HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Anno Domini 1902

Scharlachepidemie fordert zahlreiche Opfer/Gedenktafel für General Melas/Schwierigkeiten mit der "neuen Orthographie"/ In der "Schäßburger Zeitung" geblättert

"Das Jahr 1902 gehört nach unserer sowie nach der julianischen Zeitrechnung zu den ‚gewöhnlichen' und zählt 365 Tage." Die "Schäßburger Zeitung" gewährte ihren Lesern in der Ausgabe vom 5. Januar einen Ausblick auf das begonnene Jahr, übernommen aus dem "Siebenbürgisch Deutschen Tageblatt". Weiter heißt es im Text: "Das Jahr 1902 begann und schließt mit einem Mittwoch, hat 52 Sonntage und 14 Feiertage und demnach 299 Arbeitstage ... Mit dem Fasching werden nicht alle zufrieden sein, denn er beginnt am 7. Januar und endet am 11. Februar, dauert daher nur 36 Tage ... Nach Knauers hundertjährigem Kalender ist der Wettercharakter des Jahres 1902 durchwegs rauh und kalt ..."
Was brachte das Jahr 1902 den Schäßburgern? Blättern wir in der "Schäßburger Zeitung" vom Januar bis Mitte Juni und versetzen wir uns in die Lage unserer Vorfahren…

Wieder gewählt wurde am 23. Dezember 1901 in der unter dem Vorsitz von Vizegespan St. V. Somogyi stattgefundenen "Sitzung des städtischen Vertretungskörpers" Bürgermeister Friedrich Walbaum. Ebenso wurden wieder gewählt die Magistratsräte H. Fielk, D. Adleff, "Fiskal" Dr. A. Leonhardt, Ingenieur G. Orendi, Forstmeister A. Pomarius, Buchhalter F. Andrae, Gemeinderichter W. Wultschner, Archivar I. Friediger ... (Nr. 1, 1.1.)

 


"Die Zahl der Geburten in der Schäßburger ev. Kirchengemeinde A. B. betrug im abgelaufenen Jahre 151, während 124 Personen gestorben sind." Die evangelische Bevölkerung hatte sich "um 27 Seelen vermehrt", die "gesamte Seelenzahl" betrug Ende 1901 genau 5176. (Nr. 3, 12.1.)
Scharlachepidemie. Für vier Wochen gesperrt wurden "sämtliche hiesige Schulanstalten aller Confessionen mit Ausnahme des Gymnasiums". Der Grund: die immer noch zunehmende Scharlachepidemie. (Nr. 5, 26.1.) Zur Bekämpfung der Epidemie wurden Ende Januar neue, strengere Maßnahmen angeordnet. Z. B.: Jede Erkrankung muss sofort der Polizei gemeldet werden; wenn eine "vollkommene Absonderung" der erkrankten Person zu Hause nicht gewährleistet werden kann, ist diese "an das Epidemiespital abzugeben"; die behördlich angeordnete Sperre der Wohnung einer an Scharlach erkrankten Person ist strengstens zu beachten; an der Beerdigung an Scharlach verstorbener Personen dürfen nur die nächsten Verwandten teilnehmen ... (Nr. 6, 2.2.)

Die "Schäßburger Zeitung" veröffentlichte regelmäßig einen "Ausweis über den Stand der infectiösen Krankheiten" in der Stadt. In der Statistik für die zweite Hälfte des Monats Januar 1902 steht bei Scharlach: "Beim letzten Ausweis blieben krank - 60; Zugewachsen - 32; Zusammen - 92; Hievon sind geheilt - 36; gestorben - 6; Somit verbleiben - 50." (Nr.7, 9.2.)

"Gewerbevereinsball. Samstag, den 1. Februar, fand der Gewerbevereinsball im Stadthaussaale statt. Wir sind es seit langer Zeit gewöhnt, daß der Ball des Gewerbevereins immer zu den schönsten und gemütlichsten der Saison gehört, so war es auch in diesem Jahre." (Nr. 7, 9.2.)
In mehreren Zeitungen im Februar und März wurde über die hohen Fleischpreise in Schäßburg debattiert. "Warum ist das Fleisch teurer als in anderen Siebenbürger Städten?", fragten die Leser. In einer "Erklärung" rechtfertigte der Fleischhauer und Selcher Georg Winter die Schäßburger Preise: Der Schäßburger Fleischhauer habe "im Verhältnis zu denen der anderen Städte den schwierigsten Standpunkt". Der Verfasser zählt vier Unterschiede auf und macht Preisvergleiche mit anderen Städten (Nr. 9, 23.2.)

Bürgermeister Friedrich Walbaum
(1897 - 1910) - Archivbild

 

Die ausführliche "Erklärung" Georg Winters veranlasste einen Schäßburger "Fleischconsumenten" zu einer Stellungnahme, die anonym unter dem Rubriktitel "Stimmen aus dem Publikum" eine Woche später veröffentlicht wurde. Er sei erstaunt gewesen über "die von Herrn Fleischhauer Winter seinen Consumenten aufgetischte haarsträubende Überraschung, daß wir hier in Schäßburg nicht nur das billigste, sondern überhaupt ein Fleisch essen, das sich jeden Augenblick mit dem der Landeshauptstadt messen kann". (Nr. 10, 2.3.)

Eine Woche später ging die öffentliche Diskussion weiter. Nicht Herr Winter, sondern Herr F. Roth antwortete unter dem Rubriktitel "Offener Sprechsaal". Er überführte den Anonymus eines Rechenfehlers und schlug ihm vor: "Um beurteilen zu können, was unter Zuwage zu verstehen ist, möge sich der Herr in unsere Nachbarstädte begeben und so ein Rippenstück kaufen, da würde er sehen, was auf so ein Stückchen Fleisch (feine Garb) für Zuwage gehört." Der Brief ist länger, die ausgewählten Zitate sollen bloß zeigen, dass schon damals in der Lokalzeitung auch in Schäßburg widersprüchliche Meinungen von Lesern abgedruckt wurden. Wir können uns heute lebhaft vorstellen, wie eifrig diese Debatte in der Zeitung verfolgt wurde.

Schäßburg 1902 mit Baumwollweberei "Wilhelm Löw" - Archivbild

 

"Arbeitseinstellung der Brauarbeiter. Vor einigen Tagen stellten sämtliche Arbeiter im hiesigen Brauhause von Herrn Robert Götz die Arbeit ein, weil ihnen der neue Braumeister Herr Paul Reis (früher Braumeister der Czell'schen Brauerei in Schäßburg) von ihrer bisherigen Bierration (pro Tag 3 Liter) einen Liter täglich abzog. Der Grund der Entziehung ist der, weil die Arbeiter stets durch den Biergenuß in angeheitertem Zustande, weniger arbeitsfähig waren." Der Streik hatte für die Arbeiter fatale Folgen - sie wurden entlassen. (Nr. 9, 23.2.)

Jubiläum. Am 7. März 1902 erfüllten sich 20 Jahre, seit Herr Stadtpfarrer Johann Teutsch sein Amt in Schäßburg angetreten hatte. Aus diesem Anlass fand am 9. März, nach dem Gottesdienst, "in schlichter, herzlicher Weise" eine Feier statt. In seiner Rede zählte Kurator Fr. Melzer einige Leistungen der Kirchengemeinde in dieser Zeit auf: "Alle unsere Schulanstalten sind neugebaut oder durch Zubauten vergrößert worden; eine besondere Erwähnung verdient aber heute der Bau des Alberthauses ..." (Nr. 12, 16.3.)

Der Schäßburger Musikverein hat sich "unschätzbare Verdienste erworben und rückhaltlose allgemeine Anerkennung errungen durch die zweimalige Aufführung (26. und 27. d. M.) des Mendelssohn'schen Oratoriums ‚Elias'", berichtete die Zeitung am 30. März. Das Hauptverdienst komme dem "unermüdlichen Musikdirektor, Herrn Gust. Fleischer" zu. Von den Solisten erwähnte der Chronist C. B.: Dr. Julius Jacobi, Frl. Josefine Roth, Frl. Trudchen Teutsch, Herrn Otto Wohl. Die Leistung der Choristen und des Vereinsorchesters fand ebenfalls sein Lob. (Nr. 14, 30.3.)

"Die Seelenzahl unserer Landeskirche betrug nach den amtlichen Jahresberichten am 31. Dezember 1901: 217 645, um 1639 mehr als im Jahre 1900. Zurückgegangen ist die evan-gelische Bevölkerung im Mediascher Bezirk um 26, im Schäßburger Bezirk um 19, in allen übrigen gestiegen." (Nr. 15, 6.4.)

Über Spenden wurde in den Schäßburger Zeitungen des Öfteren geschrieben. Im April erfuhren die Leser von einer eigenartigen Spende des Tuchfabrikanten Wilhelm Löw ans Gymnasium: Er hatte "ein recht wertvolles Geschenk übermittelt, bestehend in einem Kästchen, das die Kultur der Baumwolle in ihren sämtlichen Stadien, vom Samenkorn bis zum fertigen Baumwollen-Webzeug enthält". Das Geschenk bereicherte die naturwissenschaftliche Lehrmittelsammlung der Schule.(Nr. 16, 13.4.)

Die Turnhalle 1902 - Archivbild

 

 

Waldbrand. "Sonntag mittags, den 6. d. M. wurde am Kalbertritt-Eichrücken rechtzeitig ein Waldbrand bemerkt, der von dem rasch herbeigeeilten Forstpersonal und sonstigen Arbeitern binnen kurzem gelöscht wurde." (Nr. 16., 13.4.)

An der "General-Versammlung" des Männerturnvereins am 14. April nahmen kaum 20 Mitglieder teil, bedauerte die Zeitung. Den Vorsitz führte der Vereinsvorsteher, Gymnasialdirektor Julius Unberath. Der Verein zählte damals 78 Mitglieder. "Die männlichen Vereinsangehörigen - ohne die ‚Alten-Herren-Riege' - turnten im abgelaufenen Jahr je 2-mal wöchentlich an 89 Abenden ..." (Nr. 17, 20.4.)

"Die Eröffnung des Winter'schen Gartens findet Sonntag, den 20. d. M., statt. Restaurateur Joh. Philippi wird eifrig bestrebt sein, für gute Speisen und Getränke Sorge zu tragen." (Nr. 17, 20.4.) Zwei Wochen später wurde auch die Eröffnung des Mühsam'schen Gartens angekündigt. Er werde "die ganze Saison hindurch vom Besitzer selbst geführt werden".
Die Stadtvertretung beschloss Mitte April, ein städtisches Waisenhaus für etwa 31 400 Kronen zu bauen und zum Bau des Bezirksgerichtsgefängnisses mit 1200 Kronen beizutragen. (Nr. 17, 20.4.)

Schwierigkeiten mit der "neuen Orthographie" hatten schon unsere Vorfahren. Vor 100 Jahren waren Bücher mit "vergleichende(r) Zusammenstellung solcher Wörter, welche durch die neueste Orthographie veränderte Schreibweisen erhalten", sehr schnell vergriffen. Die "veränderte Schreibweise" bezog sich vor allem auf Fremdwörter, die S-Schreibung und Silbentrennung. Wie sich doch die Probleme mit der deutschen Rechtschreibung damals und heute ähneln!(Nr. 18, 27.4.)

Straßenregulierungen. Unter diesem Titel berichtete die Zeitung über Arbeiten im Seilergang und in der Martin-Eisenburger-Gasse. Die Bautätigkeit gestalte sich "lebhafter" als in anderen Jahren, stellte die Zeitung in einer anderen Nachricht fest. Auf der Burg, am Marktplatz, in der Baiergasse und unter der Burg werden mehrere Häuser gebaut, heißt es, der Bau des Komitatsspitals sei "schon ziemlich weit vorgeschritten" und "voraussichtlich wird auch der Bau des Bezirksgerichtsgebäudes noch in diesem Jahr in Angriff genommen". (Nr. 19, 4.5.)

Ruhig ging es zu am 1. Mai "in unserem friedlichen, idyllischen Städtchen", zu ruhig, bedauerte die Zeitung. Nur "die leidige Zigeunermusik fidelte hier und dort ein Ständchen". Die "Seminar-Aspiranten" waren "aus uns unbekannten Gründen vom Ausmarsche zurückgehalten" worden.
Der "Verein zur Verschönerung der Stadt Schäßburg" hatte am 1. Mai seine Generalversammlung. Zum Vorstand gewählt wurde Forstmeister Alfred Pomarius, zum Vorstandsstellvertreter Bürgermeister Friedrich Walbaum. Der Verein hatte damals 240 Mitglieder. (Nr. 19, 4.5.)

Die erste Schäßburger "Leichenbestattungsanstalt" gründete der Großtrafikant Franz Vandory am 1. Juni 1902 - ein "Geschäftsunternehmen, das in den meisten unserer Schwesterstädte schon vor Jahren Eingang gefunden und auch hier einem lange gefühlten Bedürfnis entgegenkommt". (Nr. 20, 11.5.)

Maifest / Skopationsfest 1902 - Archivbild

 

Wichtiges Thema in der "Communitätssitzung vom 10. Mai 1902" war das geplante Wasser- und Elektrizitätswerk. Nachdem das Innenministerium in Budapest in den Plänen verschiedenes beanstandet hatte, standen nun die von der Firma Oskar v. Miller umgearbeiteten Pläne zur Diskussion. Mit dem Beginn der Bauarbeiten - für die beiden Werke wurde die "Maximalsumme von 640 000 Kronen" festgesetzt - sei "schon in diesem Jahr" zu rechnen, heißt es. (Nr. 21, 18.5.)

Eine Gedenktafel für Freiherrn von Melas wurde am 25. Mai feierlich enthüllt. Die Gedenktafel, die k. u. k. Militärintendant Victor Möckesch gespendet hatte und am Schmiedturm angebracht wurde, trug folgende Inschrift: "Gedenktafel für Michael Feiherr v. Melas, Commandeur des

Michael-Eisenburger-Straße mit neuem Bezirksgerichtsgebäude. - Archivbild

 

Militär-Maria-Theresien-Ordens, Inhaber des Cürassier-Regiments Nro. 6, General der Cavallerie, geb. am 11. Mai 1729, gestorben am 31. Mai 1806, Sohn des Bartholomäus Melas, gewesenen ev. Stadtpfarrers A. B. in Schäßburg." General von Melas stand bekanntlich in der Schlacht von Marengo im Jahre 1800 Napoleon gegenüber, der ihm als Zeichen seines Respekts einen Ehrensäbel übersandte. (Nr. 22, 25.5.)

Vortrag des Burenkommandanten Jooste. Auf seiner Vortragsreise durch Österreich-Ungarn traf der Burenkommandant, der als Befehlshaber einer etwa 300 Mann starken Radfahrerabteilung zu Anfang des Burenkrieges (1899-1902) bekannt geworden war, am 22. Mai in Schäßburg ein, wo er im "Stern" Quartier bezog. Am Abend desselben Tages hielt er im "dicht gefüllten Stadthaussaal" einen Vortrag über die Buren und ihren Krieg. Die beiden Schäßburger Zeitungen hatten schon seit Beginn des Krieges regelmäßig Berichte über das dramatische Geschehen in Südafrika gebracht; die Buren und ihr Kampf gegen die Engländer erfreuten sich unter den Schäßburgern, wie aus der Zeitung ersichtlich ist, großer Sympathie. (Nr. 22, 25.5.)

Brücke über den Hundsbach in der Baiergasse vor dem Abriss - Archivbild

 

Große Aufregung verursachte Anfang Juni ein "wutverdächtiger Hund", der sieben Personen "meist erheblich verletzt" hatte. "Sämtliche Gebissenen sind noch denselben Tag teilweise mit dem Nachmittags-Eilzug und mit dem Nachtzug nach Pest in das Pasteur'sche Institut gefahren. Der Kopf des Hundes wurde zur gründlichen Untersuchung nach Pest geschickt." (Nr. 24, 8.6.)

Zwei Wochen später erfuhren die Leser, dass die sieben vom Hund Gebissenen als gesund entlassen und die Heimreise antreten werden. Die "Stadtvertretung" dankte dem "Mitbürger August Frank, der unter Gefährdung seiner eigenen Person den wutverdächtigen Hund gepackt und solange festgehalten, bis es den Herbeigeeilten gelang, denselben zu töten." (Nr. 26, 22.6.)

In seinem Bericht über das Haushaltsjahr 1901 zählte der Bürgermeister der königlich freien Stadt Schäßburg, Friedrich Walbaum, die größeren Arbeiten auf, die im Jahr zuvor durchgeführt worden waren, z. B.: "Das städt. Schlachthaus ist neu eingerichtet und durch Entfernung einiger Mauern nicht unwesentlich vergrößert worden ... Das städtische Museum im Stundturm ist durch Adoptierung eines Zimmers erweitert worden ... Das neue Gymnasialgebäude der ev. Kirchengemeinde auf dem Schulberge ... bildet eine wahre Zierde der Stadt ... Durch Überdeckung des Hundsbaches in der Baiergasse und Abtragung eines Hauses im Haingässchen ist ein neuer, schöner Platz gewonnen worden ... Die Spitalsgasse ist durch Aufführung einer Stützmauer reguliert worden. In der Parkgasse sind Platanen, auf der Schattenseite der mittleren Baiergasse Kugelakazien gepflanzt ... worden." (Nr. 25, 15.6.)

"Unsere Singvögel im Siechhofwalde, ohnehin nur noch in geringer Zahl vorhanden, sind in Gefahr, ausgerottet zu werden. Wie uns berichtet wird, sollen einige Unterbeamte der hiesigen Staatsbahn das Fangen der Singvögel mit Leimruten und das Ausheben der jungen Brut systematisch betreiben ..." (Nr. 25., 15.6.)

(In den Zeitungen der zweiten Jahreshälfte 1902 werden wir für unsere nächste Folge blättern.)

Redakteur der Rubrik: Horst Breihofer (Nürnberg)


 

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