HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Ernst Johann Graef

Nachruf


Ernst Johann Graef

Am 11. Februar 2003 starb Ernst Johann Graef mit fast 92 Jahren ganz plötzlich und unerwartet im Krankenhaus zu Gummersbach. Am 15. Februar folgte dann in der Gemeindekirche von Drabenderhöhe in einem Gottesdienst, im Beisein vieler Landsleute, ein würdiger Abschied und anschließend die Beisetzung auf dem Friedhof neben dem Grab seiner kurz vorher verstorbenen Ehegattin.
Mit Ernst Graef hat die Gemeinschaft der Schäßburger ein treues und sehr engagiertes Mitglied verloren.
Ernst Johann Graef wurde am 11. Oktober 1911 in Schäßburg geboren. In 7. Generation des Tischlerhandwerks der Graefs wurde ihm der Beruf in die Wiege gelegt.
Nach abgeschlossener Reifeprüfung (Bakkalaureat) am Bischof-Teutsch-Gymnasium 1928 in Schäßburg ergreift Ernst Graef die ihm vorbestimmte Ausbildung und erlernt den Beruf des Tischlers.
Tradition über Generationen hinweg war, um das Tischlerhandwerk in all seinen Facetten kennen zu lernen, auf Wanderschaft zu gehen. Für Ernst Graef beginnt sie in einer großen Werkstatt im Banat, um dann in Deutschland fortgesetzt zu werden. In München erhält er am 29. Juli 1936 den Meisterbrief und wandert anschließend über Saarbrücken nach Ostpreußen, Danzig und Königsberg. Da sein Vater schwer erkrankt, muss er seine Wanderjahre vorzeitig abbrechen und die väterliche Kunsttischlerei in der Baiergasse übernehmen.
Durch Einführung moderner Wirtschaftsmethoden und neuer Technik erreicht der Betrieb in kurzer Zeit eine noch nie da gewesene Blüte.
Der zweite Weltkrieg aber setzt dem aufstrebenden Betrieb ein jähes Ende. Ernst Graef wird einberufen und erlebt die Kriegsjahre im Rahmen des Luftfahrtministeriums in den Junkerswerken in Bukarest. Anschließend, deportiert nach Russland, folgen fünf schwere Jahre in den Arbeitslagern des Donezbeckens. Dort lernt er Gertrud Budde aus Dortmund kennen und lässt sich am 8. August 1949 mit ihr vom russischen Lagerkommandanten trauen.
Erst Ende 1949 kommt Ernst Graef mit seiner jungen Frau in das marode Schäßburg zurück.
Hier muss er einen weiteren Schicksalsschlag entgegennehmen: die Enteignung des väterlichen Betriebes. Als Lehrmeister der Kunsttischlerei darf er aber hier weiter tätig sein und ist sichtlich zufrieden, dass er, wenn auch in völlig veränderten Verhältnissen, das Handwerk seiner Vorfahren der nächsten Generation vermitteln kann.
Dieses tat er in den späteren Jahren bis zu seiner Auswanderung gewissenhaft an der rumänisch-ungarisch-deutschen Schule neben dem Elektrizitätswerk. Als guter Kenner der deutschen, rumänischen und ungarischen Sprache galt er hier als ausgleichendes Element zwischen den drei Nationen Siebenbürgens.
Diese Jahre hatten aber neben Schwerem auch Erfreuliches für ihn, seine Frau bereit. Vier Söhne - Ernst, Harald, Klaus und Dieter - kamen zur Welt und sorgten für ein glückliches Familienleben.
Dem Strom der Zeit folgend, verlässt er 1970 mit Frau und den vier Söhnen seine Vaterstadt Schäßburg und lässt sich in der neugegründeten Siebenbürger-Sachsen-Siedlung Drabenderhöhe bei Wiehl nieder.
Erstaunenswert, sein Leistungsdrang lässt ihn auch hier nicht im Stich, nun schon als 64-jähriger ist er in der Lage, mit Hilfe seiner Söhne ein Eigenheim zu bauen und damit für die kommende Zeit den Grundstein für glückliche Jahre in der neuen Heimat zu legen.
Er wird Gründungsvater der Schäßburger - Mediascher Nachbarschaft, wirkt mit seiner Frau im Honterus-Chor mit und schafft Bleibendes für die sächsische Gemeinschaft in Drabenderhöhe.
Ernst Graef hat seiner Vaterstadt auch in der Ferne die Treue gehalten, er war mit Leib und Seele Schäßburger, er war bis in die kleinsten Einzelheiten mit Geschichte, Landschaft, Land und Leuten verbunden.
Mit Freude, Leidenschaft und viel Initiative widmete er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters den neuen Aufgaben in der Heimatortsgemeinschaft. Seinen Ratschlägen ließ er immer wieder auch die Tat folgen und wirkte bis zur letzten möglichen Stunde mit.
Nach der Wende in Rumänien gelingt es unter erheblichen finanziellen und logistischen Anstrengungen, die gesamten Schäßburger Matrikel zu kopieren und in sein Arbeitszimmer zu überführen. Er bearbeitet und bindet diese Matrikel in 89 Bücher und ist damit zu dem Ahnherrn der Schäßburger Familienforschung geworden.
Aus diesem Urkundenquell schöpfte er die Kraft für über 100 Stammbäume alteingesessener Schäßburger Familien, die er sowohl den Nachkommen als auch den siebenbürgisch-sächsischen Einrichtungen auf Schloss Horneck in Gundelsheim zur Verfügung stellte.
Auch im Arbeitskreis für unser Heimatbuch "Schäßburg, Bild einer siebenbürgischen Stadt" wurde er zu einer der Schlüsselfiguren, seine technische wie dokumentarische Erfahrung brachte er gekonnt ein und hat so wesentlich zum Inhalt und zur Gestaltung des Buches beigetragen.
Ernst Graef fehlt uns sichtlich für unsere weitere Arbeit, die von ihm hinterlassene Lücke wird schwer zu füllen sein. Sein Lebenswerk, sein Vorbild aber leben weiter.
Wir versprechen, dass unser Tun und Lassen auch in Zukunft von seinem Vorbild beseelt sein wird.

Walter Lingner (Düsseldorf)




 

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