HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Seele in FarbenAtelierbesuch bei der Malerin Julia Prejmerean-AstonWir hatten telefonisch einen Termin vereinbart. Die Malerin wollte sich
Zeit nehmen, dass wir in Ruhe über ihre Arbeit sprechen, Bilder ansehen
könnten, die noch in ihrem Atelier stehen, vielleicht auch einen
befreundeten Sammler in der näheren Umgebung besuchen, bei dem sich
wichtige Originale "in guten Händen" befinden, die man
immer wieder besuchen kann. Sie holte mich vom Bahnhof ab, weil ihr Wohnhaus-Atelier
sonst umständlich zu erreichen wäre. Durch den sonnigen Vormittag
ging die Fahrt nach Nümbrecht-Winterborn (so genannt nach einem Brunnen,
der auch im strengen Winter nicht einfriert) durch die abwechslungsreiche
und reizvolle oberbergische Landschaft im ersten Frühlingskleid.
zurückgesetzt und an der Giebelwand von einer stark verzweigten Glyzinie bis zum Dach überwuchert. Das Grundstück umfasst einen stattlichen Blumengarten mit einem Froschteich und grenzt an den Bach, der bei Hochwasser ungemütlich werden kann, wenn er die ganze Talsohle überschwemmt. Das ehemalige Bauernhaus mit Kuhstall, Schweinestall, Scheune und Heuboden unter einem Dach ist geschmackvoll und praktisch ausgebaut, dass man in den geräumigen Zimmern die alten Fachwerkbalken oder die naturfarbenen Steinwände bewundern kann. Als Übergang in den Garten ist dem Haus ein geräumiger Wintergarten mit Zitronen- und Orangenbäumchen, Rosmarinbüschen und anderen Kübelpflanzen vorgebaut. In dieser gemütlichen Umgebung lernte ich den Ehemann der Künstlerin kennen, hier servierte Frau Julia zum Mittagessen Vinete-Salat als Vorspeise und leckeren Käsepalukes mit Feldsalat. Nach dem Mittagessen begann der eigentliche Arbeitsbesuch im Atelier. Im hellen, sauberen praktisch eingerichteten Raum standen an den Wänden angelehnt viele Stapel von verschieden großformatigen gerahmten Gemälden, die mir die Künstlerin in Auswahl vorstellte, thematisch oder chronologisch oder biographisch geordnet, langsam oder schneller, je nach der Komplexität des Gemäldes oder nach den Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem Gemalten, mit Thema oder Technik, mit Formen oder Gehalt, mit Hintergrund oder Bewertung im Gespräch ergaben. So wurden die Bilder Belege und Zeugen einer bewundernswerten persönlichen und künstlerischen Entwicklung, die in Schäßburg begann und in Nümbrecht, Irland, Italien weitergeht. Natürlich kann im engen Rahmen dieser Zeitung nur ein Bruchteil der Eindrücke dieses viel zu kurzen Nachmittags wiedergegeben werden (obwohl er fast bis Mitternacht dauerte!). Auch ist der Eindruck einer verkleinerten Bild-Wiedergabe nicht mit dem des Originals zu vergleichen. Aber wenn der eine oder andere Leser angeregt wird, eine Ausstellung der Künstlerin zu besuchen - oder sie selbst bei der Arbeit kennen zu lernen, vielleicht gar eines ihrer Werke zu erwerben, sich auch mit ungegenständlicher Malerei mit Interesse und Einfühlung zu befassen und auseinander zu setzen, wäre das schön.
Geboren 1952 in der Bunergasse zu Schäßburg, wuchs Julia Prejmerean in vertrauter und heimischer Atmosphäre auf. Schon als achtjähriges Schulmädchen durfte sie mit Gold ausmalen, was ihr Großvater, der Schäßburger Steinmetz Johann Theil an Schriftzeichen in die Grabsteine gemeißelt hatte. Vom Vater, dem Hobby-Maler, lernte sie die Schönheit einer Blume sehen und malen. Im Photolabor im Badezimmer machte die 12-jährige unter seiner Anleitung ihre ersten eigenen Erfahrungen mit der photographischen Gestaltung. Auch als begabte und vielversprechende Leichtathletin im Sport-Gymnasium in Tg.-Mures verfolgte sie ihre künstlerische Ausbildung weiter als Schülerin des Malers und ehemaligen Bauhaus-Schülers Lászlo Rados. Die körperliche Gesundheit der Tochter war ihren Eltern doch wichtiger als Leistung und Sieg um jeden Preis. Deshalb setzte Julia Prejmerean nach einem Sportunfall ihre Schullaufbahn in Schäßburg fort und machte auf der Bergschule ihre Matura. Die fünfundzwanzigjährige junge Frau wanderte 1977 in die Bundesrepublik aus, studierte Elektrotechnik und arbeitete in einer Firma für Automatisierungstechnik als Werbegrafikerin. 1990 eröffnete sie ein eigenes Atelier-Büro als Grafikerin und Malerin in Nümbrecht-Winterborn, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Ihre beiden inzwischen erwachsenen Kinder leben und arbeiten im etwa 50 km entfernten Köln. Sie holen sich durch Besuche oder Telefonate die gewünschten "Streicheleinheiten", übrigens wie die sieben Katzen und der Hund, die in dieser Beziehung auch nicht zu kurz kommen dürfen.
In den Jahren zwischen 1991 und 2002 hat die immer erfolgreicher werdende fleißige Malerin 18 Einzelausstellungen gehabt und sich an weiteren 12 Gruppenausstellungen beteiligt. Arbeitsstipendien führten sie nach Irland und in die Schweiz, in öffentlichen und privaten Sammlungen sind ihre Werke zu finden.
Einige Ausstellungsorte: Bonn - Düsseldorf -Dresden - Irland und Malta zeigen den weit gespannten Kreis ihrer Bekanntheit. Auch im Rahmen des 40-jährigen Jubiläums, der Patenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für die LM der Siebenbürger Sachsen stellte sie im Landtag aus.
"16. Dezember 1996. Ich habe Schuberts "Winterreise" aufgelegt, mir ist danach zumute. Eiseskälte und Dunkelheit draußen (obwohl Mittag!) - der Wind pfeift schauerlich. Ich will an einem angefangenen Bild weiter arbeiten, mir ist kalt, meine Finger fast steif ... Ganz plötzlich wird die Musik zu Farbe ... Ein Rauschen in Blautönen - ich befinde mich inmitten eines irren Farbreigens, außerhalb von Zeit und Raum scheint mir ... dieser Zustand dauert eine ganze Weile und endet in einer intensiv schmerzhaften Sehnsucht. Während die Musik-CD mit Schuberts "Winterreise" weiter läuft, kommen innere Bilder auf: Rumänien - mein Land, meine Kindheit und Jugend in Schäßburg, die schneebedeckte Breite, die Burg und die Schülertreppe ... meine Ausreise, Abschiednehmen auf dem Schäßburger Bahnhof (ist dies der Grund, dass jeder Bahnhof sofort den Abschiedsschmerz präsent werden lässt?...) - diese Bilder tun weh ... Die Gewissheit ist da: Ich bin ein Wanderer und habe keine Heimat mehr. Was hat diese Sehnsucht zu bedeuten?! Ist es Heimweh?? Eine Botschaft kommt übers Lied: "Mein Herz sieht an dem Himmel Eine Botschaft, die passt - ist es Zufall? Oder gibt es gar keine Zufälle? Kurze Momente des Zweifelns und dann dies: Es gibt keine Zufälle - alles, alles in meinem Leben fügt sich wie ein Puzzle aneinander ... Ich nehme eine frisch bespannte und grundierte Leinwand, lege ein zweites Mal Schuberts "Winterreise" auf und fange an zu malen ... versuche eine Synthese meines Erlebnisses zu malen und nenne das Bild "Winterreise", meine Winterreise ..."
Ein anderes Beispiel kann uns ihre Arbeitsweise näher bringen. Von einem erfolgreichen Dahlienzüchter bekommt sie einen Auftrag. Zunächst bewundert sie in den Pflanzungen die wunderbaren Zuchtergebnisse, photographiert viel, informiert sich genauestens über die Arbeit des leidenschaftlichen Gärtners in vielen Gesprächen, zeichnet und skizziert, weiß, dass das Abbild auch noch so schöner Blumen nicht die einzige und wirkungsvollste Gestaltungsmöglichkeit ist, sucht und findet Möglichkeiten, auch die Freude des Züchters, seine Zielstrebigkeit in der Arbeit mit den lebendigen Pflanzen, mit ihrer Farbenpracht und Lebenskraft in mehreren Gemälden zu fassen, als Lösungsvorschläge der gestellten Aufgabe. Der begeisterte Auftraggeber nimmt ihr alle ab.
Formen können Zeichen für Vieles sein und können dem aufmerksamen und sensiblen Betrachter mehrere Deutungs- und Bedeutungsebenen erschließen. So kommen in den Gemälden der Künstlerin häufig Rechtecke vor, meist stehende. Türen? Fenster? Öffnungen, Zwischenräume in Brückenkonstruktionen? Steine, Grabsteine? (Im Atelier der Künstlerin steht ein echter kunstvoll gehauener Grabstein als "Memento"!) Gedenksteine für Gestorbene? Türen in die Ewigkeit? afenbecken? Bilder? Zeichen für Jahreszeiten, Zeit-Einheiten in Reihung als Abfolge? (Wie z. B. in den "Lebenstafeln"). Schaltkreise? Brücken und Häfen sind Themen, die immer wieder in den Bildern auftauchen. In manchen Details meine ich, Formen der Schäßburger Kokelbrücke zu erkennen Brücken, die verbinden, die Gefahren überwindbar machen (wenn "Schwester Wasser" nicht gar zu heftig an den Brücken rüttelt, wie bei der Überschwemmung in Schäßburg!). Aber auch Brückenkonstrukte, die das andere Ufer nicht erreichen! Häfen als Orte der Geborgenheit, aber auch als Ausgangsort mit Öffnung ins Weite, ins Ungewisse, ins Ungesicherte. Die Gegenvorstellung zu diesem offenen Hafen wäre der "Hortus Conclusus" ("der verschlossene Garten"), auch ein wiederkehrender Titel. Verschlossen und eng wie eine Kirchenburg? Wie eine Kleinstadt? Wie ein durch Reisebeschränkungen gegängeltes Land wie seinerzeit das totalitäre Rumänien? Wie ein friedliches Paradies zur Erholung vom unruhigen Treiben der Welt? Ein Ort, an dem man kreativ arbeiten kann, "wo der kreative Geist mit den Objekten spielt, die er liebt, "wo die Zeit aufhört zu existieren"? Wie sehr ernsthaftes schöpferisches Arbeiten auch Einsamkeit und Konzentration verlangt, zu einer Isolation der Malerin im berühmten "Elfenbeinturm" kommt es nicht. Aus Liebe zur alten Heimat Schäßburg, zur oberbergischen Landschaft, zur Natur, zu ihren Mitmenschen engagiert sie sich immer wieder mutig gegen Ungerechtigkeit und Rückständigkeit, gegen unvernünftige Umweltzerstörung, gegen Krieg und Gewalt.
Auch Farben und Farbauftrag können "Nachrichten" übermitteln. Dieser kühlen, manchmal schwermütigen, eher geistigen Farbwirkung stehen die Farben des Feuers, der Wärme, des Glanzes, der Lebensfreude gegenüber: Orange - Gelb - Rot. Sie steigern einander in ihrer gegenseitigen Wirkung spannungsvoll. Den leuchtend bunten Farben des Lichtes, des Regenbogens, steht das Schwarz gegenüber, von dem Kandinsky sagt: "Wie ein Nichts nach dem Erlöschen der Sinne, wie ein ewiges Schweigen ohne Zukunft und Hoffnung, klingt innerlich das Schwarz..." Auch um diese Wirkung weiß die Malerin. Schwarz kommt in ihren Gemälden häufig vor: als feste, konstruktive Elemente in den Brücken, in den Häfen, im "Hortus Conclusus-Zyklus" holzschnittartig differenziert geformt, das Bild gestaltend, als geheimnisvolle Schriftzeichen in den Bildraum gereiht oder gestreut, als entschlossen-feste oder zaghaft-tastende Linien, über den Grenzen der Farbfelder schwebend, sie begleitend oder neue Rhythmen und Formkomplexe bildend, Leit-Linien für das Auge des Betrachters, eigene kontrapunktische Musik. Beim genaueren Betrachten entdeckt man auch in den größeren Schwarzflächen verschiedene Formen, die wegen der Verwendung verschiedenen Malmaterials das Licht unterschiedlich reflektieren oder aufsaugen. "Ich muss aufpassen, dass nicht alles schwarz wird," sagt die Künstlerin. Besonders eindrucksvoll fand ich die Spannung zwischen Licht und Dunkel im Triptychon "Eklipse" verdeutlicht: das linke Bild zeigte die Farben Rot, Orange und Gelb in lebendigen Verflechtungen, während das rechte Bild in Schwarz gehalten war. Im Mittelteil griff die Schwärze des rechten Bildes als Dunkelheit die in Orange- und Gelbtönen gestaltete Rundform aggressiv an, die behauptete sich aber in "dramatischen Formen", und der Bildtitel (nicht "Sonnenfinsternis"!) EKLIPSE macht den kurzen Zeitpunkt der vorübergehenden Verdunkelung der Sonne auch akustisch deutlich.
Nach einem kurzen Besuch bei einem Sammler, wo ich noch einige Bilder
im Original in einem lebendigen Haushalt mit fröhlichen Kindern betrachten
konnte, die "Winterreise" auf dem Ehrenplatz im Wohnzimmer,
durfte ich nach dem sonnigen Tag auch eine "Blaue Stunde" mit
zauberhaften Farbspielen in der Oberbergischen Frühlingslandschaft
erleben. Während ich dann - wieder in der Wohnung und im Atelier
- Aquarelle, Computergrafiken, Zeichnungen - und ein witziges "Kochbuch
für Katzen" ansah, zauberte Frau Julia in der Küche ein
leckeres Abendbrot: Wildlachs auf Blattspinat mit Butterkartoffeln, verfeinert
mit pikantem Mujdei de usturoi (Knoblauchmarinade). Dass ich nicht den
letzten Zug verpasste, brachte mich die Künstlerin mit dem Auto nach
Köln zum Bahnhof. (Als "Eingesacksel" und Reiselektüre
bekam ich dann noch eine stattliche Mappe mit Abbildern und Rezensionen
ihrer Ausstellungen mit! Kann man freundlicher sein?) Hans Orendi (Mülheim)
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