HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Kleine sächsische Geschichten rund ums BackenEin frisch gebackenes Brot und ein festlich geschmückter Damenhut - können die in irgendeiner Beziehung zueinander stehen? Nein? Folgende Geschichte beweist das Gegenteil. Eines Tages begab sich die Schäßburger Bürgermeisterin, mit einem riesigen Karton unter dem Arm, eiligen Schrittes zu einer stadtbekannten Modistin. Ihr neuer, schneeweißer, eben aus Wien eingetroffener Hut hatte eine Schleife, die farblich nicht zu ihrem Festkleid passte. Das sollte nun geändert werden, und zwar ganz dringend, denn schon am nächsten Tag, bei der Eröffnung der Ballsaison, wollte sie die Damenwelt mit dieser traumhaft schönen Kopfbedeckung in bewunderndes Staunen versetzen. Die Modistin, eine weiße Schürze vorgebunden, Gesicht und Hände über und über mit Mehl bestäubt, strahlte ihre atemlose Kundin an: "Das trifft sich ja wunderbar! Ich bin eben dabei, Brot zu kneten. Nachher sind meine Hände sauber genug, dieses Prachtstück von Hut anzufassen!" Nun, ihr fleißigen Hausfrauen? Ist diese kleine Begebenheit (sie
hat sich tatsächlich zugetragen) nicht ein Lehrstück für
alle, deren Lieblingsbeschäftigungen Backen und Handarbeiten sind?
Es muss ja nicht unbedingt ein weißer Hut aus Wien sein. Einer endlosen
Häkelspitze oder einem zarten Deckchen schaden saubere Hände
ja auch nicht. Es ist allgemein bekannt: Je länger und je besser man den Brot-
bzw. den Hefeteig bearbeitet, umso zarter und lockerer wird das Gebäck.
Bekannt ist auch, dass bei sächsischen Bauernhochzeiten Unmengen
von Brot und Hanklich gebacken wurden. Wenn auch sehr viele fleißige
Hände bemüht waren, diese riesige Arbeit zu bewältigen,
so war die Versuchung doch groß, möglichst rasch damit fertig
zu werden, was die Qualität des "Hefigen" nicht gerade
verbesserte. In einigen sächsischen Gemeinden war aber ein solches
Tun unmöglich. Die Hochzeitsmutter mischte nämlich unter das
Mehl im Backtrog eine bestimmte Menge Münzen. Die Helferinnen mussten
nun den Teig so lange bearbeiten, bis auch die letzte derselben zum Vorschein
kam. Rosemarie Lingner (Ratingen)
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