihm und die unter ihm erlebte Gemeinschaft in Erinnerung rufen zu können und ihm gegenüber ihre Verehrung und Dankbarkeit auszusprechen.

 

Prof. Dr. Hermann Binder

Hermann Binder kommt am 25.12.1911 im evangelischen Pfarrhaus in Halvelagen bei Schäßburg zur Welt. Er wächst mit seiner jüngeren Schwester Erna heran. Der Junge erlebt das von der Geschichte geformte evangelische Gemeindeleben in Siebenbürgen. Es prägt ihn für sein ganzes Leben. In den Jahren, in denen er die Schäßburger Bergschule, das traditionsreiche Gymnasium dieser sächsischen Stadt, besucht, fällt die Entscheidung für das Studium der Theologie. Er beginnt es 18-jährig in Wien und setzt es in Tübingen und Berlin fort. Nach dem Vikariatsjahr beim Vater in Halvelagen wird er 1934 mit Dispens Pfarrer in Keisd. Er gehört zu den damals noch wenigen Pfarrern, die nur Theologie und nicht auch Philosophie studiert haben. Er ist befähigt zum Predigen, aber nicht zum Lehren auf dem Katheder.

In Keisd konfirmiert er die Arzttochter Roswitha Rether. 1937 heiratet er sie. Fünf Kinder wachsen in der Familie heran.

 

Hermann Binder mit Ehefrau Roswitha, den Töchtern Ingrid und Erika und den Söhnen Gerhard, Rolf und Hermann, 1959.                       Familienarchiv

 

1939 wird Hermann Binder Stadtprediger in Schäßburg. Sein Dienst führt zu einem bleibend innigen Verhältnis zwischen ihm und der Gemeinde.1942 leistet er einen mehrmonatigen Dienst während des Krieges im eroberten Transnistrien und 1945 wird er mit vielen anderen Rumäniendeutschen in die Sowjetunion deportiert. Krankheitshalber kehrt er schon früh wieder heim. Er ist und bleibt Pfarrer, auch als er bald keine eigene Parochie mehr hat. Er predigt auch als Professor und Bischofsvikar auf fast allen Kanzeln der Landeskirche. Im Anschluss an die Gottesdienste lässt er die jeweiligen Gemeindeglieder vielseitig seine Anteilnahme an ihrem Ergehen spüren.

Unter den Pfarrern des Schäßburger Kirchenbezirkes fällt Pfarrer Binder durch sein Interesse am Neuen Testament sehr bald als eifriger  T h e o l o g e  auf. Bald wird ihm die Leitung der theologischen Arbeit der Pastoralkonferenz überlassen. Daneben aber setzt er seine privaten Studien fort. Sie führen zu einer Dissertation über drei Gleichnisse aus dem Lukasevangelium (vom verlorenen Sohn, vom ungerechten Haushalter und vom reichen Mann und armen Lazarus, die er in dem Sinne verstanden wissen will, "dass Jesus selber die Mitte dieser Gleichnisse darstelle") und zu seiner Promotion zum Dr. theol. in Klausenburg. 1950 wird er als Lehrer an das Protestantisch-Theologische Institut in dieser Stadt berufen. Bald kommt er auf den Lehrstuhl für neutestamentliche Wissenschaften und betritt damit sein eigentliches Interessengebiet. Er entwickelt eine selbständige Sicht des Neuen Testaments. In der Morgenandacht mit den erwähnten Theologen im Oktober bietet ihnen der Hochbetagte in längerer Ausführung eine Zusammenfassung seiner theologischen Überlegungen.

 

Pfarrer in Schäßburg.      Familienarchiv

 

An die Seite der theologischen Lehraufgaben tritt bald Verwaltungsarbeit: Prof. Binder wird der zweite Dekan des deutschsprachigen Zweiges des Theologischen Instituts. über 25 Jahre wird er dieses Amt bekleiden. Darin ist ihm in der Geschichte  unserer Kirche erstmalig die Aufgabe gestellt, die künftigen Pfarrer für ihren Dienst in den Gemeinden vorzubereiten  und ihnen dafür Orientierung zu geben. Bei seinem Ausscheiden aus dem Dienst sind rund 90% der Pfarrer unserer Kirche seine Hörer gewesen. Aufgrund ihrer mehrhundertjährigen Erfahrung in Fragen der theologischen Ausbildung in Siebenbürgen können ihm die ungarischen Kollegen beratend zur Seite stehen. Er genießt ihre Achtung und Wertschätzung.  Es ergibt sich mit ihnen eine brüderliche und fruchtbare Zusammenarbeit. Diese bleibt auch nach der Übersiedlung des deutschsprachigen Zweiges des Instituts 1955 nach Hermannstadt bestehen.

