HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


PATRIAE FILIIS VIRTVTI PALLADIQVE SESE VOVENTIBVS SACRVM

Dieser Sinnspruch steht als Chronogramm über dem Eingang der Schäßburger Bergschule und prägt sich dem aufmerksamen Schüler, der ihn täglich lesen kann, ob verstanden oder nicht, unvergesslich ein.
Zunächst will solch ein Chronogramm eine Jahreszahl mitteilen, die der Leser durch die Addition der vergrößerten Buchstaben, als römische Zahlen gelesen, herausbekommen kann. In unserem Fall käme 1793 heraus. Auf der gleichen Fassade steht aber auch 1901. Wie reimt sich das zusammen, wenn, wie das bei barocken Schlössern üblich war, das Baujahr gemeint sein sollte? Vielleicht hilft uns die Bedeutung des Textes da etwas weiter. Oder die Baugeschichte. Der Vorgänger-Bau stand an der gleichen Stelle, sah aus wie ein kleines Schloss(für den Adel des Geistes!) und hatte im Giebelfeld genau diesen Spruch.
Der 1901 errichtete Neubau, dessen hundertjähriges Bestehen wir letztes Jahr feierten, benützte die Grundmauern und das Treppenhaus des Vorgänger-Baus. Die Erfordernisse der neuen Zeit und die zunehmenden Schülerzahlen machten eine Aufstockung des Gebäudes mit naturwissenschaftlichen Räumen nötig. Der Stadtarchitekt Gottfried Orendi entwarf und plante, die Baufirma Leonhardt errichtete das Gymnasialgebäude, wie wir es heute kennen. Dem Geschmack der Zeit und dem Stil der benachbarten gotischen Bergkirche verpflichtet im neugotischen Stil.
Die Übersetzung des Sinnspruchs lautet etwa: "Den Söhnen des Vaterlandes, die sich der Tugend und der Pallas (Athene) weihen, ein Heiligtum."
Schlägt man nun in einem guten lateinischen Wörterbuch die Worte nach, merkt man bald, dass ein Übersetzen gleichzeitig ein Deuten ist. Schon "patria" kann "Vaterland, Vaterstadt, Heimat" bedeuten. "Filiis" kann Söhne u n d Töchter meinen (Dativ und Ablativ sind für männliche und weibliche Kinder gleich!).
Schwieriger wird es bei der "virtus". Das Wort enthält "vir"- Mann, und Virtus meint alle positiven Eigenschaften, die man einem römischen Ideal-Mann abverlangte: Mannhaftigkeit, Tüchtigkeit, Entschlossenheit, Mut, Tatkraft, Kraft, Macht, Sittlichkeit, Stärke, Tapferkeit, Tugend… und das alles in einem Wort! Nicht ganz so viele Bedeutungen hat "sacrum": heilig, geweiht, Heiligtum, geheiligter Gegenstand, Opfer, Opferhandlung, Feier," oder "vovere": geloben, wünschen, feierlich versprechen, sich verpflichten.
Und neben der vielseitigen Tugend des Mannes steht Pallas Athene! Ihr sollen sich die Schüler verpflichten!
Der Schutzgöttin des antiken Athen? Nun war Pallas Athene den humanistisch gebildeten Studenten aus der "Ilias" und der "Odyssee" bekannt, die dem Göttervater Zeus von Hephaistos, dem Götterschmied, aus dem Kopf herausoperierte mächtige Göttin, die in voller Rüstung geborene Vater-Tochter, tatkräftige Helferin und Beschützerin der Helden, besondere Gönnerin des listenreichen und erfinderischen Odysseus, Erfinderin der häuslichen weiblichen Techniken, wie Spinnen, Weben, aber auch Erzgießer, Schmiede und andere Handwerker erfreuten sich ihres besonderen Schutzes. Als Göttin der Weisheit war ihr die Eule heilig. Eines ihrer vornehmsten Geschenke an die Menschen war der Ölbaum.
Diesen beiden "Tugenden" sollten sich die Studenten verpflichten: der kämpferischen, männlichen, besonders in Kriegszeiten wichtigen, und der beschützenden, produktiven, friedlichen, kreativen, für die die Schutzgöttin Athens ihren Namen als Sammelbegriff hergeben musste. (Sind diese beiden Vorstellungen nicht überhöhte erlebte Vorbilder des Vaters und der Mutter des Schülers, die ihn als Helfer und Tröster, als Ansporn und geistige Stütze sein ganzes Leben hindurch begleiten werden?)
Wer in der Geschichte der Stadt Schäßburg und in der Schulgeschichte nachblättert, wird feststellen, in welch hohem Maße Bergschüler ihren Verpflichtungen nachgekommen sind. Nicht nur an die in der Schlacht bei Schäßburg, im ersten und zweiten Weltkrieg kämpfenden und gefallenen Studenten sei erinnert: auch die in Kunst und Wissenschaft, in Handwerk und Technik erbrachten Leistungen sind beachtlich und auf lange Sicht für den guten Ruf und das Ansehen von Schule und Stadt von größerer Bedeutung.
"Heiligtum" wäre etwas hoch gegriffen, aber für viele Ehemalige hat die Schulzeit eine besonders prägende Wirkung für ihr ganzes Leben gehabt und sie denken dankbar daran zurück.
"Sacrum" kann aber auch "Opfer" bedeuten. Opfer bringt man Göttern, um sie günstig zu stimmen, wenn man damit eine Bitte verbindet. Oder aber Dankopfer. Ein Opfer ist für den Gebenden immer mit Verzicht verbunden.Wenn es aber im Dienste eines höheren Zieles gebracht wird, kann es ein freudig bejahter Verzicht werden..
Wer gespendet hat und wann und wieviel kann man in den Spendenlisten nachlesen. Von nah und fern, aus allen Schichten der Bevölkerung kamen kleine und große Beträge zusammen: Mühsam, denn es musste viel zusammenkommen, und es hat länger gedauert, so dass die Bauzeit sich über den geplanten Termin hinaus ausdehnen musste. Aber man sparte nicht: man machte sie so schön wie nur möglich! Die Aula wurde mit reicher Deckenbemalung ausgestattet und das Deckengemälde im Treppenhaus zeigte nochmals, dass Pallas Athene als Göttin der Weisheit dem Schulgeschehen ihren Segen geben sollte.
Die Bergschüler lernten Latein und verstanden hinter den Wörtern nicht nur den vordergründigen Sinn, den mitschwingenden Hintergrund verstanden sie mit. Und dass dieser Spruch auf dem Neubau wieder steht, obwohl die Jahreszahl nicht mehr zutrifft, bedeutet wohl, dass man auch ein Jahrhundert später noch verstand, was an Wesentlichem und weiterhin Gültigem darin gesagt wurde: Die dankbare Erinnerung der Erben an den Bau der Vorfahren war gleichsam ein Versprechen, den Geist der Bergschule weiterzugeben, wissend um den tieferen Sinn und die Bedeutung der Worte:
PATRIAE FILIIS VIRTUTI PALLADIQUE SESE VOVENTIBUS SACRUM

Hans Orendi (Mülheim a.d. Ruhr)



balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2003-01-26 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg