|
Anekdoten
Über Brandte-Winz
Ausgewählt von Walter Roth
Der Gymnasialprofessor Gustav Schotsch, bekannt auch unter seinem
Spitznamen Mythos, hat zahlreiche Anekdoten und humoristische Geschichten,
die man sich in Schäßburg erzählte, gesammelt und aufgeschrieben.
Er pflegte aus diesem Manuskript bei Richttagen oder aus anderen Anlässen,
bei denen Humor gefragt war, vorzulesen. Daraus bringen wir hier Anekdoten
über das Schäßburger Original, den Lehrer Vinzenz Brandt.
Einige davon sind sicher vielen unserer Leser noch aus mündlicher
Überlieferung bekannt. Wir haben Schotschs Erzählweise unverändert
beibehalten. Die direkte Rede in den Texten ist meistens im Dialekt wiedergegeben.
In Schäßburg war der Lehrer Winz bekannt durch seinen Mutterwitz
und seine Schlagfertigkeit. Es war nicht ratsam, mit ihm anzubinden. Sein
Kollege Schulleri, ein ziemlich geistloser, aber eitler Mensch, versuchte
es trotzdem von Zeit zu Zeit, obwohl er sich jedesmal eine tüchtige
Abfuhr holte. Als er ihm einmal im Kaffeehaus gegenübersaß,
entdeckte er am Ellenbogen von Winz ein Loch. "Dea Winz, do kuckt
denj Weishit eraus!" - "End denj Tummhit ännen!" kam
es zurück.
Ein andermal auf einem Waldfest, das mit einem tadellosen Frühschoppen
begann, war Winz in besonders guter Laune, was sich auch darin äußerte,
dass er mit mehreren jüngeren Leuten Bruderschaft trank. Da beschloss
Schulleri, einen guten Witz zu machen. Er spannte den Esel vom Bierwagen
aus, führte ihn zu Winz und fragte hohnlächelnd: "Wällt
te dich net uch mät desem hä dutzen?" Darauf Winz nicht
faul: "Te kast net verlangen, dat ich mich mät denjer ganzer
Fränjdscheft dutzen."
Winz mit seinem pockennarbigen Gesicht war kein schöner Mann. Schulleri
glaubte es aber zu sein; mit seinen glatten, breiten, aufgedunsenen Wangen,
über die einmal eine dicke Schäßburgerin gesagt hatte:
"Die hott e Gefrieß, wä wonn ech em dråf gesesse
wer." "Dea Winz", begann er wieder einmal, und sein Gesicht
zog sich im Vorgefühl seines Triumpfes noch mehr in die Breite: "dea
Winz, ech grålen änj, tea wirscht net än Hemmel kun; wonn
der Petrus de Gesicht setj, platscht e der de Hemmelsdir vuer der Nos
zea." Darauf Winz: "Wist te wä ech et måchen? Ich
losse mer de Huesen owen end gohn årschlånjän, derno
sprächt der Petrus bestämmt: Ah, kirschmerndäner, Herr
Schulleri, ich bidden eränzespåtzären!"
Noch ein zweites Mal spielte jener auf Winzens Gesichtshaut an mit der
Frage: "Winz, zånjst tea der un denje råfflichen Båkkern
net åldist en Zånjdhilzken un?" "Dåt kent
ech jo", erwiderte Winz "bä dir awer wer dat gefehrlich.
Det Strih än denjem Hift kent sich entzånjen."
Einst hatte sich Schulleri einen Strohhut von ungewöhnlicher Form
gekauft, mit dem ihn die Kollegen aufzogen. Geärgert kam er zu Winz:
"Nå, so nea tea mer emol, stiht mer der Hot wärlich net
geat?" "Ei jå", beruhigte ihn Winz, "wä
wonn e der aus dem Hift erausgewoße wer!"
Als einmal von der Seelenwanderung die Rede war, äußerte Schulleri,
der Gedanke wäre ihm schrecklich, daß seine Seele nach dem
Tod in ein Tier eingehn könne und er vielleicht gar als Esel weiterleben
müßte. "Nå", tröstete ihn Winz, "iwer
dåt net måch der Sårjen, de Natur wederhult sich net."
Bei Gelegenheit eines Sängerfestes in Bistritz saß Winz mit
einigen dortigen Bürgern zusammen. Als einer von diesen hörte,
dass Winz Schäßburger sei, sagte er: "Aich hun ä
Schasbrich en Verwandten, de Lihrer Schulleri." "Nå ,
et diht em näst", quittierte Winz diese Mitteilung.
Nicht nur an Schulleri, auch an manchem anderen wetzte Winz gelegentlich
sein loses Maul. Über einen Kollegen, der durch einen ungewöhnlich
breiten Mund auffiel, sagte er: "Die kå sich än alle bide
Ihren zeglech pespern." Und als der selbe in einer Versammlung einem
Redner gespannt und mit offenem Munde zuhörte, rief ihm Winz zu:
"Mach zea det Mel, et zecht!"
Um eine Zeit wurde auch in Schäßburg ein Weingeistgegner-Verein
gegründet. Dessen Mitglieder waren aber zum großen Teil nicht
Säufer, sondern solche, die das Gelübde der Enthaltsamkeit gar
nicht so nötig gehabt hätten, darunter auch meh-rere Frauen.
Als Winz erfuhr, dass auch die Fritzi, ein altes Fräulein seiner
Bekanntschaft, in den Verein eingetreten sei, schüttelte er den Kopf
und sagte: "Ech wåßt net, dåt dåt ge-sofen
hot."
Einmal war Winz an einen Kollegen geraten, der ihm an Witz und Schlagfertigkeit
gewachsen schien, und es gab ein für die Zuhörer ergötzliches
Redegefecht. Zuletzt behielt aber doch Winz die Oberhand. Denn als der
andere triumphierend ab-schließen wollte: "Siehst du Winz,
mit mir ist es nicht ratsam anzubinden, mir fällt immer noch was
ein", da trumpfte Winz: "Ja, du sahst mir auch immer so einfältig
aus."
Im Wirtshaus saß Winz gern mit guten Freunden zusammen. Einmal
traf ihn dort sein Vater, ein auffallend kleines Männchen, der als
Steuerbeamter von den Gaststätten die "Verzehrungssteuer"
einhob. "Sätzt te schi weder äm Letjef?" redete er
seinen Sohn an. Dieser aber entgegnete lächelnd: "Nå,
Voter, dea ich esi kli vor wä Ir, geng ich uch noch net än't
Letjef."
Die Jugenderziehung machte Winz nicht gerade viel Freude, und das liebste
an seinem Beruf waren ihm die langen Sommerferien. Beim Schuljahrsbeginn
im September pflegte er seinen Direktor zu fragen: "Dea Sam, woni
beku mer weder Vakanz?" -
"Wåt måchst te än der Arevakanz de gånzen
Dåch?" wurde er einmal gefragt. "Ich schmeiße Schaden!"
war die Antwort. - Da traf er einmal in den Sommerferien mit einem sehr
schlanken und mageren Kollegen zusammen. "Na wä giht et",
fragte er ihn, "wåt måchst te noch?" "Nå,
ich machen et wä tea än der Arevakanz, ich schmeiße Schaden."
"Net dea griß", meinte darauf Winz, "dåt kåst
tea jo gor net, un dir schengt jo de Sånn verbä."
Den "Komitatsbeamten" der damaligen Zeit sagte man nach, dass
sie sich in ihrem Beruf nicht überanstrengten und die Amtsstunden
zum Teil verrauchten und verplauderten. Das hinderte aber manche von ihnen
nicht, die Lehrer um die Muße ihrer Ernteferien zu beneiden. "Ir
Schilmister hut et geat", äußerte einer zu Winz, "zwe
Menet kennt ir äm Sommer åf der feller Heokt lån."
"Wißt te wåt", erwiderte Winz, "e Schil-mister
än der Arevakanz äs äng noch det rinst Påckroß
ken en Komitatsbeåmten."
Ein andermal geriet er mit einem gewesenen Reiteroffizier, der in Schäßburg
im Ruhestand lebte, zusammen. Dieser war der Ansicht, die Lehrer mit ihren
bloß dreißig Wochenstunden hätten einen zu leichten Beruf.
"Wä ech noch äm Dänst wor", rühmte er sich,
"såß ich än der Fräh äm sieß schien
åf dem Roß end kam dohär net erof, bäs äm zwelf,
end no weder än enem vun äm zwe bäs äm siwen, uch
åldist noch lenger." "Nå geat", sagte darauf
Winz, "hu Sä åwer äkest mät fåfzich Reßern
åf ist ze dea gehot?"
Mit der Pünktlichkeit in der Schule nahm Winz es nicht sehr genau.
Als er eines Morgens wieder verspätet eintraf und sich unauffällig
in seine Klasse verfügen wollte, stieß er auf dem Gang mit
dem Direktor zusammen. "Gihst te weder emol ze spet än de Steangd?"
redete ihn der Vorgesetzte in freundschaftlichem Vorwurf an. "Dåt
macht näst," erklärte Winz mit spitzbübischem Lächeln,
"ich kun derfuer e wenig fräher eraus!"
In seinen jungen Jahren war Winz eine Zeit lang Dorfschul-lehrer. Da
er noch unverheiratet war, im Dorf keine Mittagskost bekommen konnte und
es ihm in der Regel zu dumm war, für sich selbst zu kochen, bestand
seine Mahlzeit gewöhnlich aus kalter Küche, meist Speck und
Brot. Als ihn in dieser Zeit einmal ein Kollege besuchte, fand er ihn
- es war um die Mittagszeit - im Schulgarten im Grase liegen, wo er sich
die Sonne auf den Bauch scheinen ließ. "Nå tea host de
Sånn gern", begrüßte ihn der Kollege, "te wirscht
jo net fräsen bä desem hiesche Wädder?" "Nä,
Kollega", antwortete Winz, "ech wärme mer nor me Mättåchämmes",
und er schilderte ihm ohne Bitterkeit die Art seiner Beköstigung.
"Åwer änj wirscht te jo net kålt eßen,"
wandte jener ein, "åldist wirscht te der jo uch en Hänkle
broden; oder hältst tea der niche Ge-flijel?" "Ei jå,"
lachte Winz, "säch de Mäcken, dä hä erämfläjen
dä se me gånz Geflijel."
In seiner Dorfschulmeisterzeit hatte Winz einen Kollegen, der außer
auf dem Gebiete der Jugenderziehung zeitweilig auch auf dem der Branntweinerzeugung
mit Hingabe tätig war. Im Herbst, wenn in seinem Garten die Pflaumen
geraten waren, brachte er nicht selten halbe Nächte am Braukessel
zu, und wenn er dabei das erzeugte Getränk auch gründlich auf
seine Güte geprüft und fleißig "gezerpelt" hatte,
war nachher seine Lehrtätigkeit durch einen schweren Kopf etwas beeinträchtigt.
An einem solchen Vormittag, während Winz Rechenstunde hielt, ging
die Tür auf, und herein trat ein kleiner Junge aus der Nachbarklasse
mit den Worten: "Ich bidden, as Herr Lihrer äs esi ställ."
Winz ahnte etwas, ging mit dem Kleinen hinüber und fand dort richtig
den Kollegen auf einem Katheder eingeschlafen in einer Wolke von Schnapsdunst.
Als Winz ihn auf die Schulter klopfte, fuhr er erschrocken auf, griff
sich an den Kopf und stammelte verlegen: "Åch, Kollega, ech
- - ech bän esi - - nervös." "Mhm", flüsterte
Winz, "em recht et."
Winz hatte schon früh eine tüchtige Glatze. Als ihn jemand
damit aufzog, erklärte er: "Chå, bä mir senj hålt
de Hoor no äwennich gewoßen."
Kurz nachdem in Schäßburg die Petroleumlampen der elek-trischen
Straßenbeleuchtung hatten weichen müssen, erklärte Winz
eines Abends auf die Frage seiner Hausfrau, wohin er gehe: "Die Lampenputzer
feiern heute ihren Exitus, da muß ich doch hin!"
Ein junger Kollege, der sich auf seinen akademischen Charakter viel einbildete,
machte sich im Lehrkörper durch einhochnäsiges Wesen unbeliebt.
Einmal stellte ihn Winz zur Rede: "Sä benieh sich jo hä,
wä wo Sä älder were wä mir!" "Älder
net, awer reifer", kam es selbst bewußt zurück. "Reifer
were Sä?" trumpfte Winz, "ech dinken ih-dijer!"
In Schäßburg wohnte Winz anfangs in einem sehr bescheidenen
Kämmerlein im Kellergeschoss, dessen Fenster nur wenig höher
als die Straße waren. Darüber äußerte er sich einmal:
"Bä mir meß uch e Kokesch nederknän, wonn e mer zem
Fenster eräkucken wäll."
Winz war ewig in Geldnot. Als er einmal gegen Ende des Monats in der Buchhandlung
stand, kam ein Bekannter herein und bat den Buchhändler, ihm einen
Hundertkronenschein zu wechseln. "Wåt", verwunderte sich
Winz, "tea wießelst äm des Zetj en Heangderder? Aserenner
wiesselt äm des Zetj hechstens de Fårw."
Es hieß, Winz beschäftige sich in freien Stunden mit allerlei
physikalischen Versuchen. "Mir schengt, tea wällt en nå
Masch¯in erfånjden", neckte ihn ein Freund. "Na frälich",
antwortete Winz, "ent zwor esi in, wonn em af en Knup dräckt,
kit der Irscht".
Einmal hatte er sich einen Stock angeschafft, von dem er behauptete,
er sei ihm etwas zu lang. Warum er ihn denn nicht kürzen lasse, wurde
er von einem Kollegen gefragt. Es tue ihm leid um den schönen Griff,
antwortete er. Ja aber, beeilte sich der Kollege in überlegenem Tone
zu erklären, er brauche ihn ja bloß unten abschneiden zu lassen.
"Unten", meinet Winz mit verschmitztem Lächeln, "unten
paßt er mir ja, nur oben ist er mir zu lang."
Auf einer Reise nach Budapest und der langen Fahrt durch die Pußta,
zeigte er sich nicht sehr begeistert für deren poetischen Reiz. "Nå",
sagte er, "hä äs jo Plåtz fuer vil hiesch Gejenden!"
Im Musikvereinsorchester wirkte Winz als Geiger mit. Als er einmal ein
schwieriges Stück mit ganzen Reihen von zweiunddreißigstel
Noten einübte und mit diesen verdammten Läufen nicht zurande
kam, riss ihm endlich die Geduld. "Nå wort, ech wäll dich
bezwinentreissichsteln!" rief er aus, zückte den Bleistift,
strich die Zweiunddreißigstel zu Sechzehnteln zusammen, und nun
ging die Geschichte glatt.
Einer seiner Bekannten, ein großer Nimrod, hatte ein Wildschwein
erlegt und, auf die Leistung nicht wenig stolz, sich in voller Jagdausrüstung
mit der Beute vor seinen Füßen photographieren lassen. Er zeigte
auch Winz das Bild und fragte ihn, was er dazu sage. Dieser erklärte
nach kurzem Bedenken: "Es liegt zu deinen Füßen, als wärs
ein Stück von dir!"
Als einmal Winz - mit dem vollen Namen Vinzenz Brandt - in fröhlicher
Runde aufgefordert wurde, dem Beispiel mehrerer Zechgenossen zu folgen
und auch eine Runde Bier zu stiften, weigerte er sich mit der Begründung,
man könnte ihn dann wegen "Brandstiftung" gerichtlich belangen.

Letztes Update: 2003-02-02
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|