HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Das ehrbare Handwerk in Schäßburg
Die Tischlerzunft
"Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit..."

Schäßburg war schon im frühen Mittelalter eine Stadt der Handwerker. Um ihre Interessen besser vertreten zu können, schlossen sich die Meister des selben Gewerbes zusammen und bildeten Zünfte. Diese Vereinigungen hatten neben wirtschaftlichen auch eine Reihe von lokalpolitischen Aufgaben zu erfüllen. Unter anderem mussten sie die Wehranlagen bauen und später auch bei feindlichen Angriffen verteidigen. Alle Türme der Stadtbefestigung tragen den Namen der Zunft, in deren Betreuung sie sich befanden. Die 1376 herausgegebene und für Siebenbürgen allgemein gültige Zunftordnung erwähnt für diesen Landesteil 19 Zünfte mit 25 Gewerbezweigen. Hierbei wird Schäßburg als zweitwichtigste Stadt Siebenbürgens, was die Zahl und die Bedeutung der Zünfte anbelangt, genannt.

Tischlergasse Nr. 4 auf der Burg. Haus des Zunftmeisters J.G. Graef

 


Die Schäßburger Tischlerzunft gehörte während des Baues der Wehranlagen nicht zu den bedeutendsten der Stadt, also wurde sie auch nicht beauftragt, einen eigenen Turm zu errichten. Dass sie aber danach eine wichtige Rolle im Stadtleben gespielt hat, beweist die Tatsache, dass nach ihr eine Gasse - und zwar die längste Gasse der Burg - benannt wurde. Auch werden mehrere Tischlermeister erwähnt, die verantwortungsvolle Posten in der Stadtverwaltung inne hatten. Die Tischlermeister der Zeit waren sowohl Schreiner als auch Schnitzer und Maler. So konnten sie bedeutende Arbeiten für Haushalte, aber auch für Kirchen und öffentliche Gebäude tätigen, die als Kunstwerke der Nachwelt erhalten geblieben sind. Als Hinweis auf die Bedeutung dieser Zunft kann auch die Tatsache gewertet werden, dass Johann Stoß, der Sohn des berühmten Nürnberger Meisters Veit Stoß, eine Werkstatt in Schäßburg eröffnete, und von 1510 bis zu seinem Tod im Jahr 1530 als Malermeister und Bildschnitzer Mitglied und später sogar Zunftmeister der Tischlerzunft von Schäßburg war.

Zunftmeister 1870, J.G. Graef - Archivbild

 


Für die Klosterkirche baute Johann (Hans) Stoß 1522 einen Flügelaltar, den berühmten "Martinsaltar". Das Mittelbild und zwei Seitenflügel dieses Altars sind bis heute erhalten geblieben. Das Mittelbild zeigt die Heiligen Martin und Dominikus im Großformat, in einer Ecke den knienden Bettler, dem Martin die Hälfte seines Mantels reicht, und im Hintergrund drei andere Heilige. Auf den geöffneten Seitenflügeln sind vier Szenen der Martinslegende dargestellt: - die Ankleidung eines Bettlers; - die Auferweckung eines toten Knaben - die Wiederbelebung eines Gehängten; - die Absolution einer sterbenden Frau.

Martinsaltar 1522 in der Bergkirche von Johann Stoß - Archivbild

 

Aufgang zur Kanzel mit Füllung Klosterkirche. - Foto: Rolf Schneider

 

Aufgang zur Kanzel mit Füllung Klosterkirche. - Foto: Rolf Schneider

 

Kanzel in der Aula der bergschule - Foto: Walter Lingner

 

Gesellenstück J.G. Graef

 

Meisterbrief J.G. Graef

 

Gestühl in der Bergkirche - Foto: Walter Lingner

 

Ernst J. Graef 1992 aktiv nochmit 82 Jahren - Foto: E. Graef

 

