HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Dr. Dr. Richard Lang
Porträt eines Sprachwissenschaftlers und Pädagogen

In memoriam

Vor einem halben Jahr traf uns die Nachricht vom Tode unseres hochgeschätzten Lehrers an der Pädagogischen Schule Schäßburg, Richard Lang. Der Abschied von ihm fällt schwer, ich möchte das Vergessen hinausschieben, mich erinnern, wie er war und was er gelehrt und geschrieben hat. Gern begleite ich ihn noch einmal auf seinen "Spaziergängen zwischen Altertum und Gegenwart"(Kriterion Verlag, 1978 ) - glänzend geschriebene Aufsätze, in denen Richard Lang von Leibniz, Jacob Grimm oder "der tragischen Gestalt des Immanuel Kant" wie von persönlichen Bekannten erzählt.


Richard Lang als Rex des
Chlamidaten Coetus der Bergschule

Der Verstorbene wird uns dank seiner vielseitigen Fachkompetenz, seiner persönlichen Integrität und gewinnenden Ausstrahlung unvergessen bleiben. Wer schätzte nicht sein umfassendes Wissen und seine Art, es mitzuteilen? Ernst Irtel, der ihm als Kollege jahrelang nahe stand, lobt das "bezaubernde intellektuelle Flair" Richard Langs, und eine seiner ehemaligen Schülerinnen fasst ihr Erinnerungsbild in die Worte "ich verneige mich" zusammen - eine im guten Sinne unzeitgemäße Geste, repräsentativ für viele , die "unseren Ricki" kannten.

Richard Lang wurde am 27.6.1919 in Schäßburg als Sohn eines Lehrers für Griechisch und Latein und einer Klavierlehrerin geboren. Er wuchs in einem Hause auf, in dem man sich mit Liebe und Sorgfalt der Lektüre und Übersetzung römischer Schriftsteller widmete und das städtische Musikleben förderte. Die Mutter war als Korrepetitorin im Musikverein aktiv und brachte als bewährte Paukenschlägerin das kleine sinfonische Orchester der Stadt in Schwung. Richard durfte ab seinem zwölften Lebensjahr in Gottesdiensten und Kirchenkonzerten die Orgelregister ziehen. Er besaß das absolute Gehör. Als der Schäßburger Musikverein die Oper "Carmen" mit Charlotte Blaschek in der Titelrolle aufführte, trat der 10-Jährige mit einigen Klassenfreunden in einer Szene als Straßenjunge auf. Man erzählt, er habe bei allen Proben vom Balkon her so aufmerksam zugehört, dass er große Teile des Opernwerkes auswendig kannte. Als Frau Blaschek an einer Probe krankheitshalber nicht teilnehmen konnte und nur die Begleitmusik zu ihren Solopartien zu hören war, soll Richard spontan vom Balkonplatz aufgestanden sein und mit seiner klaren Knabenstimme die Arien der Carmen gesungen haben. Später ist er mit einem Schäßburger Chor in der Kronstädter Kirche als Gesangssolist aufgetreten.

usik hat Richard Lang zeitlebens viel bedeutet. "Sie war für ihn das alles Verbindende ..., das letztlich Bleibende, das uns über die dunkeln Tiefen des menschlichen Erlebens hinwegträgt und uns für die neue Dimension des göttlichen Erlebens frei macht. Es hat nichts Großes in der Musik gegeben", betont Pfarrer Günther Haffner, Richard Langs Schwiegersohn, "das unserem Vater nicht bekannt gewesen wäre. Er konnte Stunden damit verbringen, in seinem Inneren zu singen, ja ganze Konzerte und Sinfonien sang er, bekannte und weniger bekannte Arien. Deshalb war er nie einsam, denn er hatte von der Fülle des Wissens und der Kunst getrunken. Das gab seinem Leben jenen Tiefgang und die Ruhe, nach denen viele Menschen sich sehnen ..."

Richard Langs Bildungsweg stand von Anfang an unter einem guten Stern, der ihn über alle Stufen der Bergschule, deren ausgezeichneter Schüler er war, bis hin nach Wien begleitete, wo er seine Englisch- und Philosophiestudien mit einer Doktorarbeit über Leibniz abschloss. Sein sehnlicher Berufswunsch, Gymnasialprofessor an der Schäßburger Bergschule zu werden, erfüllte sich und er identifizierte sich mit seinem Beruf. Das war nun seine Welt.

