HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Schäßburgs Baumgärten

Wie es einst war...

Nach einer allgemeinen Beschreibung der Baumgärten(in "Schäßburger Nachrichten" 18/1.12.2002) erscheinen in Fortsetzung:
Erinnerungen und Erlebnisberichte in Wort und Bild in der Reihenfolge der Eingänge.
Für diese und die nächsten Fortsetzungen sind folgende Beiträge eingegangen:
Steilaugarten (Kurt Leonhardt); Knopf (Brigitte Ongyert); Rohrau (Erika Leonhardt u. Walter Lingner); Wolkendorfer Grund, Mühlenhamm (Eva Zenn und Marianne Möckesch); Galtberg (Martha Löw u. Gretelotte Scheipner); Kulterberg (Gertrud Kestner); Wench (Erich Adleff); Fuchsloch und Hosemsloch (Dr. Rolf Schneider); Santesfeld (Otto Rodamer); Wench, Kreuzberg/Scherkes (Richard Löw); Schäßburgs Pomologen (Hedwig Deppner); Postland (Christian Pomarius).

 

Im Steilaugarten

Erinnerungen von Kurt Leonhardt (Geretsried)

Was für den bescheidenen sächsischen Bürger Anfang des 20. Jahrhunderts sein Baumgarten war, ist heute vielen Bundesbürgern ihr Schrebergarten bzw. der alljährliche Urlaub am Meer. Unsere Theil-Großeltern besaßen auch einen Garten an der Steilau mit einem Sommerhäuschen. Dieser Garten lag am Rande der Kornescht, unterhalb der Breite. Wie die meisten Sommerhäuser war auch das Haus im Steilaugarten mit den ausrangierten Möbeln und dem alten Hausrat der Stadthäuser möbliert und eingerichtet. Der etwa 4 Joch große Baumgarten an der Steilau war im Sommer das Paradies unserer Kinderjahre. Dicht neben den Gärten floss und fließt auch heute noch der nur knietiefe Schaaserbach. In diesem Bach badeten wir an den heißen Tagen des Sommers täglich. Ja selbst unsere Oma erschien an besonders warmen Tagen am Bach in einem bis zu den Zehen reichenden "Schliffer" (Badekleid) und setzte sich in das kühle Wasser. Zu jener Zeit führte der Bach ein klares, frisches Wasser. Er war reich an Fischen und Krebsen. Fritz und ich fingen oft so viele Fische und Krebse mit der Hand, dass uns die Oma befahl, diese wieder in den Bach zu werfen, da sie es satt hatte, täglich am Abend noch Krebse und Fische zu säubern und zuzubereiten. Auf dem ebenen Terrain des Grundstückes hatte Großmutter ein großes Gemüsebeet angelegt. Die Beete waren von Beerensträuchern wie Johannisbeeren,



Stachelbeeren und Himbeeren umsäumt. Von all diesen herrlichen Gartenfrüchten konnten wir uns unbegrenzt bedienen. Großmutter wohnte von Mitte Mai bis nach der Apfelernte im Herbst mit einer ungarischen Dienstmagd allein im Sommerhäuschen. Als eine geschäftstüchtige Frau eines Schäßburger Handwerkers verstand Großmutter es auch, aus dem Gemüsegarten einen Gewinn zu erarbeiten. Allwöchentlich sandte sie ihre ungarische Dienstmagd mit frischem Gemüse, Obst und Beeren zum Wochenmarkt in die nahe Stadt. Die Jutziné (Name der Dienstmagd) führte die Ware in einem zweirädrigen Karren zum Marktplatz und verkaufte sie nach dem jeweiligen Marktpreis und nach Gutdünken an die Hausfrauen Schäßburgs. Nach der Rückkehr rechnete sie den Verkauf mit Großmuter gewissenhaft ab. Sie erhielt stets einen guten Prozentsatz des Umsatzes und war dadurch persönlich an diesem Handel interessiert.

An den Sonntagen, wenn vom Schulberg der tiefe Klang der Bergglocke zum Gottesdienst rief, kleidete sich Großmutter in ihr Sonntag- und Kirchen-Gewand. Sie nahm die Bibel und das Gesangbuch der evangelischen Kirche A.B., setzte sich auf der Terrasse unter die Tannen und hielt hier ihre Sonntagsandacht. Sie wusste genau, welche Kirchenlieder am jeweiligen Sonntag gesungen wurden. Bei dieser Andachtsstunde im Baumgarten durfte Großmutter von niemandem gestört werden, bis wieder das Läuten der Bergglocke das Ende des Gottesdienstes ankündigte. Mein Bruder Fritz und ich haben dieses ungeschriebene Gebot stets streng beachtet. Bei schönem Sommerwetter kamen Sofitante und Mackonkel oft mit dem Fiaker aus der Stadt zum Mittagessen in den Steilaugarten. Einen guten Sonntagsbraten und Kuchen brachten sie aus der Stadt mit.
Mit unserer Oma wohnte im Sommer oft ihre gute Freundin Fräulein Sofia von Kovacsy. Frau von Kovacsy wohnte in der Mühlgasse in einem kleinen Haus gegenüber dem Haus unserer Großeltern. Diese zierliche alte Dame war die Tochter eines total verarmten ungarischen Landadeligen. Sie sprach bloß ungarisch und etwas französisch, konnte Klavier und Karten spielen. Vielleicht hatte sie in der Jugend auch reiten gelernt. Ansonsten war sie in allen häuslichen Arbeiten einer Frau unerfahren und hilflos. Als gute Nachbarin hat unsere energische Oma dieser gebildeten und doch äußerst bescheidenen Frau durchs Leben geholfen. Zur Sommerzeit wohnte sie, wie schon erwähnt, oft wochenlang mit Großmutter in der Sommerfrische an der Steilau. Großmutter wies uns an, die alte Dame stets mit den Worten "kezec csokolom meltosagos aszony" zu grüßen; zu deutsch: "ich küsse die Hand, wohlgeborene gnädige Frau". Es hat lang gedauert, bis Fritz und ich uns an diese förmliche Begrüßung gewöhnt hatten. Am Abend mussten wir mit den "Alten", wie Fritz sagte, beim Licht der Petroleumlampe auf der Veranda Karten spielen. Wir spielten ein französisches Kartenspiel, welches wir von Frau von Kovacsy lernten. Diese alte Dame sprach ein kultiviertes und höfliches Ungarisch, welches Fritz und ich nicht immer verstanden, da wir nur das vulgäre "Küchen-Magyarisch" der Dienstmägde als kleine Kinder gelernt hatten. Durch die Gegenwart von Frau von Kovacsy erhielten Fritz und ich eine kleine Ahnung von den feinen Umgangsformen der alten ungarischen adeligen Familien Siebenbürgens.

Unsere Großmutter Theil lebte mit ihren Nachbarn, d.h. den rumänischen Kleinbauern aus der Vorstadt Kornescht in bestem Einvernehmen. Im Sommerhaus der Großeltern ist nie eingebrochen oder gestohlen worden, wie es oft in den Sommerhäusern immer wieder geschah. Zweimal im Laufe des Sommers mähte ein rumänischer Kleinbauer mit Namen Nonu das Gras zwischen den Obstbäumen des Baumgartens. Großmutter überließ ihm das ganze Holz und das Heu. Als Entgelt transportierte Nonu mit seinem Ochsenwagen das nötige Hausgerät vom Stadthaus in den Baumgarten und im Herbst wieder zur Stadt in die Mühlgasse. Als routinierte Jahrmarkts-Kauffrau sprach unsere Oma auch rumänisch. Allerdings einen altertümlichen Dialekt der rumänischen Bauern. Nachdem Fritz und ich in der Schule die rumänische Schriftsprache erlernt hatten, neckten wir die Oma gern wegen ihrer altertümlichen Aussprache.

Der schöne Steilaugarten ist nach dem Zweiten Weltkrieg auch enteignet worden - nationalisiert nannte man das damals. Zur Zeit unserer Umsiedlung nach Deutschland stand das Sommerhaus noch, es war noch nicht, wie so viele Gartenhäuser der sächsischen Bürger, abgetragen worden.


Auf dem Knopf

Erinnerungen von Brigitte Ongyert, geb. Hiemesch (Bamberg)

Wenn ich an meine Kindheit und frühe Jugend denke, steht der Baumgarten meiner Schäßburger Großmutter Selma Theil, geb. Henning, Tochter des Kupferschmieds Karl Henning aus der Mühlgasse (Errichter der Turmkugel an der Stundturmspitze), in lebhafter Erinnerung vor mir.


Baumgarten der Familie Henning auf dem Knopf. (Archivbild)

Meine Mutter, Selma Theil, in Schäßburg geboren und aufgewachsen, übersiedelte als junge Frau zu ihrem Ehemann Dr. Richard Hiemesch nach Kronstadt. So wurden mein Bruder und ich, den Umständen entsprechend, Kronstädter - von manchen als "stolz" beurteilt; dies stimmte, zumindest bei uns, nicht, denn mein Bruder und ich waren schon früh Schäßburg wohlgewogen, da wir die schönsten Sommerferien hier zubrachten, und zwar im Baumgarten unserer Omi am Knopf, einem Stadtgebiet mit vorwiegend Gartenanlagen, gelegen an der beginnenden Berglehne zum Eichrücken.
Das waren fröhliche, unbeschwerte acht Wochen! In jedem Jahr!

Der Eingang zu dem leicht hügeligen Grundstück, von etwa 8000 qm Größe, erfolgte aus dem oberen Teil des Knopfgässchens, von wo man, einherschreitend auf einer schönen Allee, die vor hohen Linden stehende Sommervilla - ein solider Holzbau - erreichte, wo schon meine Omi und ihre sieben Geschwister in ihren früheren Jahren die Sommer zugebracht hatten. Im Parterre befanden sich ein großes Wohnzimmer und eine helle, geräumige, rosenumrankte verglaste Veranda. Von da aus führte eine Holztreppe in die oberen Mansardenzimmer mit weitem Ausblick bis zur Bergkirche.

Die Küche bestand aus einem separaten kleinen Holzhaus; wollte man sie betreten, ging man 3-4 Schritte durchs Freie, doch war dieser kurze Weg überdacht. Von der Villa und einer um das Jahr 1930 modernisierten Terrasse davor führten rechts und links ein paar Stufen hinab auf den "Tanzplatz", der mit feinem, hellem Kies bedeckt war und täglich gerechent wurde. Rundherum wuchsen auf Beeten viele bunte Blumen und auf den Wiesen gesunde Obstbäume; sogar ein kleines Bächlein floss durchs Gelände, und ein kleiner Steg führte darüber. Auf manch einem versteckten Plätzchen stand eine Bank, versehen mit einem kleinen Schild an der Lehne: "Charlottenruh", "Dorotheenruh", "Selmenruh" und "Klärchenruh", gestiftet den vier fleißigen Schwestern von ihrem Bruder Hans aus Wien.


Sommerfrische im Baumgarten bei Henning's auf dem Knopf
(ca. 1934) - Archivbild

Noch eine gute Tat stammte von diesem Onkel, der um 1930 hier ein kleines Badebecken errichten ließ, von 2,5 m Länge, 1,5 m Breite und 1 m Tiefe; vier bis fünf Treppchen führten hinein und daneben stand eine eingemauerte Bank. Hei - da gab es oft eine fröhliche Spritzerei!
Wenn die älteren Damen und Herren badeten, in komischen Badeanzügen, durften wir Kinder nicht dabei sein und auch nicht durch die Sträucher gucken. (Aber heimlich und leise taten wir es doch manches Mal.)

Die einzige Wasserquelle, die es da gab, war ein tiefer Brunnen mit einem kräftigen Brunnenschwengel. Unser "Bad" konnte mittels einer einfachen, an den Brunnenknopf angebundenen Holzrinne auf diese Art gefüllt werden. Da musste Groß und Klein, der Reihe nach, feste "pumpen", stundenlang, bis das Bassin voll war. Doch nachher lohnte sich die Müh!
Eine besondere Attraktion in der "Fallobstzeit" war eine Most-/Obstpresse, die vom Landwirtschaftsverein, im unteren Teil des in Hanglage befindlichen Gartens, mit direktem Zugang vom Hirtengässchen, betrieben wurde.

Unser "Paradiesgarten" gab Gelegenheit für viel Abwechslung; mein Bruder und die nachbarlichen Freunde übten sich im Rennen und Springen, spielten "Winnetou" und "Räuber und Gendarm", hingegen meine Freundinnen und ich führten auf den gekiesten Wegen unsere Puppen spazieren oder spielten "Fanges" oder "Versteckes". Das Allerschönste in diesen sorglosen Wochen waren die Feste, die anlässlich von Geburts- oder meist Namenstagen hier gefeiert und bei welchen viele Gäste erwartet wurden. Darunter war, man würde heute sagen "als großer Sponsor", unser Onkel Dr. Hans Henning aus Wien, praktizierender Zahnarzt und Oberstabsarzt a.D. der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie, mit seiner vornehmen Gattin Elsa, geb. von Brenneis, welche sich, als echte Wienerin, mit viel Würde zu geben wusste. Beide brachten fast jährlich einen Urlaub hier zu. Ferner kamen hinzu Onkel Karl Henning mit Tante Mathilde, Apotheker, aus Graz kommend, Dr. Heini Polonyi mit Doratante aus Kronstadt, meine Eltern, und natürlich auch die Schäßburger Verwandten wie Schuldirektor Karl Höchsmann mit Klärchentante, Henning Willonkel mit Tante Irene, die von ihrem Sommersitz im Rohrau-Seifen dazukamen, wie auch eine größere Anzahl der schon meist herangewachsenen Jugendlichen der Familie. Dann wurden auf dem "Tanzplatz" lange Tische gedeckt, um die Gäste auf das Beste zu bewirten. Meine Omi und ihre Schwester Lotti buken herrliche Baumstrizel, zauberten Kuchen und Torten und richteten den Holzkohleofen (heute: Grill) für "Holzfleisch" her. Auch fehlte es nicht an gutem Kokeltaler Wein, und für die Kinder gab es selbstgepressten Himbeer- und Ribiselsaft.

Gern lauschte ich den Unterhaltungsgesprächen der Erwachsenen, sie waren für mich hochinteressant, zwar nicht immer ganz verständlich, doch ich machte mir meinen eigenen Reim dazu.

Diese Festlichkeiten endeten meist zu vorgerückter Stunde mit einem Laternen-Umzug durch den ganzen Baumgarten; jeder erhielt einen bunten Lampion an langem Stiel, mit Kerze darin, und so wandelten wir lachend und schwatzend durch die sternklare Nacht, und unsere Lichter wetteiferten mit den umherschwirrenden Glühwürmchen.
Ja, das sind Erinnerungen, von denen ich heute noch zehre!
All dies gab es nach 1945 nie wieder.

 

In der Rohrau

Erinnerungen von Erika Leonhardt (Heilbronn) undWalter Lingner (Düsseldorf)

Einer der schönsten und an Obstsortenvielfalt reichsten Baumgärten auf Schäßburger Hattert war die von Albert Lingner, unserm Großvater, um das Jahr 1900 angelegte Obstanlage am Seifengraben in der Rohrau. Das Landhaus (Villa) war auf einen in Terrassen eingerichteten Abhang gebaut und die Obstanlage auf eine Fläche von 20 Joch mit ca. 200 Obstbäumen (Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Nüsse) angelegt. Zunächst einmal freistehend, wuchs der fachmännisch angelegte Baumbestand so an, dass in unserer Kindheit, um das Jahr 1940, das Haus von Tannen, Kiefern, Ziersträuchern, Eichen und Obstbäumen so umgeben war, dass es erst beim Nähertreten in Erscheinung treten konnte.

Das Haus war großzügig gebaut, hatte drei Wohn- und Schlafräume, eine großräumige Glasveranda mit Ausgang auf eine mit Mühlensteinen ausgelegte Terrasse. Küche und Kellerräume befanden sich im Untergeschoss. Ein Sommertreffpunkt der Großfamilie Lingner über Jahrzehnte. Erbin und letzte Besitzerin war Mathilde Leonhardt, geb. Lingner, Erikas Mutter, Walters Tante.

Diese Villa hatte nicht das Schicksal der meisten sächsischen Landhäuser nach der Wende von 1944, sie steht auch heute noch und wird als Schule für die in der Nähe wohnenden Bauernkinder genutzt. Der Baumbestand aber ist abgeholzt und verbrannt, keine Spur von der einst so blühenden Obstanlage.


