HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Von und überStadthauptmann "Pretz"

Buchrezension

Richard Ackner (Hrsg.), Pretz, Stadthauptmann und Schäßburger Original. Lebenserinnerungen von Albert Reinhardt, Anekdoten von ihm und über ihn, Erinnerungen an ihn und an das Schäßburg von einst. Zusammengestellt, mit weiteren Angaben versehen und durch ein besonderes Kapitel Reinhardt ergänzt von Richard Ackner. Familiendruck und für Siebenbürgische Bibliothek Gundelsheim. 2001. 86 Seiten im DIN-A4-Format.


Albert Reinhardt

Erinnerungen niederzuschreiben ist in, wie man heute zu sagen pflegt, und wenn sie auch aufs geographische und soziale Umfeld des Autors Bezug nehmen, sind sie bestimmt nicht nur für die Familie von Interesse. Der vorliegende Band hat für uns Schäßburger dokumentarischen Wert, weil er erstens eine Persönlichkeit vorstellt, die Jahrzehnte lang zum Stadtbild gehört hat, und zweitens Ereignisse in unserer Stadt, die den meisten nicht mehr bekannt sein dürften, aus der Sicht eines ihrer Bewohner schildert. In den Erinnerungen, Erzählungen und Anekdoten steckt der sprichwörtliche Schäßburger Humor, der die Lektüre angenehm würzt.

Albert Reinhardt, genannt Pretz, war Anfang des 20. Jahrhunderts Polizeihauptmann, Stadthauptmann von Schäßburg, und wurde 1919, nach dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien, im Alter von nur 39 Jahren von den neuen Machthabern in den Ruhestand versetzt. Bis zu seinem Lebensende - er starb 1961 mit 81 Jahren - hat er nie mehr eine Arbeitsstelle angenommen; er lebte von seiner bescheidenen Pension. (Auf die Frage eines Kindes, warum er in seinem Leben nie gearbeitet habe, antwortete er mit einer Gegenfrage: "Kannst du mir sagen, mein liebes Kind, warum ich hätte arbeiten sollen?") Pretz unternahm täglich seinen Spaziergang über den Marktplatz, wurde von Jungen und Alten gegrüßt, war über alles Geschehen bestens informiert, unterhielt sich gerne und erzählte mit viel Witz Anekdoten über andere Schäßburger Originale. In Männergesellschaft beim Früh- oder Dämmerschoppen sowie in Damenkränzchen war er als guter Unterhalter gerne gesehen.

Der erste, umfangreiche Teil des Buches (52 Seiten) enthält Erinnerungen von Reinhardt Pretz, seine Erinnerungen, die er selber niedergeschrieben hat. Er erzählt über seine Großeltern und Eltern, über Ereignisse, die diese ihm erzählt hatten, schildert seine Kindheit und Jugendjahre und schließlich Ereignisse in der Stadt aus seiner Zeit als Stadthauptmann. Seine zu Papier gebrachten Erinnerungen brechen ab mit dem 19. Dezember 1918, dem Einzug rumänischer Truppen in Schäßburg. "Das alte Vaterland ist tot. Mit ihm meine hohen beruflichen Ziele", stellt er zum Schluss fest. Auch das Kapitel "Jurastudium und Polizeihauptmann in Schäßburg" (bis zum Ersten Weltkrieg) enthält bloß wenige Zeilen - wurde es nicht geschrieben, oder ist es verloren gegangen?

Von Reinhardt Pretz' Erinnerungen sind für den heutigen Leser die Kapitel über seine Schulzeit, über Schäßburger Bräuche wie Skopationsfest und Richttag sowie vor allem jene über den ersten Weltkrieg - die Aufgaben der Polizei, Behandlung verwundeter Soldaten in Schäßburg, Flucht der Schäßburger vor den anrückenden rumänischen Truppen 1916, deutsche Division in Schäßburg, der österreichisch-ungarische Thronfolger Karl und der bayerische König Ludwig zu Besuch in Schäßburg - von besonderem Interesse. Im zweiten Teil ergänzt Richard Ackner die Lebenserinnerungen von Reinhardt Pretz mit Erinnerungen über ihn (von Elisabeth Hering, geb. Leicht, Ernst Graef und Walter Roth), mit Anekdoten, einer "Räubergeschichte von anno 1914" und dem Gedicht von Hans Balthes (Verse) und Julius Misselbacher (Illustration) zu Reinhardt Pretz` 80. Geburtstag am 23. April 1960. Beigefügt sind, wie könnte es bei einem Herausgeber, der sich auch auf genealogischem Gebiet verdient macht, anders sein, Ahnentafeln der Familie Reinhardt. Es ist das Verdienst von Richard Ackner, die Erinnerungen von Albert Reinhardt Pretz in Buchform herausgegeben, in der Bibliothek in Gundelsheim hinterlegt und so vor dem Verlorengehen bewahrt zu haben.

Das Buch liegt in der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim auf, und in den "Schäßburger Nachrichten" werden wir in Zukunft mit der freundlichen Einwilligung des Herausgebers gerne einiges daraus abdrucken.


Horst Breihofer (Nürnberg)

 

 

balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2003-08-01 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg