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As saksesch Mottersproch
Redewendungen 1
aus Josef Haltrich: "Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen"
(S. 350 ff):
"Sprichwörtliche Redensarten und formelhafte Ausdrucksweisen"
und Gert Lingners Sammlung: "Kut mer rieden Sachsesch"
- Trifft ein Schäßburger einen Fremden, betrachtet er ihn
zuerst von weitem und überlegt:
ist das einer "wä e jang Geberch" (wie ein junges Gebirge)
so groß und fest, "wä en Bäffel" (wie ein
Büffel) stark und plump, oder so hart und knorrig "wä
aus er Ich gehan" (wie aus einer Eiche gehauen) oder eine "Hopstång"
(Hopfenstange), lang und dünn; ist er "en däck Buta"
(ungarisch = Dummkopf), ein "Dobesch" (ungarisch dobos = Trommler,
Paukenschläger), dick und plump, dumm und täppisch,
- oder ist es nur ein "Stibes" (ein Knirps, ein Menschlein)
"nor esi en Ståppen" (nur so ein Stopfen) kurz und klein
oder gar "nor esi en Roppenzogel" (nur so ein Raupenzagel)
da denkt der Übersetzer vielleicht an den kurzen schwanzartigen
Warzenfortsatz mancher Raupen (z.B. des Seidenspinners oder des Wolfsmilchschwärmers).
Der Germanist Haltrich weiß die Herkunft des Wortes anders zu erklären:
"Raupenzagel, so wird das sächsische Wort übersetzt, doch
hat man das Adjektiv ropig oder ferropt (klein, verkümmert) auch
mit dem bayrisch-fränkischen Wort raup (einjähriges Stück
Rindvieh) verbinden zu können geglaubt. Im Odenwald heißt das
"strubelige", schlecht überwinterte Rindvieh raupig. Begrifflich
liegt übrigens das von Hoffmann aus der Eifler Mundart in Frommanns
Zeitschrift 6,15 bezeugte gropig, schwach, niederdeutsch krop, ein kleines,
schwächliches Kind. Ein ruppiger Junge ist in Berlin ein grüner
Bursche; wer in Leipzig ruppig geheißen wird, ist ein heruntergekommener
Mensch, und wie wir Roppenz¯ogel, so gebrauchen die Vogtländer
wohl ihr Ruppigel, die Westfalen ihren Ropenkerl." (S.350).
- Ist es vielleicht "nor en Schnok" (eine zarte Gelse) oder
ein flinke "Omes" (Ameise), ein munteres ,freches "Feferket"
(Pfefferkorn) das "net åft Mell gefållen äs"
(das nicht auf den Mund gefallen ist), schlagfertig und witzig zu antworten
weiß, wache "Ugen wä en Feierlenk" (Augen wie ein
Iltis hat) denen nichts entgeht, oder ist es "nor esi en ziesemiesich
Kärl". Ziesemiesich nennen wir, was klein, winzig ist, dann
auch einen Menschen mit schwacher, dünner Stimme, ein zimpferliches,
geziertes Weib. Gesprochen ward über das Wort in Frommanns Zeitschrift
5,38 und im Korrespondenzblatt des Vereins für siebenb. Landeskunde
5,120 und 6,96."(Haltrich aaO.S. 351).
Kommt man sich näher, erkennt man:
- ob er "en gead Kråzewez" (eine tüchtig dicke
Gurke) als Nase hat oder nur "en klin Kiserbin" (eine kleine
Kaiserbohne), ob er ein "Schilzmikuk" (ein Schieler) ist,
der "än de Plånzegorten" oder "änt Kåmpestgartchen"
guckt (in den Kohlgarten). "Plånz" wird im Siebenbürgischen
ausschließlich von den Kohl- und Kohlrabensetzlingen gebraucht.
In manchen Gassen der sächsischen Städte und in fast allen
sächsischen Dörfern findet man vor den Häusern kleine
Gärtchen abgeschieden, wo diese Pflänzchen groß gezogen
werden. Der Vergleich ist also hergenommen von einem, der nicht geradeaus
sieht, sondern, vielleicht weil er wirklich schielt, nach rechts oder
links guckt."(aaO.S. 351).
- ob er "en Tåtter" (ein Tatar), ein "Kåtner"
(ungarisch katona=Soldat), "en Knup" (ein [vergoldeter] Knopf
an der Kirchturmspitze), ein stattlicher, frisch entschlossener Mensch,
der "Krin äm Hift hot" (Meerrettich im Kopf hat), der
so scharf denken kann, "di mih kån wä Brit eßen"
(der mehr kann als Brot essen), also kein ganz gewöhnlicher Mensch,
"di hot et äm klenne Fånger" (der hat es im kleinen
Finger), er weiß es genau, hat es ganz inne. "Wenn jemand
Antworten gibt, die man nicht von ihm erwartet hat, so hat es ihm auch
bei uns sein kleiner Finger gesagt. Die Redensart ist sehr alt. Aus
der Hand weissagten die Alten, aus der Hand prophezeit die Zigeunerin.
Die Gabe der Weissagung ist aus der ganzen Hand in den kleinen Finger
übergegangen. Daraus erklärt sich die Redensart." (aaO.S.355)
- oder ein "Limgekel" (Lehmpuppe), "en Limhoken"
(ein Lehmhaken), "en Paleokes", (ein Maismehlbrei ), unbeholfen,
schlapp, kraftlos, ohne Schärfe "wä der blesch Eßig"
(wie der rumänische Essig), ein ängstlicher "Huesescheißer"
(Hosenscheißer), "fell wä de Ierd" (faul wie die
Erde), "fell wä en Heangd" (wie ein Hund), "wä
en Oos" (wie ein Aas), "dåt e stänkt" (daß
er stinkt).
- "Hot e det Mell derhim vergeßen" (hat er den Mund
zu Hause vergessen), "wäll em ´t Mell net åfentinen"
(will ihm sein Mund nicht auftauen), " äs e en Tråkes"
(ist er ein Stotterer), entspricht dem hochdeutschen drucksen, mit der
Sprache nicht recht heraus wollen, zaudern, zögern, oder "hot
e en Mell wä en Scheiernduer" (hat er ein Maul wie ein Scheunentor)
ist er ein Großmaul, "hot e en geat Schleifes" (hat
er ein gutes Schleifwerk); einmal in Gang gesetzt, hört es nicht
mehr auf zu laufen, "wä en Wåsserfåll" (wie
ein Wasserfall); "hot e Hoor af der Zeang" (... "af den
Zångden") hat er Haare auf der Zunge (auf den Zähnen),
hat er eine bissige, aggressive Redeweise, "hot e en Zeang wä
en Schwiert", (hat er eine Zunge wie ein Schwert) kann er damit
verletzen, - oder "riedt e en Loch än de Wält",
"riedt e ennem en Loch än de Beoch" (redet er ein Loch
in die Welt, redet einem ein Loch in den Bauch), spricht müßiges
Zeug, eindringlich, penetrant, bohrend, "måcht e lånk
Låwent drif" (macht eine lange Suppe drüber) ein großes
Gewäsch über etwas, "e versprijelt sich" (er breitet
sich aus) mit hochmütigen Worten, umständlich und übereifrig
über einen wenig wichtigen Inhalt. "Riedt e wä en Beach"
(spricht er wie ein Buch), druckreif, gut formuliert, verständig
und klar, oder "lecht e wä gedreakt" (lügt er wie
gedruckt)? "Giht e wä der Tost äm 't Loch" (geht
er wie der Dachs ums Loch herum), will er nicht mit der Sprache heraus,
redet um den heißen Brei herum, oder "schinkt e ennem kl¯ore
Weng än" (schenkt einem klaren Wein ein) sagt einem die Wahrheit,
auch wenn sie nicht angenehm sein sollte.
- Ist sein Gerede langweilig, uninteressant, unwichtig, von einem "Klotscheprädijer"
(Kuchenprediger) (kalács = ungarisch: Kuchen; hier wird die Predigt
mit dem sich lang ziehenden Hefeteig verglichen, wie er z.B. im Hefezopf
verflochten wird), denkt er leise oder sagt er laut "prädich,
prädich, de Kirch äs lädich" (predig, predig, die
Kirche ist leer), niemand hört dir zu.
- Muß der Angesprochene widersprechen, steht ihm dazu eine fein
abgestimmte Stufenleiter von Ausdrücken zur Verfügung. Von
"en Heangdspels!" (eine Hundepflaume!) über das steigerungsfähige
"deng Griß!" (deine Großmutter!) "deng Bållegrieß!",
"deng wålt Bållegrieß, dä äm Bäsch
erämlift und Baubau kreischt!" (deine wilde Über(?)-Großmutter,
die im Wald herumläuft und Baubau schreit). Vergleiche hierzu die
einschlägige und ausführliche Literatur über die Forschungen
von Professor G. Schotsch .
- Läßt die Aussage den Hörer am Verstand oder Geisteszustand
des Sprechers zweifeln, kann er seine diesbezüglichen Bedenken
vielfältig ausdrücken: "bäst te pustich? ... veråft?
... besofen?, ...kaptschullig? Bäst te noch bä Trist? Bäst
te åft Hift gefallen? Felt der e Radchen? Host te (licht) Buretz
geßen? Host te Burchert gesofen?" (Die Puszta, die ungarische
Steppe, war für Siebenbürgen die nächste Wüste und
leere Landschaft, diente als Vergleich, [das Wort kommt auch im Rumänischen
und Slawischen mit dieser Bedeutung vor].) Verrückt wie ein Affe?
betrunken,; ungarisch heißt kapcsólni schalten, (elektrisch)
verbinden, hast du einen Stromschlag bekommen? Bist du auf den Kopf
gefallen, fehlt in deinem Gehirnuhrwerk ein Rädchen und die Uhr
ist kaputt? Hast du (giftige) Pilze gegessen (Auch Schamanen versetzen
sich angeblich mit richtig dosierten Pilzgiften in Trance und Delirium)
Burchert ist, laut Haltrich ,die Tollkirsche (atropa belladonna), deren
Wirkstoff medizinisch und kosmetisch schon früh genützt wurde.
(Welch sonderbare Wirkungen ähnliche Drogen in einem sächsischen
Dorf ausgelöst haben, beschreibt Erwin Wittstock in seinem "Letzten
Gericht von Altbirk" sehr anschaulich.)
- Und wenn der Redner nichts mehr weiß, nichts mehr sagt, stottert
oder schweigt: "der Zwiren ausgit" (der Zwirn ausgeht), wie
beim Stricken, Weben, wenn dann der laut und viel und schnell Sprechende
den Raum verläßt, seufzt der erlöste Zuhörer erleichtert
"et äs wä wonn em 't Gas ofdreht!" ( Es ist, als
wenn man das Gas abdreht!, das dauernde Rauschen des im Ofen dröhnend
oder donnernd oder zischend verbrennenden Erdgases hört auf!
ausgewählt, zusammengestellt und ergänztvon Hans Orendi
(Mülheim)

Letztes Update:
05. August 2002
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