Landhaus Albert Lingner in der Rohrau, gebaut ca. 1900. Archivbild

Obst gab es in dieser Gartenanlage von Juni bis Oktober. In ertragsreichen Jahren war die Ernte Ende September immer ein besonderes Ereignis. Die gesamte Belegschaft aus dem eigenen Betrieb mit Groß und Klein der Familie kam eine Woche lang zum Einsatz. Das Obst wurde sorgfältig sortiert, zum Teil mit Ochsengespann in den eigenen Keller in die Stadt gebracht, zum Großteil aber für den Verkauf an Händler nach Bukarest in speziell angefertigte Kisten verpackt.
Als am 9./10. September 1944 die Russen in Schäßburg Einzug hielten, war eine normale Obsternte wie in den Jahren zuvor nicht mehr möglich.


Nach 30 Jahren vor dem gleichen
Landhaus - Archivbild


Apfelblüte in der Rohrau - Archivbild

So schickte mich (Walter Lingner, 14 Jahre alt, schon damals Sportler und kräftig) mein Vater mit drei gestandenen Arbeitern, dem Färber Fritsch, den Müllern Kloos und Glockner, um im Baumgarten nach dem Rechten zu sehen und eventuell auch etwas an Obst mit nach Hause zu bringen. Es war ein wunderschöner Herbsttag, der Obstbestand so reich wie noch nie. Wir besichtigten die völlig ausgeraubte Villa, in der sich nur noch Reste von zerbrochenen Fenstern und eine in Teile zerlegte Pendelwanduhr befanden.

Wir machten uns an die Arbeit, erfreuten uns an dem herrlichen Obst und füllten unseren Handwagen. Ca. 16 Uhr wollten wir uns auf den Heimweg machen, als wir auf dem Zufahrtsweg vom Wirtschaftshof zur Villa von zwei bewaffneten Russen, die mit einer Herde Vieh durch die Obstanlage streiften (Nachschub, Verpflegung der Truppe wahrscheinlich), gestellt wurden. Die beiden waren angetrunken, das "dawai tscheas" blieb nicht aus, wir wurden durchfilzt. Von der Pendeluhr hatte ich mir ein paar Teile in den Rucksack gesteckt, diese, meine Armbanduhr und mein Essbesteck wurden konfisziert!! Es war ihnen aber nicht genug, sie stellten an der Kleidung und Rucksack fest, dass ich ein Sprössling der Bojaren sei und fingen an, mit den Pistolen zu drohen, um mich zu erschießen. Unsere mutigen Arbeiter stellten sich schützend vor mich, und es dauerte ein Weilchen, bis sie die Soldateska beruhigen konnten. Ob es ihnen mit einem Geschenk oder einem Schnaps gelungen war, weiß ich heute nicht mehr, auf jeden Fall hatte ich damals im Baumgarten einen Schutzengel.


Im Wolkendorfer Grund und im Mühlenhamm

Erinnerungen von Eva Zenn, geb. Möckesch (Pforzheim)

Wir hatten zwei Baumgärten. Der eine lag im Wolkendorfer Grund, genau unter dem Jungkernberg, gegenüber vom Zielinskischen Vogelgesang. Der 2. "Bangert", stadtnah gelegen, befand sich im Mühlenhamm. Hier stand ein Sommerhäuschen, wo wir die Sommerferien verbrachten (bis zum 23. August 1944). Das Häuschen war von Arch. Kurt Leonhardt 1938 sehr zweckmäßig gebaut worden. Es hatte eine geschlossene Veranda, was zur Folge hatte, dass die Nachbarskinder sich an Regentagen hier versammelten. Unsere Nachbarn zur Rechten waren Familie Ambrosius und Dr. H. Fernengel, der zur Linken mein Onkel Daniel Zimmermann.

Den Wolkendorfer Grund suchten wir jährlich nur etwa 2-3 Mal auf. Im Frühjahr, um zu sehen, wie die Bäume angesetzt hatten, und im Herbst zur Erntezeit. Zwischendurch brachte uns die "Moarerän" (doamna Craciun) in die Stadt einen Korb voll "Krajeln", diese kleinen süßen, krummen Frühpflaumen.

Im Herbst fuhren wir mit einem Ochsenwagen hinaus zur Ernte, beladen mit Säcken, Kisten, Apfelbrechkörbchen und Stroh, notwendig für das Transportieren der Äpfel und Birnen in die Stadt. Geerntet wurde nur bei schönem Wetter. Unvergesslich sind mir diese Tage in Erinnerung geblieben. Die ganze Familie (plus zusätzlichen Helfern) trat bei dieser vergnüglichen Arbeit an. Man stieg auf die Bäume (Hochstamm), hatte einen Sack um die Schultern gebunden, wohin man vorsichtig den gepflückten Apfel hineingleiten ließ. Die Erwachsenen hantierten mit den Brechkörbchen und quälten sich oft dabei, weil die Stangenlänge nie zu stimmen schien. Die Herbstpflaumen pflückte man, so weit es ging, von Hand. Anschließend wurde der Rest der Früchte vom Baum geschüttelt. So verfuhr man auch mit den Pfirsichen, die "im Grund" besonders gut gediehen. Die Männer und Jungen waren unterdessen mit dem Ernten der Nüsse beschäftigt, die mit langen Stangen vom Baum geschlagen und anschließend aufgelesen wurden, wobei sich die Finger nach und nach braun bis schwarz verfärbten. Oft kamen wir erst bei Dunkelheit nach Hause, erfüllt von dem schönen, erlebnisreichen Tag, der Arbeit, der Wärme, dem blauen Himmel und der herrlichen Aussicht auf die Karpaten.

Am nächsten Tag ging es mit dem Einlagern der Äpfel im Keller weiter, mit dem Einkochen der Pfirsiche und dem Trocknen der Pflaumen.

Eine große Sortenvielfalt gab es im Wolkendorfer Grund nicht. Es war eine schon ältere Anlage. Ich erinnere mich an die Apfelsorten "London Pepping", "Jonathan", "Batull" und "Robinapfel" und einen Birnbaum mit "Marie-Luise-Birnen".

Zu dem "Bangert" (Baumgarten) im Mühlenhamm hatten wir eine nähere Beziehung. Man "zog" zu Beginn der Sommerferien in die Sommerfrische und kehrte erst kurz vor Schulbeginn (Mitte September) in die Stadtwohnung zurück. Da wir im Mühlenhamm viele gleichaltrige Freunde hatten, waren die Tage abwechslungsreich und ausgefüllt. Ganz selten kamen wir in die Stadt, um z. B. ins Kino oder in die Schwimmschule zu gehen. Sonst genossen wir das Wasser, das Baden in der Kokel stundenlang! Der Weg bis zur Badestelle betrug ca. 1 km und führte über Wiesen, Kartoffel- und "Kukuruzfelder" (Maisfelder).


Villa Möckesch im Mühlenham - Archivbild

Die Sortenvielfalt an Äpfeln im Mühlenhamm war größer als im Wolkendorfer Grund, obwohl das Grundstück viel kleiner war. Soweit ich mich erinnere, gab es Leder- und Pfarräpfel, Poinik, Batull, Sommereis und rote Astrachanäpfel. Einen Birnbaum mit "Stuttgarter Geißhirtel" und mehrere Nussbäume. Schön waren die Sommerferien im Mühlenhamm.


Auf dem Galtberg

Erinnerungen von Martha Löw, geb. Siegmund, und Gretelotte Scheipner, geb. Siegmund (Bietigheim)

Unser Baumgarten reichte vom "Pomariusischen bis zum Zigeunerweg" und fast bis zur sogenannten "Spitze". Unser Siegmund-Großvater hatte im Laufe der Zeit nach und nach Nachbargrundstücke dazugekauft. Dementsprechend trug der Garten so viel Obst, dass wir damals nur stöhnten, weil es kein Ende nahm, besonders mit den Äpfeln. Es war so, dass das ganze Jahr über frisches Obst da war. Angefangen mit dem Rhabarber, dann kamen die Beeren; unsere Mitzi-Tante saß tage-, fast wochenlang "im Ägrisch" und "in den Ribiseln" (sie belieferte u. a. das Internat mit "zig" Litern). Bei den Birnen reiften erst die Muskatellerbirnen und die Akewitzen, bei den Äpfeln die Klar- und Transparentäpfel und die Astrachan. Vor Jahren haben wir uns mit meiner Schwester Grete an 60 Apfelsorten erinnert, aber leider nicht aufgeschrieben. Der Großvater hatte dafür ein großes Diplom erhalten, das über dem Ehebett unserer Großeltern im Schlafzimmer auf dem Galtberg hing. Es reichte über beide Betten und war mit Ranken verziert.


Landhaus und Baumgarten Siegmund auf dem Galtberg - Archivbild

Die Apfelernte dauerte von Anfang bis Ende September. Oft mussten wir auch in den Keller im Baumgarten einlagern, weil die Keller in der Stadt übervoll waren. Die spätesten Sorten waren, wie ich mich erinnern kann, die Kalvill und die sogenannten "Weißäpfel", von denen wir nicht viel hielten, die waren hart und schmeckten nach nichts. Dann kamen noch die Quitten, vorher aber die Nüsse. Damit war dann das Obstjahr zu Ende. Zwischendurch gab es noch die verschiedenen "Pelsenarten", über die wir uns sehr freuten, die aber nichts mehr zählten, sobald die Reineclauden begannen, die waren das aromatischste, süßeste, saftigste Obst, das es im Garten gab. Leider waren sie höchstens 2 Wochen haltbar, wir genossen sie deshalb von morgens bis abends, brauchten in der Saison kaum was anderes zu essen, bis es uns fast schlecht wurde!

Unsere Keller waren so gut, dass Jonathan- und Kalville-Äpfel bis in den Mai hielten. Die Jonathan etwas "angezoppert", aber im Aroma einwandfrei, man kriegte sie sogar auf die Maiausflüge "eingesackt".

Am tiefsten in die Erinnerung eingeprägt hat sich die Apfelernte aus dem September 1944, wir begannen damit am 09.09.1944 - und während wir in den Bäumen saßen und pflückten, strömten die Russen aus allen Richtungen in die Stadt. Das war der Anfang vom Ende unserer "Bangert-Kultur". Zweimal konnten wir damals noch ernten - das Haus im Baumgarten war schon besetzt -, dann wurde auch der Garten enteignet.

Die vielen Obstsorten hatte unser Großvater gepflanzt bzw. "gepoßt". Wir schauten oft zu. Es gab sogar einen so genannten "Sortenbaum", den Großvater "angelegt" hatte, der war schon interessant: Vom Stamm, etwa in 1 (?) m Höhe, gingen die Äste aus, einer mit roten, einer mit gelben Früchten, einer mit süßen und einer besonders früh. Das war wohl so eine Spielerei des Pomologen, das "Poßen".

Unser Vater war dann nur noch für Qualität beim Obstbau, die Menge und die vielen Sorten interessierten ihn nicht. Für ihn zählte nur besonders "edles Obst", es durfte vom Aroma, Fleisch, Saft, Aussehen nur erstklassig sein.

Als Pomologe war - auch für unseren Vater - maßgebend Großonkel Karl Seraphin, der seinen Garten in der Gartengasse, zwischen Leonhard Rose und Gerti Olah, hatte. Karl-Onkel kam auch und begutachtete Vaters neue Bäumchen. Einmal erschien er im Herbst 1942, als Vaters Pfirsichspalier zum ersten (und letzten) Mal voll trug. Es wurde fotografiert, denn so etwas war auch für Karl-Onkel einmalig. Jeder Zweig voller dicker rotwangiger, herrlicher Pfirsiche. Den Winter überlebte der Baum nicht, trotz Südlage erfror er.

Bei Karl-Onkel holten wir jedes Jahr ein Körbchen "Schäßburger Ägrisch" (Berberitze), es war recht mühselig, die kleinen Beerchen zu pflücken, an den Stacheln vorbei. Großmutter kochte ein Glas davon ein, er wurde nur für das "Eingemachte" gebraucht. Die Marmelade schmeckte sehr sauer, gelierte so fest, dass man sie mit dem Messer schneiden musste und wurde von niemandem vernascht.

Mit Karl-Onkel hat Vater auch die Sorten bestimmt, die bis dahin namenlos oder unter falschem Namen fungierten. Man musste auch selber Namen finden, weil viele Sorten in den einschlägigen Bestimmungsbüchern nicht vorkamen. Bei Rick im Garten gab es einen grünen Apfel, den die Pomologen auch nicht benennen konnten, er erhielt dann den Namen "Morgenduft".

In späteren Jahren hatte Grete noch einige Jahre das Glück, das Haus als Wohnung in Anspruch zu nehmen und die wunderbare Lage mit der einmalig schönen Aussicht auf die Burg zu genießen.
Das wären die Erinnerungen an unseren Baumgarten, der uns viele schöne Stunden bereitet hat.

 


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