HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Die rumänische orthodoxe Gemeinde

Erste Gottesdienste in einer Scheune / Kirchenbau unter Pfarrer Stefan Balas / Die ersten rumänischen Schulen

Das Christentum ist schon früh in diesem Gebiet verbreitet gewesen. In Birthälm, etwa 20 Kilometer von Schäßburg entfernt, wurde 1775 eine Votivtafel ("donarium") aus dem IV. Jahrhundert mit einer Inschrift in lateinischer Sprache ("Ego Zenovius votum posui") und - auf einer an der Tafel befestigten Scheibe in Diskusform - dem Monogramm Jesu Christi (die Buchstaben XP) entdeckt. In Schäßburg und Umgebung tauchen im V. Jahrhundert auf verschiedenen Gegenständen eingeritzte Kreuze auf, zusammen mit dakischen Motiven (Kerben, Wellen, Spiralen).

Informationen über die "Wlachen"

Dass hier schon immer Rumänen gelebt haben, bezeugen die zehn bis 1980 freigelegten Siedlungen aus dem IV. bis XIII. Jahrhundert. In diesem Sinne sagte auch der sächsische Humanist Stefan Ludwig Roth (1796-1849): "Die Rumänen leben hier seit undenklichen Zeiten."

Das Gebiet Schäßburg gehörte zur "Terra Blachiorum", die sich eine Zeitlang unter der Herrschaft des Woiwoden Gelu befand. In Chroniken wie jener des Anonymen Notars oder jener von Kinamos (1166) werden die "Wlachen" als Bewohner dieses Territoriums genannt. Von den Wlachen ist auch im Andreanum, dem "Goldenen Freibrief" der Sachsen aus dem Jahre 1224, die Rede. Da heißt es: "Außer dem oben Angeführten haben Wir ihnen /den Sachsen/ den Wald der Wlachen und Bissenen samt seinen Gewässern zur gemeinsamen Nutzung mit den genannten Wlachen und Bissenen so verliehen, dass sie sich dieser Freiheit erfreuen und dafür keinerlei Dienste leisten müssen."

Bis zum 17. Jahrhundert werden die Rumänen in offiziellen Dokumenten nicht genannt. Diese alt eingesessene Bevölkerung findet dann im 17. Jahrhundert Erwähnung, zum Beispiel bei Georgius Krauss. In dessen "Schäßburger Chronik" werden im Zusammenhang mit der Plünderung der Stadt durch die Türken und andere Truppen am 15. August 1605 "die Leute aus der Wench" als Leidtragende angeführt: "... rückten also den 15ten August wieder auf Schäszburg, schlugen ihr Lager an den vorigen Orth, streiffeten aus, und nahmen viel Stadt-Vieh, wie auch viele Leute aus der Wench weg".

Mit den "Leuten aus der Wench" sind sicher die Rumänen gemeint, da dort bekanntlich Rumänen lebten. Später, anlässlich der Berichterstattung über die Pestepidemie im Jahre 1709, als in Schäßburg 4000 Menschen starben, gab der Chronist zu, dass hier auch eine zahlreiche nichtsächsische Bevölkerung wohnte.

Ausdrücklich erwähnt, d. h. beim Namen genannt werden die Rumänen erst anlässlich der Konskription des Bucov im Jahre 1762. In dieser Statistik über die Rumänen in Siebenbürgen, die die österreichische Verwaltung in den Jahren 1760-1762 anlegen ließ, finden wir auch eine Evidenz über die Rumänen in Schäßburg: Damals lebten hier 174 rumänische orthodoxe Familien - ohne Pfarrer, ohne Kirche.

Diese Situation trifft auf alle Ortschaften Siebenbürgens mit einer gemischten sächsisch-szeklerisch-rumänischen Bevölkerung zu, wo die Rumänen Leibeigene waren. In der österreichischen Statistik werden in diesem Zusammenhang auf derselben Seite auch die Ortschaften Keisd, Bundorf, Schaas, Trappold, Henndorf, Neithausen, Radeln, Arkeden u. a. angeführt, in denen orthodoxe Gläubige, ohne Pfarrer und Kirche, lebten. Eine Ausnahme bildete Scharpendorf, eine rein rumänische Ortschaft in der Nähe von Schäßburg. Dieses Dorf ist urkundlich 1231 zum ersten Mal erwähnt, u. zw. in einem Adelsbrief des ungarischen Königs Bela an die Söhne des Ioan Latinul; in demselben Dokument finden zwei Dörfer Erwähnung: Alba Eclesia (Weißkirch) und Sarpatok (Scharpendorf, rum. Sarpatoc); sie wurden von den Steuerlasten befreit. In der erwähnten österreichischen Statistik wird Scharpendorf mit 54 rumänischen orthodoxen Familien angeführt, sie hatten eine Kirche und auch einen Pfarrer.

Im Jahre 1752 war Scharpendorf die Mutterpfarrei für die orthodoxen Gläubigen in Schäßburg; sie wurden vom Scharpendorfer Pfarrer betreut.

Die Kirche in der Kornescht

Im 17. Jahrhundert dehnte sich die Schäßburger Unterstadt gegen Westen aus und schloss das Dorf Kornescht (rum. Corne¸sti), in dem seit uralten Zeiten Rumänen lebten, ein. Die Dorfbewohner versorgten den städtischen Markt mit Lebensmitteln, mit frischem Gemüse und Obst. Aus den Aufzeichnungen von Zaharia Boiu geht hervor, dass sich die Bewohner dieses Stadtteils eine Scheune als Kapelle eingerichtet hatten und gelegentlich einen orthodoxen Pfarrer aus einem der umliegenden Dörfer kommen ließen, um einen Gottesdienst abzuhalten. In der Chronik Zaharia Boius wird Stefan Balas, gebürtig aus S?acele bei Kronstadt, als erster rumänischer Pfarrer von Schäßburg genannt. In einem Akt toleranter Gesinnung gewährte Kaiser Joseph II. 1785 den Rumänen von Schäßburg Baugrund für eine Kirche und ein Gelände als Pfarrgarten, wofür sie allerdings der Stadt 50 Klafter Brennholz zahlen mussten.


Orthodoxe Kirche in der Kornescht
(Foto: Walter Lingner)

Pfarrer Aurel Stoicoviciu beschreibt die Kornescht im Westen der Burg: Ein wahrer Wald von Kornelkirschen dehnte sich bis zur Steilau aus. Zwischen der Kirche und dem heutigen Spital floss das Schleifengrabenbächlein, das immer wieder über seine Ufer trat. 1762 wurde dieses Bächlein begradigt. Bei diesen Arbeiten wurden Erde, Sand und Gestein zur Nivellierung der Straßen und zum Bau des orthodoxen Pfarrhauses (1780) im heutigen Pfarrgarten benutzt. In diesem Pfarrhaus wurde ein Altar improvisiert, und bis zur Einweihung der Kirche wurden hier Gottesdienste gefeiert.

Die Korneschter Kirche wurde 1788 gebaut; 1797 wurde der Glockenturm fertiggestellt und 1808 wurde über dem Eingang folgende Inschrift angebracht: "IN HONORE ET A \ XIII IANTE DEO TEM \ PLUM ERECTUM SE \ AST STEP BALLAS \ ANNO 1808".

Pfarrer Sefan Balas starb 1817 und wurde ehrenvoll neben der Korneschter Kirche bestattet.

Die Kirche: Der Ikonostas (die Wand, die den Altarraum vom Rest der Kirche abtrennt und mit Ikonen bemalt ist) wurde 1818 vom Kronstädter Maler Ioan Pop aus Holz angefertigt und auch bemalt. Die Kirche wurde am 28. Mai 1822 von Bischof Vasile Moga dem "Eintritt der Gottesmutter in die Kirche" geweiht; das feiern die Orthodoxen am 21. November.


Der Ikonostas in der Korneschter Kirche (Foto: Walter Lingner)


Das Gestühl und die Empore in der Korneschter Kirche
(Foto: Walter Lingner)

Das Gebäude hat einen kleeblattförmigen Grundriss, die Absiden sind innen halbrund, außen polygonal. Der Glockenturm ist viergeschossig. Die Fassade weist neoklassische Elemente auf und hat Eckpilaster mit Kapitellen, welche die Fenster einschließen. An großen Feiertagen erwies sich die Kirche als zu klein, die Gläubigen füllten das Gotteshaus, versammelten sich im Pfarrgarten und standen oft auch vor der Kirche, um dem Festgottesdienst beizuwohnen. Zu Ostern war es Brauch, die Ikone "Grablegung des Herrn" bewachen zu lassen - ein Brauch, der bis heute fortdauert. Die Wächter waren 11 Burschen in Festkleidung: Sie trugen einen wollenen Bauernrock mit breitem Geldgürtel, eine auf besondere Art geschmückte Mütze, Nationalfahnen - und das schon in der ungarischen Zeit.

Die Anfänge des rumänischen Schulwesens

Pfarrer Stefan Balas ist es zu verdanken, dass zwischen 1815 und 1817 die erste rumänische konfessionelle Schule gegründet wurde. Diese Schule in einem Raum des Pfarrhauses in der Kornescht - es wurden die Gegenstände Schreiben, Lesen, Kirchengesang und kirchliche Bräuche unterrichtet - besuchte auch Zaharia Boiu, der als Vollwaise in der Familie des Pfarrers Balas aufwuchs. Nach Beendigung seiner Studien kehrte Zaharia Boiu nach Schäßburg zurück und wurde hier Lehrer an der rumänischen Schule. Er blieb es bis 1828.

Das Anwachsen der rumänischen Bevölkerung machte ein größeres Schulgebäude erforderlich. Am 7. Januar 1861 konnte eine neue rumänische Schule auf der Burg, neben dem Waisenhaus und dem Altenheim im Pfarrgässchen eröffnet werden. Nach einem Brand im Jahre 1884, dem diese Schule zum Opfer gefallen war, wurde ein Jahr später ein Gebäude in der Schanzgasse 2 für 8000 fl gekauft und als Schule eingerichtet. Bis 1910, als das Gebäude auf Grund des Appony-Gesetzes aus dem Jahre 1907 für untauglich erklärt wurde, funktionierte hier die rumänische Schule mit drei Lehrern.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterhielt die orthodoxe Kirche außerdem noch einige Schulen heimlich, ohne das Wissen der ungarischen staatlichen Behörden. Solche Schulen gab es in dem Ungefug, im Wolkendorfer Grund und in der Wench. 1910 entdeckte ein Schulinspektor diese illegalen Schulen.

Zaharia Boiu - ein berühmter Schäßburger

Einer der markantesten Persönlichkeiten der Rumänen in Schäßburg war Zaharia Boiu jun. (1834-1903), einer der ersten rumänischen Absolventen - Jahrgang 1854 - des evangelischen Gymnasiums von Schäßburg. Er studierte am theologischen Institut in Hermannstadt (1855-1857) und an der Universität von Leipzig (1859-1861).

Dann war er ein Jahr Lehrer in Sacele bei Kronstadt, bevor er ans theologische Institut Hermannstadt berufen wurde; zunächst war er stellvertretender Professor an der pädagogischen Abteilung, dann ordentlicher Professor an beiden Abteilungen bis 1870. Zaharia Boiu war gleichzeitig Redakteur bei der Zeitung "Telegraful Român" (1863-1865) und Religionslehrer (Katechet) am staatlichen Lyzeum in Hermannstadt (1865-1875).

Im Jahre 1870 wurde er Pfarrer der Pfarrei Hermannstadt-Burg, dann Eparhialrat des Hermannstädter Erzbistums (bis 1902) und sodann Mitglied der bischöflichen Synode von Hermannstadt und Mitglied des kirchlichen Nationalkongresses der Metropolie Siebenbürgen. Er war ferner Mitglied im Zentralkomitee der ASTRA, zwischen 1892 und 1895 ihr erster Sekretär und Redakteur ihrer Zeitschrift "Transilvania". Am 13. September 1877 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der rumänischen Akademie gewählt.

Zaharia Boiu gab Schulbücher heraus und veröffentlichte pädagogische Studien. Er schrieb Gedichte, einige unter dem Pseudonym Eugen Silvan, veröffentlichte Predigten und Abhandlungen aus den Generalversammlungen der ASTRA. Er übersetzte zusammen mit Prof. Ioan Popescu den zweiten Band der "Kirchengeschichte" von Andrei Saguna, der unter dem Titel "Geschichte der griechisch orientalischen Kirche in Österreich" 1862 in Hermannstadt erschienen ist. Zaharia Boiu hat auch das "Memorandum der rumänischen Generalkonferenz" (1881) übersetzt, das sein Sohn Olimpiu Boiu in Wien überbrachte. Als guter Kenner der deutschen Sprache hat er auch literarische Werke aus dem Deutschen ins Rumänische übertragen, so Lessings Schauspiel "Nathan der Weise".

Die orthodoxe Kathedrale von Schäßburg

Die Korneschter Kirche war zu klein für die große Zahl der orthodoxen Gläubigen, sodass beschlossen wurde, Geld für eine neue Kirche zu sammeln. Vorübergehend wurde 1932 im Turnsaal des Knabengymnasiums dank seines Direktors Horea Teculescu eine Kapelle eingerichtet; bis 1937 fanden hier geistliche Handlungen statt, an denen Schüler wie Erwachsene teilnahmen.


Die orthodoxe Kathedrale von Schäßburg
(Foto: Walter Lingner)

Die Wahl des Standortes für die künftige Kathedrale hat heftige Diskussionen ausgelöst. Einige Rumänen sahen im Marktplatz den geeigneten Standort: "Wir mussten lange genug am Außenrand der Stadt ausharren, in Großrumänien gehört die rumänische Kirche auf den Hauptmarkt der Stadt", argumentierten sie. Trotz zahlreicher Unterstützung dieses Vorschlags wurde der Baugrund Marktplatz nicht bewilligt - er sei nicht geeignet, hieß es, ohne Perspektive, außerdem tauge der sumpfige Grund für ein solch großes Bauwerk nicht. Der Metropolit Dr. Nicolae B?alan traf endlich die Entscheidung: "Im städtischen Elisabeth-Park."

Die neue Kirche wurde in den Jahren 1934-1937, in der Regierungszeit von König Carol II., unter der Aufsicht des Protopopen (des Dechanten) Emilian Stoica und des Pfarrers Aurel Stoicovici gebaut. Die Weihung nahm Mitropolit Dr. Nicolae Balan vor; er weihte die Kirche der "Heiligen Dreieinigkeit".


Wandgemählde auf der Eingangs-Stirnwand mit Würdenträgern
z.Z. der Erbauung der Kathedrale (Foto: Walter Lingner)


Große Kuppel mit Wandgemählden (Foto: Walter Lingner)


Kleine Kuppel mit Wandgemählden
(Foto: Walter Lingner)

Erbaut wurde die Kirche nach den Plänen des Architekten Dumitru Petrescu Gopes. Den Ikonostas haben die Meister Babic und Schiopul aus Reps angefertigt, die Malerei stammt vom Künstler Demian, dem Neffen des makedonisch-rumänischen Kaufmanns Anastasie Demian. Der Kirchenbau hat 12 Millionen Lei gekostet; diese Summe war durch die Bewirtschaftung des Waldes (300 Joch), den die orthodoxe Kirche 1925 erhalten hatte, eingebracht worden. Die Gläubigen spendeten die kleine Glocke, die Stadt Schäßburg durch ihren Bürgermeister Aurel Mosora die mittlere, die Präfektur des Kreises durch ihren Präfekten Dr. Victor Stirbet die große. Nach 1955 veranlassten die Pfarrer Ioan Dragolea und Adrian Dobre Verbesserungen am Gebäude und seiner Ausstattung. Der Bau in neurumänischem monumentalem Stil ist von der muntenischen Architektur beeinflusst. Er stellt eine Dreikonchenanlage mit einer Kuppel über dem Naos dar; ein massiver Glockenturm wird an der Westfassade von kleinen Türmen flankiert. Über den Gewölbezwickeln der Tambour der Kuppel mit 24 Fenstern. Die Wandgemälde innen und außen sind in warmen Farben und Gold gehalten.


Neue orthodoxe Kirche auf der Weißkircher
Strasse (Foto: Harald Gitschner)


Bau einer orthodoxen Kirche in der
Schaasergasse (Foto: Vasile Muntean)


Orthodoxes Kloster im Wolkendorfer Grund
(Foto: Vasile Muntean)

In den Jahren des Kommunismus war die Tätigkeit der Kirche stark eingeschränkt, die Pfarrer mussten sich mit den Gottesdiensten, mit den Handlungen in der Kirche, begnügen. Trotz der vom Regime aufgezwungenen Einschränkungen wurden im Wirkungsbereich der Kirche Schäßburg zehn neue Kirchen gebaut, 24 ausgemalt, drei Holzkirchen errichtet und vier weitere Kirchen, die unter Denkmalschutz stehen, restauriert.

Neue Kirchen

Zurzeit befinden sich in Schäßburg zwei Kirchen im Bau - die eine an der Weißkircher Straße, in der Nachbarschaft der Feuerwehr, (Pfarrer Danila Opris) und die andere in der Schaasergasse, im Hof des Kinderhorts (Pfarrer Antonel Craciun). Gebaut wird auch ein Kloster - das Kloster "Heiliger Dumitru" im Wolkendorfer Grund, drei Kilometer weit von der Stadt.

Vasile Muntean (Schäßburg)

(Quelle: Pr. Protopop a. D. Ioan Boian, Istoria protopopiatului ortodox Sighisoara, manuscris)
(Übersetzt aus dem Rumänischen von Horst Breihofer und Hans Bruno Fröhlich)

 

 

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