HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Das ehrbare Handwerk in Schäßburg

Urkunde zur Preisverleihung bei der großen Schäßburger Gewerbeausstellung 1891 - Repro: L. Rachita

 

"Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit..."
Das Auf und Ab der Schäßburger Leinweberzunft / 1775: 30 Meister, 1815: 102 Meister, 1901: 12 Meister, nach 1914: 1 Meister / Aus der Artikelserie von Adolf Höhr, "Schäßburger Zeitung" 1914

So wie in unserer Zeit der Computer riesengroße Veränderungen in der Wirtschaft, im Leben der Menschen hervorgerufen hat, setzte Ende des 19. Jahrhunderts in Siebenbürgen - später als im restlichen Europa - eine Entwicklung ein, die für viele Gewerbetreibende eine schicksalsvolle Zäsur, wenn nicht das Aus bedeutete. "Das äußere Bild unserer Stadt hat sich in den letzten zehnten, sagen wir seit 50 Jahren, ungeheuer verändert", schrieb Adolf Höhr im Januar 1901 in der "Schäßburger Zeitung". Und weiter: "Fortschrittsgeist der neuen Zeit hat an allen Ecken und Enden einer Thätigkeit Bahn gebrochen und sichtbare Spuren hinterlassen… Es ist ein uraltes Gesetz in der Entwicklung der menschlichen Eigenschaften: ‚Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, neues Leben blüht aus denRuinen'… Seit auch bei uns die Fabrikschlote zum Himmel dampfen, wirds in den Werkstätten unseres Kleingewerbes immer stiller und stiller. Auch der Webstuhl mit seinem früher reichlich lohnenden Geklapper ist dem Fortschritt der neuen Zeit zum Opfer gefallen…"

Die "Schäßburger Zeitung" veröffentlichte in sechs Folgen einen Aufsatz von Adolf Höhr über die "Vergangenheit der Ehrsamen Schäßburger Leinweberzunft", in dem der Autor, von einem Zitat aus Schillers "Wilhelm Tell" ausgehend, seine Beobachtung über die wirtschaftliche Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts voranstellt. Er spannt sodann seinen thematischen Bogen von der Einwanderung unserer Vorfahren (dazu die Bemerkung, dass schon am Anfang "eine Weberzunft bestanden" haben muss) bis zur hoffnungslosen Lage der wenigen Webermeister in seiner Gegenwart. Die Serie ist auch für den heutigen Leser sehr interessant, erfährt er doch so manches über Schwierigkeiten, welche die Zunft im Laufe ihrer Geschichte überwinden musste, und über die strengen Regeln, denen sich Lehrjungen, Gesellen, aber auch jeder Meister der Zunft zu fügen hatte.

Über eine erste große Auseinandersetzung der Behörden mit den Zünften berichtet die Geschichtsschreibung aus dem Jahr 1376. In Adolf Höhrs Aufsatz heißt es dazu: "Um das Jahr 1300 hatte sich die Macht der siebenbürgisch sächsischen Zünfte schon so respektgebietend entwickelt, dass sie den Gräfengeschlechtern, in deren Hand die damalige Gerichtsgewalt lag, gefahrdrohend erschienen und nach einem hartnäckigen Kampf die ‚störrischen Zünfte' vom König für eine Zeit aufgehoben wurden. Doch schon im Jahre 1376 sandte König Ludwig der Große den damaligen Bischof von Siebenbürgen Goblinus, einen geborenen Sachsen, auf die Gauversammlung der sieben Stühle, um daselbst neue Zunftbestimmungen zu beraten. So kam eine Zunftordnung zu Stande, die sich mit mannigfachen mehr weniger unwesentlichen Abänderungen bis auf unsere Tage erhalten hat. Diese Zunftordnung hatte einen ungeahnten Aufschwung unseres Handwerks zur Folge, an dem gewiß auch die Schäßburger Weberzunft teil nahm."

Die Schäßburger Weberzunft spielte eine wichtige Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt, sie besaß sicher auch großen Einfluss, und sie war bestrebt, ihre Position zu wahren. Als sie sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts von Webern in den Dörfern bedroht fühlte, ging sie entschlossen gegen die Konkurrenz vor. In der ältesten, sich auf sie beziehende Urkunde - "datiert Hermannstadt 3. Mai 1589" - ist von einem Aufsehen erregenden Streitfall die Rede, der vor der "ganzen sächsischen Universität in Siebenbürgen" verhandelt wurde. Adolf Höhr beschreibt den Fall: "Vor der Versammlung der sächsischen Universität waren nämlich Georgius Bürchert, Weberzunftmeister, und Antonius Bort, Mitbürger der Stadt Schäßburg, in ihrem und im Namen der Weberzunft erschienen und hatten folgende Klage geführt: Von Alters her seien die Zünfte der freien Städte und Märkte von den seligen Königen Ungarns mit sonderlichen Privilegien begabt gewesen, denen gemäß nur in diesen Städten und freien Märkten ehrliche und freie Zünfte allerlei Handwerk ausüben durften und ‚nicht in den Dörfern hin und her, sintemal aus solchen ehrlichen Besamlungen und Zünften und auch Ehrlichen Ordnungen die Stadt und freien Märkt erbaut, erweitert, erhalten, und Volkreicher gemacht würden, daraus dann auch der Gnädigen Landesfürsten und des gantzen Landes Nutz und führderung erwüchse'. Nun aber gäbe es viel Rüpler und Händler, die in den Dörfern ‚hin und her sitzen', dies Handwerk arbeiten, das Handwerksgesinde zu sich hinziehen und so den Stadtzünften zu Schaden und Nachteil gereichten. Diesbezüglich erbat sich die Abordnung der Schäßburger Leinweberzunft den Hohen Schutz der sächsischen Universität und begehrt, daß nun die Leinweber in den Städten und freien Märkten in ihren alten Vorrechten erhalten blieben und jenen ‚Rüplern' das Handwerk gelegt werde." Die Universität entschied: "Kein Störer darf in dem Weberhandwerk auf Dörfern arbeiten, sondern wenn er das Handwerk nicht redlich gelernt hat, so soll es ihm ganz und gar gelegt werden. Die Dorfsweber dürfen keine Gesellen halten und müssen sich sonst nach der Ordnung der Stadtzunft halten. Ihre Söhne sollen in der Stadt auslernen. Jede Leinwand soll 50 Ellen enthalten und ‚einisch innen und auswendig sein und gut gemacht…"

Allzu großen oder anhaltenden Erfolg scheint die Anordnung der Sächsischen Universität als höchster Behörde auf dem Sachsenboden damals nicht gehabt zu haben, denn 1615 klagten Abgeordnete aus den Weberzünften von Hermannstadt, Schäßburg, Kronstadt, Mediasch, Mühlbach, Birthälm, "Engeten" und Kleinschelken erneut und baten um Schutz. Die Kläger setzten ihre Forderung durch, in Hermannstadt wurde beschlossen: "Die Rüpler und Störer der Leinweber Czechen sollen allenthalben abgeschafft werden."

Adolf Höhr stellte fest, dass sich die Schäßburger Weberzunft "im Schutze dieser Gesinnung der höchsten Behörden" entwickelten. In ihrer Geschichte gab es ein ständiges Auf und Ab, so hatten sicher auch der große Brand von 1676 ("624 Häuser, 120 Maierhöfe und Gärten waren der Flammenwut zum Opfer gefallen") und die Pestepidemie von 1709 (fast 4000 Menschen, vier Fünftel der Bevölkerung, starben) verheerende Folgen für das Gewerbe. Über die Zeit bis 1750 fehlen Informationen, dann tritt die Schäßburger Leinenweberzunft in den Urkunden wieder in Erscheinung. 1755 verfasste sie "auf hohen Befehl" sieben Punkte, in denen die Gebühren für die Aufnahme in die Zunft verzeichnet sind. Damit wollten die Meister sich gegen Konkurrenten aus dem Ausland zur Wehr setzen. "Es war zu jener Zeit der Zuzug ausländischer Handwerker, besonders aus deutschen Landen, ein weit bedeutenderer als heutzutage", schreibt Adolf Höhr, "und hat derselbe auch bis tief ins jüngst verflossene Jahrhundert hinein gedauert, wenigstens was die Weberzunft betrifft." Der "Zuwachs an ‚teutschen Brüdern'" sei von den Sachsen allgemein begrüßt worden, erfahren wir, und den "Ankömmlingen" sei auf jede mögliche Art geholfen worden, sich eine Existenz zu gründen. Viele Vorteile, die ihnen eingeräumt wurden, bekamen aber einzelne Zünfte als Benachteiligung "besonders schmerzlich zu fühlen". "1754 hatte der Schäßburger Magistrat verlautbart, daß die Lehrlinge und Gesellen, die bei den ‚teutschen Meistern' eintraten, nicht nur von sämtlichen Gebühren befreit seien, sondern auch künftighin vor Jenen besondere Vorrechte genössen, die bei Meistern der Schäßburger Zunft die Profession erlernt. In Folge dessen blieben die Werkstätten der Letzteren gar bald ohne Gesellen und Lehrlinge und so wandte sich - es waren zu jener Zeit blos 12 Meister wie heute - die gesamte Zunftgenossenschaft Hilfe flehend an ‚Hoch Edel Gebohrene, Nahmhaffte, Fürsichtige und Hoch Weise Herrn Herrn, Hoch Löblicher Magistrat'." Die 12 Meister hatten damals nur noch vier Gesellen und zwei Lehrlinge und befürchteten, bald ohne Nachwuchs dazustehen und in nicht allzu ferner Zukunft zu Bettlern zu werden. Sie schlugen ihrerseits vor, den "neu ankommenden deutschen Webermeistern mit Erlaß jeglicher Gebühr" den Eintritt in die Zunft zu gestatten.

Die Eingabe muss damals Erfolg gehabt haben, denn im selben Jahr 1755 "kamen die erwähnten Gebührenparagraphen, die dann bis tief ins 19. Jahrhundert allgemein zu Recht bestanden sind." Die Schäßburger Weber sind nicht zu Bettlern geworden, im Gegenteil - die Zunft nahm an Bedeutung im Wirtschaftsleben der Stadt zu, und ihre Erzeugnisse erfreuten sich eines guten Rufes - auch in Wien und im fernen Deutschland. 1767 bemühten sich die Schäßburger Zunftmeister Johann Geist und Johann Hintz, "Hoflieferanten der Kaiserin Maria Theresia zu werden. Es ist ihnen nicht gelungen, es fehlte an Kapital, und die Bitte um einen Kredit beim Rektor des "Nemes Collegium" in Enyed wurde abgelehnt, weil man selbst in einer finanziellen Krise steckte.

Woher bezog Adolf Höhr die Informationen über die Entwicklung der Schäßburger Leinweberzunft? Er gibt selbst Antwort auf die Frage: aus den Zunftbüchern. Leider seien die ältesten veloren gegangen, bedauert er. Das älteste vorhandene Zunftbuch, "Zechen-Buch", sei ein "Eindingungsbuch" aus dem Jahre 1762. Dieses und die folgenden geben Aufschluss über die Zahl der Meister und Lehrlinge. 1771 bis 1815 wurden in der Zunft 141 Meister aufgenommen; 1775 waren 30 Meister in der Zunft, 1815 waren es 102. Von 1817 bis 1853 traten 226 Meister der Zunft bei, unter ihnen viele Fremde, vor allem Schlesier. Der Verfasser der Artikel-Serie zählt einige heute fremd klingende Namen auf: Großinger, Kößner, Kirres, Grim, Reechel, Tonsoris, Besenbek, Heißler, Kropf, Progli, Eichner, Wollinger, Hochäcker, Sigoni… Es sind die Namen von Webermeistern, die im 19. Jahrhundert in Schäßburg tätig waren. Was ist aus ihnen und ihren Nachkommen geworden? Das wäre ein interessantes Thema.

Für die Blütezeit der Schäßburger Leinweberzunft sprechen auch die Zahlen der Lehrlinge, die in den Zunftbüchern aufgeführt sind. "Von 1762-1890: 176 Lehrknechte; von 1815-1852: 392 Lehrknechte; von 1853-1890: 217 Lehrknechte. Im Jahre 1890 wurde ein einziger Lehrling aufgedungen." Man kann also davon ausgehen, dass die Leinweberzunft in Schäßburg um 1850 einen Höhepunkt in ihrer jahrhundertelangen Geschichte erreicht hatte. Die Zahl der Meister, die Zahl der Lehrlinge, aber auch das Vermögen der Zunft sprechen dafür; 1851 belief sich das Zunftvermögen auf "3006 fl. 46 kr.". Zunftmeister war damals Webermeister Daniel Höhr. Der Verfasser zieht aufgrund der Zahlen den Schluss: "Der Zeitraum 1815-1852 bedeutet hiernach einen riesigen Aufschwung in der Zunft, während es von da an Schritt für Schritt abwärts gegangen ist bis zur betrübenden Gegenwart."

Wie sah die Gegenwart für Adolf Höhr aus? Der Verfasser schließt seine Serie in der "Schäßburger Zeitung" Nr. 10 vom 3. März 1901 mit den Sätzen: "Die heutige Weberzunft besteht nunmehr aus zwölf Meistern, welche insgesamt mit fünf Gesellen arbeiten und keinen einzigen Lehrling haben, denn ein solcher ist bereits seit drei Jahren nicht aufgedungen worden. Ob man wohl in 10-15 Jahren von dieser Ehrsamen Zunft noch etwas hören wird?"

Der Übergang zur maschinellen Produktionsweise um die Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutete das Ende der handwerklichen Produktion. Aus der Geschichte und auch aus der deutschen Literatur ist der aussichtslose Aufstand der schlesischen Weber bekannt. In Siebenbürgen hatten die Weber noch eine Galgenfrist, und einige schlesische Weber fanden hier ihr Brot. Nachdem die ersten Fabriken in Schäßburg (die Baumwollweberei Löw, die Tuchfabrik der Brüder Zimmermann, die Tuchfabrik Adleff und Zimmermann) aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu produzieren begonnen hatten, gaben auch die letzten Weber der Reihe nach auf. 1906 waren es noch 10, nach 1914 nur noch einer.

Horst Breihofer (Nürnberg)

In der Serie "Aus der Vergangenheit der Ehrsamen Schäßburger Leinweberzunft" von Adolf Höhr, erschienen in der "Schäßburger Zeitung" Nr. 3, 4, 5, 7, 8 und 10 (Januar bis März) 1901, sind auch interessante Einzelheiten über die Zunftartikel der Weber, über einige Gebräuche, aber auch über Zunftrechnungen von Ende des 18. Jahrhunderts enthalten. Darüber vielleicht ein anderes Mal.

 


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