HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Er diente der "Liebe zur Musiksache"

Emil Silbernagel - 21 Jahre Musikdirektor, Lehrer und Komponist in Schäßburg / Er starb vor 101 Jahren

In unseren "Schäßburger Nachrichten" vom 1. Dezember 2001 hatten wir in der Rubrik "Anno Domini 1901" aus einem Nachruf auf Emil von Silbernagel, den der "Groß-Kokler Bote" Nr. 1194 veröffentlicht hatte, zitiert. Darauf wandten sich Leser an uns mit der Bitte, mehr über diesen Mann, der offensichtlich eine große Rolle im Musikleben unserer Stadt in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gespielt hat, zu informieren.

Wer war Emil von Silbernagel?
Die "Schäßburger Zeitung" vom 10. November 1901 veröffentlichte einen seitenlangen Nachruf, in dem das vielseitige Schaffen des Verstorbenen gewürdigt wird. Wir fassen hier das Wichtigste kurz zusammen.

Die Schäßburger hatten seit altersher gerne musiziert. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es die Turner, die an großen kirchlichen Feiertagen Choräle vom Turm (Turm - Turn) bliesen und sonst vom Magistrat der Stadt zu verschiedenen Anlässen eingesetzt wurden, und es gab die Togaten (Seminaristen) und Chlamydaten (Gymnasiasten), die unter der Leitung des Stadtkantors in der Kirche auftraten und mit den Turnern konkurrierten, wenn es darum ging, auf Hochzeiten und Bällen aufzuspielen. 1843 wurde die "Musikalische Gesellschaft", später kurz "Musikverein" genannt, gegründet. Eine große Rolle im Musikleben der Stadt spielten Martin Polder, Anfang des 19. Jahrhunderts, sowie Franz Prohaska, zuerst "Turnermeister", dann erster Dirigent des Musikvereins, und Ferdinand Hessmann, sein Nachfolger, um die Mitte desselben Jahrhunderts. 1862 wurde auf Anregung von Georg Daniel Teutsch die "Liedertafel" gegründet, die den vierstimmigen Männergesang pflegte. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre standen sowohl Musikverein als auch Liedertafel ohne Dirigenten da, das Musikleben der Stadt hatte darunter sehr zu leiden, und man hielt Ausschau nach einem fähigen Musiker. 1873 gelang es, den ebenfalls aus Böhmen stammenden Emil Silbernagel als Musikdirektor des Musikvereins und als Musiklehrer des Gymnasiums nach Schäßburg zu bringen.

Emil Silbernagel, geboren am 4. Juli 1841, hatte zwischen 1852 und 1854 am Konservatorium in Prag studiert und anschließend die "Militärkapellenmeisterprüfung vor der Commission des Prager Militär-Musikvereins" abgelegt, wie in der oben genannten "Schäßburger Zeitung" zu lesen ist. Als Mitglied einer k. und k. Militärkapelle nahm er 1864 an Aufführungen auf der Pariser Weltausstellung teil. Er zeichnete sich als Cellist aus und wurde von Kaiser Napoleon III. mit zwei Goldmedaillen und einem Cello geehrt. Nachdem sich eine Jägerbataillonskapelle, deren Kapellmeister er geworden war, nach kurzer Zeit auflöste, kam er als "städtischer Orchester-Direktor" nach Kronstadt. Von da folgte er dem Ruf nach Schäßburg. "Das Referat jener Presbyterialsitzung, das seine Anstellung befürwortete, hob unter anderem lobend hervor seine Kenntnisse im Generalbaß, in Instrumentierung und Pädagogik der Musik; einige seiner Compositionen seien im Druck erschienen, er spiele Klavier, Orgel, Violin, Viola, Violoncell, Contrabaß, alle Holzblasinstrumente, sei in Violoncell Concertist…" ("Schäßburger Zeitung"). Am 1. August 1873 trat er seinen Dienst in Schäßburg an und sollte hier 21 Jahre, "man kann mit vollem Recht sagen, Tag und Nacht der Liebe zur Musiksache" dienen - als Lehrer, Dirigent, Komponist, Cellist und Organist. 1874 vereinigten sich Musikverein und Liedertafel, 1880 kam ein Frauenchor hinzu. Nun waren die Voraussetzungen für anspruchsvollere Aufführungen gegeben, und Silbernagel nahm größere Werke wie "Paulus" von Mendelssohn, "Die Jahreszeiten" von Haydn und "Der Rose Pilgerfahrt" von Schumann ins Repertoire des Musikvereins auf. Als Freund Michael Alberts - er soll von ihm nie anders als in der herzlichen Form "mein Dichter" gesprochen haben - verstand er es, diesen zur Zusammenarbeit zu bewegen. So entstanden die Lokaloperetten "Klotz und Trotz", "Angelina oder Die Türken vor Schäßburg" und "Sezia" (Text: Michael Albert, Musik: Emil Silbernagel), die 1850, 1887 bzw. 1895 mit Erfolg aufgeführt wurden.

Professorenkollegium der Bergschule 1873. 11 v.l. stehend: Emil v. Silbernagel

 

Silbernagel machte sich auch um die Kammermusik verdient. Er war ein ausgezeichneter Cellist, und zusammen mit Joh. Baptist Teutsch (erste Geige), Wilhelm Melzer (zweite Geige) und Georg Glatz (Bratsche) gab er am 18. März 1877 das erste Kammermusikkonzert in Schäßburg. Obwohl er im Schuldienst (er unterrichtete am Gymnasium, aber auch in der "Musikschule" des Musikvereins), bei der Kirche und im Musikverein voll ausgelastet war, fand er noch Zeit, sich der Musikfreunde unter den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu widmen: Er gründete die Feuerwehrkapelle, die allerdings nicht lange bestand. Als Musiklehrer rief er die Blasmusik der Seminaristen ins Leben, auf welche unsere "Studentenmusik" zurückreicht.

Im Jahre 1893 beschloss die Leitung des Musikvereins, einen zweiten Musikdirektor einzustellen: Emil Silbernagel war überlastet, und man war mit der Leistung des Männerchors nicht so ganz zufrieden. Die Wahl fiel auf Gustav Fleischeraus Leipzig, der ein würdiger Nachfolger Silbernagels werden sollte. Dieser war nur noch kurze Zeit tätig, 1896 schied er aus Gesundheitsgründen aus, blieb aber weiterhin Ehrenmitglied des Musikvereins. Wegen wiederholter Schlaganfälle versetzte das Presbyterium in seiner Sitzung vom 1. Februar 1900 Emil Silbernagel "unter voller Anerkennung seiner vielseitigen Verdienste und mit Gewährung eines Ehren-Ruhegehaltes von 800 Kronen in den bleibenden Ruhestand" ("Schäßburger Zeitung"). Emil Silbernagel starb am 7. November 1901. Die "Schäßburger Zeitung" würdigte die Bedeutung des Verstorbenen: "Er ist geschieden aus unsern Kreisen ‚sang- und klanglos', sein Lebenswerk ist der Geschichte übergeben, und wenn wir heute eine Ehrenpflicht noch seinen Mannen gegenüber zu erfüllen haben, so ist es die ungeteilte Anerkennung seiner Leistungen, die achtungsvolle Nennung seines Ehrennamens, der weit über unsere Stadtmauern hinaus in den Gauen unseres Landes den besten Klang sich erworben."

Dokumentation: Horst Breihofer (Nürnberg)


 

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