Mein Jahrgang hat Richard Lang am Lehrerseminar in Schäßburg als Psychologie- und Klassenlehrer erlebt; wir verdanken ihm als profundem Kenner der antiken Kultur, der Geschichte, der Geisteswissenschaften generell und der klassischen Musik bleibende Einsichten. Seine Vorträge über philosophische Themen begeisterten uns, denn er stellte mit Leichtigkeit große historische Zusammenhänge her und veranschaulichte sie mit Beispielen aus Literatur und Geschichte, wobei man sein enormes Gedächtnis bewundern konnte. Am Schluss jeder Unterrichtsstunde erschien die Gliederung des Themas in Sütterlin-Schrift an der Tafel.

In jenen schweren Nachkriegsjahren voller Sorgen und Ängste, Nöte und Einschüchterung haben es Richard Lang und einige seiner Kollegen trotz allem ermöglicht, die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Schüler mit dem zu erfüllen, was als Geistesgut von bleibendem Wert galt: die humanistischen Werte in den Hauptwerken der Weltliteratur, Philosophie und Musik.

Richard Lang vertrat das, womit sich zu beschäftigen lohnt, das Bleibende im Sinne des von ihm so sehr verehrten Platon. Und es ist ihm gelungen, das zu realisieren, was Karl Jaspers als Ziel des Gymnasiums bezeichnet, nämlich in den Schülern die Fähigkeit zu geistigem Ergriffensein zu wecken und darüber hinaus im Umgang mit der Wissenschaft und mit seinen Hörern eine beispielhafte Haltung vorzuleben. Es hat sich im Laufe von Jahrzehnten erwiesen, dass sehr viele ehemalige Schüler Richard Langs an dem festgehalten haben, was auch er ihnen vermittelt hat und dass jene Bildungsgüter und die Einstellung dazu eine wirkliche Hilfe nicht nur im Berufsleben waren.

Man sagt, Richard Lang habe sich erst später, nach seiner Berufung an die Fremdsprachenfakultät der Klausenburger Universität, 1966, auch wissenschaftlich voll entfaltet. In englischer Sprache hielt er Vorlesungen und Seminare im Fach "Vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen".
Auch diesmal schalteten sich Schäßburger Zeitgenossen kommentierend ein und merkten an, selbst Ricki habe nicht immer gewusst, was er machen solle; so habe ihn in Klausenburg die Frage gequält, ob er sein zweites Doktorat in Englisch, Philosophie oder Geschichte ablegen solle. Um das Dilemma zu beenden, hat er dann eine Dissertation über englische Sprachpsychologie verfasst.

"Dank seiner historischen Kenntnisse konnte er in Vorlesungen über die Entwicklung der sprachlichen Strukturen so eindrucksvolle Details aus dem Leben von Romangestalten und Autoren einflechten, dass viele Studentinnen und Studenten unter dem Eindruck von Größe und Tragik mancher Personen in den geschilderten Situationen mit Tränen in den Augen aus dem Hörsaal gingen" - berichtet eine damalige Studentin. In Hochschulkreisen hörte man sagen "Herr Lang weiß mehr, als die ganze Fakultät zusammen". Ein Scherz mit wahrem Kern.

Nachdem Richard Lang und seine Ehefrau 1979 ihren beiden Kindern in die Bundesrepublik gefolgt waren, wurde sein Selbstbewusstsein auf eine harte Probe gestellt, denn keine Universität und kein deutsches Gymnasium wollte den 60-Jährigen einstellen. Er war enttäuscht, doch Schritt für Schritt bewährte sich seine Fähigkeit zu relativieren. Als geistreicher Redner trat er dann immer wieder bei Klassentreffen auf und erwiderte freudig die herzliche Zuneigung vieler seiner ehemaligen Schüler.

Ende 1985 starb seine Frau. Vielleicht hat ihm die Genugtuung über den glänzenden Berufsweg seines Sohnes, zurzeit Direktor des Goethe-Institutes in Guadalajara, und über den reichen Lebensinhalt seiner Tochter als Mutter von fünf Kindern, Lehrerin und Pfarrersfrau in der Schweiz, geholfen, manches Schwere zu verkraften. Richard Lang war es nicht vergönnt, seine Vitalität bis zum Ende zu bewahren, er bedurfte der Betreuung und dann auch der Pflege. Unsere ehemalige Übungsschullehrerin Mathilde Wolf und ihr Sohn Bernd Christian haben Richard Lang viele Jahre beigestanden und ihn selbstlos mit allem Nötigen versorgt. Diese stille, unauffällige und doch so große Leistung sei ausdrücklich hervorgehoben.

Abschließend eine Frage: Findet sich niemand, der Richard Langs vergriffenes Büchlein "Spaziergänge zwischen Altertum und Gegenwart" neu herausgibt? Es hätte interessierten Lesern viel zu sagen und um den Autor würde es nicht all zu still.

Wilfried Bielz (Wipperfürth)


 

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