HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Charlotte Blaschek's Lebenswerk eingebettet im Musikverein SchäßburgDas Musikleben von Schäßburg erreichte im dritten und vierten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Besonders die Leistungen des Musikvereins (gegründet 1843) erweckten in dieser Zeit allgemeine Bewunderung und Anerkennung. Als Beispiel sei hier bloß die Aussage des bedeutendsten rumänischen Komponisten und Violinisten George Enescu angeführt, der nach einem Vereinskonzert, zu dem er 1931 als Gastmusiker eingeladen worden war, das Musikleben von Schäßburg als "...lobenswertes Provinzphänomen, ...wo eine Schar uneigennütziger Idealisten sich einen Verein geschaffen und der klassischen Musik verschrieben hat..." bezeichnete. Der Musikverein verfügte über ein philharmonisches Orchester, einen gemischten Chor und mehrere weibliche und männliche Solisten. Es handelte sich dabei nicht um Berufsmusiker, sondern nur um talentierte Musikliebhaber. Da der Verein finanziell vom Stadtrat unterstützt wurde und auch erhebliche eigene Einnahmen tätigte, konnte er sich hochqualifizierte (meist aus dem Ausland geholte) Dirigenten leisten. Die Fähigkeit der Dirigenten, das Talent und der Fleiß der einzelnen Vereinsmitglieder machten es möglich, dem Schäßburger Publikum Aufführungen von Werken zu bieten, die sonst nur von Berufsmusikern vorgeführt werden können.... In Schäßburg, wie auch in den übrigen Kleinstädten Siebenbürgens, kannten sich die meisten Menschen persönlich. Man hatte als ABC-Schütze dieselbe Schulbank gedrückt, nach Bedarf in der Musikschule gelernt ein Instrument zu spielen, danach in der Vaterstadt einen Beruf erlernt und diesen anschließend dort ausgeübt, man besuchte denselben Gottesdienst und gehörte demselben oder einem befreundeten Verein an. So war es für den Einzelnen nicht schwer, seine Fähigkeiten ohne zu zögern in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Viele der Vereine bemühten sich mit kulturellen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit zu treten, was schließlich zu einem Wettbewerb in positivem Sinne führte. Dass der Musikverein dabei die führende Stellung in Schäßburg einnahm, versteht sich wohl von selbst. Der Vereinsvorstand bemühte sich ununterbrochen, die musikalisch begabtesten Menschen aus Schäßburg und Umgebung zu gewinnen und mit diesen anspruchsvolle Darbietungen vorzubereiten. Bei Abschlussfeiern der Bezirkslehrerversammlungen von Schäßburg trat die Lehrerin Charlotte Blaschek von Keisd zu wiederholten Malen als Sängerin auf. Bei einem dieser Auftritte erregte ihre wohlklingende Stimme die Aufmerksamkeit des damaligen Dirigenten des Schäßburger Musikvereins Hans Schlüter-Ungar. Dieser bat die Lehrerin, sich als Gastsängerin an musikalischen Aufführungen in Schäßburg zu beteiligen. Charlotte Blaschek folgte der Einladung und übernahm die Titelrolle in Robert Schumanns "Der Rose Pilgerfahrt". Ihr Auftritt endete mit riesigem Applaus und galt als erster Erfolg der Sängerin. Sie sollte dann über Jahre hinweg noch viele Erfolge feiern. Charlotte Blaschek erblickte das Licht der Welt am 14. Dezember 1885 in Deutsch-Kreuz. Sie war das siebente von zehn Kindern des Landarztehepaares Blaschek. Als Lehrerin ausgebildet gehörte sie zur ersten Lehrerinnengeneration Siebenbürgens. Von 1906-1924 übte sie ihren Beruf an der Volksschule von Keisd aus. Nachdem sie als Gastinterpretin des Musikvereins zu wiederholten Malen in Schäßburg gesungen hatte, wurde sie 1924 aufgefordert, eine Lehrerinnenstelle an der städtischen Mädchenschule anzutreten. Von da an übernahm sie bei allen musikalischen Aufführungen in Schäßburg den Hauptpart der Frauenrollen. Es waren rund 20 Opern und Operetten, in denen sie gesungen hat. Hiervon seien nur einige erwähnt: „Zauberflöte“ und „Figaros Hochzeit“ (W. A. Mozart), „Freischütz“ (C. M. von Weber), „Zar und Zimmermann“ und „Der Waffenschmied“ (A. Lortzing), „Carmen“ (G. Bizet), „Martha“ (F. von Flotow), „Cavaleria rusticana“ (P. Mascagni) „Fledermaus“ (J. Strauß), „Der Vogelhändler“ (C. Zeller), „Der Rastelbinder“ ( Fr. Lehar) u.a. Auch geistliche Musik gehörte zum Repertoire des Musikvereins, also auch zu jenem von Charlotte Blaschek. Sie war Mitwirkende bei rund zehn größeren Musikwerken, wie z. B.: „Weihnachtsoratorium“ (J. S. Bach), „Messias“ (G. F. Händel), „Die Jahreszeiten“, „Die Schöpfung“ und „Sieben Worte des Erlösers“ (J. Haydn), „Requiem d-Moll“ (W. A. Mozart)... Gut besucht wurden auch die Kammermusikabende, an denen Charlotte Blaschek sang. Gelobt wurde ihre ausdrucksvolle melodische, modulationsfähige Sopranstimme, die sie der entsprechenden Musikgattung unterzuordnen verstand. Auch über die Grenzen Schäßburgs hinaus war die Sängerin Blaschek geschätzt. Nach Hermannstadt lud sie der Musikverein „Hermania“ ein, um die Partie der Venus in der Oper „Tannhäuser“ (R. Wagner) zu singen. Als Gastsängerin trat sie auch in Sächsisch-Reen, in Mediasch, Oderhellen, Reps und Agnetheln auf und erntete überall stürmischen Applaus. In Schäßburg bemühte sich Charlotte Blaschek auch um die Nachwuchstalente. Sie gewährte Hilfe ohne jegliche Vergütung zu beanspruchen. Ihr Rat wurde immer gerne gehört und auch befolgt. 1948 wurde der Schäßburger Musikverein vom damaligen „Volksdemokratischen Staat“ als „...eine der Zeit nicht mehr entsprechende Körperschaft...“ aufgelöst. Damit konnte aber das deutsche Musikleben nicht ausgeschaltet werden. Die Vereinsmitglieder setzten ihre Arbeit nun als Kirchenchor der evangelischen Kirche fort. Als „Geistliche Abendmusik“ bot man den dankbaren Zuhörern auch größere Werke geistlicher Musik, die unter der Stabführung namhafter Gastdirigenten wie Prof. Franz Xaver Dressler und Erich Bergel aufgeführt wurden. Ihren letzten Auftritt hatte Charlotte Blaschek am 30. April 1956 während eines Gottesdienstes. Betrachten wir die Erfolge der Sängerin, muss darauf hingewiesen werden, dass nicht allein die besondere Klangfarbe ihrer Stimme, sondern auch ihr außergewöhnlicher Fleiß, ihre gewissenhafte Vorbereitung und ihre völlige Hingabe an die Kunst es waren, die sie zur musikalischen Persönlichkeit werden ließen. Wer kann die Mühe abschätzen und die Zeit messen, die die berufstätige Lehrerin aufbringen musste, um in ihrer Freizeit all die Partien einzustudieren und die vielen Proben zu besuchen? Und das alles ohne Entgelt, nur dem dankbaren Schäßburger Publikums zuliebe. Ja, das waren noch Zeiten, in denen Idealismus und völkische Hingabe etwas galten. Nicht unbegründet ist deshalb auch, dass man die Zeitspanne ihres Wirkens im Musikverein als „Ära Blaschek“ bezeichnet. Charlotte Blaschek wurde nicht nur vom Publikum geehrt, sondern auch von den Vereinsmitgliedern geschätzt. Als Ausdruck der Wertschätzung seien hier einige Verse, die der Vereinsvorstand ihr zum siebzigsten Geburtstag widmete, zitiert: „...Als zu uns Du kamst in Schäßburgs Stadt, - Die mit Freuden Dich empfangen hat, - In Sonderheit der Musikverein, - In dessen Reihen Du tratst ein. - Gelobt sei der Tag, an dem das geschah, - Denn diesen Tag ich immer sah - Als den Anfang einer Blütezeit, - Die der Pflege der Opernmusik war geweiht, - Und all das Schöne, was damals geseh'n, - Und gehört hat Schäßburg, konnt' nur gescheh'n, - Weil Du, nur Du es ermöglicht hast - Durch ganze zwei Dezennien fast...“ Solche Worte sprach der langjährige Vorstandsvorsitzende (1921- 1948) Dr. Hans Balthes, eine Persönlichkeit, die im gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben Schäßburgs in der Zwischenkriegszeit (1918-1944) eine bedeutende Rolle gespielt hat. Anlässlich derselben Feierlichkeit überreichte Julius Misselbacher der Jubilarin eine außergewöhnliche Gratulation. In Bild und Text hat er die musikalischen Leistungen und Erfolge der Sängerin gewürdigt, aber auch einen Teil der Musikvereinsgeschichte dadurch festgehalten. Julius Misselbacher hat sich nicht nur als Regisseur des Musikvereins, als Musik- und Kunstliebhaber ausgezeichnet, sondern sich auch als Leiter des Heimatmuseums „Alt-Schäßburg“, als Erbauer eines Modells der Stadt Schäßburg, so wie sie 1740 ausgesehen haben dürfte, als Forscher der Baugeschichte der Schäßburger Bergkirche und nicht zuletzt durch die Freilegung einiger Fresken in der Bergkirche einen Namen gemacht. In hohem Alter kehrte Charlotte Blaschek nach Keisd zurück, wo sie am 18. August 1965 starb. Die Begräbnisfeier fand auf dem Friedhof von Deutsch-Kreuz statt, wo auch ihr Vater zur letzten Ruhe gebettet worden war. Der Schäßburger Kirchenchor, in dem die einstigen Mitglieder des Musikvereins aktiv waren, gestalteten die Beisetzungsfeier als Zeichen der Anerkennung und des Dankes für all die Leistungen und die vielen schönen Stunden, die die Heimgegangene dem Schäßburger Publikum beschert hatte. Ein Verein ist nur dann gut, wenn die Leistungen seiner Mitglieder ein Niveau erreichen, das die Ansprüche und Erwartungen des Publikums erfüllt. In der „Ära Blaschek“ verfügte der Schäßburger Musikverein über eine Reihe markanter Persönlichkeiten, die für den Verein Erfolge verbuchen konnten, die die Anerkennung der einheimischen, aber auch der gesamten siebenbürgischen Bevölkerung gefunden haben. Spätere Generationen können stolz darauf sein, solche Vorfahren gehabt zu haben. Auch für uns, die Nachkommen, mögen die Eigenschaften der Persönlichkeiten, deren Fleiß, Verantwortungsgefühl und der Wille, etwas für die Gemeinschaft zu tun, als Beispiel dienen, dem nachzueifern sich lohnt. Gustav A. Schneider (Köln)
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