HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


As saksesch Mottersproch

Sprichwörter

Wer Rad fahren will, muss das Rad nicht neu erfinden. Unsere Vorväter fanden ihre – und unsere – sächsische Sprache so interessant, dass sie sich sammelnd und forschend mit ihr beschäftigten. Nicht alle waren so fleißig und erfolgreich wie der Deutschprofessor der Schäßburger Bergschule Josef Haltrich, dessen Märchensammlung sehr bekannt und beliebt ist.

Weniger bekannt dürften seine „Kleineren Schriften zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen“ sein (in neuer Bearbeitung herausgegeben von J. Wolff, verlegt in Wien 1885 bei Carl Graeser).

In der Hoffnung auf lebendiges Interesse und rege Mitarbeit möchten wir als Anregung seine Vorrede und eine Reihe von Sprichwörtern, später auch sprichwörtliche Redensarten und formelhafte Ausdrücke wiedergeben. Zur Erinnerung, zur Freude, aber auch zum Überlegen: Sind diese Sprichwörter und Redewendungen dem Schäßburger von heute noch bekannt, verwendet er sie noch im Sächsischen? Sind sie „modernisiert“, abgewandelt worden? Wer kennt andere, ähnliche Lebensweisheiten, die er von weisen Vorfahren geerbt hat, die er für vererbenswert hält? Schreiben Sie sie uns für die nächste Nummer, in der wir solche ausdrucksstarken, farbigen Redewendungen abdrucken wollen, auch den Lesern unserer Zeitung „zu Nutz und Frommen“, zu „Ohr- und Augenweide“.

Josef Haltrich leitet seine Sammlung von Sprichwörtern mit folgendem Vorwort ein:

„Wenn die Sprache überhaupt der treueste Spiegel des inneren Menschen ist, so sind es in ihr insbesondere die Sprichworte und Redensarten, welche das geistige Leben eines Volkes in den mannigfachsten Beziehungen am ungezwungensten darstellen. Es spricht sich in denselben entweder eine aus der unmittelbarsten Anschauung gewonnene, oder  aus dem altüberlieferten Bildungskapital geschöpfte Weisheit aus, die durch das Frische und Lebendige ihrer Form überrascht. Von dem vollen, frisch bewegten, rasch hineilenden Leben, in dem er wurzelt, hat der volkstümliche Spruch Ton und Farbe. Seine Grundregel ist: ,kurz und gut, frisch und frei´.

Er hält sich nicht auf mit unnützen Fragen, weil er nicht leeres Stroh dreschen will, und nimmt den Mund nicht zu voll, weil ihm Zank und Hader ein Greuel sind; er ist kein Duckmäuser und Grießgram, kein Schmeichler und Heuchler. Er redet, wie es ihm um die Leber ist, nimmt nur, wenn es sein muss, ein Blatt vor den Mund, spinnt nicht alleweg Seide, es muss ‚auch grob Garn mit unterlaufen’.

Wohl tragen die meisten der Sprichwörter, Rätsel und formelhaften Redensarten einen heitern und humoristischen-satirischen, manche auch einen eckigen und derben Zug im Gesichte und sind darum nicht überall wohlgelittene Gäste. Nur der Bauer braucht sie noch ohne langes Bedenken, wie sie eben kommen; und das ist es, was seine Rede farbenfrisch, anschaulich und kräftig, was sie poetisch macht. Und gerade daran gebrichts unserer sogenannten gebildeten Rede gar sehr. Die siebenbürgisch-sächsische Volkssprache, gleichsam ein weit abgelegener Gebirgsquell, ist reich an sinnlich-konkreten Ausdrücken und lebendigen, schlagenden Gleichnissen. Vielleicht geben auch die nachfolgenden Proben davon Zeugnis.

Proben sind es und nicht mehr. Gegenüber der unendlichen Fülle von Sprichwörtern, Rätseln, Umschreibungen und Vergleichungen, die unser Sächsisch besitzt, ist das, was unsere Sammlung enthält, nur wie ein Tropfen aus dem Meer geschöpft.

Es wird daher die Aufgabe, weiter zu sammeln, noch lange fortbestehen, ja vollständig nie gelöst werden, ‚denn es ist’, wie Simrock sehr wahr sagt, ‚alle Sprichwörter aufzuschreiben so wenig möglich, als die Sterne zu zählen oder die See auszuschöpfen; man darf sich nicht einmal einbilden, keines der vornehmsten und gangbarsten vergessen zu haben; aber wer nach einem goldenen Rade trachtet, dem wird doch wenigstens eine goldene Speiche davon’.“

 

Sprichwörter

 

En licht Åckes verleist em net.        

Eine schlechte Axt verliert man nicht.

 

Wi Än de Wedde sätzt, ka leicht Flure schnedden.       

Wer in den Weiden sitzt, kann leicht Flöten schneiden.

 

Wi sälwest ugreift, hot et Än Hånjden                              

Wer selbst anpackt, angreift, hat es in Händen.

 

Aus dem Heangd måcht em nichen Båflisch.                

Aus dem Hund kann man keinen Speck machen.

 

In Kro päckt der åndern net de Ujen eraus.                    

Eine Krähe hackt der andern nicht die Augen aus.

 

Kleach schwejjen äs schwerer wä kleach rieden.          

Klug schweigen ist schwerer als klug reden.

 

Vill Diles – schmol Erwes.                                                     

Vieles Teilen – schmales Erben.

 

Tschorrelt et net, esi treppt et doch.                                

Strömt es nicht, so tropft es doch wenigstens.

 

N o m  Ren breocht em nichen Månkel.                          

Nach dem Regen braucht man keinen Mantel.

 

Wi det Gläck hot, dem felnen uch de Giß.                        

Wer das Glück hat, dem füllen auch die Ziegen.

 

Wat spätz ufet, hirt ståmpich af.                                       

Was spitz beginnt, hört stumpf auf.

 

E jed Såck fanjt senje Bånjdel.                                          

Ein jeder Sack findet sein Bändel.

 

E jed Däppchen fånjt senj Dakeltchen.                           

Jeder Topf findet sein Deckelchen.

 

Åld Scheire brän um ärjsten.                                          

Alte Scheunen brennen am ärgsten.

 

Der Wonn uch der Hāt worn zwin licht Kåmerad.     

Der Wenn und der Hätte waren zwei schlechte Kameraden.

 

Kro bä Kro – Po bä Po!

Krähe bei Krähe – Pfau bei Pfau.

 

Liere meß em än der Fremd.                                  

Lernen muss man in der Fremde.

 

Kreokt fällt de Heokt.                                                        

Kraut füllt die Haut.

 

Um Owend blähn de Kerbes.                                          

Am Abend blühen die Kürbisse.

 

Wi schmiert – di fiert.                                                         

Wer schmiert, der fährt.

 

Hans Orendi (Mülheim a.d. Ruhr)

 

 

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Letztes Update: 07. März 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg