HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
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Sine ira et studio...
(ohne Zorn und Eifer) Liebe Schäßburger, Läw Scheszbrijer! ich bin in unserer Stadt geboren und lebe heute, wie die meisten Schäßburger, nicht mehr in Schäßburg, sondern als Schriftsteller in Italien. Doch "as Scheszbrich" lässt mich nie mehr los, liegt mir wie uns allen so sehr am Herzen, dass mich alles, was in und mit der Stadt geschieht, stark berührt, und ich auch als Schriftsteller immer wieder über unsere Stadt schreiben muss, denn sie ist für uns, aber eben nicht nur für uns, einmalig, unersetzbar durch ihr Stadtbild, ihre Geschichte, in ihrer gewachsenen Schönheit; und nun ist diese Schönheit bedroht! Daher ist es jetzt dringend erforderlich, sich zu äußern, scharfen Protest einzulegen, denn es soll etwas geschehen, das ihren Charme, ihre alte Aura in nicht wieder gutzumachender Weise zerstören wird! Wir alle wissen es: Unsere Stadt hat viele Stürme in ihrer bewegten Vergangenheit durch den Mut und die Tapferkeit der Schäßburger überstanden, sogar die bisher letzte Bedrohung, die Abrisswut des Bukarester Diktators - und nicht zuletzt den Zahn der Zeit hat sie überstanden und wird sie überstehen können, auch wenn viele Bausünden inzwischen festzustellen sind, die das Stadtbild verfremden, eine Quelle der Bereicherung für Skrupellose sind! Andererseits hat sich die Weltaufmerksamkeit auch auf unsere uralte und schöne Stadt gerichtet, die Bergkirche, namhafte Häuser wurden restauriert, die UNESCO hat Schäßburg zum Weltkulturerbe erklärt! 1999 erhielt Schäßburg auch die Ehrenfahne des Europarates. Und wir können stolz darauf sein.
Und nun? Müssen wir wieder sagen: Hälf Gott dir, as ormet Scheszbrich?! Wir wissen es alle, die grässliche Globalisierung samt Amerikanisierung hat auch unsere Stadt erreicht, steht wie ein drohender Feind vor ihren Toren, und wenn wir uns nicht alle mit allen unseren zur Verfügung stehenden Kräften dagegen wehren, wird es aus sein mit unserem Schäßburg! Ein weltweiter Protest ist fällig, doch in allererster Reihe sind wir gefordert, wir, denen diese Stadt seit unserer Kindheit so ans Herz gewachsen ist, dass wir täglich im Herzen, in der Erinnerung, mit unserem ganzen Interesse nicht in ihr, aber mit ihr weiter leben, egal, wo wir uns befinden!!
Ihr alle wisst, was geschehen soll, was schon geplant und durchgerechnet ist, das deutsche Unternehmen Westernstadt Pullmann City soll das sogenannte „Dracula-Land“ (Läääänd!), soll auf unserer Breite, einen Horrorpark bauen! Planen wird es die Balzer Continental Inc.-Kompanie aus den U.S.A. Die Erstellung der Infrastruktur, also Straßen etc. Autobahn? Straßen zum Flugplatz nach Tg. Mures? übernimmt Siemens. Und zum Projekt gibt es schon einen Regierungserlass, eine Ordonanta vom 6.7.2001. Im Frühjahr soll mit dem Horrorbau begonnen werden! 2003 soll er fertig sein! Wie eine Faust aufs Auge - schon der englische, nicht der deutsche oder rumänische Name des angeblich 60 ha großen Monsters, 60 ha! Der Name sagt alles! Stellt euch das vor, ein Disneyland mit Vampiren aus Pappmaché unter den tausendjährigen Eichen (ach was, die werden ja dann wohl gefällt!) Obwohl es ein Gesetz gibt, das die Breite zum Naturreservat erklärt. Obwohl die UNESCO jede ökologische Veränderung in unserer Stadt genehmigen muss. Doch Geld regiert ja bekanntlich die Welt und kennt weder Moral noch Respekt vor irgendetwas. Und dann die geplante Drahtseilbahn von der Breite zum angeblichen „Draculahaus“ auf der Burg!? Man stelle sich die aber tausende Touristen in den engen Gassen der Stadt vor. Mit einer Million Stadtzertramplern aus Rumänien und aller Welt rechnet der Tourismusminister. Das alles lässt sich schon in der internationalen Presse bis Japan und Australien und im Internet nachlesen. Kaum jemand hat früher von diesem Kommerz-Dracula etwas gewusst oder gar Schäßburg mit ihm in Zusammenhang gebracht! Er hat auch kaum etwas mit Schäßburg und den Schäßburgern zu tun, sondern mit dem Geschäft! Dieser „Vampyr“ ist eine Phantasiegestalt, Figur aus dem Roman „Dracula“ des irischen Autors Bram Stoker, der nie in Siebenbürgen war. Es ist freilich ein sehr interessanter Roman, der mit unseren Ängsten umgeht, mit Liebe, vor allem mit dem Tod. Bekannt aber wurde der Vampir durch über 250 Filme, darunter viele grauslige Kitschfilme! Das Modell aber für den Dracula ist die verballhornte Gestalt des rumänischen Fürsten Vlad Tepes, des Pfählers. Und das ist das Unglück. Tepes, der vielleicht, es gibt dafür aber keine Urkunden, in Schäßburg, im ehemaligen Altfrauenheim, heute Dracula-Restaurant auf der Burg, im Jahre 1431 geboren worden sein soll. Dabei gab es das Gebäude damals noch gar nicht! Wahr ist nur, dass Vlads Vater Vlad Dracul 1431-1436 im Exil in der Stadt war, 1436 dann den Thron in der Walachei wiedergewann. Stokers Vampir Dracula freilich, und das ist wenig bekannt, beruht auf mittelalterlichen Chroniken, eher Flugschriften und Pamphleten, die vom Hof des Matthias Corvin in Buda ausgingen, wohl unter kräftiger Mithilfe unserer Vorfahren vor allem aus Kronstadt, ein Racheakt, weil Tepes viele Kronstädter Bürger gepfählt und die Stadt, ebenso Hermannstadt, belagert, dort gebrandschatzt und gemordet hatte. So machten die Siebenbürger Sachsen und die Ungarn Tepes zum Unmenschen, Blutsauger und Vampir und zum Dracole Vayda. Wir jedenfalls haben jetzt so spät diese Bescherung! Konsummythologie Dracula und Kommerz in der schönsten Stadt des Landes! Und die Geisterbahnen, kleine Plastikdraculas, T-Shirts, Buden, Geisterfilme auf unserer Breite!?? Sicher, wir dürfen nicht blind sein, die Augen vor der Not der Stadt heute verschließen, der Armut, dem Zustand der Wirtschaft, der hohen Arbeitslosigkeit! Solch ein Dracula-Land mit Millionen Touristen würde Geld und Arbeit in die Stadt bringen, sozusagen neuen wirtschaftlichen Schwung, Internationalität. Doch um welchen Preis, denn die Zerstörung könnte nicht mehr rückgängig gemacht werden! Und es wäre wahrscheinlich auch nur eine kurzfristige Sache, das Interesse würde erlahmen wie bei vielen ähnlichen Freizeitparks, z.B. in Frankreich! Die kaum Einnahmen bringen, nur Ausgaben! Das Plastik-Dracula-Land würde ebenfalls veröden, was noch schlimmer wäre als reges Leben! Lügen haben kurze Beine! Und ehrlich währt immer noch am längsten, auch der wirkliche historische Wert des Bram-Stoker-Buches und der Dracula-Legende, die Substanz, und die gibt es ja auch bei diesem Thema, aus ihr müsste man Kapital schlagen, nicht aus dem billigen oberflächlichen Konsumpappmaché!! „Sanfter“ Kulturtourismus also wäre für Schäßburg gefragt, nicht zerstörerischer und verdummender Massentourismus, der für diese schöne, kleine Stadt von vorneherein ein Fremdkörper wäre! Die Touristen werden sowieso kommen, und dies auch ohne Dracula-Land, um das Dracula-Haus zu sehen, dafür wird schon die Tourismusindustrie sorgen! Es gilt eher, diesen Strom einzudämmen, in Bahnen zu lenken, die die Bausubstanz schonen, die Stadt sollte die dringend nötigen Einnahmen nicht missen, doch sich nicht überfluten lassen; und daraus kein Disneyland, sondern Information und Kultur machen; denn das Dracula-Phänomen gehört zur okzidentalen Kultur, hat auch Tiefgang, ich habe darüber geschrieben und auch in Zeitungen, im Radio, im Internet (in der Homepage von Sibiweb.de) veröffentlicht! So sollte mit unserer Stadt umgegangen werden - wie z.B. die Schweizer mit ihrem „Heidiland“ umgehen oder auch die Franzosen mit ihren Loire-Schlössern, die Deutschen mit ihrem Kölner Dom, die Italiener mit ihrem Florenz. Und was „unseren“ Dracula betrifft: Weshalb sollten Touristen und Interessierte hier nicht über den wahren Hintergrund der Dracula-Legende aufgeklärt werden. Vortröge, Seminarien, Filme, ja, eine Bibliothek und ein Archiv über Dracula, über Vlad Tepes, die den Zusammenhang Tepes-Dracula erläutern, könnte in seriöser wissenschaftlicher Sicht, über das Problem Dracula und das Vampir-Thema informieren, über die Filme, die zahlreichen Romane und Erzählungen - das würde viele wissbegierige Menschen anziehen, und all das hängt auch mit der Geschichte Siebenbürgens zusammen, es wäre der Stadt und ihrer Vergangenheit würdiger als dieser kommerzielle Kitsch-Klamauk mit dem Dracula-Land, der absolut das Gegenteil und das verkörperte Böse in seinem Firmen-Schilde führt! Daher wehret den Anfängen! Wehrt euch mit einem gemeinsamen Protest und einer Unterschriftenaktion gegen dieses unmoralische Monstrum des Kommerzes und Konsums „Dracula-Land“ auf unserer schönen alten Breite! Das alles tut weh, ist wie die Faust aufs Auge!!! Und man kann angesichts dieses kommenden Desasters nur ausrufen: Gott erhalt dech Scheszbrich!! Dieter Schlesak (Camaiore, Italien)
Letztes Update: 07. Februar 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de / http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg |
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