HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
||
An den Tourismusminister Sehr geehrter Herr Minister, als Mitgestalter des Schäßburger Treffens am 21. Oktober 2001, das zur gleichen Zeit mit der Hundertjahrfeier seit dem Umbau der Bergschule - heute das Joseph- Haltrich- Gymnasium - stattfand, möchten wir Ihnen für den persönlichen Gruß und die im Namen der Regierung übermittelten Botschaft danken, die uns vom Bürgermeister im festlichen Rahmen unseres Treffens übermittelt und im Wochenblatt Jurnalul Sighisoara Reporter, Nr. III / 202 vom 24-30 Oktober 20011 veröffentlicht wurde. Wie die Teilnehmer am Treffen berichteten, waren die in Anwesenheit der Vertreter der lokalen Behörden veranstalteten Feiern überaus gelungen und schön. Das Wiedersehen mit der Heimatstadt und den Freunden hat nicht nur herzliche Bindungen wiederbelebt, sondern auch die dankbare Anerkennung für eine Bildungsstätte mit einem nachgewiesenen nahezu halben Jahrtausend währenden Bestand, mit einer außergewöhnlichen kulturellen Tradition, die sich heute mit Namen vieler deutscher und rumänischer Wissenschaftler rühmen kann, und mit einem Glückwunschschreiben des Präsidenten Rumäniens geehrt wurde. Anlässlich dieser Feierlichkeiten wurden auch wir mit der heiß geführten Debatte für und gegen ein Projekt konfrontiert, das die Vermarktung des Mythos "Dracula" an einem Ort ohne nachgewiesene Beziehungen zur Romanfigur des Schriftstellers Bram Stoker zum Ziel hat. Aus Loyalität zu unserer Heimatstadt und Ihren Bürgern waren wir so frei, die Stellungnahme unseres Vereins in einem Schreiben vom 31. August 2001 an den Bürgermeister von Schäßburg, Herrn Dorin Danesan, und den Stadtrat darzulegen. Wir bitten nun auch Ihre Exzellenz, unsere ethischen, ökologischen und wirtschaftlichen Argumente in Bezug auf das der Stadt aufgedrängte Projekt eines Themenparks zur Kenntnis zu nehmen. Wir alle waren vom "Sonderprogramm zur touristischen Entwicklung des Raumes Schäßburg überrascht, welches im Juli 2001 in der Landespresse veröffentlicht und sofort von der Weltpresse kommentiert wurde. Auf den ersten Blick scheint es eine bemerkenswerte Initiative auf höchster Ebene zu sein, von den gemauerten Zeugnissen abendländischer Kultur an der Grenze zum ehemaligen Osmanischen Reich das zu retten, was nach 60 Jahren des Verfalls noch zu retten ist . Die Sanierung der Burg ist übrigens die moralische Pflicht, die aus dem Recht hervorgeht, den außergewöhnlichen Titel Weltkulturerbe, von der UNESCO verliehen, zu führen. Ein Vorhaben mit dem Umfang und der Komplexität, wie im Sonderprogramm für Schäßburg vorgestellt, benötigt jedoch Zeit zur Prüfung der vielseitigen Auswirkungen. Nur Entscheidungen aufgrund von Machbarkeitsstudien und unabhängigen wirtschaftlichen Gutachten, gefolgt von demokratischen Auseinandersetzungen ohne Verteufelung unliebsamer Meinungen können das Gelingen eines Vorhabens sichern. Die Punkte 1, 4 und 5 des Programms zur Sanierung der Burg und ihrer Infrastruktur, sowie die Schaffung neuer Arbeitsplätze sind zweifelsohne notwendig, positiv und ermutigend zugleich. Sicher werden die Schäßburger von überall ihren materiellen oder fachlichen Beitrag dazu leisten. Was den Punkt 2, "DRACULA PARK" betrifft, stellen wir jedoch eine gewollte und höchst fragwürdige Vermengung von zwei entgegengesetzten Sachverhalten fest: einerseits die Arbeiten zur Rettung der Schäßburger Burg und andererseits die Vermarktung eines Geistes, welcher der einzigen Stadt Rumäniens die die Ehrenfahne der Europäischen Union erhalten hat, unwürdig ist. Noch unter dem Schock, verursacht durch die aktuellen internationalen Ereignisse, stellt man sich die Frage, ob die Verherrlichung von Grausamkeit und Terror wohl zeitgemäß sind. Vorausgesetzt, dass beide Vorhaben verwirklicht werden, wird Schäßburg bald ungerechterweise und geschichtlich verfälscht den Namen "DRACULA BURG" erhalten! Die bekannten Reiseveranstalter von "low budget" Pauschalreisen, die Millionen Touristen versprochen haben (auf welcher Grundlage wohl?), werden nicht zögern, ohne moralische Skrupel Werbekampagnen für den Vampirpark zu führen, die inhaltlich dem Geist, der Kultur, der christlichen Moral, der Tradition und der Wirklichkeit Schäßburgs völlig fremd sind. Es ist leicht vorstellbar, dass ein Projekt wie das des DRACULA PARKS verlockend wirkt. Es kann niemandem der Wunsch nach Wohlstand abgesprochen werden. Warum aber erwarten wir, dass andere uns diesen bringen? Ist es nicht vernünftiger, und für die "Perle Siebenbürgens" angebracht, ihr eigens, natürliches, friedliches, im Laufe der Jahrhunderte gewachsenes Wesen zu