HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
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Unter der Uhr
des Palazzo Senatorio in Palermo steht: "Pereunt et imputantur".
Das bedeutet: "Sie (die Stunden) vergehen und werden doch angerechnet."
Den Namen des Architekten Fritz Balthes hörte ich schon in meiner Kindheit von meinem Vater, der ebenfalls Architekt in Schäßburg war. Er hielt Fritz Balthes für einen der begabtesten Architekten Siebenbürgens. Mein Vater gehörte einer späteren Architektengeneration an, die die Zeit der Wiener Sezession und den Jugendstil (1890-1910), in welche das Wirken des Architekten Fritz Balthes fiel, grundsätzlich skeptisch betrachtete. Trotzdem war sein Urteil über diesen rundweg anerkennend. Aus heutiger
Sicht, bei dem inzwischen gewonnenen zeitlichen Abstand, hat der große
Aufbruch zu neuen Ausdrucksformen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Architektur
und bildenden Künsten mit all ihren Tendenzen und Verästelungen,
zu denen auch die Wiener Sezession und der Jugendstil gehören, ihren
gebührenden Platz in der Beurteilung durch uns, der nunmehr dritten
Generation, gefunden. Bei uns Siebenbürgern gilt Fritz Balthes als ein Architekt, der dem Jugendstil zuzurechnen ist. Das ist sehr vereinfacht und nur teilweise richtig. Er hat die romantische Furcht vor dem Überhandnehmen der Industrialisierung in Kunsthandwerk und Kunst, eine der Wurzeln des Jugendstils, nicht geteilt. Er bejahte die industrielle Entwicklung und wuchs so über den Jugendstil hinaus, ohne dessen Formensprache abzulehnen, wie dies z.B. sein Wiener Zeitgenosse, Adolf Loos, tat. (" Das Ornament wird von Verbrechern erzeugt ") Am ehesten könnte man bei Fritz Balthes geistige Nähe zu der Deutschen Heimatschutz- und Werkbund-Bewegung finden. Sein Streben und Denken war ganz auf der Höhe seiner Zeit und er fühlte sich als Erneuerer in seinem heimatlichen Rahmen. Ob er alle Formen der damaligen künstlerischen und architektonischen Bestrebungen kannte, ist nicht sicher. Jedenfalls gehen viele seiner Ideen in die gleiche Richtung der in Deutschland und Österreich oft sehr heftig diskutierten grundsätzlichen Fragen der Kunst. Der Deutsche
Werkbund mit Karl Schmidt, Henry van de Velde und vielen anderen hatte
zum Ziel, das Niveau der gewerblichen Produktion zu sichern und zu heben.
Es wurde besonderer Wert auf die Qualität der handwerklichen Arbeit
und des Materials gelegt. (Es ist die Zeit, wo die deutschen Produkte
durch modernes Design attraktiver werden und das "made in Germany"
zum Qualitätssiegel wird.) Besonders die Wohnhäuser von Olbrich auf der Darmstädter Mathildenhöhe haben Fritz Balthes beeindruckt. Er schreibt: "... ich werde nie den auf keinem Bild darstellbaren Raumeindruck vergessen, den der Musikraum im Darmstädter Haus Josef Olbrichs machte Die feierlich geschlossene Wirkung dieses Raumes ist nicht zu beschreiben, denn so ein Raum lässt sich eben nur als Raumeindruck, ich möchte sagen mit dem ganzen Körper empfinden " Wie Adolf Loos
in Wien hat sich auch Fritz Balthes, oft sehr persönlich, zu kulturellen
Fragen in all ihren Vielfältigkeiten geäußert, ohne aber
ähnlich radikale und aggressive Ansichten zu vertreten wie jener. Es entsteht ein Bild eines sehr vielseitigen und selbständig denkenden Mannes, der sich den fortschrittlichen Ideen seiner Zeit, unter Beibehaltung überkommener Werte, insbesondere seiner siebenbürgischen Heimat, verpflichtet fühlt.
Fritz Balthes engagiert sich maßgeblich im Sebastian-Hann-Verein für heimische Kunstbestrebungen. Dieser Verein war in Siebenbürgen nach dem Vorbild des Dresdner Dürerverbundes zum Zwecke der ästhetischen Bildung und zur Verbreitung heimischer Kunst gegründet worden (1904). Im Rahmen des Sebastian-Hann-Vereins organisiert Balthes 1909 eine viel beachtete "Ausstellung für heimische Bauweise" und schreibt für die Kulturzeitschrift "Die Karpathen" mehrere Beiträge sowie einen Grundsatzartikel zur Wohnungsreform.
Seine Grundüberzeugung als Architekt beschreibt er so:" Jedes Bauwerk ist von drei Faktoren abhängig: vom Bedürfnis, der Construction und seiner Heimat ", wobei er letztere so definiert: " drittens muss ein Bau seine Heimat haben, d.h. er muss in seiner Heimat stehen und er muss sich mit seinem Nachbarn vertragen "An anderer Stelle schreibt er: " den Raum in Beziehung zum Menschen setzen: das ist Architektur " und weil man nicht nur schöne Häuser bauen soll, sondern schöne Situationen das Wertvolle sind, erhält der Städtebau ein ganz besonderes Gewicht: " Ziel unserer künstlerischen Kultur: alle Bauten, Berge, Bäume, Wege, Gebilde von Natur und Menschenhand zusammen zu fassen und daraus ein einheitliches Kunstwerk zu formen, die schöne Stadt Wert des Städtebaues: das Ganze sehen! " Diese Ansicht vertrat Balthes ganz im Sinne Camillo Sittes, der im Mai 1889 die erste Auflage seines Buches "Der Städtebau - nach seinen künstlerischen Grundsätzen" in Wien veröffentlicht und damit einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der für den Städtebau geltenden Überzeugungen der Architekten ausgeübt hatte.
Der von Fritz Balthes vertretene Grundsatz, dass ein Gebäude sich in seine Umgebung mit Behutsamkeit einfügen sollte, gewinnt heute wieder immer mehr an Bedeutung, insbesondere bei so kleinen Ensembels wie Schäßburg. Um so mehr sind die Neuschöpfungen in unserer Heimatstadt, wie z.B. das CEC-Gebäude auf dem ehemaligen Kleinen Markt, klare Fehlleistungen. Aber auch auffällige Renovierungen und Instandsetzungen alter Bausubstanz, wie z.B. das Haus mit dem Hirschgeweih, dessen Fassaden auf einen (angeblichen) älteren Stand zurück renoviert wurden, sind nur bedingt zu rechtfertigen und entspricht kaum heutigen denkmalpflegerischen Vorgehensweisen.
Als damals
moderner Architekt hatte Fritz Balthes sich vom Historismus und Klassizismus
gelöst. Er propagierte die Ideen des Deutschen Werkbundes und als
nationalbewusster und heimatgebundener Siebenbürger Sachse versuchte
er, der Heimatstilbewegung zum Durchbruch zu verhelfen. Diese war zu Beginn
des 20. Jahrhunderts die Form, in der die moderne Architektur in Siebenbürgen
Einzug hielt. Die Bezeichnung
Gartenstadt trifft nicht ganz die Vorstellungen des Engländers Ebenezer
Howard, der den Begriff geprägt hat. Dieser verstand die Gartenstadt
als einen "Stadt-Land-Magnet", der die Vorteile der Stadt (reges
Gesellschaftsleben) mit denen des Landes (gesunde, grüne Umgebung,
Raum) vereinigt. Seine Vorstellungen sind in Deutschland bei der Planung
von Wohnsiedlungen sehr abgewandelt worden.
Wenn man aber in Betracht zieht, dass Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg der "siebenbürgisch-ungarische Heimatstil" bei den Ungarn zum nationalen Anliegen geworden war (z.B. das Komitatshaus in Schäßburg) und dass Balthes sich der neuen, ungünstigen Lage, der nunmehr ohne Sonderrechte ausgestatteten Minderheit der Siebenbürger Sachsen sicherlich bewusst war, ist es wahrscheinlich, dass er auf dem Gebiet der Architektur ein Gegengewicht schaffen wollte und den "siebenbürgisch-sächsischen Heimatstil" vertrat. Als gebürtiger Schäßburger kannte ich von Kindheit an zwei wichtige Bauwerke von Fritz Balthes, auf die mich mein Vater aufmerksam gemacht hatte: das Hotel "Goldener Stern" in Schäßburg und das "Stefan-Ludwig-Roth-Gymnasium" in Mediasch. Beide Gebäude zeichnen sich durch eine durchdachte Funktionalität aus. Die Planung erfolgte von innen nach außen, was sich zu der Zeit noch nicht überall durchgesetzt hatte. Beide Bauwerke kennzeichnet ein sich von der Umgebung abhebendes Bauvolumen und sie fügen sich dennoch in diese gut ein, ja sie sind sogar ein architektonischer Brennpunkt (hier in der Baiergasse, dort in der Steingasse). Ob diese gekonnte Bewältigung relativ großer Bauvolumina und deren rücksichtsvolle Eingliederung in den Bestand auch bei dem Entwurf für den Ausbau des Gynmasialgebäudes in Schäßburg so gelungen wäre, sei dahingestellt. Dieser Entwurf gründete auf einem Bauprogramm, das eine sehr großzügige Ausstattung des Schulhauses mit Räumen vorsah, geeignet für einen vielfältigen, beinahe hochschulartigen Lehrbetrieb, dem ein großes Bauvolumen entsprechen musste. Welche Überlegungen
die Verantwortlichen zur Planung einer so beachtlichen Erweiterung des
Gymnasiums oben auf dem Schulberg bewogen haben, geht aus dem von Balthes
1913 geschriebenen Erläuterungsbericht nicht hervor. Er selbst hat
auch keinen anderen Standort für den Bau vorgeschlagen, obwohl er
in seiner kritischen Stellungnahme zu der Aufstockung des alten Gymnasiums
(1901) rhetorisch die Alternative stellt: "... abtragen und ein neues
auf die Pfarrerswiese bauen." Zu dem von ihm geplanten Neubau schreibt
er: " ... war früher das Gymnasium ein Bestandteil des Berges,
so muss nun der Berg ein Bestandteil des Gebäudes und zwar sein Sockel
werden ... In diesem Sinne ist in die Lösung der architektonischen
Aufgabe der ganze Bezirk einbezogen gedacht, der zwischen der alten Turnschule
(heute Totenhalle), dem Pfarrhofplatz, der Schultreppe und dem Umweg liegt
... Der Kern und der Kopf der ganzen Stadt wird umgeformt, Schäßburg
bleibt nicht mehr Schäßburg."
Balthes war
sich der Tragweite des geplanten Eingriffs in das Erscheinungsbild der
Stadt bewusst. Er hat für seinen Entwurf geworben und ihn auch zur
Diskussion gestellt. Die Ausführung kam wegen dem ersten Weltkrieg
nicht zustande. Für zusätzliche
Informationen aus dem Leserkreis, und Ergänzung obiger Aufzählung
wäre ich dankbar.
Ich kann mich
noch gut erinnern, dass Karl Scheiner (wegen seiner Farbenfreudigkeit,
die ja sicherlich nicht auf kunsthistorischen und wissenschaftlichen Untersuchungen
beruhte) als "Häuserschreck" bekannt war. Die Schäßburger
sind aber inzwischen mit den kräftigen Farben in unseren Kirchen
und auf der Burg, die auch Tradition waren, gut zurecht gekommen. Es liegt
die Vermutung nahe, dass Fritz Balthes ein geistiger Vater der von Karl
Scheiner konzipierten und ausgeführten Farbgestaltungen in Schäßburg
war, gehörten diese doch auch zum "Heimatstil". Dass das Denken und Handeln von Fritz Balthes zukunftsorientiert und zukunftsbejahend war, zeigt seine eindeutige Stellungnahme für die Begründung einer Bildergalerie der Moderne (1912). Um die finanziellen Voraussetzungen hierfür zu schaffen hätte jedoch Jan van Eycks Bildnis (Mann mit der blauen Sendelbinde) verkauft werden müssen. Balthes hat, trotz schwerer Bedenken, so wie die Mehrzahl der einheimischen Kunstschaffenden, diesem Verkauf zugestimmt. Zur Gründung dieser Kunstgalerie der Moderne und zum Verkauf des Bildes ist es nicht gekommen. In seinem Tagebuch, das mit dem 31. Dezember 1908 beginnt und bis zum 9. Juni 1914 geführt wurde, erscheint Fritz Balthes als ein Mensch, der sich kritisch beobachtet und an sich selbst äußerst hohe Ansprüche stellt. Es scheint, dass ihn das Bewusstsein der Vergänglichkeit zur Selbstbestätigung durch entschlossenes Handeln getrieben hat. Er schreibt: " Will ich mein Glück? Ich will mein Werk " Auch persönliches Missgeschick bringt ihn davon nicht ab. An anderer Stelle stehen die Worte: " Tod wäre es dir, auf einer Blumeninsel zu liegen und spielend den Tag zu vertreiben "
Friedrich Albert Balthes wurde am 20. Juni 1882 in Schäßburg geboren. Nach dem Besuch des Schäßburger Gymnasiums studierte er von 1900 bis 1905 Architektur an den Technischen Hochschulen von: München, Berlin-Charlottenburg und Karlsruhe.
Dem Architekten Balthes waren für sein Schaffen nur neun Jahre gegeben.
Letztes Update: 27. Juli 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de / http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg |
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