HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Poesie aus Geist und Erde
Ein Porträt des Schäßburger Bildhauers Wilhelm Fabini

"…mit 66 Jahren da fängt das Leben an,
mit 66 Jahren da hat man Spaß daran;
mit 66 Jahren da kommt man erst in Schuß.
Mit Sechsundsechzig ist noch lang noch nicht Schluß!"
(…singt Udo Jürgens )

Vor sechsundsechzig Jahren, genauer: am 29. Februar 1936 wurde Wilhelm Fabini in Kronstadt als drittes Kind seiner Eltern geboren. Und weil in diesem Jahr der 29. Februar ausgefallen ist, erlauben wir uns, wenn auch etwas später im Jahr, aber nicht weniger herzlich, zu diesem (vom Zahlenbild her jedenfalls!) recht runden Geburtstag zu gratulieren!

Wilhelm Fabini

 

Aus diesem Anlass wollen wir auch einen kurzen Blick auf sein Leben und Werk wagen, so gut uns das aus der Ferne möglich ist, auch wenn das vielleicht nicht ganz im Sinne des bescheidenen Künstlers sein sollte.

Don Quijote

 

Auch wollen wir dadurch einem späteren kompetenterenBiographen nicht vorgreifen, dem aufschlussreichere Quellen zur Verfügung stehen, der genaue Lebensdaten, ein chronologisches Werkverzeichnis , Gespräche mit dem Künstler, Briefe oder Aufzeichnungen, Vorträge oder Sekundärliteratur auswerten kann und dadurch dem Betrachter ein tieferes Verständnis dieses nicht so ganz einfach zugänglichen Werkes zu erleichtern.
Schon die Lehrjahre waren für den jungen Schüler Wander-jahre: von Busteni nach Schäßburg, dann in das Kronstädter Honterusgymnasium, das er mit dem Abitur beendete. Nach einem kleinen "Umweg" über das Kronstädter Metallurgie-Institut kam er an das Klausenburger Institut für BildendeKünste "Ion Andreescu" zu den Professoren Virgil Fulicea und Romulus Ladea, und wurde Bildhauer.

Phönix

 

 

Seine erste Arbeitsstelle fand er in Schäßburg in der Fayence-Fabrik als Entwerfer für Gebrauchsgeschirr. In dieser Zeitlernte er die keramischen Materialien und Techniken genau kennen und anwenden, fühlte aber wohl seine kreativen Möglichkeiten durch den industriellen Betrieb mit verordneten"Normen" und "Sitzungen" eingeschränkt und übernahm 1969 die Leitung des Keramik-Zirkels am Schäßburger Pionierhaus. Die Erfahrung dieser Arbeit mit den kleinen Künstlern fand ihren Niederschlag in einem systematischen Lehrbuch für Keramiker. Durch die geduldigen Hände dieses Kunst-Erziehers sind viele Jahrgänge von Keramikern gegangen, und manche davon haben ihre spätere Anstellung im Schäßburger Kombinat der "Faianta" unter seiner Anleitung vorbereitet. Die Weitergabe seines Könnens an die folgende Generation praktiziert er auch heute noch weiter in Keramik-Arbeitskreisen, auch wenn das Pionierhaus nicht mehr besteht.

Berge und Seen

 

Komposition o.T.

 

Zerrissenheit und Einheit

 

Torso

 

Karyatide

 

 

