|
Anekdoten
Aus der Sammlung "Schnurren und Späße"
von
Gustav Schotsch (1879-1960)
Interview mit dem Nachbarvater Jeorich Schiwerhift
Der "Großkokler Bote" hat durch seinen Sonderberichterstatter
für Nachbarschafts- und Richttagsfragen eine führende Persönlichkeit
auf diesem Gebiete, den Nachbarvater der Bikagässer Nachbarschaft
Jeorich Schiwerhift, interviewen lassen.
Ich hatte mir, schrieb der Berichterstatter, den wackeren Schiwerhift
als einen Mann, der nicht viel Umstände macht, beschreiben lassen,
und fiel darum gleich nach der Begrüßung mit der Tür ins
Haus. "Ich komme, sehr geehrter Herr Schiwerhift, um Sie über
die neue Nachbarschaftsordnung und die nachbarliche Hilfe
"
Weiter kam ich nicht, denn der Angeredete bekam einen roten Kopf und schnitt
mir die Rede ab mit den Worten: "Eine Flur mit er Hink, ich geb nix!
Die Herren sollen sich en anderen suchen, wann sie en tummen Hund brauchen,
der was sich alle Piff schännen läßt, emal fier Armenhilf,
emal fier Kirchensteier, emal fier Gustavadolfverein und jetzt noch nachbarliche
Hilf. Den letzten Greizer wollen sie einem aus dem Schipp gewinnen!"
"Aber Herr Nachbarvater", unterbrach ich, "das ist ja
ein Miss-verständnis, ich will ja gar kein Geld von Ihnen, ich möchte
Sie doch bloß interviewen über
" "Hinterjucken
Sie Inihre Groß!" fiel mir der noch immer Erregte und Mißtrauische
ins Wort, "ich laß mich nicht beschummeln, ich weiß gut,
wie das is mit esolche neimodische Werter, die was nur zu demsein, um
man soll dermit uns Birjer iebern Gänsdreck fihren. Inerscht redt
man dem armen Menschen e Loch in den Bauch mit "hinterjuckeln"
oder "hinterjudeln" oder was weiß ich, bis er ganz tummlich
is im Schärrel und nur emal - hoppa! - musst du wieder ins Schipp
greifen und dann war es dich freilich ein Mistverständnis. Aber mir
Bikagässer sein nicht eso tumm, wie sie ausschauen. Wann Sie denken,
der Schiwerhift , der is e alter Mutalo, den man nur eso ibern Leffel
balbieren kann, dann gehen Sie in Inihre wilde Iebergroß, aber nicht
kommen Sie bei mich!"
Nur mit großer Mühe gelang es mir endlich, den Erregten zu
beruhigen, mit der wiederholten Versicherung, dass es in keiner Weise,
weder jetzt noch später auf seinen Geldbeutel abgesehen sei, sondern
ich mir bloß seine geschätzte Meinung über die Nachbarschaftsordnung
erbitte.
"Na, wenn Sie dich wirklich nix anderes haben wollen, das will ich
Ihnen schnell sagen", erklärte in etwas ruhigerem Ton Herr Schiwerhift.
"Sie haben mir dich zujahr auch esolchen Wisch geschickt, um mir
sollens in der Nachbarschaft bereden. Na, es fallt uns glatt ein, und
ich soll um esowas die Nachbarschaft zusammendrummeln. Mir Bikagässer
haben netijeres zu tun, mir haben Ihnen den Wisch zurückgeschmissen,
sie sollen sich ihn braten". "Sie lehnen also die Nachbarschaftsordnung
ganz ab?" fragte ich. "Wir brauchen keine Nachbarschaftsordnung,"
lautete die entschiedene Antwort, "denn zu was missen wir eine Nachbarschaftsordnung
haben, wann wir keine Nachbarschaftsordnung brauchen?" "Aber
die nachbarliche Hilfe", wagte ich einzuwenden, "wie denken
Sie darüber?" "Wissen Sie, was der Katzenhift, der was
mein Schwager is, gesagt hat ieber die nachbarliche Hilf? Na, ich will
Ihnen das erzählen. Also mir Bikagässer, mir ham dich heier
wieder e sollen scheenen Richttag gehalten, nicht mit er schebijer Tokane,
wie diese Purligar, die Burchmante. Mir haben ein Schwein abgetan und
Wurscht gemacht und e jeder hat fressen kennen, was ihm ins Leder is gangen,
bis ihm der Butch auf die Seit is gestanden wie e Patrontasch. Und mir
haben en minunatijen Zendrischer gesoffen, und der Katzenhift ist lustich
geworden und hat in einem gesungen: ,Rundrundrundgesang' und ,Íhr
Brieder, wenn ich nicht mehr trinke'. Und wie es schon gejen Morjen war
und mir mußten dich jetzt heimen gehn, nur emal konnte er nicht
mehr auf den Fießen stehn, und ich und mein Nachbar, der Däckschärrle
Josef, mir mußten ihn in die Mittelt nehmen, mehr dich auch mir
zwei e wenich betimpest waren. Und er hat auch auf der Gaß noch
in einem gesungen und Helfgott gekrischen. Und wie wir ihn glicklich bis
heimen buxiert haben, hat die Dori, die was seine Frau ist, gejen ihn
gesagt, er war ein schlechtes Schwein und er soll sich schämen, so
besoffen wie er ist. Und andere Leit missen ihn heimschleppen. Aber er
hat gegen sie gesagt, sie soll sich die Lapp halten, das wär dich
ja die nachbarliche Hilf, und ieber die laßt er nix kommen. Na sehn
Sie, so schaut bei uns die nachbarliche Hilf aus und mir brauchen keine
neie Modi. Und Sie kennen das um mich auch in die Zeitung tun".
Damit schloß dies denkwürdige Interview.
Und die Moral von der Geschicht? (Ein Nachwort)
S o o o hat doch niemand in Schäßburg hochdeutsch gesprochen!
Sonst hätte man Aussprüche wie: "Geh nur bevor, ich erdehn
dich eh!" oder den guten Rat: "Da nehmen Sie einen Eisenbettstengel
und rudern damit in der Geige, daß sie nicht komisch wird"
(Wer jemals Krautköpfe für den Winter eingelegt hat, weiß,
was damit gemeint ist) gar nicht lustig gefunden. Der bekannte Professor
Gritsch amüsiert sich und sein Publikum beim Burgrichttag mit Stilblüten
und Sprachfehlern seiner Studenten, die aus dem täglich gesprochenen
Sächsisch den Weg zu einem sauberen Hochdeutsch manchmal mit einigen
Schwierigkeiten beschreiten mußten. Übertreiben macht deutlich!
Saxonismen und Eigenarten der österreichisch-ungarischen Beamten-
und Soldatensprache in der Verwendung des Hochdeutschen sind dem Deutschlehrer
sicher so oder ähnlich in Aufsätzen und Gesprächen begegnet.
Und die deftige Sprache der Handwerksgesellen und Lehrjungen, die ihre
Sprache gerne mit "saftigen" Ausdrücken würzten, um
sich von der gewählteren Ausdrucksweise der Meister und der "feineren"
Leute zu unterscheiden und diese zu schockieren, hat dem "Schäßburgerischen
Sächsisch" einen bestimmten "Ruhm" verliehen, für
dessen Verbreitung der bekannte "Gruß" und die Anekdoten
um ihn herum sicher beigetragen haben. Dieser Spaß am Schockieren
kommt beispielsweise in folgender Begebenheit zum Ausdruck: Im Damenkränzchen
wird über die korrekte Aussprache von Fremdwörtern gesprochen,
die Englisch-, Französisch- und Italienischkenntnisse der Damen werden
ausgetauscht und bewundert. Der kleine Sohn der Gastgeberin hat aufmerksam
zugehört und mischt sich ein: "Wollen wir wetten, dass du ein
Wort nicht aussprechen kannst?" sagt der Naseweis zu seiner Mutter.
Die antwortet: "Ich wette zwar nicht mit dir, aber ich kann j e d
e s Wort richtig aussprechen!" Der Kleine feixtsiegesgewiß
und schadenfroh:"Na dann sag: "Arschloch!" - Die Gesellschaft
hält den Atem an. Die Gastgeberin, entrüstet: "Aber H e
i n z i!!" - Der hätte die Wette gewonnen.
Hans Orendi (Mülheim)

Letztes Update: 2003-02-02
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|