HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
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Wenn man einen Schäßburger als Schäßburger bezeichnen darf, dann ist es Ernst Johann Graef. Unter dem Namen "Ata" bekannt, stammt Ernst Graef aus einer alteingesessenen Schäßburger Familie. In unserer Klosterkirche gibt es ein wunderbares Altargemälde, das aus 3 Teilen besteht. Unten, über der Bibel des Altars, auf der sogenannten Predella, ist eine Abendmahlszene dargestellt; in diesem Teil des Altargemäldes sind zwei berühmte Vorfahren von Ata Graef abgebildet. Damals, nach dem großen Brand von 1676, als drei Viertel unserer lieben Heimatstadt abgebrannt waren, fiel auch ein Teil der Burg und die Klosterkirche der Feuersbrunst zum Opfer. Nach dem Wiederaufbau der Klosterkirche wurde ein entsprechendes Altarbild von dem Hermannstädter Maler Jeremias Stranovius erstellt.
Da die Ratsherren diesen Altar spendeten, ließen sie sich, nach der damalig üblichen Praxis, als die Jünger Christi im Abendmahlsbild porträtieren. Darauf sind zwei von Ernst Graef's Vorfahren bildlich dargestellt: Michael Göldner - Prokonsul und Johann Schweischer - Königsrichter. Ernst Johann Graef wurde am 11. Okt. 1911 in der königlich - freien Stadt Schäßburg in der damaligen Österreichisch-ungarischen Monarchie geboren. Sein Stammbaum geht über viele Generationen bis ins 16. Jahrhundert zurück und wenn man einen alten Schäßburger als "Durus Schäßburgensis" bezeichnen darf, dann ist es "Ata". Seit Generationen gehörte seine Familie zur Tischlerzunft. Er war der siebente Spross und somit prädestiniert für dieses Handwerk. Sein Vater Ernst Graef hatte in München die Kunst der Holzbearbeitung erlernt. Wieder in seine Heimatstadt Schäßburg zurückgekehrt, heiratete er die tüchtige Regine Gross. Ernst Graef sen. gründete die nachmalig renommierte "Kunst- und Möbeltischlerei" in der Baiergasse Nr. 83/85. Dieser glücklichen Ehe entsprangen Ernst Graef jun. genannt Ata und dessen Schwester Olga, verh. Schneider. So wie der Dichter Adolf Meschendörfer in der siebenbürgischen Elegie eine sächsische Burg beschreibt, so sieht man auch aus dem Graefschen Weinberg die Burg von Schäßburg. Den höchsten Punkt nimmt die würdige Bergkirche ein. Weiter unten steht die Bergschule. Diese hohe Institution siebenbürgisch-sächsischen Gedankengutes besuchte Ernst Graef. An der Bergschule unterrichtete eine Reihe namhafter Professoren, etwa der Biologe und Onkel von Ata, Dr. Karl Petri (1852-1932), der Sachsenbischof und Historiker Georg Daniel Teutsch (1817-1893) und der Märchenerzähler Josef Haltrich (1822-1886). Nach bestandenem Bakkalaureat, dem heutigen Abitur, ergreift Ernst Graef die ihm vorbestimmte Ausbildung und erlernt den Beruf des Tischlers. Um das Tischlerhandwerk in all seinen Facetten kennen zu lernen, geht Ata auf Wanderschaft. Er besucht zunächst eine große Tischlerei im Banat und danach fährt er ins Mutterland Deutschland, wo er auf der Comburg seinen Meistertitel als Tischler erwirbt. Seine Wanderschaften führen ihn von Saarbrücken, wo er eine Ansprache Hitlers erlebt, bis in die alten ostpreußischen Königsstädte Danzig, Marienburg und Königsberg.
Da sein Vater schwer erkrankt, muss Ata seine Wanderjahre vorzeitig abbrechen und den väterlichen Betrieb der Kunsttischlerei in der Baiergasse übernehmen. Er bringt diesen zu einer ungeahnten Blüte, indem er moderne Wirtschaftsmethoden in die Tischlerei einführt. Dieser schönen Blüte des Tischlereigewerbes in der 7. Generation setzt der zweite Weltkrieg ein jähes Ende. Ernst Graef wird zu den Soldaten einberufen und nimmt an dem kriegerischen Geschehen in den Junkerswerken in Bukarest, im Rahmen des dortigen Luftfahrtministeriums teil. Nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg wird Ernst Graef, wie viele Siebenbürger Sachsen, in die Kohlengebiete des Donezbeckens der Sowjetunion deportiert. Hier muss er unter schwersten Bedingungen einer de facto Kriegsgefangenschaft arbeiten. Unfallverletzt und ausgehungert kommt er Gott sei Dank in den Tagebau und anschließend in die miserable sowjetische Landwirtschaft. Trotz größter Entbehrungen ist er immer hilfsbereit und seinem Nächsten zugetan. In dieser Extremsituation lernt er eine vom Schicksal gebeutelte junge Frau, Gertrud Budde aus Dortmund, kennen und lieben. Auf Bitte der beiden, werden sie vom sowjetischen Lagerkommandanten am 8. Aug. 1949 getraut.
Nach 5 jähriger Deportation kommt Ernst Graef mit seiner jungen Frau in das geistig und sächsisch zerstörte Schäßburg, nach Hause zurück. Hier muss er einen weiteren Schicksalsschlag entgegennehmen und die Enteignung des väterlichen Betriebes miterleben.
Aber auch schöne Tage sind ihm gegeben, da ihm sein erster Sohn Ernst-Wilhelm geboren wird. Die Kunst- und Möbeltischlerei wird als verstaatlicher Lehrbetrieb weitergeführt und Ata als Meisterausbilder eingesetzt. Heute noch freut er sich, wenn er einen seiner ehemaligen Lehrlinge wieder trifft und diese den alten Meister in guter Erinnerung behalten haben. Anschließend ergreift er das Amt eines Lehrers, so wie weiland sein Vorfahre Michael Petri in der Siechhofschule. Diesmal jedoch an der rumänisch-ungarisch-deutschen Schule neben dem Elektrizitätswerk. Als guter Kenner der deutschen, rumänischen und ungarischen Sprache fungiert er hier als ausgleichendes Element zwischen den drei Nationen Siebenbürgens. Als "Deutscheste der Deutschen", wie die Siebenbürger Sachsen ehemals von Chronisten genannt wurden, versucht auch Ata Graef, 21 Jahre lang, ins Mutterland Deutschland zurückzukehren. Die Familie, in der Zwischenzeit um 3 weitere Söhne Harald, Klaus und Dieter vermehrt, zieht am selben Strang mit. 1970 verlässt er seine geliebte Vaterstadt Schäßburg und erreicht mit seiner Familie wohlbehalten die Bundesrepublik Deutschland. In Bielstein bei der Firma "Kind & Co" findet Ernst Graef einen jovialen Arbeitgeber und kann anschließend, mit Hilfe seiner nun schon erwachsenen vier Söhne, in der neugegründeten Siedlung der Siebenbürger Sachsen in Drabenderhöhe bei Wiehl, nun schon als 64 jähriger, ein Eigenheim bauen. In der neuen Heimat gründet Ata die Schäßburger-Mediascher Nachbarschaft, deren erster Nachbarvater er auch ist. Für das Hermann Oberth-Haus schafft er unter anderem ein Abbild der oberen Burg. Als langjähriges Mitglied des Honteruschors wird er gebührend geehrt. Mehr und mehr befasst sich nun Ernst Graef mit der Ahnenforschung. Je älter man wird, um so näher kommt man seiner Kindheit und seinen Vorfahren; so auch Ata. In seinem Neffen, dem Autor dieser Zeilen, findet er einen getreuen Sinnes- und Weggefährten. Zusammen mit ihm und anderen Schäßburgern gelingt es ihnen, nach dem Fall des eisernen Vorhangs, unter erheblichen finanziellen und logistischen Anstrengungen, die gesamte Schäßburger Matrikel zu kopieren und in den sicheren Heimathafen zu überführen. Ata bindet dies große Werk in 89 Bücher und ist damit, so wie Moses mit seinen Gesetzestafeln, ein Ahnherr der Schäßburger Chronik. Aus diesem Urkundenquell schöpft er die Kraft für über 100 Stammbäume alteingesessener Schäßburger Familien und stellt diese, sowohl den Nachkommen, als auch den siebenbürgisch-sächsischen Einrichtungen auf Schloss Horneck in Gundelsheim zur Verfügung. Im Lauf der Jahre hat Ata eine Fülle an Daten über Schäßburg zusammenzutragen und das Buch "Schäßburg, Bild einer siebenbürgischen Stadt" mit zwei Kapiteln bereichert. Er stellt dadurch als altehrwürdiger Schäßburger den Söhnen seiner Vaterstadt, ein Werk und einen geistigen Halt in bestem Faust'schem Sinne von Goethe zur Verfügung: "Im Vorgefühle zu solch hohem Glück, Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick" Ganz Schäßburg wünscht dem 90jährigen Jubilar, noch schöne gesunde Jahre, viel Schaffenskraft und Freude an Familie und Gemeinschaft. Dr. Rolf Schneider (Duisburg)
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