HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Hü's Jünger

Leute von heute / Biologie-Unterricht an der Bergschule mit nachhaltiger Wirkung

Naturkundeunterricht in Schäßburg, im Gymnasium, im Seminar, an der Pädagogischen Schule oder im Lyzeum, kurzum in der Bergschule, hatte immer einen besonderen Stellenwert. Im berühmten Naturkundesaal, mit der umfangreichen Sammlung von Heinrich Höhr und seinen Nachfolgern, gab es über Jahrzehnte hinweg Unterricht mit nachhaltiger Wirkung.

Ab 1948 lehrte hier Dr. Eckhard Hügel, von Schülern und Kollegen kurz "Hü" genannt. Hohe Stirn, Nickelbrille, kräftiges Kinn - so haben wir ihn in Erinnerung, auf dem Geländer des Hörsaales sitzend, den kleinen Zettelblock in der Linken, einen der vielen winzigen Bleistiftstummel in der Rechten, benotet er einen im weißen Kreidestaub vor der Tafel stehenden,vor Aufregung schwitzenden Schulkameraden ...


Prof. Dr. E. Hügel beim Unterricht

Zwischendurch ein philosophisch-poetischer Kommentar des Musenfreundes Hügel, der später auch als Buchautor und Lyriker bekannt wurde. "Der Baum des Lebens - Bild und Gesetz des Entwicklungsgeschehens" erschien 1975 im Bukarester Kriterion Verlag. Früher erschienen die Stammbäume für Pflanzen, Tier und Mensch als Anschauungstafeln für den Schulgebrauch. Seinen Gedichtband "Das Hohelied des Lebens" stellt er noch mit wenigen Ausnahmen kurz vor seinem Tod 1977 selbst zusammen, erlebt jedoch die Veröffentlichung nicht mehr.

Bei Ausflügen in die Umgebung von Schäßburg, bei weiteren Exkursionen begeisterte Hü wie kein anderer zig Schüler von seinem Fach, der Biologie, damals noch schlicht Naturkunde genannt. Heute ist Biologie eine weit gefächerte Wissenschaft, von der klassischen Botanik, über Molekularbiologie, Biochemie zur Gentechnik. Und viele seiner Schüler sind in Hü´s Fußstapfen getreten, haben das Grundfach Biologie in unterschiedlichsten Ausprägungen zum Beruf und Lebensinhalt gewählt.

Die ersten naturkundlichen Erkenntnisse von Dr. Heinz Heltmann, Universität Bonn, um einen Namen zu nennen, sowie von vielen weiteren Lehrern, Agraringenieuren, Förstern und Forschern gehen zurück auf die von Hü geführten Wanderungen zur Zitadelle, aufs Schaaser Feld, zum Jungkernberg oder auf die Breite.
Hü studierte in Berlin, Kiel und Marburg und promovierte bei Alfred Kühn in Göttingen mit einer Dissertation über die Vererbungsmerkmale der Mehlmotte.

Stellvertretend für die vielen Biologen aus Hü´s Schmiede seien fünf weitere Schüler aus meiner Generation, heute bekannte Wissenschaftler, genannt. Sie studierten, promovierten in Klausenburg, Tübingen, Jassy und Hannover. Als junge Forscher bildeten sie sich fort in Deutschland, Rumänien und in den USA. Sie arbeiteten bzw. arbeiten noch, lehren und forschen in Jassy, Hannover, Tübingen, Erlangen, Klausenburg, Heidelberg, Hermannstadt, Rastatt und Freiburg.
Dr. Walter H. Müller (Jahrgang 1940) ist Professor für Biochemie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Nach dem Studium der Biologie an der Alexandru-Ion-Cuza-Universität Jassy war "Walle" wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften Rumäniens, Zweigstelle Jassy. Ein dreijähriges Forschungsstipendium für Molekulargenetik der Alexander-von-Humboldt-Stiftung führte ihn 1969 an das Institut für Biochemie der Medizinischen Hochschule Hannover, das er später, von 1999-2003, als Kommissarischer Direktor leiten sollte.

Nach seiner Promotion 1973 im Fachbereich Chemie der Universität Hannover, nach Forschungsaufenthalten in Würzburg und München, folgte 1986 die Habilitation. Seither ist Prof. Müller Mitglied des Lehrkörpers der Medizinischen Hochschule Hannover. Zusätzlich hält er Vorlesungen in Biochemie, Zellbiologie und Molekularbiologie an den Universitäten Hannover und Bielefeld .


