HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Sechziger-Klassenfahrt in die Vergangenheit

Anlass war der runde Geburtstag der Bergschüler des Abi-Jahrgangs 1960. Dieser Klassenfahrt "zurück zu den Wurzeln" schlossen sich Ehepartner und Kinder an, die zum Teil Siebenbürgen noch nicht gesehen hatten.

Am Pfingstmontag, 20.5.2002, wurde es spannend. Nach anderthalb Reisetagen munter lärmender Gespräche erreichte unser Bus die Grenze bei Arad. Die Einreise, von einem Berliner wie mir in 1995 noch beklemmend empfunden, verlief diesmal (im Wortsinne) wie geschmiert. Der zweite Eindruck war das Geld, die Visitenkarte jeden Landes. Es gibt neben den alten Papierscheinen neue, schwer faltbare Plastikscheine mit einem Fenster. Die 100.000 Lei dürften der gängigste Schein sein. Eine Person braucht höchstens zwei davon (ca. 6,50 Euro), um im guten Restaurant mit Getränk zu essen. Der Wechselkurs hat sich von 1.450 in '95 auf 15.800 Lei/DM gut verzehnfacht, das Postkartenporto nach Deutschland von 750 auf 8.900 Lei fast verzwölffacht! Kein Wunder, wenn ein Dankeschön aus Siebenbürgen einmal ausbleiben sollte.
Die Anreise führte über Klausenburg, wo wir uns mit Obst und Süßkram eindeckten. Mit Verpackungstüten geht man immer noch sehr sparsam um! Auffallend im Stadtbild sind die Europafahnen, die den Drang in die EU bekunden, renovierte Hotels neben verfallender Bausubstanz und bunte Blumenstände.

Gruppenbild der nun 60-jährigen ehemaligen Bergschüler vor dem Portal der
Bergkirche. Foto: Roland Zebli

 

 

Neugierige Vorfreude im Bus und viele Straßenbaustellen prägten die weitere Fahrt über Tg. Mures. Der Zustand überörtlicher Straßen in Siebenbürgen ist sonst schon sehr gut. In den Orten bemerkt man grellfarbige, frisch gestrichene Fassaden und viele unverputzte (neue?) Häuser, darunter regelrechte Burgen mit bizarr-verspielten Zinkblechdächern, die offenbar den Reichtum ihrer Bewohner (Zigeuner?) demonstrieren.
In Schäßburg fällt die große Zahl mittlerer Restaurants, meist Pizzerien auf, 1995 gab es nur eine Pizzeria! Der Tourismus hat also begonnen; auch der innerrumänische! Hotels mit Weststandard entstehen in alten erhaltenswerten Häusern auf der Burg mit Hilfe von Stiftungen (z.B. Haus mit dem Hirschgeweih) oder durch private Initiativen auf einer ehemaligen LPG (Hotel Kokeltal, vor Weißkirch) oder durch Nutzung eines früheren Baumgartens (Hotel Poenita). Ganze Busladungen bringt man glücklicherweise noch in keinem Hotel unter, so waren auch wir "Sechziger" auf zwei Standorte verteilt und unser Bus hielt uns zusammen.

Der wünschenswerte sanfte Kulturtourismus, der genügend Touristen in die Stadt bringt, ohne die Innenstadt mit ihren sächsischen Giebelhäusern grundlegend zu verändern, verlangt eine einfühlsame Stadtplanung. Der Sündenfall ist schon am kleinen Markt - heute Parkplatz - zu sehen. Das Standardfoto vom Hotel Stern auf die Burg wird durch ein bizarres Schlößchen gestört.

Der erste Tag war dem ganz persönlichen Streifzug durch den Ort gewidmet. Ein leichter Nieselregen betonte die Melancholie des Wiedersehens mit den alten Wohnvierteln und den Familiengräbern. Einen gemeinsamen Blick auf Schäßburg hatten wir am Abend von der Villa Franka aus. Die in Rumänien lebenden Klassenkameraden wurden herzlich umarmt und Hermann Baier, der Abi-Lehrer aus alten Tagen, begrüßte die Truppe in festlichem Rahmen. Er ist übrigens noch unermüdlich politisch tätig und lässt keinen Touristen aus, um ihm die Geschichte Schäßburgs zu erzählen.