Aus der Werkstatt des Johann Stoß stammen auch Arbeiten für Kirchen der Schäßburger Umgebung. So z. B. die Altäre der Kirchen von Meburg und Schweischer.
Wie für alle Handwerksgesellen des Mittelalters bestand auch für jene aus Siebenbürgen Wanderzwang. Dabei lernten die jungen Leute Arbeitstechniken und Kunstrichtungen aus Westeuropa, besonders aus dem deutschsprachigen Raum kennen und wendeten diese später als Meister in ihrer Heimat an. Nach Siebenbürgen kamen auch Handwerksburschen aus westlichen Ländern. Einige von diesen blieben in Siebenbürgen, so auch die Söhne von Veit Stoß. Dieser Austausch von Handwerkern zwischen Westeuropa und Siebenbürgen trug einerseits zum allgemeinen technischen Fortschritt bei, sicherte andererseits aber auch die ununterbrochene Verbindung zum deutschen Mutterland und seiner Kultur.

Zu den ältesten und besterhaltenen Tischlerarbeiten eines Schäßburger Meisters gehört das Gestühl im Chorraum der Bergkirche. Angefertigt wurde es in der Werkstatt des Zunftmeisters Johannes Reychmut. Die hohe Rückwand des Gestühls ist mit Einlegearbeiten und Flachreliefs in gotischem Stil reich verziert und zeugt vom außergewöhnlichen künstlerischen Niveau des Meisters. Am oberen Rand des Gestühls ist die Jahreszahl 1523 und folgender Text eingeschnitzt: "Wer in dis gestül will stan und nicht latyn reden kann der sollt bleiben draus das man ym nit mit kolben laus".
Aus der Werkstatt des Tischlermeisters Reychmut stammen auch die Gestühle aus den Kirchen von Birthälm (1514 und 1523), und das von Bogeschdorf (1533).

Mehrere Dokumente des 17. Jahrhunderts weisen darauf hin, dass die Schäßburger Tischlerzunft in Siebenbürgen einen guten Ruf hatte. Lehrlinge, die ihren Beruf in Schäßburg gelernt, aber auch Gesellen, die hier gearbeitet hatten, fanden überall, wohin sie kamen, freundliche Aufnahme und gute Arbeit. Ihre berufliche Qualifikation wurde allgemein gelobt.

Im 18. Jahrhundert gab es in Schäßburg einen bedeutenden Altarbauer. Es war der vielseitig begabte Georgius Philippi (1711-1777), der im Mai 1735 in die "ehrsame Tischlerzunft" von Schäßburg aufgenommen und später zu ihrem Zunftmeister gewählt wurde. Als bedeutendste und bekannteste seiner Arbeiten gilt der barocke Kirchenaltar von Arkeden aus dem Jahr 1752. Den wuchtigen mehrfach gekröpften Architrav tragen zwei Lisenen und Säulenpaare, von denen die beiden inneren Säulen gewunden und mit einem Blumengewinde belegt sind. Die senkrechten Seiten des Aufsatzes schmücken geschnitzte Ornamentflügel. Ein gut gearbeitetes, aus Holz geschnitztes Kruzifix nimmt die schmale Mittelnische ein. Im Mittelfeld der Bekrönung befindet sich eine Statue des auferstandenen Christus mit Strahlenkrone und Siegesfahne. Auf den Außenecken des Architravrückens erheben sich die in Pose und Ausdruck mit anerkennenswertem Geschick modellierten Statuen des Moses mit den Gesetzestafeln und des Aron im Schmuck des hohepriesterlichen Gewandes. Der Abschluss der Bekrönung wird vom Auge Gottes gebildet. Blumenvasen, Blütengebinde, geflügelte Engelsköpfchen und Ornamente vervollständigen das zierende Beiwerk dieses von ausgeglichenem Geschmack und stilistischem Empfinden seines Meisters zeugende Kunstwerk.

Andere Arbeiten, die aus Philippis Werkstatt stammen, sind: - eine Kanzel mit barockem Baldachin (Kanzelhaube); - die mit religiösen Szenen und Symbolen bemalte Galerie (Empore) von Trappold; und - die Kirchenaltäre von Werd, Retersdorf, Wolkendorf (bei Schäßburg), Hohndorf und Kleinalisch.

Auch in Schäßburg war es keine Seltenheit, dass mindestens ein Sohn beim Vater in die Lehre ging und dessen Beruf weiterführte. So blieb die Werkstatt über Generationen in Familienbesitz. Ein Beispiel hierfür liefert die Tischlermeister-Familie Graef, in der das Handwerk in fünf Generationen fortgesetzt wurde, und die vier Zunftmeister stellte.

Wohnhaft in der Tischlergasse Nr. 4 besaß Michael Graef (1734-1830) eine Tischlerwerkstatt und erzeugte hauptsächlich furnierte Möbel. Er verstand sich, wie später auch seine Nachkommen, als "Kunsttischler". Über Jahre hindurch war er Zunftmeister der Schäßburger Tischlerzunft.
Seinem Sohn, Johann Georg Graef sen. (1794-1856), ebenfalls Zunftmeister, gelang es, das väterliche Erbe auszubauen und die Werkstatt zu vergrößern. Von seinen Arbeiten befand sich noch um 1960 ein aus Nussbaumholz gefertigter, furnierter und mit Barockintarsien reichverzierter Schubladenkasten im Besitz von Fräulein Adelheid Kootz aus Schäßburg. Die hochwertigen Arbeiten dieser Werkstatt sicherten dem Meister ein angemessenes Einkommen, so dass es sich Johann Georg Graef leisten konnte, sowohl für sich als auch für seine Ehegattin von einem Maler je ein Porträt, Ölgemälde, anfertigen zu lassen. Bedeutend sind diese Porträts schon deswegen, weil sie die Kleidertracht jener Zeit zeigen. Johann Georg trägt die Kleidung des Zunftmeisters - einen bis zum Hals geschlossenen, mit 17 doppelreihigen Silberknöpfen verzierten Rock, darüber einen aus dunklem Wollstoff gefertigten Umhängemantel, "MENTE" genannt, und einen langhaarigen, mit Silberknöpfen verzierten braunen Pelz. Die Frauentracht besteht aus einem weitärmeligen weißen Hemd, einer ärmellosen, von Schmuckschnallen geschlossenen Jacke, darüber ein Schal aus weißer Seide und über die Schultern geworfen ein leichtes, durchsichtiges Gewebe. Beide Gemälde befinden sich heute als Kunstwerke im Brukenthal-Museum von Hermannstadt.

Kanzelhaube mit Engel in Arkeden.

 

 

Johann Georg Graef jun. (1827-1910) lernte den Beruf in der Werkstatt seines Vaters und ging danach auf Wanderschaft. In Wien besuchte er eine Fachschule. Hier fertigte er mehrere farbige Zeichnungen von Barockmöbeln an, die nach seiner Heimkehr in einer Mappe aufbewahrt an seine Nachkommen gelangten. In der Mappe befanden sich auch technische Zeichnungen, die Antriebsräder aus Holz für Wassermühlen darstellten. Nach diesen Zeichnungen baute Johann Georg Graef in den 50iger Jahren des 19. Jahrhunderts die Antriebsräder für die neue Wassermühle von Schäßburg. Diese Räder verbanden durch eine lange Parallelachse die Wasserschaufelräder mit dem Mechanismus der Mühlsteine.

Um 1870 wählten die Tischlermeister von Schäßburg Johann Georg Graef ins Amt des Zunftmeisters. Als solcher war er verantwortlich für die Tischlerarbeiten beim Bau des neuen Stadthaus-Gebäudes (1874). Da einiges vom Holzmaterial von Mitarbeitern veruntreut worden war, geriet Graef in materielle Schwierigkeiten. Notgedrungen musste er sein in der Tischlergasse 4 geerbtes Haus verkaufen, um die Schulden zu decken. Vom Rest des Geldes kaufte er in der Mühlgasse ein kleineres Haus und richtete hier seine Werkstatt ein. Wie schon seine Vorfahren, stellte auch Johann Georg Graef furnierte Möbel her. 1970 gab es in Schäßburger Haushalten noch mehrere barocke Kleiderschränke, Schubladenkästen, Biedermeier-Tische und Stühle und auch mit Intarsien geschmückte Kassetten, die in Graefs Werkstatt hergestellt worden waren. Alle Arbeiten beeindruckten durch ihre hohe Technik der Schnitzkunst und Formenvielfalt.

Tischlerzunfttruhe - Foto: R. Schneider

 

 

Obwohl die Zünfte 1872 gesetzlich aufgelöst worden waren, hielten einige Berufsgruppen von Schäßburg an der alten Tradition fest, so auch die Tischler. Wiederum war es ein Mitglied der Familie Graef, das die Aufgaben des Zunftmeisters übernahm. Es war: Ernst Heinrich Graef (1875-1950). Auch er hatte den Beruf in der Werkstatt des Vaters gelernt und mit einem Gesellenstück - einem stilisierten Arkantusblatt in massives Nussbaumholz geschnitzt - abgeschlossen. Um seine Qualifikation zu verbessern, ging der junge Mann auf Wanderschaft und arbeitete in Karlsburg, Budapest, Dresden, Leipzig, Köln und München. In München besuchte er zwei Jahre lang die bekannte "Kerschensteiner-Gewerbeschule" Abteilung Zeichnen und Entwurf. Später dann besuchte er in Hermannstadt einen einjährigen Zeichenlehrer-Kursus.

Barockzimmer, erstellt 1927 von E.H. Graef.

 

In die Heimat zurückgekehrt, arbeitete Graef mit wachsendem Erfolg. Er kaufte ein Haus in der Baiergasse, erweiterte seine Werkstatt und stellte mehr Personal ein. Auch moderne Maschinen aus Deutschland wurden angeschafft und auf diese Weise die Produktion gesteigert. Um die theoretischen Kenntnisse Graefs einem größeren Kreis von Handwerkern zu vermitteln, berief man ihn als Zeichenlehrer an die Schäßburger Abend-Gewerbeschule. Hier war er nebenberuflich bis 1936 tätig.

Schon während des Ersten Weltkrieges, mehr aber nach dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien, häuften sich die Aufträge, das Geschäft blühte, und so konnte Graef seine Werkstatt immer weiter ausbauen. Erst nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, nachdem es an Aufträgen und qualifizierten Arbeitskräften mangelte, ging es mit der Werkstatt bergab, bis sie schließlich ganz geschlossen werden musste. Daran konnte auch das fünfte Glied der Tischlermeistergeneration, Ernst Johann Graef (1911-?), der nach dem Abitur an der Bergschule und einer Weiterbildung an der Kerschenscheiner-Gewerbeschule-Meisterklasse eine hohe gewerbliche Qualifikation erworben hatte, nichts mehr ändern. In den 50iger Jahren wurde die Werkstatt verstaatlicht und der Gewerbeschule als Ausbildungsstätte angeschlossen. Der rechtmäßige Erbe hat dann als Ausbilder an dieser Schule gearbeitet.

Aus der Graef'schen Werkstatt stammen folgende Arbeiten: - Ausbau mehrerer Familienhäuser in Schäßburg; - Ausstattung des Sitzungssaales im Komitatgebäude; - Ausstattung der Aula der Bergschule (Kanzel, Stühle und Bänke in neugotischem Stil); - Arbeiten am Altar der Bergkirche; - Arbeiten an der Kanzel und dem Gestühl der Klosterkirche; - mehrere Schlaf- und Speisezimmer aus Nussbaumholz versehen mit zarten Barockschnitzereien; u. a.

Der letzte nach altem Brauch gewählte Tischlerzunftmeister von Schäßburg war Oswald Lang, der die Werkstatt in der Hintergasse hatte. Er übernahm das Amt und die dazugehörige Zunftlade, in der sich die Statuten und das Zunftbuch befanden im Jahr 1935. Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich die Zunftlade im Haus des Tischlermeisters Friedrich Kleisch.

Als Folge der Enteignung und sonstiger Wirren, die die 50iger Jahre mit sich brachten, war man mit anderen Dingen so mit sich selbst beschäftigt, dass man die Zunftlade samt den darin befindlichen Dokumenten aus den Augen verlor. Aus den in der Lade befindlichen Schriften wäre es möglich gewesen, die lückenlose Namensliste der Zunftmeister, der Gesamtzahl der Tischlermeister und deren Leistungen über Jahrhunderte hinaus sowie die Geschichte der "ehrsamen Tischlerzunft" von Schäßburg zu schreiben.

Ernst Johann Graef (Drabenderhöhe)


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