HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
BuchrezensionJohann Untch, Tage die man nie vergisst, 92 S. Erste Auflage im Selbstverlag des Verfassers, DM 25,-. Zweite Auflage im Verlag des Südostdeutschen Kulturwerkes, München. Der bekannte bildende Künstler Johann Untch begegnet uns zum ersten Mal mit einer Spätveröffentlichung als Buchautor: Es sind Erinnerungen an die letzten Kriegsmonate 1944-1945 als junger Soldat, an die abenteuerliche Heimkehr und an den Neuanfang danach. Der Text des Buches beginnt - wie eine Fortsetzung zum Titel - mit den bewegenden Worten: "Das Erinnern lässt mich im Alter die Tage meiner Kindheit und Jugend neu erleben." Lebenslang, aber insbesondere im Alter, setzt man sich mit seiner Lebensgeschichte auseinander und stellt sich Fragen nach seiner Identität, denn jede Persönlichkeit baut sich als Ergebnis der gesamten Lebensgeschichte auf. Aufgezeichnete Lebenserinnerungen sind nicht bloß Abreaktionen und für ihren Verfasser von Wert, denn erzählte "Geschichten" stehen immer in einem geschichtlichen Raum, und wenn sie für einen Zeitabschnitt kennzeichnend sind und ihn widerspiegeln, werden sie selbst zu "Geschichte". Nach der Wiedervereinigung Deutschlands schrieb Richard v. Weizsäcker: "Wir müssen uns unsere Biographien erzählen." Diese Aufforderung besitzt jedoch allgemeinere Gültigkeit - sie bezieht sich vor allem auf Zeiten des Umbruchs und der Extreme. In einem Brief meint J. Untch: "...meine Erlebnisse (sind) kein Einzelfall. Tausende junger Leute haben ähnliches erlebt, in Siebenbürgen, in Südosteuropa, in Europa... Am Rande des großen Geschehens haben die Angehörigen gebangt, und sie finden nun ihre Ängste und Sorgen bestätigt..." Untch erzählt in sieben kurzen Kapiteln seine Erlebnisse als kaum 18-jähriger Soldat in den letzten Kriegsmonaten bis zum bitteren Ende und was in der Zeit danach - Heimkehr und Neubeginn - geschah. Der Bericht "sine ira et studio" ist ehrlich, ohne Emphase oder Beschönigungen. Es gibt nichts zu verschweigen, er hat als braver Soldat seine Pflicht erfüllt und kann darüber mit gutem Gewissen berichten. ...Ein guter Kamerad... Die Phasen der Erzählung sind: Flucht aus Schäßburg nach dem 23. August 1944, kurz vor dem Kriegsabitur, Ausbildung als Artillerist, schwerster Einsatz an der zusammenbrechenden Ostfront bis zum Fall von Berlin, Gefangenschaft und abenteuerliche Heimkehr nach Siebenbürgen, wo ihn Verhör, Verhaftungen und Verfolgungen erwarten. Dann ist doch ein Neuanfang möglich. Den ganzen Bericht muss man natürlich selbst lesen. Es scheint, als habe ein Schutzengel seine Hand über den jungen Mann gehalten und er habe, wie durch ein Wunder, diese grausame Zeit heil an Körper und Seele überstanden. Johann Untch, 1926 in Schäßburg geboren, besuchte das Bischof-Teutsch-Gymnasium. Seinem hervorragenden Zeichenlehrer Georg Donath ist er für Förderung und Anregungen besonders dankbar. Nach Besuch der Kunstakademie in Bukarest entfaltete er dort 34 Jahre lang eine reiche und vielseitige künstlerische Tätigkeit (Gebrauchsgrafiker, Werbegrafiker, Illustrator, Druckgrafiker, Kunsterzieher, Dozent für Malerei und Grafik u.a.). Von seiner Buchgrafik erwähnen wir die so typisch siebenbürgisch anmutenden Illustrationen zu den Haltrich-Märchen. Die zahlreichen Briefmarken der rumänischen Post sind nicht nur den Philatelisten vertraut. Ausstellungen im In- und Ausland bezeugen sein künstlerisches Schaffen, das mit Preisen, Ehrungen und Stipendien ausgezeichnet wurde. Nach der Ausreise 1982 hatte Untch vorerst ein einjähriges Stipendium in der Künstlerkolonie Worpswede. Heute wohnt er in Fürth. Die HOG Schäßburg ist ihm dankbar für den passenden Entwurf der Kopfleiste der "Schäßburger Nachrichten" mit der charakteristischen Silhouette der Burg. Die hier vorgestellte autobiographische Darstellung der Ereignisse seines Lebens als Soldat am Ende des Weltkrieges mit Illustrationen zum Text - sie tauchen wie schemenhafte Erinnerungsbilder im Nebel der Vergangenheit auf - ist ein interessantes Zeitdokument, das man mit Spannung liest und mitempfindet. Die erste kleine Auflage im Selbstverlag und im Eigenvertrieb kam bei den Lesern gut an und war bald vergriffen. Nun ist eine zweite Auflage im Verlag des Südostdeutschen Kulturwerkes erschienen, die auch im Buchhandel erhältlich ist. Walter Roth (Dortmund)
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