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As saksesch Mottersproch
Redewendungen 2
Ortsspezifische Redewendungenvon Schäßburg
Der siebenbürgisch-sächsische Dialekt zeichnet sich durch Herzhaftigkeit,
Unmittelbarkeit und Frische aus.
Seine vielen umgangssprachlichen Wendungen, der Reichtum an Sprichwörtern,
sprichwörtlichen Redensarten und bildhaften Vergleichen machen ihn
zu einer echten "Volkssprache". Wenn wir sächsische Redewendungen
näher untersuchen, werden Eigen-tümlichkeiten deutlich, die
eine Klassifikation ermöglichen.
So finden wir vorerst eine große Anzahl von Wendungen, die aus dem
Hochdeutschen wörtlich oder leicht abgewandelt übernommen wurden,
also nicht allein für unseren Dialekt charakteristisch sind. Zweitens
gibt es Redensarten, die im gesamten siebenbürgisch-sächsischen
Dialekt anzutreffen sind, also nicht bloß in einer bestimmten Ortsmundart.
Interessant sind, drittens, Wendungen mit einem ausschließlich ortsüblichen
und lokalspezifischen Umlauf. Weiterhin gibt es wie in der deutschen Sprache
auch im siebenbürgisch-sächsischen Dialekt Wendungen, die nur
in gewissen sozialen Gruppen oder Schichten gebraucht werden (berufsspezifische
Wendungen, Jugendsprache, nur in bestimmten Familien gebräuchliche
Wendungen u.a.).
Schließlich kennt man auch Redewendungen, die nachweislich aus anderen
Sprachen übernommen wurden. Es sind dies in Siebenbürgen insbesondere
rumänische und ungarische Redensarten. Auch der Einfluss des Lateinischen,
das früher in der Schule eine große Rolle spielte, ist manchmal
noch präsent.
Es gibt auch Redensarten, die aus Anekdoten, Schwänken u.ä.
abgeleitet sind, bzw. auch solche, deren Autoren bekannt sind. Zumindest
handelt es sich um Personen, denen gewisse Redensarten als Aussprüche
zugeschrieben werden.
Im vorliegenden Beitrag sollen nur Beispiele ortsüblicher und ortstypischer
Wendungen aus Schäßburg besprochen werden. Um ihren Sinn und
ihre Entstehung zu verstehen, ist es oft notwendig, sie dem heutigen Benützer
oder Leser zu erklären:
- "mät dem Pierl tupen" (mit dem großen Holzhammer
berühren, betupfen) ist ein Ausdruck für Herunterspielen.
Ein Schäßburger soll bei seinem Prozess wegen Totschlags
harmlos erklärt haben: "Ich håt en dich nor mät
dem Pierl getupt".
- "Törle (oder terli) gohn" bedeutet Schule schwänzen,
müßig gehen. Schulschwänzende Kinder sollen durch das
Ringmauertor zwischen Fleischer- und Kürschnerturm ins Freie geschlüpft
sein. Allerdings ist die Bezeichnung Törle als kleines Tor umstritten.
Das Diminutiv auf -le ist für das Sächsische untypisch. Vielleicht
kommt das Wort überhaupt aus dem Rumänischen: "târla"
(Schafgatter). Ein Schafgatter war angeblich an dieser Stelle. Auch
das Wort "Ternen" (Cornelkirsche) wurde als Erklärung
in Erwägung gezogen.
- "ken Hermestådt fähren" heißt nichts weniger
als ins Narrenhaus führen, denn im Schäßburger Spital
gab es keine psychiatrische Abteilung und Geistesgestörte bzw.
psychisch Kranke wurden nach Hermannstadt geschickt.
- "Strohschneider gohn" heißt Seil tanzen, balancieren.
Nach den Auftritten in Siebenbürgen des österreichischen Seilakrobaten,
Professor Alexander Strohschneider in den dreißiger Jahren entstand
dieser Ausdruck.
- "ålt wä de Keakel": alt wie die Kokel.
- "bäs dån flesst noch vil Wåsser de Keakel owen"
(bis dann fließt noch viel Wasser die Kokel hinab) - eine lange
Zeit.
- "wä wonn der Schaaser iwer de Båch pespert" (wie
wenn der Schaaser über den Bach flüstert) - also laut.
- "dorem werde mer et jo net åf de Schil schäcken"
(darum werden wir es ja nicht auf die Schule schicken): eine Speise,
ein Gebäck ist nicht so missraten, um auf die Schule geschickt
zu werden, d.h. auf den Schulberg den weniger kritischen, dankbaren
Schülern.
- "wonn ich enen lossen esi mess ich vierzich lossen" (wenn
ich einen lasse, so muss ich vierzig lassen): Das soll die abschlägige
Antwort des Schäßburger Gymnasialdirektors gewesen sein,
als der Vater eines auswärtigen Schülers um die Erlaubnis
bat, sein Junge solle zwei Tage vor Beginn der Ferien das Internat verlassen
dürfen und nach Hause abgeholt werden. Die Redewendung bedeutet
heute: es ist nicht möglich, um nicht ungerecht zu handeln.
- "Schkobate gohn (falsch auch: Spogate gohn)" Maifest auf
der Breite feiern. Ursprünglich waren es Schülerausflüge,
um Reisig für Besen zur Reinigung der Schule, die zu den Pflichten
der Schüler gehörte, zu sammeln (scopa = lat. Besen). Daraus
wurde dann ein allgemeines Schulfest, an dem sich die ganze Stadt beteiligte.
Letztes Maifest fand 1939 statt.
- "hä äs noch vil Platz fuer de hescht Gejend" (hier
ist noch viel Platz für die schönste Gegend) - sagt man über
eine weniger schöne Landschaft. Der Ausspruch soll vom Schäßburger
Original, dem Lehrer Vinzenz Brandt stammen.
- "sich det Mettåchesen åfwärmen" (sich das
Mittagessen aufwärmen) - nach dem Essen in der Sonne liegen, ist
angeblich ebenfalls ein Ausspruch von Vinzenz Brandt.
- "fuer dä äs det hoppla Schatzi uch schien verbä"
(für die ist das hoppla Schatzi auch schon vorbei). Es ist ein
Zitat aus einer Anekdote: Zwei Jungvermählte. Sie stolpert und
er sagt zärtlich: "Hoppla Schatzi, host tea dir wihgedon"
Nach einigen Jahren heißt es dann: "Hief de Fess, host tea
nichen Ujen äm Hift" Die Wendung drückt die Vergänglichkeit
der Liebe aus.
- "det in stiht fest, des Kea äs krånk" (das eine
steht fest, diese Kuh ist krank) soll der beliebte Satz eines Tierarztes
von Schäßburg gewesen sein und steht heute für: unzulängliche
Diagnose oder auch nicht befriedigendes Gutachten.
Außer nachweislich ortsspezifischen Wendungen gibt es auch Redensarten,
die inhaltlich nicht ortstypisch sind, aber doch in Schäßburg
entstanden und nur dort bekannt sind, andernorts aber nicht gebraucht
werden. Sie sind als solche darum auch schwer zu identifizieren. So wie
auch die Volkslieder nicht von einem abstrakten Volk, sondern von konkreten
Personen geschaffen werden, so verhält es sich auch mit der Autorenschaft
der Redewendungen.
In Schäßburg war mir z.B. eine Frau bekannt, die zwar keine
besondere Schulbildung hatte, doch mit einem gesunden Menschenverstand
ausgestattet war und über ein riesiges Repertoire von Wendungen verfügte.
Sie brachte im Gespräch spontan originelle Formulierungen in der
Art von Redewendungen hervor. Ich habe oft solche Wendungen aus ihrem
Munde in statu nascendi erlebt. Viele dieser Ausdrücke und Sprachschöpfungen
sind sicher auch in den allgemeinen Sprachverkehr gelangt, andere wiederum
gingen nach der Einmaligkeit der Gesprächssituation wieder verloren.
Zuletzt sei noch eine ortsübliche Wendung nicht vergessen, die als
solche überall bekannt ist: der Schäßburger Gruß.
Interessant ist, dass der Text dieser Wendung auch eine Melodie hat, die
vor allem gepfiffen wird. Wenn Schäßburger diesen Pfiff hören,
sind sie wie elektrisiert und erkennen sich sofort überall in der
Welt. Warum diese Wendung den Schäßburgern zugeschrieben wird,
ist nicht geklärt, doch besteht sicher ein Zusammenhang mit ihrer
herzhaften, saftstrotzenden Sprache.
Walter Roth (Dortmund)
Aufruf zur Spurensicherung:
Solange die Sprache der Schäßburger noch lebendig gesprochen
wird, wollen wir weitersammeln um zu ergänzen. Nicht nur dem Leser,
sondern auch dem Sammler wird es Vergnügen und Freude bereiten, sich
an liebe Menschen oder vergangene Situationen zu erinnern.
Darum bitten wir, macht weiter so und bereichert unsere Rubrik "
As Mottersproch" mit Ausdrücken und Redewendungen. Die Redaktion

Letztes Update: 2003-02-02
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
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