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Schäßburg im Wandel der Zeit
Zum Heimattag in Dinkelsbühl, Pfingsten 2003
Was war, was ist und wie geht es weiter?
Das Heimattreffen an Pfingsten 2003 in Dinkelsbühl stand unter dem
Motto "Partner in Gemeinschaft" und wurde vom Verband
der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften"
e.V. durchgeführt. So war auch die HOG Schäßburg aufgerufen,
Flagge zu zeigen, sich zu präsentieren und sich zu artikulieren.
Im Auftrag der HOG Schäßburg stellte Günter Czernetzky
eine Fotoausstellung zusammen, die mit dem Titel "Schäßburg
- im Wandel der Zeit" einen Bogen über 150 Jahre Baugeschichte
einer siebenbürgischen Stadt spannte. Die Ausstellung, erfreulicher
Weise sehr gut besucht, umfasste historische Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert,
dokumentierte Veränderungen und Ereignisse im 20. Jahrhundert, Stimmungsbilder
von heute luden den Betrachter zum Verweilen ein. Zur Orientierung und
Zuordnung der Bilder im Stadtbild verhalfen Stadt- und Umgebungspläne
und die unübertreffliche perspektivische Handzeichnung der Burg von
Kurt Leonhardt.

Günter Czernetzky eröffnet die Bildausstellung
"Schäßburg im Wandel der Zeit" (Foto: SZ)
Dinkelsbühls Oberbürgermeister Otto Sparrer, der im Zusammenhang
mit der angestrebten Städtepartnerschaft Schäßburg besucht
hatte, kam in seiner Eröffnungsansprache fast ins Schwärmen.
Die Bilder von Ludwig Schuller, Betty Schuller, Hermann G. Roth, Hermann
und Hellmut Fabini, Helmut Müller, Walter Lingner und vielen anderen
zeugen von Verehrung, Sorge und Leid. Dokumentiert werden Veränderungen
in der historisch gewachsenen Stadtarchitektur, Systematisierungen, die
vier verheerenden Überschwemmungen im vorigen Jahrhundert und ihre
Folgen.
Es drängt sich aber auch die Frage auf: Wie wird Schäßburg
morgen aussehen? Zumindest wird die bekannte Silhouette der Altstadt erhalten
bleiben. Die drohende Hintergrundkulisse mit einem Horrorschloss und Windrädern,
über die Jahrhunderte alten Eichen hinausragend, bleibt uns erspart.
Was angesagt ist, sind Restaurierungen, Ertüchtigungen, behutsames
Bauen im Bestand und Modernisierungen.
Anlässlich der zahlreichen Veranstaltungen des Heimattages, beschworen
in Ansprachen und Grußworten, jeder aus seiner Sicht, in
siebenbürgischem und europäischem Zusammenhang, die Themen Partnerschaft
und Gemeinschaft: Michael Konnerth als Vorsitzender des Verbandes Siebenbürgisch-Sächsischer
Heimatortsgemeinschaften, Otto Sparrer, Oberbürgermeister der Großen
Kreisstadt Dinkelsbühl, Erika Steinbach, MdB, Präsidentin des
Bundes der Vertriebenen, in bestem Deutsch Adrian Vierita, der rumänische
Botschafter in Berlin, Dr. Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen
Forums der Deutschen in Rumänien, Dr. Christoph Machat, Vorsitzender
des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats e.V., Prof. Dr. Ioan
Opris, Staatssekretär für Kultur und Kultus, Volker Dürr,
Bundesvorsitzender der Landsmannschaft, Prof. Dr. Hans Klein, evangelischer
Bischofsvikar aus Hermannstadt, Frau Susanne Kastner, Vizepräsidentin
des Deutschen Bundestages, Frau Dr. Anette Schavan, Ministerin für
Kultur, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg, u. a. Dabei
wurde immer wieder auf die Brückenfunktion der Siebenbürger
Sachsen und Banater Schwaben verwiesen.
Konkreter und auch auf Schäßburg bezogen wurden die Beiträge
der Podiumsdiskussion "Grenzen überwinden - Brücken
bauen". Moderator OB Sparrer, sein Kollege Jakob Entholzner,
Bürgermeister der Hermannstädter Partnerstadt Landshut, Prof.
Hans Klein und Dr. Porr gingen auf die Probleme der Städtepartnerschaften
ein.
In Diskussionsbeiträgen berichteten Michael Konnerth über die
Rolle der HOGs, Günter Czernetzky über die Initiativen des Bergschulvereins
und Hermann Theil über die Arbeit und den Einsatz der HOG Schäßburg.
Im festlichen Rahmen der evangelischen Paulskirche in Dinkelsbühl
haben Dr. Christoph Machat, ein gebürtiger Schäßburger,
als Vertreter des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats, und
Staatssekretär Prof. Dr. Ioan Opris, als Vertreter der rumänischen
Regierung, ein Kulturabkommen unterzeichnet, das nach jahrelangen
Verhandlungen die institutionelle bzw. rechtliche Grundlage der zukünftigen
Sicherung des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes festschreibt.
Im Abkommen heißt es unter anderem: "Die Besinnung auf die
Vielfalt und den Reichtum der regionalen Kulturen als Bestandteil und
Wesensmerkmal des gesamteuropäischen Kulturerbes ist eines der wichtigsten
Ergebnisse des europäischen Einigungsprozesses. Siebenbürgen
ist ein Musterbeispiel einer europäischen Kulturlandschaft, deren
kulturelles Erbe aus dem historischen Beitrag der hier zusammenlebenden
rumänischen, ungarischen und deutschen Bevölkerung erwachsen
ist. Zum Verständnis und langfristigen Erhalt ihrer Eigenart ist
die Sicherung und Pflege des jeweiligen spezifischen Kulturgutes ebenso
unabdingbar wie der kulturelle Austausch untereinander, der die Zusammenarbeit
zwischen den Völkern und das Verständnis für die Kultur,
das Geistesleben und die Lebensformen anderer Völker fördert."
Um Abkommen mit Leben zu erfüllen, bedarf es sicherlich des Verständnisses
für die Belange des Vertragspartners. Die HOG Schäßburg
hat sich mehrfach zu einer Brückenfunktion bzw. als Vermittler
zwischen hier und dort bekannt; das in Kenntnis der jeweiligen Geschichte,
der Traditionen, Lebensart wie auch der unterschiedlichen Entwicklungen
in den Nachkriegsjahren.
Aufgrund der vielen Stellungnahmen können wir uns in unseren bisherigen
Aktionen bestätigt und ermutigt fühlen, weiter zu machen.
Als eingetragener Verein mit über 840 Mitgliedern ist die HOG Schäßburg
in ihren satzungsgemäßen Zielen nicht nur im humanitären
Bereich aktiv, sondern auch der Sicherung der materiellen und imateriellen
Werte unserer Gemeinschaft verpflichtet, wie z. B. der heute zum Weltkulturerbe
zählenden Altstadt. Dazu gehört natürlich nicht nur eine
partnerschaftliche Zusammenarbeit mit kirchlichen, sozialen und kulturellen
Einrichtungen, sondern auch die Pflege und der Ausbau der Kontakte zur
Schäßburger Stadtverwaltung.
Wir haben von aller Anfang an die von der Landsmannschaft angeregte Städtepartnerschaft
zwischen Dinkelsbühl und Schäßburg unterstützt. Wir
haben die ersten Kontakte zwischen den Städten begleitet und beiden
Seiten pragmatische Anregungen zur Ausgestaltung der Beziehungen gegeben.
Wie alle siebenbürgisch-sächsischen Städte, so hat auch
Schäßburg über Jahrhunderte hinweg Bindungen zu dem, was
wir heute "Westen" nennen, gehabt. Es waren die Lehrer und Pfarrer,
Kaufleute und Techniker, Handwerker und Landwirte, die nach ihrer Ausbildung,
meistens in Deutschland oder Österreich, das Gelernte in ihrer Heimat
umsetzten und auch gleichzeitig eine gewisse Weltoffenheit als Geisteshaltung
begründeten. Dank dieser Tradition ist wohl auch die Auszeichnung
Schäßburgs 1999 mit der Europaflagge zu verstehen.
Nach fünf Jahrzehnten der Isolation hat Rumänien nach der Wende
die Chance, sich dem Westen zu nähern, ja sich nach dem geplanten
EU-Beitritt dazu zu zählen. Im Sinne unserer genannten Ziele ist
das zu begrüßen. Es kann nicht in unserem Interesse sein, wenn
Rumänien und damit auch Schäßburg ausgegrenzt werden,
materiell und geistig weiter verarmen. Die Sicherung des Schäßburger
Kulturgutes wäre gefährdet, wenn die Erben einer 800 Jahre alten
deutsch geprägten Kulturlandschaft sich mit dieser nicht identifizieren
würden.
Die Städtepartnerschaft Dinkelsbühl - Schäßburg
bietet die Möglichkeit auch in dieser Beziehung etwas zu bewegen.
Auf lokaler Ebene ist eine Städtepartnerschaft, zunächst auf
ideeller Basis, auch ein Schritt zur europäischen Integration. Die
heute in Schäßburg lebenden Bürger können durch persönliche
Kontakte auf allen Ebenen - Jugend, Kultur, Wirtschaft - Beispiele für
tatkräftige Initiativen zur Entwicklung des Gemeinwesens in Augenschein
nehmen. Das fördert auch den gegenwärtigen Lernprozess, nicht
darauf zu warten, dass "die da oben" was tun, sondern selbst
anzupacken. Schäßburg muss seine Attraktivität in jeder
Hinsicht verbessern, um Investoren und Touristen anzulocken, um Arbeitsplätze
zu schaffen, um Geld zu verdienen, um letztlich, wenn auch mit fremder
Hilfe, selbst das kulturelle Erbe erhalten zu können.