Offenbar ist das auch nötig in einem Umfeld, wo trotz zahlloser deutscher Spenden selbst auf geschichtlichen Hinweistafeln kaum Angaben zu finden sind auf die Jahrhunderte dauernde deutsche Prägung von Land, Ort und Bauten. Und wo durch nichts begründete Dracula-Phantasien den geschichtlichen Rest verschmieren. Einen Nachfolger Baiers, der am Ort für den verantwortungsvollen Umgang mit der erhaltenswerten Substanz sorgen könnte, gibt es nicht.

Zunehmend schönes Wetter prägte die folgenden Tage. Jeder spürte auf seine Weise der Vergangenheit nach. Die einen suchten im Gespräch ihre Erinnerungen zu beleben ("hier haben wir unsere erste Zigarette geraucht"), andere suchten Orte und Wege bewusst alleine auf, um Gewesenes ungestört zu empfinden. Man machte Besuche und stöberte auf dem Boden des Kindheitshauses nach Vergangenem. Die Mehrheit wanderte, ließ sich von den artenreichen Wiesen im Wolkendorfer Grund begeistern und zog über den waldigen Eichrücken zum wiesenbuckligen Kälbertritt. Beim Blick auf die ganze Länge der Burg genoss man die Sonne und das Gefühl vollbrachter Leistung. Den nötigen Erholungstag verbrachten wir in Mediasch, Hetzeldorf, Reichesdorf und Birthälm, begleitet von winkenden Feldarbeiterkolonnen. Im neuen Restaurant "Dracula" auf freiem Feld vor Dunesdorf beendeten wir den Ausflug.

Am nächsten Tag entließ uns der Bus ins hintere Schaaser Feld, wo wir auf die Breite stiegen und den "Spuren" der Römer folgten (archäologische Anschnitte ohne Funde). Wir bestaunten die alten Eichen und das Bauschild "Dracula-Park", bluttropfig beschriftet. Zur Rast gab's ein Grillfeuer mit Zwiebeln und glasig, fett-tropfendem Speck, wie's halt früher war. Spontane Referate von Fachkundigen aus den eigenen Reihen galten dem Biotop der Breite (Erika Schneider, u.a. WWF) und dem Diskussionsstand des Dracula-Projektes (Hermann Theil, HOG). Nach einem schönen Blick über die Stadt stiegen wir über das Steilau-Türmchen ab. Kronstadt und Tartlau waren noch im Plan. Mich überraschte, dass nicht jeder schon dort war. Unser "Aufboden zum Stöbern" war hier und so waren wir nicht mit in die Schullerau, wo die anderen sich am Baumstrietzel labten. Die Hochhaus-Bauruinen von '95 habe ich nicht mehr entdeckt. Sollte da jemand Geld gehabt haben? - Tartlau war von vorn geweißelt, aber unverändert sonst - wie die Storchennester gegenüber.

Ein sonniger Sonntag der Muße war unser letzter Tag. Dankbar für die Fülle wachgerufener Empfindungen trafen wir uns zum gemeinsamen Kirchgang mit wenigen ortsansässigen Sachsen. Anschließend führte uns Lehrer Baier durch die Bergschule. Außer der Fassade und dem Blech-blinkenden Dach scheint nur die Aula fertig zu sein! Aus Geldmangel stockt die Renovierung im Rohputzstadium.

Die Bergkirche ist praktisch fertiggestellt. Altäre aus benachbarten Dörfern finden hier Zuflucht. Wie Mitschüler Horst Zikeli (vor kurzem hier noch Bauleiter) berichtete, sind unter dem Putz weitere Schätze verborgen. Zunächst freigelegt und von der Wissenschaft dokumentiert, sind sie aus Kostengründen wieder verschlossen worden. Auch die Krypta wurde verschlossen, bis zum nächsten Geldgeber.

Der abschließende Streifzug durch die Stadt und ausgiebig über den Bergfriedhof machte noch einmal sehr bewusst, wie tief man hier verwurzelt ist. Anderntags ging es über Hermannstadt und seinen Markt (ein Stück Cascaval zur duftig-geschmacklichen Erinnerung musste sein!) in die Gegenwart zurück.

Eberhard Butzke (München)


 

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Letztes Update: 05. August 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg