HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Drittgrösste Teppichsammlung Siebenbürgens in Schäßburg

Dem Durchschnittsleser mag es unglaubhaft scheinen oder nach einer billigen Schlagzeile klingen, in Fachkreisen ist es jedoch allgemein bekannt, dass nirgendwo auf der weiten Welt so viele prächtige klassische Türkenteppiche erhalten und konserviert sind wie in unserer siebenbürgischen Heimat: In den sächsischen Stadt- und Dorfkirchen gibt es heute noch 450 Türkenteppiche. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass in der Fachliteratur vom "Siebenbürger Teppich", "Siebenbürger Doppelnischenteppich" oder "Siebenbürger Gebetsteppich" die Rede ist - gemeint sind die klassischen Osmanenteppiche aus der Zeit vom Ende des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie bilden die bis heute wohl am meisten umstrittene Gattung in der gesamten Teppichkunde.

Es ist ein besonderes Verdienst der Siebenbürger Sachsen, der Menschheit diese Teppiche erhalten zu haben. Das ist keine lokalpatriotische Übertreibung, sondern eine Feststellung: Dieser Volksgruppe gebührt Anerkennung und Respekt für die Sorgfalt, die sie für dieses Weltkulturerbe im Laufe der Jahrhunderte aufgewendet hat. Leider werden die Teppichsammlungen allzu oft sehr allgemein als "protestantischer Kirchenbesitz" angegeben, wobei damit auch die Kirchen der Calvinisten oder Unitarier gemeint sein könnten; manchmal sind im Zusammenhang mit diesen Sammlungen auch nur die ungarischen Ortsnamen angeführt. Dieser Artikel soll ein Beitrag zur Rehabilitierung des Türkenteppichs im Besitz der evangelischen Kirche der Deutschen in Siebenbürgen sein. Schäßburg, auch die "Perle Siebenbürgens" genannt und laut Georgius Krauss bis zum großen Brand von 1676 nach Hermannstadt zweitwichtigste Gemeinde in diesem geografischen Raum, machte - was den Teppichbestand in siebenbürgischen Städten und Gemeinden betrifft - keine Ausnahme.

Mit ihren 47 inventarisierten Exemplaren - 44 Teppiche und drei Fragmente, von denen 35 Teppiche und die drei Fragmente ausgestellt sind, - ist die Teppichsammlung der evangelischen Kirche in Schäßburg die zweitgrößte kirchliche Teppichsammlung auf Landesebene; nur die Kronstädter evangelische Kirchengemeinde besitzt mehr - über 150 Teppiche. Wenn man auch den Bestand des Brukenthal-Museums, eine staatliche Institution, die dem Kultusministerium unterstellt ist, berücksichtigt, so ist die Schäßburger Teppichsammlung die drittgrößte. Das Brukenthal-Museum besitzt nämlich 50Teppiche: 22 stammen von der evangelischen Kirche in Hermannstadt, einer vom evangelischen Landeskonsistorium, 18 von verschiedenen Dorfkirchen; vier gehörten Privatpersonen, und vier wurden vom Museum anderswie erworben. Auf der Liste der Ortschaften mit bedeutenden Teppichsammlungen stehen ferner Mediasch - 23 Stück, Reps - 17, Mühlbach -10, Birthälm…

Außer den Teppichsammlungen der evangelischen Kirche sind auch einige private Schäßburger Sammlungen von Bedeutung, doch darüber in einem anderen Beitrag.
Wann und wie die ersten kleinasiatischen Knüpfteppiche nach Europa gelangt sind, ist äußerst ungewiss und schwierig zu ermitteln. Diejenigen, die bisher behauptet haben, eine eindeutige Antwort auf diese Fragen zu haben, entpuppten sich meistens als Scharlatane.
Belegt sind die ersten Importe von "Orientteppichen" als Kriegsbeute bzw. Souvenirs von Teilnehmern an den Kreuzzügen. Die ersten europäischen Darstellungen von Teppichmotiven sind in der religiösen Ikonographie aus dem 14. Jahrhundert überliefert: heraldische Adler, stilisierte Vögel, Doppel-adler, Pfauen; im 15. Jahrhundert tauchen geometrisierte mythologische Tierfiguren wie Drachen und Phönixe auf.

Teppiche als Modeartikel in Europa
Wie, wann und durch wen sind anatolische Türkenteppiche nach Siebenbürgen bzw. nach Schäßburg gebracht worden? Wozu dienten sie? Fragen, die während der Führungen durch unsere Klosterkirche, die seit 1995 regelmäßig stattfinden, immer wieder gestellt werden. Und diese Fragen beschäftigen auch die Wissenschaft. Um darauf antworten zu können, sind außer gediegenen Sachkenntnissen auf dem Gebiet des Orientteppichs langwierige Archivforschungen und gründliches Wissen über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Südosteuropa erforderlich. Fachliteratur zum Thema Teppich ist aber recht teuer und schwer zu finden, weil die Teppichkunde erst ein Jahrhundert alt ist, und Archive sind nicht jedem zugänglich.

