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HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
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Die Professoren der Bergschule -
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Professoren und Abiturienten des Bischof-Teutsch-Gymnasiums 1943. Professoren, von links: Gustav Schotsch, Viktor Melzer, Georg Donath, Karl Roth, Heinricht Höhr, Direktor Dr. Julius Hollitzer, Wilhelm Teutsch, Karl J. Theil, Dr. Hans Markus, Dr. Julius Waedt, Hans Weber, Hans Theil. - Abiturienten, von links: F. Gunthardt, A. Geier, Fr. Ernst, A. Leonhardt, H. Bedö, U. Felmerer, R. Schuller, M. Hausen, J. Rauch, G. Leonhardt, H. Markus, H. Balthes, O. Müller, H. G. Deppner, K. Seewald, G. Löw, J. Sass, Foto: H. Leonhardt. Archivbild |
Vergebens habe ich versucht, mich zu erinnern, ob wohl einer der alten Herren mal mit einem neuen Anzug in der Schule erschien. Ich glaube, wenigstens in den vier Jahren meines Gymnasiumbesuches war dies nicht der Fall. Da wäre wohl ein staunendes, anerkennendes, langgezogenes "oohh " durch die Klasse gegangen. Eines jedoch ist anerkennenswert. Die alten Anzüge waren immer fleckenlos sauber und gebügelt, wenn auch so manche Hose einen Glanz hatte. Der Ausgleich war die Anerkennung ihres Wirkens innerhalb der Schule und in der liebenswertesten aller Städte Schäßburgs.
Unsere Professoren hatten eine Jahrhunderte fortdauernde Tradition zu hüten, zu pflegen, um sie dann in gute Hände weiter zu geben. Mit Freude und Pflichtbewusstsein erfüllten sie ihre Aufgabe und übermittelten das Wissen in sorgfältiger Art, immer darauf bedacht, bei den Schülern möglichst viel Interesse zu wecken. Sie waren immer bestens vorbereitet, nie versuchten sie, ihre geistige Überlegenheit uns gegenüber zur Schau zu stellen, hatten keine Sympathien für den einen, oder Abfälligkeiten dem andern gegenüber. Unsere Lehrer waren alle, aber auch alle gerecht. Manchmal habe ich heute denEindruck, sie hätten die Fähigkeit gehabt, in uns hinein zu schauen.
Soll ich nun auf jeden Einzelnen eingehen, über die Art und Weise seines Unterrichts? Das würde zu langatmig werden, aber eines sei gesagt: Alle waren sie Meister ihrer Fächer, und es gab Stunden, wo man den Eindruck hatte, in einem Hörsaal einer Hochschule und nicht in einer Gymnasialklasse zu sitzen. Alle von uns, die später das Glück hatten, eine Hochschule zu besuchen, bestätigten, dass ihr Grundwissen die besten Voraussetzungen für das gesamte Studium schaffte.
Das war der erste Teil meiner Ausführungen. Der nun Fol-gende, die
ERZIEHUNG, dürfte vielleicht noch bedeutender gewesen sein. Eigentlich
vollzog sie sich für uns unsichtbar und unbemerkt, aber dass sie
Früchte getragen hat, das weiß ich ganz gewiss. Welches das
Ziel des gesamten Lehrkörpers war, kommt aus den Worten von Heinrich
Höhr in einer der letzten Biologiestunden so recht zum Ausdruck:
"Jungens," - sagte er -, "wenn ihr euch für einen
Beruf entscheidet, denkt daran, dass der des Arztes der Schönste
ist. Das Heilen von Kranken und das Lindern von Schmerzen ist wohl das
Höchste. Aber auf der gleichen Stufe ist der Beruf des Lehrers zu
sehen. Er hat die wichtige Aufgabe, junge Seelen zu formen."
Welcher Idealismus, wieviel Humanismus liegt in diesen Worten! Wir kennen
die heutigen Missstände und ich wünschte, dass viele Lehrer
heute diese Einstellung hätten. Das würde Psychiater, Sozialarbeiter
und Sozialpädagogen an den Schulen erübrigen, wie sie jetzt
im Gespräch sind.
Also unsere Seelen wollten sie formen! Zu dem Zeitpunkt des oben erwähnten
Rates hatten sie es ja schon geschafft. Und wie stemmten wir uns in der
Zeit der Flegeljahre dagegen. Wir wollten anders sein als sie es wünschten
und versuchten mit allerhand Schabernack, unsere Lehrer aus der Fassung
zu bringen, wir wollten sie spaßhalber am Ende ihrer Geduld sehen.
Man denke an die Frühlingszeit, wo es sich anbot, Maikäfer in
den Tischschubladen der Lehrer zu verfrachten, ebenso in dem Tintenfass
am Tisch des Lehrers. Oder im Winter die Stellung der Ofenrohre so zu
arrangieren, dass sie bei einem festen Auftreten herunterfielen. Die darauffolgende
Freude war immer riesengroß und alle waren wir sofort mit Holzstücken
in der Hand bemüht, die Rohre wieder ins Lot zu bringen.
Gustav Schotsch sei genannt, der sich in den Karrikaturen auf Tafel und Fußboden sicherlich gut erkannte. (Der Name des Künstlers soll hier geheim bleiben.) Unser guter alter Lehrer nahm, ohne einen Ärger zu zeigen, einfach den Schwamm und ließ die Kunstwerke verschwinden. Vieles, vieles könnte man noch erwähnen. Aber das Resultat war immer wieder dasselbe, und immer wieder unerwartet: Sie flippten nicht aus, verloren die Geduld nicht und behandelten uns einfach weiter als ERWACHSENE! Welche Enttäuschung!
Unser Direktor, Dr. Julius Hollitzer, starb in Günzburg am9. Dezember
1975. Ich hatte das Glück, ihn noch besuchen und sprechen zu können.
Dabei kam die Rede auch auf unsere Späßchen und ich erwartete
nachträglich noch eine kleine Entrüstung. Er, der ewig Ordnungsliebende,
der auf einer eisernen Disziplin bestand, seiner Verantwortung stets bewusst
war, lächelte fein und meinte, das wäre nicht so schlimm gewesen,
denn die Lehrer hatten die gleichen Probleme über die ganzen Jahre
hinweg mit den Jungen während der Pubertätszeit. Man musste
eben Geduld haben und alles regelte sich dann von selbst. Woher kam aber
diese Gelassenheit der Lehrer? Dafür versuche ich folgende Erklärung
zu geben: Diese Lausbübereien waren nicht unsere Erfindungen und
Patente, sie wiederholten sich in ähnlicher Form und konsequent über
die vielen Jahrhunderte hinweg seit Bestehen der Schule. Man denke an
"Die Freundschaft von Kockelburg" von Erwin Wittstock.
Ja, dann kannten unsere, doch so ernsten Lehrer Ähnliches aus der
eigenen Schulzeit und hatten, sich zurückerinnernd, vielleicht sogar
eine kleine Freude damit. Waren diese Streiche gar ein Ventil für
Buben im Pubertätsalter, um Schlimmeres zu verhüten? Ich glaube,
unsere Lehrer wussten die Antwort auf diese Frage.
Wenn ich heute im Alter überlege, welches die tragenden Säulen
der Erziehung auf der Schäßburger Bergschule waren, dann sind
es die drei, auf die man aufbaute:
- Liebe - Vorbild - Geduld
Jeder dieser Säulen könnte man noch einige Nebenpfeiler zuordnen,
wie zum Beispiel Verständnis zu Geduld, oder auch mal Tadel zu Vorbild.
Würde man diese Säulen als Maßstab in der heutigen Erziehung
im Elternhaus und Schule anwenden, dann gäbe es sicherlich weniger
Probleme mit der Jugenderziehung. Es kam die Oktava. Die einstigen Flegel
waren ernst geworden, hatten die Lausbübereien vergessen, verstanden
plötzlich ihre Professoren, welche sie nun ehrten, würdigten
und schätzten.
Ein wichtiges Ereignis brachte uns gegenseitig noch näher: Wie ein
Donnerschlag traf die Nachricht ein, dass alle deutschen Schulen Rumäniens
durch die Volksgruppenführung übernommen wurden. Für mich
war das eine Hiobsbotschaft. Sie hatten uns den Coetus genommen, der einst
für mich, als Quintaner aus dem Banat, das Allerhöchste war.
Und nun passierte dasselbe mit der Schule. Ich betrachtete doch alles
mit verklärten Augen und mit offenem Herzen, was Jahrhunderte hindurch
geschaffen worden war, und lehnte jede Veränderung im Inneren ab.
Ich wollte die Schule so haben wie sie immer war, und bin sicher, dass
unsere Lehrer auch ungemein darunter litten.
In diesem Zusammenhang ist eine Klarstellung angebracht. Es war üblich und gedankenlos, die Lehrer sowie die gesamten Bürger dieses Städtchens als Spießbürger zu bezeichnen. Gott, welche Kurzsichtigkeit! Einen Spießbürger definiert man als engherzigen, beschränkten Kleinstädter. Ich hoffe, dass es aus meinem Bericht schon anklang, dass unsere Lehrer weder beschränkt noch engherzig waren. Im Gegenteil. Sie waren offenherzig, weitsichtig und öffneten uns Schülern die Augen für das Fortschrittliche.
Ich denke da an Heinrich Höhr, der uns 1938 schon (bestimmt auch vielen Jahrgängen vor uns) die Evolutionslehre Darwins über drei Monate hinweg in sehr gehobenen Vorträgen näherbrachte. Man könnte sagen, ja das war Einer. Falsch! Da lag sicherlich das Einverständnis des gesamten Professorenkollegiums zugrunde. Ich möchte hier vermerken, dass in einigen Provinzen Amerikas die Lehre Darwins noch 1984 verboten war. Den heutigen Stand kenne ich nicht. Dies bloß zur Kenntnisnahme. Und dann Hermann Oberth. Er war Schüler und Lehrer unserer Bergschule. Er ist weltweit anerkannter Vater der Raumfahrt. Spießbürger? Nein. Kommentar überflüssig. Und die Bürgerschaft? Sie hing an ihrer Schule, an ihrer Jugend und somit an der Zukunft. Sie feierten mit Begeisterung die Feste ihrer Studenten mit, und waren kulturell sehr aktiv, alles Merkmale, die zu einem Spießbürger gar nichtpassen.
Dazu wäre noch eine Begebenheit zu erwähnen: Nach dem Exitus
wollten wir zusammen mit einigen Mädchen ein paar Tage auf der Schäßburger
Hütte verbringen. Als man den Vorstand des Karpatenvereins darauf
ansprach, es war Prof. Dr. Hans Markus, zog dieser einen Notizblock aus
der Tasche, schrieb einige Zeilen an den Hüttenwart und wir wurden
auf diese unkonventionelle Art Gäste der Schäßburger Hütte.
Natürlich hatte Hans Markus das vor dem Komitee zu verantworten.
Dort gab es sicherlich keine Widerrede. Das taten die Bürger für
ihre Jugend. Ich glaube, wir sollten den Begriff "Schäßburger
Spießbürger" vergessen.
Vor lauter Begeisterung kam ich vom eigentlichen Thema der Schulübernahme
ab. Wie betrübt ich war, habt ihr zur Kenntnis genommen. Was ging
aber in den Köpfen und Herzen unserer Professoren vor? Eine Welt
brach wohl für sie zusammen. Über Jahrhunderte wurden die Schulen
in ihrer Eigenheit bewahrt, man denke an den Kampf von Georg Daniel Teutsch,
der als Landtagsabgeordneter gegen die Magyarisierung eintrat, kämpfte
und sich durchsetzte. Er wurde das Vorbild im Kampf für den Erhalt
der deutschen Schulen unter der Oberhoheit der Evangelischen Kirche.
Es war die Zeit, als alle deutschen Schulen im Banat der Magyarisierung
zum Opfer fielen.
Es näherte sich das Bakkalaureat. Um überhaupt teilnehmen zu
können, verlangte das neugegründete Schulamt in Kronstadt die
Verpflichtung jedes Einzelnen zur Ableistung eines völkischen Dienst-Jahres.
Wir stellten uns quer und blieben standhaft, trotz einiger vergeblicher
Versuche der Bannführung, uns dafür zu gewinnen. Wir vertrauten
auf unseren Direktor und hofften, dass er das Problem lösen würde.
Mit bewegter Stimme machte er uns jedoch klar, dass er uns ohne diese
Formalität nicht zum Bakkalaureat führen könne.
Nachdem das Bakkalaureat geschafft war, standen wir in der Aula unseren
verehrten Lehrern zum letzten Mal gegenüber: Georg Donath, Dr. Julius
Hollitzer, Dr. Hans Markus, Karl Roth, Eugen Schotsch, Wilhelm Teutsch,
Hans Theil und Karl Theil. Es fehlte Gustav Schotsch, der zu dieser Zeit
noch in der Bakkalaureats-Kommission in Kronstadt tätig war.
Es galt Abschied zu nehmen von ihnen und von allem, was man im Laufe
der Jahre lieb gewonnen hatte. Da ging es mir, und vielleicht manchem
anderen durch den Kopf, dass es vielleicht die schönste Zeit unseres
Lebens gewesen war. Seitens der Professoren sprach Dr. Julius Hollitzer
die Abschiedsrede. Seitens der Absolventen dankte unser Primus Andreas
Lingner für die Mühe der Herren Professoren und versicherte,
dass es uns eine Ehre war, in dieser Schule eine gute Bildung genossen
zu haben.
Wir Abiturienten verabschiedeten uns noch persönlich von jedem der
Herren mit dem Gefühl, dass sie nicht nur Lehrer und Erzieher, sondern
auch väterliche Freunde geworden waren. Es folge sodann das traditionelle
Lied, das wir auf der alten Schulmauer, der Stadt zugewandt, sangen: "Nun
danket alle Gott".
Ich glaube, wir hatten allen Grund dazu.
Erwin Guth (Dornstadt)
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