Inzwischen hatte er die im Fayence-Kombinat arbeitende Chemie-Ingenieurin Ortrun Roth geheiratet, die junge Familie vergrößerte sich um zwei Söhne und wohnte zusammen mit der Mutter und der Familie des jüngeren Bruders, dem Graphiker und Kunsterzieher an der Bergschule Hellmut, in dem noch vom Vater erbauten Haus in der Hüllgasse. In diesem Hof konnte der Künstler 1976 eine eigene Werkstatt bauen und einrichten, wo er seine Entwürfe und kleineren Arbeiten auch selbst brennen konnte. Hier wohnt und arbeitet Wilhelm Fabini auch heute. Und - geht unser Wunsch in Erfüllung - so erfolgreich wie bisher noch viele Jahre!
Von hier aus ging und geht er in die weite Welt - auf Wanderschaft. Und kann er selbst nicht überall hinfahren, lässt er seine Arbeiten wandern. Es würde diesen Rahmen sprengen, wollte man die vielen Orte aufzählen, an denen er eigene Ausstellungen hatte, an Gruppenausstellungen beteiligt war, an internationalen Symposien und Wettbewerben teilnahm, Orte, an denen seine Werke öffentlich zu betrachten sind oder inprivaten Sammlungen den Kenner erfreuen, Bücher und Zeitschriften, in denen seine Arbeiten besprochen und abgebildet wurden, Orte, an denen er Prämien und Belobigungen, Ehrendiplome oder Goldmedaillen als Anerkennung seines Könnens empfangen hat. Die Liste… von Nagoya in Japan bis Vallauris in Frankreich, von Moskau und Riga bis Athen, Faenza und Florenz… wäre zu lang, würde aber ein Beweis für den Fleiß und das Können des Künstlers sein. Auch für das rege natio-nale und internationale Interesse an diesem vielseitigen und qualitätsvollen Oeuvre der künstlerischen Keramik, der dekorativen, der angewandten Kunst, der Bildhauerei und Plastik. Das beweist auch, dass der Künstler nicht im berühmten "Elfenbeinturm" sitzt, sondern das öffentliche Fachgespräch nicht scheut, bei dem auch verletzende Kritik recht weh tut, man andrerseits Erfahrungs- und Gedankenaustausch als Anregung und Bereicherung in der eigenen geistigen Entwicklung erleben kann. Seine Arbeiten in Hermannstadt (der Altar in der Andachtskapelle in der Hippodrom-Siedlung) und in Schäßburg (die Gedenktafel und Pietá in der Klosterkirche, die Hermann-Oberth-Büste auf der oberen Marktzeile und das Mahnmal für die Kriegstoten auf dem Friedhof) sowie sein Engagement für den Erhalt des authentischen Stadtcharakters von Schäßburg, des anerkannten Weltkulturerbes der Menschheit ("Sighisoara durabila") und sein Einsatz bei der Ausstattung des Museums im Kreuzgang der Klosterkirche zeigen deutlich, wie sehr ihm seine Mitmenschen und seine Vaterstadt am Herzen liegen.

Wilhelm Fabini ist kein Freund großer Worte, er gestaltet seine Werke nicht für den lauten Applaus, sie reifen langsam in der stillen Konzentration. "Ich kann nicht verlangen, dass z.B. bei Ausstellungen ein flüchtiger Besucher in Sekunden nachvollzieht, wofür ich viele Stunden der Konzentration gebraucht habe. Das Kunstwerk gleicht einer Muschel, das leere Ge-häuse reizt zum Anfassen, zum Sammeln, weckt Erinnerungen oder Vorstellungen in uns, doch weiß man schon wie viel Leben diese Form gekostet hat?" sagt der Künstler über seinen Schaffensprozess. Und ein anderes Mal erklärt er: "Zwischen der Form und dem Ausdruck der Materie muß ein Zusammenspiel, eine perfekte Harmonie bestehen: die innerliche Absicht muß vornehmlich veranschaulicht werden; hinzu kommt noch alles Gesehene und Gelesene… damit wird nicht etwa gemeint, dass ein Künstler gleich einem guten Techniker alle Stadien des Schaffensprozesses einer Komposition im Vorhinein wissen muss. Wüsste man das, so würde die Faszination, das Geheimnis der Kunst überhaupt verschwinden. Kunst ist gerade das Unberechenbare, das man nicht immer in Worten fassen kann!" Aber der verständnisvolle Lehrer lässt den Betrachter nicht unbarmherzig allein mit seinen Assoziationen: durch die Namen und Titel, die er seinen Arbeiten gibt ( z.B. "Don Quijote", "Daphne", "Ikarus", "Karyatide", "Phönix", "Landschaft" o.ä.), durch die formalen Anspielungen auf Gesehenes oder Bekanntes hilft er ihm, hinter dem Zeichenhaften eigene Vorstellungen zu entwickeln, die mit denen des Künstlers wahrscheinlich, wenigstens teilweise, übereinstimmen. So weckt er im Betrachter dessen Sensibilität, sich nachträglich in den Entstehungsprozess einzufühlen und seine eigene Beziehung zum Kunstwerk und dadurch zum Künstler und seinen Vorstellungen herzustellen .Auf die Frage, ob das abstrakte oder konkrete Kunst sei, antwortet der Künstler (der Jurnalistin Nora Iuga 1983 in "Volk und Kultur"): "Ja, ganz abstrakt ist sie zwar nicht, aber sie ist auch keine nachahmende Kunst - ich würde sie eher schaffende Kunst nennen. Um deutlicher zu sein: das, was der Künstler schafft, kann manchmal von dem Modell, von dem er ausgeht, sehr weit entfernt sein; es gibt Fälle, wo man sogar ein Portrait für abstrakte Kunst halten kann." So kann ein Schwamm, in Schlicker getaucht, richtig geschnürt und gebunden, glasiert und gebrannt, zu einem kraftstrotzenden "Torso" oder zu einer schwer tragenden "Karyatide" werden. Das ist übrigens ein vom Künstler erfundenes Verfahren, mit dem er u.a. auch eine Pyramide von Schmetterlingen "fliegen" lassen konnte.

Entwurf Brunnen für den Marktplatz

 

Joseph-Haltrich-Relief

 

Hermann-Oberth-Büste

 

Gedenkstein Soldatenfriedhof 2. Weltkrieg

 

Relief Gedenktafel Klosterkirche

 

Eine Serie von Reliefs in glasierter Fayence oder Porzellan gehört wohl zu den feinsinnigsten, poetischsten Arbeiten des Künstlers. Auf einer Grundplatte stützen rhythmisch interessant angeordnete Stege eine zart modellierte darüber gelegte "Haut", die häufig durch Einschnitte oder Risse gegliedert wird und den Blick in das "Innere" zulässt, manchmal Kugeln oder die stützenden Stege erkennen läßt. In diese Reihe gehören auch die im "Internationalen Keramik-Wettbewerb" von Faenza 1976 mit der Goldmedaille prämiierten drei Re-liefs "Hommage á Paul Celan", zu denen der Künstler sagte: "Den Anstoß zu diesen Kleinplastiken und somit zur Entdeckung einer neuen Ausdrucksform überhaupt, verdanke ich dem Gedicht "Die Halde" von Paul Celan, einem Dichter, der mich übrigens besonders anspricht. Von den Versen:

"Von Rinnsal zu Rinnsal,
Runder von Mal zu Mal.
Ähnlicher. Fremder…"

ausgehend, kam ich allmählich zur bildnerischen Ausformung des lyrischen Gedankens. Wie Kugeln rollen die Menschen durch das Leben und können ihrer runden, vollständigen Form wegen nie total ineinander verschmelzen."

Komposition o.T.

 

 

Und in dem gleichen Interview (s.o.) sagt der Künstler auch, wie er die Rolle des Künstlers versteht:"Kunst bedeutet nicht Aufopferung des Künstlers für die Erziehung der Menschheit; sie ist eher ein Mittel, wodurch sich dieser mit seinen eigenen Problemen auseinandersetzt, um mit sich selber darüber ins Klare zu kommen. Es ist wie in dem bekannten Satz. Die Hand hat den Menschen geformt und zugleich hat der Mensch die Hand geformt. Das Kunstwerk entsteht aus Stimmungen und Gemütsregungen, die man in sich verborgen hält. Man weiß nie im Vorhinein, was daraus wird. Es ist eine Art Selbstverwirklichung, eine Vervollkommnung. Zweifellos gibt es auch eine Einstellung des Künstlers zur sozialen Struktur. Die Kunst versucht vorzüglich Symbole zu gestalten, denen Ideen entsprechen, die im Kommen sind. Diesbezüglich ist die Kunst ein Barometer, das sehr präzis funktioniert. Ein Beispiel ist unter anderem auch die Polyphonie der modernen Musik, die auf der Idee beruht, dass jeder Mensch sich als selbständiges Individuum entwickelt - Hauptsache ist, daß das Orchester, d.h. die Menschheit, schön zusammenklingt".

Hans Orendi (Mülheim)


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