Als 1962 "Not am Mann" ist, wie er selber sagt, wählt die 45. Landeskirchenversammlung Dekan Dr. Hermann Binder zum Bischofsvikar. Der Theologieprofessor wird zum  Mann

der Kirche. Er ist der erste Geistliche unserer Kirche, dem dieses hohe Amt anvertraut wird, ohne dass er ein Pfarramt inne hätte. 16 Jahre bekleidet er dieses Amt. In ihm ist er um weitere wissenschaftlich-theologische Zusammenarbeit mit den Amtsbrüdern, die einst seine Hörer waren, bemüht. Als er nach Deutsachland übersiedelt ist, setzt er das mit den dorthin ausgewanderten Pfarrern fort.

Als die "Kirchlichen Blätter" 1972 wieder erscheinen sollen, wird Bischofsvikar Binder ihre Redaktion anvertraut. Es ist bei der damaligen kommunistischen Zensur keine leichte Aufgabe, aber er erfüllt sie mit Geschick und Klugheit.

 

70. Geburtstag im Bischofspalais Hermannstadt.                       Familienarchiv

 

1974 beschließt die 50. Landeskirchenversammlung die Herausgabe eines neuen Gesangbuches. Bischofsvikar Binder wird Leiter der Arbeitsgruppe, die diese Aufgabe erfüllen soll.

Zu den Aufgaben innerhalb der Kirche kommen Aufgaben ihrer Vertretung nach außen. Als Bischof Müller sein Mandat nicht erneuert, wird Bischofsvikar Binder Abgeordneter in der Großen Nationalversammlung. Als solcher erweist er sich nicht allein als ein Wahrer der Bürgerinteressen, sondern als treuer Vertreter der Anliegen seiner Kirche.

 

1997 im Gespräch mit Gerhard Schullerus.   Familienarchiv

 

Dr. Hermann Binder, Pfarrer, Professor, Dekan und Bischofsvikar, nimmt in unserer Kirche einen einzigartigen Platz ein. Alle seine vielen Aufgaben hat er ehrenhaft erfüllt und an keinem Ort Rückschläge erfahren oder versagt. Er hat eine geistliche Wirkung von seltener Breite gehabt. Weit über die Grenzen seines eigentlichen Wirkungsbereiches hinaus ist er ein  bekannter Theologe und Kirchenmann. In den vielen Jahren seiner Tätigkeit ist er ein loyaler und zuverlässiger, aber freier Mitarbeiter der Bischöfe D. Friedrich Müller und D. Albert Klein. Den Professoren ist er ein guter Kollege, den Untergebenen ein guter Vorgesetzter und freundlich im Umgang mit den Menschen seiner Umgebung. Als Professor und Dekan pflügt er Neuland, als Bischofsvikar gibt er dem bis dahin stillen Amt ungewohnten Inhalt. Bei allen seinen Aufgaben bewährt er Fleiß und restlosen Einsatz, kennt aber keine persönliche Schonung.

Zum Schluss: Professor Dr. Hermann Binder hat seine einstige liebe Gemeinde in Schäßburg nie vergessen. In einem Brief von Ende Januar 1995 schreibt er:

"Am 8. März sind es drei Jahre, dass wir im Schäßburger Stadtpfarrhaus weilten. Ich hatte am Vormittag in meiner lieben Klosterkirche gepredigt, und am Nachmittag saßen wir mit dem Presbyterium in dem Eckzimmer, von dem aus man den Hof und Garten sowie den Zinngießerturm und die Stadtmauer sieht. Es war so schön, mit Ollah Gerti und mit Kovacs Meta an einem Tisch zu sitzen, wie auch mit meinem Schulkameraden Otto Keul, der sehr bald hernach starb, und Kurator Georg Hügel... Wie gerne käme ich noch einmal...!"

Ihm, dem bald 90jährigen Bischofsvikar und Dekan a.D., Professor und Pfarrer i.R. Dr. Hermann Binder bringen wir Anerkennung, Ehre und Dank aus unserer Kirche. Herzliche Segenswünsche begleiten ihn in die ihm noch beschiedene Zeit.     

Dr. Gerhard Schullerus (Hermannstadt)

 

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