HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Wenn einer eine Reise tut ...

Im Jahre 1977 entschloss ich mich, zu Besuch nach Deutschland zu fahren (auf drei Monate). Ich hatte Verwandte und Freundinnen überall verstreut, die ich aufsuchen wollte. Meine letzte Station war Wolfsburg, bei meiner lieben Theil Anni, meiner ältesten Freundin aus meiner Kindheit. Wer kannte nicht den Georg Theil "Duco", Tapezierer und Anstreicher auf dem Hämmchen? Dort, in dem herrlichen großen Hof voller Autos und Kutschen, spielten wir mit Anni und Minni, ihrer jüngeren  Schwester. Dort gab es eine Schaukel, ein Reck und viele schöne Puppensachen. Es waren meine schönsten und glücklichsten Kinderjahre, die ich bei Anni verbrachte. Ich ging nur schlafen nach Hause. Herr Theil war ein lieber, lieber Mensch, der immer nur schmunzelte und nie mit uns schimpfte oder uns bestrafte.

Also: bei dieser Freundin machte ich Endstation, drei schöne Wochen lang. Von Anni aus machte ich noch meiner alten Freundin Emma Groß einen zweitägigen Besuch. Sie wohnt neben Lüneburg. Von ihr bekam ich einen schönen Wintermantel geschenkt, den ich in einem mächtigen Plastikbeutel transportierte. (Dieser Beutel sollte noch eine wichtige Rolle spielen!)

Alle hatten mich reichlich beschenkt, ich hatte schließlich fünf große Gepäckstücke. Jetzt hatte ich das Problem: Wie sollte ich  damit in Hannover umsteigen, mit nur zwei Händen! Wie sollte ich das schaffen? Ich war schon ganz nervös.

Es war fast elf Uhr abends, als es plötzlich an der Türe läutete. Wer kommt noch um diese Zeit? Meine Mediascher Freundin Lieb Hertha stand vor mir, mit der ich die Fahrt zusammen in einem Coupé gemacht hatte.

"Wie kommst du jetzt her in der Nacht?" Ja, sie brachte mir für  Halmen  G. ein Paar goldene Eheringe, die ich mitnehmen sollte. Und vor allem sollte ich mit ihrem Sohn alles mögliche besprechen, was man damals nicht schreiben konnte. Sie arbeitete in Lechbruck und hatte die lange Reise zu Anni noch gemacht, weil sie wusste, dass ich dort war. Ich war vor Freude außer mir. "Ach Hertha, jetzt fahren wir eine lange Strecke zusammen und du hilfst mir beim Umsteigen! Dich hat der Himmel geschickt." Mir fiel ein schwerer Stein von der Seele.

Am nächsten Tag half Hertha mir packen. Am Abend um 7Uhr 30 hatte ich den Zug. Sie fragte: "Hannchen, hast du alle Papiere beieinander?" "Ja, alles in Ordnung! Ich habe mir auch in der Handtasche Ordnung gemacht. Gründlich!"

Am Abend, Freitag, standen wir alle drei, Hertha, Anni und ich, auf dem Bahnsteig und warteten auf den Zug, der in ein paar Minuten eintreffen sollte. Und dann, wie aus der Pistole geschossen, Hertha: "Du Hannchen, hast du auch das ungarische Visum?" Ich schau sie an. "Gib her die Tasche." Ich suche, suche... kein ungarisches Visum! Wir waren alle drei zu Salzsäulen erstarrt. "Auf was wartest du noch, Anni? Nimm dir ein Taxi und hol den Beutel!" Ich hatte den Beutel Anni gegeben, sie hatte den Küchenmüll hineingetan. Anni war auch schon weg. Durch rote, grüne, gelbe Ampeln. Hertha und ich, wir schwitzten Blut, unsere Pulse rasten. Es waren die schrecklichsten Minuten meines Lebens, ich war einem Herzinfarkt nahe. Ich musste ja am 31. die Grenze überschritten haben. Keine Ämter waren mehr offen! Ð Anni noch immer nicht in Sicht! Der Zug pfiff zur Abfahrt. Ich stieg auf die Waggontreppe, die Türe war geöffnet. Einsteigen! In der Sekunde: Anni, springt, ruft: "Hier der Beutel, sucht das Visum - Tschüß!" und die Tür klappte zu. Ach mein Gott! Zuerst fielen wir uns mit Hertha weinend um den Hals. Und dann war die Hertha in ihrem Element. Der Beutel wurde durchsucht, alles was unten war nach oben gewühlt Ð im Beutel war schon ziemlich viel Müll. Und da war das Visum! Ein kleiner, weißer Zettel. Nein, es war ein Wunder geschehen! Anni war so gescheit gewesen, den ganzen Beutel zu bringen, es wäre sonst zu viel Zeit verloren gegangen. Das sollte mir für mein späteres Leben eine Lehre sein.

Den Müllbeutel schleppten wir dann noch eine lange Zeit mit uns, bis der Zug  endlich einmal anhielt und Hertha den Beutel schnell auf dem Bahnhof in einem Container verschwinden ließ.

So, das war meine große Deutschlandreise!

Hanschen  Menniges (Wiehl 3-Drabenderhähe)

 

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Letztes Update: 03. März 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg