HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
... zu den Gräbern der Vorfahren in Schäßburg - nach 59 Jahren! Ob auch in die Zukunft?Meine Eltern hatten "im Reich", wie es so üblich gewesen war, studiert. Das war nach der Matura, so sagte man damals, gleich zu Beginn der zwanziger Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Und dann blieben sie dort, die Heimat hinter sich lassend, folgend dem wohlwollend lichten Rat eines älteren Freundes der Familie. Denn die Zeichen der Zeit schienen schon damals nicht allzu günstig. Ein Band Gedichte von Michael Albert aus dem Verlag W. Krafft in Hermannstadt, aus der Buchhandlung Fritz Teutsch in Schäßburg die Haltrich'schen Märchen und die Sachsengeschichte von Friedrich Teutsch nahmen sie nebst anderem mit sich. Wer vom Balkan kommt, geht nicht nur geschichtenträchtig, sondern auch geschichtsschwanger einher. Mit sich nahmen sie auch die Muttersprache: den Dialekt, den sie bis aufs Sterbebett mit ihren Kindern pflegten. Mit diesen, also auch mir, waren sie das letzte Mal während des Zweiten Weltkrieges "zu Hause" auf Besuch gewesen. Nach fast 60 Jahren war es also an der Zeit, die Heimat der Eltern sowie derer, die vor ihnen waren, endlich einmal wieder aufzusuchen, wozu sich die Fahrt der HOG anbot Ð im Oktober zum hundertjährigen Jubiläum des Umbaus der "Bergschule". "Wenn nicht jetzt, dann wird's niemals mehr etwas", sagte ich mir. Hatten doch der eine oder andere der Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits an jener betagt-ehrwürdigen Lehranstalt gelernt und gelehrt. War doch mein Großvater Julius Jacobi (1917-1928) Stadtpfarrer von Schäßburg ...und mütterlicherseits Johannes Höchsmann Verfasser der Honterus- Biographie. Auch das verpflichtete. Der mit allem Komfort ausgestattete doppelstöckige Bus ließ mich die bestens organisierte, 36-stündige Non-Stop-Fahrt unvergleichlich besser überstehen als so manche vierstündige Urlaub-Flugreise mit fast ebenso langen Wartezeiten. Es waren alles mir unbekannte Schäßburger (bis auf drei), die sich zur Reise zusammengefunden hatten. Doch aus Schäßburg stammen, heißt wohl auch, mit nicht allen, aber fast allen entweder verwandt oder mit ihnen, wenn auch nie gesehen, doch bekannt zu sein. Und dann Ð der unverfälscht und genüsslich in den Ohren klingende Dialekt jener, die mit ihm noch in der Heimat aufgewachsen waren Ð nicht wie ich in der Fremde, wo sich der Dialekt "verreichsdeutscht" hatte (bekümmerte Wortschöpfung meiner Großmutter anlässlich unserer Besuche "aus dem Reich"). Schon im Bus war ich also in der Heimat angekommen. Diese blickte unverfälscht gnädig - so mein Eindruck - von dem noch immer mäurig und türmig bewehrten Burgberg der Altstadt hinunter auf den Doppeldecker, der unten im Städtchen, nahe dem vormals Nobelhotel "Stern" parkend, angehalten hatte und sich zwischen duckenden Häuserzeilen als ein wahres Ungetüm entpuppte. Der spätnachmittägliche Sonnenschein meinte es gut mit mir, da ich aufblinzelte dorthin, wo ich - sechzig Jahre vorher, neun Jahre alt - verweilt hatte. Seinerzeit hatte ich mit meinen Geschwistern den Eltern in den Ohren gelegen, wo denn unsere Omas und Opas, Tanten und Onkels seien, wenn unsere Mitschüler "im Reich" zu Oma und Opa, Tante Frieda und Onkel Willi zu Besuch oder in die Ferien fuhren. So etwas kannten und konnten wir nicht - mit unserer Verwandtschaft weitab in Siebenbürgen. So nistete sich mir damals der einjährige Aufenthalt an der Heimstatt meiner Eltern mit urplötzlich auftauchender, unüberschaubarer Zahl von Verwandten unauslöschlich in Gedächtnis und Erinnerung ein. Der so in mir haften gebliebene Bilderrahmen von dem aus Burg und Markt bestehenden Kern des Städtchens lebte unverändert auf, als ich den Bus verließ - und eben blinzelte ...in ein Wunder, wie jedenfalls ich es empfand. Als ein solches belegte auch die Predigt von Stadtpfarrer Bruno Fröhlich in der Bergkirche die mindestens 700jährige Geschichte der von Siebenbürger Sachsen gegründeten Stadt, die immer wieder geheilt aus Mongolenstürmen, Seuchen und Türkenkriegen erstanden sei und schließlich zwei Weltkriege mit nachfolgenden Wirrnissen überstanden habe. Doch nicht nur die Wehrtürme und Mauern, die beiden alten Kirchen und das alte Gymnasium, die Bergschule, sind - welchen Zustandes auch immer - bestehen geblieben; sondern des Wunderns wert sind mehr noch Gebrauch und Pflege der deutschen Sprache darinnen. Schließlich auch - der Bergfriedhof mit Gräbern der Vorfahren über zwei Jahrhunderte hin. Nichts des Vergleichbaren lässt sich sonst wo auffinden außerhalb der verschrumpften Grenzen "des Reiches", das heutzutage mit dem Kürzel "die Republik" mitleidig apostrophiert wird. Der Schleier sonnenbelichteter Vergangenheit - denn gutes Wetter war beschieden - zerriss beim Besuch der Klosterkirche und der Mediascher Stadtpfarrkirche. Auf der Fahrt dorthin trübte es auch ein, wurde düster - auch in Gedanken. Es war mein Blick auf die nicht enden wollenden Namensreihen der in zwei Weltkriegen Gefallenen und deportiert Verstorbenen an den in den Kirchen angebrachten Gedenktafeln. Da versackte verklärte Erinnerung und historisch schwappte klare Abrechnung hoch. Wenn schon zu Franz-Joseph-Zeiten Untertanen der im ersten großen Krieg befindlichen Doppelmonarchie, was hatten - so fragte ich mich - die Siebenbürger Sachsen in einer fast zweitausend Kilometer vom "Reich" entfernten Enklave mit dessen zweitem großen Krieg zu schaffen gehabt? Wie kamen sie nicht nur im Kriege, sondern vielmehr danach auch ihre Mädchen und Frauen während der Deportation dazu, Leid und Tod für die Deutschen ertragen zu müssen? Gut nur - die Rumänen, was auch immer man denken mag und was auch immer die Gründe, haben die Siebenbürger Sachsen nicht vertrieben, habe deren Kirchenburgen und Städte nicht platt gemacht. Dass allerorten Verfall wahrnehmbar ist, kann man ihnen, den Rumänen, wohl nicht anlasten. Denn hier war schon lange und wäre gegenwärtig um so mehr "die Republik" gefordert, so sehr auch sie sich überall sträubt, Sachwalterin des "vom Reich" verlorenen Zweiten Weltkrieges zu sein. In ihrem oberflächlichen geschichtslosen Dahindämmern weiß sie mit dieser vom Krieg verschont gebliebenen kulturellen Erbschaft nichts anzufangen. Mit Weltkulturerbschaften mag sich die UNO oder UNESCO befassen, nicht aber "die Republik", die zur Weltspitzengruppe der Autoproduzenten, Maschinenbauer und Chemiekonzerne gehört. Und Geld ist genug da - in "der Republik"; sicherlich mehr als bei der UNESCO. Lasterhaftes Sinnieren steigt da freilich gegen Ende dieser Reise in die Vergangenheit in mir auf. Eines Deutschen gerade heutzutage aber durchaus würdig, da in "der Republik" alles im Gezerre zerredet wird. Und bin ich eigentlich Deutscher, wo doch die Ahnen vor über achthundert Jahren dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation den Rücken gekehrt haben! Auf jeden Fall bin ich noch Siebenbürger Sachse, wenn auch das kleine Völkchen dem Aussterben entgegensieht. Denn in etwa dreißig Jahren spricht niemand mehr dessen traulich anheimelnde, klangvolle Sprache. Und so kann dieses nicht eine Reise in die Zukunft gewesen sein, wohl aber in die Vergangenheit. Gleichwohl werde ich wiederkommen, um Burg und Umgebung zu genießen. Denn das wird mir Freude machen, solange nicht von drohendem Touristenstrom Dracula das schöne Schäßburg verschlungen wird. Günter H. Jacobi (Fröndenberg)
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