Dr. W. H. Müller

Die wesentlichen Forschungen von Dr. Müller betreffen den Wirkungsmechanismus von Vitamin A und Derivaten (Retinoide) auf Säugetierzellen in Kultur. Diesem Thema sind zahlreiche Diplom- und Doktorarbeiten sowie weitere Veröffentlichungen im In- und Ausland gewidmet. Sie entstanden unter der Anleitung von Walter Müller. Beispielhaft seien zwei Veröffentlichungen mit besonderem Interesse für die Krebsforschung genannt: "Retinsäure induziert die Genexpression der alkalischen Phosphatase in Teratokarzinomazellen (1991) und "Funktionelle Interferenz von Retinsäure und dem Onkoprotein" (1997).

Dr. Ingrid Essigmann-Capesius (Jahrgang 1937), geb. Capesius, seit 2000 im Ruhestand, war zuletzt Universitätsprofessorin am Botanischen Institut der Universität Heidelberg. Ingrid studierte Biologie in Klausenburg, Diplom 1959.


Dr. I. Essigmann-Capesius

Nach dreijähriger Tätigkeit als Mikrobiologin in der Lebensmittelindustrie, übersiedelte sie 1963 in die Bundesrepublik. Es folgten weitere Studienjahre und die Promotion 1966 am Botanischen Institut der Universität Tübingen, dem sie bis 1969 als wissenschaftliche Mitarbeiterin angehörte. In ihrer Dissertation untersuchte sie an der Braunalge die Enzyme der Polynucleotidsynthese.

Die weiteren Stationen auf dem Berufsweg von Frau Dr. Essigmann-Capesius waren am Botanischen Institut der Universität Heidelberg, zunächst als Assistentin bei Prof. Bopp, Habilitation (1975), danach Dozentin und ab 1980 bis zum Eintritt in den Ruhestand Universitätsprofessorin. Eine Gastdozentur in Lissabon und ein Forschungssemester in Canberra, Australien, runden die akademische Tätigkeit ab.

Die Forschungsgebiete von Frau Dr. Essigmann-Capesius waren Themenkomplexe um die DNA-Synthese, molekulargenetische Studien, der Einsatz von molekularen Markern mit richtungsweisenden Ergebnissen für die Systematik der Moose. Die Forschungsergebnisse von Ingrid Capesius wurden durch 65 Veröffentlichungen als Erst- oder Koautorin bekannt.

Dr. Martin Keul (Jahrgang 1939) ist Wissenschaftlicher Direktor am Klausenburger Institut für Biologische Forschungen der Rumänischen Akademie der Wissenschaften. Martin ("Marzi") studierte Biologie an der Babes-Bolyai-Universität in Klausenburg, Diplom 1964, und promovierte 1974 bei Akad. Prof. Dr. Emil Pop mit einer Dissertation über "Die chemische und photodynamische Wirkung von Vitalfarbstoffen auf die Cytoplasmaströmung".


Dr. M. Keul

Forschungsprojekte und ein Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung führten Dr. Keul zwischen 1974 und 1995 öfters an das Institut für Botanik der Universität Erlangen-Nürnberg, Fachbereich Photobiologie.

Dr. Keuls wesentliche Arbeitsgebiete sind Pflanzen- und Zellphysiologie, Photobiologie (Einwirkung von UV-Strahlung und sichtbarem Licht), Auswirkungen von Pestiziden und Umweltverschmutzung auf Pflanzen. Einzelthemen wurden in ca. 140 wissenschaftlichen Arbeiten und Büchern veröffentlicht , wie das 1986 im Verlag der Rumänischen Akademie der Wissenschaften erschienene Buch "Bewegungsmechanismen der Lebewesen" (K. Wittenberger, M. Keul).
Seit 1997 hat Dr. Keul einen Lehrauftrag an der deutschen Abteilung für Biochemie der Fakultät für Biologie und Geologie der Babes-Bolyai-Universität in Klausenburg.

Dr. Erika Schneider, geb. Binder (Jahrgang 1942) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Auen-Institut des WWF (World Wide Fund for Nature) in Rastatt. Wie sie selbst sagt, verdankt sie ihre Begeisterung für das Fach Biologie dem Naturkundeunterricht von Prof. Eckhard Hügel von der 5. bis zur 8. Klasse, als die Familie nach Hermannstadt umzog.


Dr. E. Schneider

Sie studierte Biologie mit Schwerpunkt Botanik an der Universität Klausenburg und absolvierte mit einer Diplomarbeit im Fach Geobotanik 1965. Als Forscherin arbeitete sie bis 1969 am Biologischen Forschungszentrum der Rumänischen Akademie der Wissenschaften in Klausenburg und anschließend bis 1984 im Naturwissenschaftlichen Museum in Hermannstadt, damals Abteilung des Brukenthal-Museums. Zwischendurch promovierte Erika 1974 bei Prof. Dr. Al. Borza und Prof. Dr. St. Csürös, Klausenburg, mit der Monographie "Flora und Vegetation der Zibinsenke und ihrer Randgebiete". Im August 1985 trat Frau Dr. Schneider in das WWF-Auen-Institut Rastatt ein, wo sie bis heute als Expertin für Vegetationskunde, Pflanzenökologie, Renaturierung von Feuchtgebieten und Umweltverträglichkeitsstudien wirkt. Projekte an Rhein und Elbe, in Frankreich und Brasilien, im Donauraum bis hin in die Ukraine belegen ihren räumlichen Wirkungskreis. In den letzten Jahren lag der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit in der Renaturierung des Donaudeltas.

Mit weit über 100 Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Büchern, Mitarbeit an rund 50 Fachgutachten, Mitgliedschaft in mehreren internationalen Gesellschaften und Teilnahme an zahlreichen Tagungen ist die polyglotte Frau Dr. Schneider (6 Sprachen!) in der Fachwelt bestens bekannt. Umfassendere Arbeiten der letzten Jahre sind: "Die Auen im Einzugsgebiet der unteren Donau"(1991), "Die ökologische Funktion der Donauauen und ihre Renaturierung" (engl., 2002), "Die Auenwälder der Donau (franz., 2003).

Als Vorstandsmitglied des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde engagiert sich Frau Dr. Erika Schneider in der Sektion Naturwissenschaften in bester Tradition siebenbürgischer Forscher.
Dr. rer. nat. habil. Roderich Brandsch (Jahrgang 1943) ist Professor für Molekularbiologie an der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg. Nach dem Staatsexamen und Diplom 1966 an der Alexandru-Ion-Cuza-Universität Jassy, arbeitete Roderich bis 1974 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Biologische Forschung der Akademie der Wissenschaften in Jassy. 1973 Promotion mit einer Dissertation über "Die Furchungsteilungen der Tubifex-Eizelle unter dem Einfluss statischer Magnetfelder". Mit einem Stipendium der Fulbright-Hays-Stiftung hielt sich Dr. Brandsch von 1974-1975 als Postdoc am Roche Institute of Molecular Biology in Nutley, NJ, USA auf.


Dr. rer. Nat. habil R. Brandsch

Zurück in Jassy , arbeitete er weiter als Gruppenleiter am Zentrum für Biologische Forschungen. Ein Meilenstein im beruflichen Werdegang war 1987 die Habilitation und Venia Legendi im Fach Biochemie an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg, deren wissenschaftlicher Mitarbeiter er seit 1981 ist.

Nach Forschungsaufenthalten in der Schweiz, den USA und Schweden wurde Dr. Brandsch 1993 zum außerplanmäßigen Professor an der Medizinischen Fakultät der Uni Freiburg ernannt und 1997 mit einer Ehrenprofessur der Alexandru-Ion-Cuza-Universität, Jassy, ausgezeichnet.

Als Forschungsschwerpunkte von Prof. Dr. Roderich Brandsch sind zu nennen die Biogenese von Enzymen, Anti-Flavoprotein Autoantikörper bei Myokarditis-Patienten, Enzyme der bakteriellen Verstoffwechslung des Tabakalkaloids Nikotin u. a.

Prof. Brandsch ist an zahlreichen Forschungsprojekten und Graduiertenkollegs beteiligt gewesen, er ist durch zahlreiche Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften und viele Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Gesellschaften in Fachkreisen bekannt geworden.

Als jüngster Sohn unseres Zeichenlehrers und bekannten Malers "Kala" Karl Brandsch hat Roderich eigene Bilder u. a. in New York und Fürth ausgestellt.

Die Vorstellung von einigen wenigen aus der Bergschule hervorgegangenen Naturwissenschaftlern ließe sich fortsetzen. Vielleicht sind diese Kurzporträts eine Anregung für eine umfassende Studie von Fachleuten für Fachleute.

Hermann Theil (Weinsberg), ein fachfremder Bewunderer (Bauingenieur)

 

 

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