behalten, in dem die ortsansässige Bevölkerung aufgerufen wird, sich mit diesem architektonischen Kleinod und seiner Umgebung zu identifizieren, mit Groß und Klein zur Schaffung eine im wahrsten Sinne des Wortes sehenswerten touristischen Attraktion beizutragen. Die Auszeichnung durch die UNESCO steigert das Touristikpotential und begünstigt die Entwicklung eines Kulturtourismus der einem würdigen Ansehen des neuen Rumänien als Beitrittskandidat zur Europäischen Union nur vorteilhaft sein kann. In dem eingangs erwähnten Schreiben haben wir uns erlaubt, in freundschaftlicher und ausführlicher Weise dem Bürgermeister und dem Stadtrat zu erläutern, weshalb der DRACULA PARK, im Falle einer erzwungenen und überstürzten Verwirklichung in kurzer Zeit zum Zuschussbetrieb wird, der nicht in der Lage sein wird, aus eigener Kraft zu überleben. Wir zitieren daraus: - Die Zahlen, die laut Journalul Sighisoara Reporter den Rentabilitätsberechnungen zugrunde liegen, sind auf den ersten Blick schon unrealistisch. - Mitteleuropa ist mit Vergnügungsparks übersättigt. Aus den Medien kennt man die wirtschaftlichen Probleme des bekannten Disney Land neben Paris, trotz der jährlich zwölf Millionen Besucher. - Ausländische Familien mit Kindern werden sicher nicht zwei Tage hin und zwei zurück reisen um sich in den gleichen Anlagen wie daheim, bloß mit anderem Namen, zu vergnügen. - Zu Punkt 3 des "Sonderprogramms" sei bemerkt, dass Golfer meistens über 50 sind, ohne Kinder reisen, wobei die Ziele dieser Kunden, wie Sie wohl wissen werden, weiterhin Florida, Kalifornien, Dubai, Australien oder andere sonnige Gefilde sind. - Die Besucher aus den Nachbarländern werden die Eintrittspreise, so sie die Amortisierung der Investition, die Betriebs- und Unterhaltungskosten decken sollen, nicht bezahlen können. Und wie steht es um die einheimischen Besucher? - Solche Vergnügungsparks könnten Gewinn bringend ggf. am Meer, als Alternative bei Schlechtwetter für Familien mit Kindern, betrieben werden. Auch in bevölkerungsstarken Großstädten wie Bukarest mit weiteren Millionen im näheren Einzugsgebiet sind dafür geeignet. - Es ist illusorisch zu glauben, dass die Erschließung der Breite durch Zufahrtstraßen, Wasser- und Abwasserleitungen, Parkplätze, die Errichtung von Unterkünften mit den unvermeidlichen Schwimmbecken sowie die Vergnügungsanlagen selbst bis 2003 verwirklicht werden. Gleichzeitig werden jedoch nie wieder gutzumachende Schäden in einem Naturreservat mit jahrhundertalten Eichen und seltener Flora verursacht (Naturschutzgebiet gem. Gesetz Nr. 5 vom 6. März 2000, beschrieben als: historisch-kulturelle Landschaft mit mittelalterlicher Waldbewirtschaftung, einzigartig in Europa). - Die politische Durchsetzung des Vorhabens DRACULA PARK kann zum Überdenken aller wohlwollenden Versprechungen ausländischer Regierungen, Vereinigungen und sonstiger Spender führen. In diesem Zusammenhang sind wir überzeugt, dass ein solcher Vergnügungspark mit dazugehörigem Golfplatz einen ausschließlich saisonalen Betrieb darstellt, der jedoch des ganze Jahr hindurch Instandhaltungskosten verursacht und somit ein Zuschussunternehmen wird, das ohne öffentliche Subventionen nicht überleben wird. Parallel mit der Sanierung der Burg, der wichtigsten Maßnahme des "Sonderprogramms", welche in den Diskussionen leider übergangen wird, ist auch deren Wiederbelebung geplant. Bedingung dafür ist jedoch die im Regierungsprogramm vorgesehene Verbesserung der Infrastruktur. Bei realistischer Betrachtung wird die Sanierung der Burg mindestens zehn Jahre dauern. Andererseits muss der Tourismus selbstverständlich sofort angekurbelt werden. Dieser muss derart gesteuert werden, dass in einer Jahrmarktsatmosphäre nicht mehr zerstört wird als restauriert werden kann, so wie das die letzten "Mittelalterlichen Festivals" gezeigt haben. Es ist eine widersprüchliche und schmerzliche Tatsache, dass die Kaufkraft in Rumänien eine der schwächsten in Europas ist, obwohl das Niveau der Schulbildung auch heute noch vielen Ländern des Westens überlegen ist. Das bedeutet, dass man mit diesem realen Potential produktive Investitionen, d.h. ernsthafte Projekte anlocken könnte, um den Wohlstand durch qualifizierte Arbeit und Eigeninitiative zu fördern. Die riesigen Probleme, welche die Arbeitslosigkeit verursacht hat, sind uns wohl bekannt. Es stellt sich aber die Frage, ob ein Unternehmen mit saisonalem Betrieb eine wirkliche Lösung zur Verringerung dieses Problems bringen kann. Wir sind dankbar darüber, dass die bekannte Firma Siemens in Temesvar ein Software-Entwicklungszentrum mit 400 Arbeitsplätzen gegründet hat.
Warum nicht auch in Schäßburg, einer über Jahrhunderte hinweg bekannten Schulstadt, eine ähnliche Investition? Auch das Gesetz über Industrieparks eröffnet neue Wege zur Förderung produktiver Investitionen. Es steht außer Zweifel, dass der Tourismus zur wirtschaftlichen Entwicklung und Stabilität beitragen kann. Schäßburg hat dank seiner Lage und Geschichte diese große Chance auch allein durch sanften Tourismus, der von seiner Bevölkerung getragen und gefördert wird. Wir erlauben uns einige Anregungen, die wohl nicht ganz neu, aber es wert sein dürften, beachtet zu werden: - Förderung des Kulturtourismus durch Organisation von Sommerakademien für Maler, Historiker, Restauratoren, Kunsthandwerker so wie ein vielversprechender Anfang bereits mit dem Musikfestival gemacht wurde. - Gründung von Fachschulen und Berufsakademien für Tourismus und verwandte Berufe, wie zum Beispiel eine Berufsschule für Hotelwesen neben dem geplanten Hotel "Schäßburg", eine Restauratoren- und Kunstgewerbeschule. - Einrichtung eines Trainingszentrums für Handball, ein seit Jahren angestrebtes Vorhaben. Diese Sportart hat in Schäßburg eine national und international anerkannte Tradition. - Erschließung der Umgebung von Schäßburg durch Anlegen von Wanderwegen mit entsprechenden Aussichtspunkten, Ratsstätten mit landestypischer Einrichtung und Gastronomie - so wie sie Schäßburg bereits vor 100 Jahren kannte. - Einrichten von Tiergehegen mit heimischem Rot- und Schwarzwild, Bären, Füchsen, Wölfen - als Attraktion für Familien mit Kindern. - Wiederbelebung der Schäßburger Bürgervereine sowie auch von nationalen Fachvereinigungen, die sich der Pflege des regionalen Brauchtums, der Geschichte, Archäologie, Architektur, des historischen Erbes insgesamt widmen könnten. Mit großer Freude haben wir erfahren, dass der Stadtrat beschlossen hatte, eine Stiftung zur Rettung der Burg unter dem Namen "Castrum Sex" zu gründen. Leider wurde wegen dem Projekt DRACULA PARK das Vorhaben und die angelaufenen Formalitäten eingestellt. Wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln die Wiederbelebung dieses Vorhabens unterstützen, unter Einbeziehung der Bevölkerung und der städtischen Einrichtungen, aber auch um private und öffentliche Sponsoren im In- und Ausland für diese Idee zu gewinnen. In diesem Sinne bitten wir Sie, sehr geehrter Herr Minister, den besorgten Stimmen ernstzunehmender Persönlichkeiten und Institutionen aus dem In- und Ausland Gehör zu schenken. Wir wünschen Schäßburg einen objektiven und konstruktiven Dialog, ohne billige Polemik, um annehmbare, realistische und sichere Wege zu Entwicklung und Wohlstand zu finden. Zusammenfassend sei gesagt, dass unsere Position, wie bereits den Schäßburger Verantwortlichen mitgeteilt, lautet: PRO SCHÄSSBURG - CONTRA DRACULA PARK!
Im Namen der Heimatortsgemeinschaft Schäßburg e.V Dipl.-Ing. Walter Lingner, Vorsitzender Dipl.-Ing. Hermann Theil, stellvertretender Vorsitzender Astrid Bernek, M.A., stellvertretende Vorsitzende (übersetzt aus dem Rumänischen von Eberhardt Amlacher)
Letztes Update: 08. Februar 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de / http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg |
||