Kleines Erinnern an einen großen Märchenerzähler
117 Jahre seit dem Tode von Josef Haltrich

Josef Haltrich
Schaas, Samstag, den 17. Mai 2003. Blendendes Wetter über dem Schaaser
Moor. Einige Lehrer, Schülerinnen und Schüler des Josef-Haltrich-Lyzeum
legen Wiesenblumen zu einem Strauß zusammen. Sie sind mit dem Bizikel
nach Schaas gekommen. Jetzt stehen sie um Haltrichs Begräbnisstätte.
Es ist ein fast vergessenes Reihengrab, auf dessen bescheidenem Stein
der Name dieses großen Märchenerzählers geschrieben steht.
Joseph Haltrich, 1822-1896. An diesem anscheinend so unbedeutenden Ort
erfolgt jetzt spontan ein sowohl ernsthaft als auch heiter ergreifendes
Ereignis. Für schätzungsweise 50 Minuten tauchen wir ein in
die geheimnisvolle siebenbürgische Märchenwelt.

Grag von Josef Haltrich in Schaas
Die Märchen eines Volkes sind wie Fenster zu seiner Seele. Sie beschäftigen
sich mit den Überwindungs-Prozessen dunkler Mächte aus uns selber
bzw. aus den zwischenmenschlichen Beziehungen - in einer archaischen,
aber zugänglichen, einfachen Sprache. Gerade darum sind Märchen
nicht allein für Kinder wichtig, sondern auch für Erwachsene.
Mündig ist nicht jener Mensch, der ein gewisses Alter überschritten
hat, sondern jener, der befähigt wird, mit den eigenen Fehlern und
Schatten in einem Geist der Versöhnung zu leben bzw. sich versöhnen
zu können gerade mit den dunklen Seiten seiner Mitmenschen.
Eine Vielzahl der Haltrichschen Märchen beschäftigen sich mit
der Thematik der Überwindung des Bösen schlechthin sowie des
Todes. Die Art, wie das Thema angegangen wird, ruft uns ein Lächeln
hervor, ohne jedoch lächerlich zu werden. Auch das biblische Motiv
der Hoffnung zum Leben findet sowohl seine Quelle als auch sein Ziel in
der Auferstehung unseres Erlösers Jesus Christus von den Toten -
Ursache zur Versöhnung und zur Lebensfreude.
Frau Professor Christa Rusu erzählt über die praktische Arbeit
eines Märchen-Sammlers bzw. -Übersetzers, indem sie humorvolle
Beispiele bringt aus Haltrichs Märchen und Geschichten. Auch zeigt
sie Vergleiche auf, wie sich die rumänischen und sächsischen
Märchen gegenseitig befruchtet haben, z. B. an Ion Creanga erinnernd,
dessen Erzählmotive sich - in gar nicht geringer Zahl - in den Märchen
Haltrichs wiederfinden.
Frau Prof. Ulrike Lück spricht über den Schatz des siebenbürgischen
geistigen Erbes und stellt sein gesamtes literarisches und wissenschaftliches
Werk in seinen multikulturellen historischen Kontext - die meisten der
Schüler gehören sprachlich wie kulturell der Mehrheitsbevölkerung
an -, um danach eine heitere Fabel zu lesen, die Haltrich entdeckte: "Der
Fuchs und der Wolf beim Kürschner in der Beize".
Immer noch mit einem Lächeln auf den Gesichtern, verlassen wir den
Friedhof - nicht ohne vorher das Vaterunser gesprochen zu haben - im Wissen:
Wir haben einen besonderen Augenblick erlebt; hier haben uns die Alten
ein geistiges Erbe eröffnet und überliefert, das unsere Herzen
berührt und uns reicher gemacht hat.
Zwei Anstöße seien noch vermerkt - den einen gab ein Erwachsener:
An diesem Ort und an diesem Datum Märchen zu lesen, könnte eine
reizende Gepflogenheit werden; den anderen gab ein Schüler: Die Pflege
und den Erhalt dieses Grabes könnten sich Bergschüler zur Aufgabe
machen.
Wir danken auf diesem Wege Herrn Professor Viorel Rusu, der diesen Fahrrad-Ausflug
organisierte und der in uns die Begeisterung für die Breite neu geweckt
hat, als den überraschungsreichsten Fahrrad-Heimweg von Schaas nach
Schäßburg.
Johannes Halmen(Schäßburg)

Letztes Update: 2003-08-01
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/ http://www.schaessburg-net.de
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