Klosterkirche

Handelsbeziehungen zwischen Siebenbürgen und der Pforte gab es schon vor der Schlacht bei Mohacs (1526), nach der das Fürstentum Siebenbürgen unter türkische Oberhoheit geriet, allerdings nicht direkt: Walachische, moldauische, griechische und jüdische (allgemein Levantiner) Händler kauften Teppiche billig in Istanbul ein und transportierten sie über Siebenbürgen - Kronstadt war Stapel- und Transit-Ort - nach Mittel- und Westeuropa, um sie dort mit Gewinn zu verkaufen. Einen Höhepunkt erreichte der Teppichhandel zwischen 1541 und 1699, wobei auch Siebenbürger Sachsen daran beteiligt waren. Es ist z.B. bekannt, dass im Jahr 1503 vom 7. Januar bis 16. November, also in zehn Monaten, mehr als 500 Teppiche nach Kronstadt gebracht wurden. Man spricht sogar von einer Teppichmode in Europa ab dem 15. Jahrhundert, die einige Jahrzehnte nach Westeuropa auch Siebenbürgen erreichte und hier dank der konservativen Einstellung der lutherischen Sachsen bis gegen Mitte des 18. Jahrhunderts anhielt. Als kunstgewerbliches Produkt einer geheimnisvollen, weit entfernten Zivilisation dienten Orientteppiche zur Ausschmückung fürstlicher Paläste und reicher Bürgerhäuser, war auch ein begehrter Modeartikel, Statussymbol der Oberschicht und beliebtes Geschenk zu wichtigen Anlässen für Persönlichkeiten von Politik und Kirche; Teppiche waren ferner eine sichere Geldanlage, begehrtes Hochzeitsgeschenk, Objekte Gewinn bringender Import- und Exportgeschäfte; Zünfte erwarben Teppiche, und die Kirche benützte sie zur Ausschmückung an Feiertagen - Altartische, Taufbecken, Chor- und Zunftgestühl, Emporen, Pfeiler wurden mit Teppichen behängt, die Stufen zum Altar mit einem Teppich belegt. Heute sind sie museale Kostbarkeiten, hochkarätige Sammlerobjekte, und die modernen Teppiche gehören einfach zur Ausstattung der Wohnung.

Erste Urkunden über Teppiche in Schäßburg
Die bisher älteste Urkunde, die uns wichtige Informationen über die Herkunft der osmanischen Teppiche in Siebenbürgen vermittelt, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Es ist ein Rechnungsbuch (Kopie im Budapester Geschichtsarchiv) des Siebenbürger Fürsten Johann Zapolya (Fürst von 1510 bis 1526, König von 1526 bis 1540) aus dem Jahre 1536 anlässlich der Religionsgespräche in Schäßburg. Im Dokument heißt es, dass der türkische Gesandte Mehmet bek zu Ostern zwei kleine Teppiche, der Stadtrichter von Kronstadt zwei große Teppiche und der Stadtpfarrer derselben Stadt einen großen Teppich nach Schäßburg brachten.


Orientalische Teppiche in der Klosterkirche

Der lateinische Text lautet wörtlich: "Item feria 4a in vigilia corporis Christi, Turcus nuncius Mehmet bek portavit… in civitate segesvar tapetak unam parvam (2x)…Item sabatho post corporis Christi, iudex Brasoviensis portavit… in Segesvar tapetas duas magnas. Eodem die plebanus brassoviensis portavit… tapetam unam magnam."

Bei den Kronstädtern handelt es sich um Lucas Hirscher d. Kleinen (1538/1539, 1541) und Stadtpfarrer Jeremias Jekel (1536-1544). Damals gelangten also insgesamt fünf Orientteppiche nach Schäßburg. Allzu viel kann aus dem Text wegen der knappen Formulierungen nicht herausgelesen werden. Wir erfahren z.B. nicht, ob diese Teppiche in Privatbesitz gelangten oder der Kirche gespendet wurden. Was die Art der fünf Teppiche betrifft, so nimmt man aufgrund eines Vergleichs mit anderen Urkunden und des Wissens um die Teppicharten in jener Zeit an, dass es sich bei den großen Stücken entweder um großformatige Holbein-/Lottoteppiche oder große Ushak-(Stern-)Medaillonteppiche - wie unser Exemplar mit der Inventar-Nummer 1289 - gehandelt haben mag; solche Teppiche gibt es nur noch zwei in Siebenbürgen, das zweite Exemplar, halbiert, befindet sich in Kronstadt.

Ob unser Stern-(Ushak-)Teppich einer der drei großen, in diesem Dokument erwähnten Exemplare ist, scheint ungewiss, da er laut heutigen Erkenntnissen wegen seiner Motive und Struktur eher der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zuzuordnen ist.

Eine andere interessante Urkunde zur Herkunft der Schäßburger Orientteppiche ist das Testament des Denndorfer Pfarrers Antonius Schwartz vom 8. September 1570. Darin heißt es: "dem hochwürdigen Herrn Michael Csaky, Schriftführer und Berater, …hinterlasse ich 12 Fl. In Gold u. einen Teppich …gleichzeitig dem Seilermeister Mathias, Bürger der Stadt Schäßburg, …2 Fass achtzigjährigen Wein und einen Teppich…" (Übersetzung aus dem Lateinischen)
Über die Herkunft einiger Teppiche wissen wir genau Bescheid. Den Teppich mit der Inventar-Nummer 1023, ein Lottoteppich, spendete im Jahr 1690 Andreas Schaeser. Inventar-Nummer 527, ein Siebenbürgerteppich mit Zentralmedaillon, ist 1710 gespendet worden. Inventar-Nummer 1015, auch ein Rankenmusterteppich, wurde recht spät, 1865, von Familie Theil gespendet. Außer den anonym oder von reichen Familien gespendeten Teppichen besitzt die Kirche drei Teppiche, die ihr durch testamentarische Verfügung überlassen wurden. Inventar-Nummer 534, ein Vogelmusterteppich, trägt folgende Inschrift: "Testamentum Laurentius Bolkesch AD 1646", Inventar-Nummer 1011, ein Siebenbürger Doppelnischenteppich: "Testamentum Henrici Keyser ... dersch. 1661" und ein Lottoteppich, Nummer 1020: "1680 F 8 Gott zu Ehren vertestierte dieses Paul Sche(e)l 1710". Obwohl diese drei Personen in den Sterbematrikeln der evangelischen Kirche nicht vorkommen, nehmen wir an, dass es sich um Schäßburger handelt; sie sind wahrscheinlich den Pestepidemien jener Zeit zum Opfer gefallen.

Weitere Spenden kamen von den Zünften und Bruderschaften, die als Wirtschaftsmotoren der Gemeinden sicher auch über die nötigen finanziellen Mittel verfügten, um solche Teppiche zu erwerben. Ein Beispiel: Die Wagnerzunft spendete einen Lottoteppich; er schmückt die Westwand der Klosterkirche, auf seiner Kehrseite ist das Wappen der Zunft abgebildet (Inv. 1292). Der Siebenbürger Teppich mit der Inventar-Nummer 1029 wurde 1689 von einem Zunftmeister ("magistris chehe") als Dankesgabe ("pro gratiarum in honorem dei") gespendet. Es ist anzunehmen, dass auch die anderen Zünfte, die zum Teil reicher waren als die der Wagner, also jene der Weber, Schuster, Schmiede, Goldschmiede, Teppiche gespendet haben, aber es fehlen dafür Belege in Urkunden oder Inschriften. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die Zunftmeister bei der Ausschmückung der Kirche bzw. ihrer Gestühle miteinander wetteiferten.

Es ist uns kein Dokument überliefert, das Auskunft gibt über den Ankauf eines Teppichs durch die Kirche. Der Kirche fehlten übrigens die Mittel dazu: Ein Teppich kostete ab 2 Goldflorin; das war sehr viel, wenn man bedenkt, dass für 1 Fl ein Ochsenpaar zu haben war. Ich nehme an, dass alle Teppiche in der Kirche Spenden, Geschenke waren.

Es kann behauptet werden, dass der Teppichbestand der evangelischen Kirche in Schäßburg einmal größer war. Bei Plünderungen und Katastrophen sind bestimmt viele verloren gegangen, und durch Abtragung und Mottenfraß wurden sicher auch einige zerstört. Aus den Namensregister der Schneiderzunft-Bruderschaft erfahren wir, dass Johannes Zifft (Sifft) bei einem Brand (nur) vier Teppiche aus der Klosterkirche retten konnte, der Rest dürfte damals den Flammen zum Opfer gefallen sein. Und wie viele Teppiche, die z. B. auf den Altarstufen ausgelegt waren, sind wohl infolge von starker Abnützung einfach "entsorgt" worden? Wir wissen es nicht.

Frau Eva Nußbächer haben wir es zu verdanken, dass wertvolle Türkenteppiche in Siebenbürgen durch ihre professionelle und präzise Restaurierung und Konservierung in den Jahren 1972-1994 auch kommenden Generationen erhalten bleiben.

Gigi Hundorfean (Schäßburg)

 

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