Aus Verpflichtung zu unseren in Siebenbürgen verbliebenen Landsleuten,
aus Fairness den zahlreichen interethnischen Familien und unseren ehemaligen
Nachbarn und Kollegen gegenüber müssen wir den Schäßburgern
die Hand reichen und sie auf dem nicht leichten Weg nach Europa begleiten.
Das von Oberbürgermeister Otto Sparrer persönlich geförderte
Jugendlager 2002 der Dinkelsbühler Partnerstädte bot der HOG
die Gelegenheit, der Generation, die in Zukunft das Erbe von über
acht Jahrhunderten deutscher Siedlungsgeschichte pflegen wird, die Teilnahme
zu ermöglichen und damit zur Erweiterung des Bildungshorizonts beizutragen.
Nach der gelungenen Vorstellung der Schäßburger Jugendlichen
werden sie auch 2003, diesmal in einer tschechischen Partnerstadt, zusammen
mit den Dinkelsbühlern auftreten.
Es ist zur Tradition geworden, zu den alle drei Jahre stattfindenden
"Schäßburger Treffen" eine Delegation aus Schäßburg
begrüßen zu dürfen. Sie setzt sich zusammen aus Vertretern
des Stadtrates mit dem Bürgermeister an der Spitze, Vertretern der
Ev. Kirche, der deutschsprachigen Schule, des Demokratischen Forums der
Deutschen, Freunden, Verwandten und Bekannten. So erwarten wir Ende September
zu dem letztmals in Fürth stattfindenden Treffen eine repräsentativ
besetzte Besuchergruppe aus Schäßburg. Unsere zukünftige
Partnerstadt wird auch wieder vertreten sein und hat bereits zu einem
Wiedersehen in drei Jahren in Dinkelsbühl eingeladen.

Hermann Theil überreicht im Namen der HOG-Schäßburg
Otto Sparrer, Oberbürgermeister von Dinkelsbühl, den
Städtegeschichte-Atlas Rumäniens, Schäßburg (Foto:
SZ)
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass unsere HOG der Stadt Schäßburg
eine partnerschaftliche Zusammenarbeit angeboten hat, u.a. im Rahmen des
von der UNO initiierten weltweiten Projektes Agenda 21 zur nachhaltigen
Entwicklung. Wir werden auf Wunsch mit Fachleuten aus unseren Reihen die
interdisziplinären Arbeitsgruppen beraten. Diesem Bürgerforum
gehören neben Vertretern aus der Wirtschaft, aus sozialen und kulturellen
Einrichtungen, der Kirchen, der Minderheiten, der Presse, der Gewerkschaften
auch der lokale Zweig des Bergschulvereins an, des Mihai-Eminescu-Trusts,
England, des Rotary-Clubs, der Stiftung Veritas, USA, sowie der Bürgerinitiative
"Sighisoara Durabila".
Das Beispiel Dracula-Park in Schäßburg hat gezeigt, dass es
auch 13 Jahre nach Ende der Ceausescu-Diktatur noch Kräfte gibt,
die gewollt oder aus Unkenntnis historischer Tatsachen bereit sind, 800
Jahre deutscher Siedlungsgeschichte mit zweifelhaften Legenden zu übertünchen.
Die Geschäftsidee mit der Umwidmung der Törzburg zum angeblichen
Sitz des legendären Grafen spricht für sich.
Zum Glück gibt es noch ausreichend viele "Altschäßburger"
verschiedener ethnischer Zugehörigkeit, Leute mit materieller und
emotionaler Bindung zu Schäßburg, die auch bei der Vermarktung
auf authentische Werte setzen, auf historische Tatsachen und Offenheit.
Als Beispiele können das Wochenblatt "Jurnalul Sighisoara Reporter"
(JSR) und die Bürgerinitiative "Dauerhaftes Schäßburg
- Sighisoara Durabila" genannt werden, zu denen die HOG intensiven
Kontakt pflegt.
In der Absicht europäischer Bewusstseinsbildung wurde, wie bereits
berichtet, ein Mitarbeiter des JSR von der HOG nach Deutschland eingeladen.
Wir haben ihn betreut und begleitet in Ortschaften, die gewisse Parallelen
zu Schäßburg aufweisen, wie z. B. unter Denkmalschutz stehende
oder zum Weltkulturerbe zählende Altstädte.
Einige nüchterne Zahlen zum Schluss: Im März 2003 fand
in Rumänien eine Volkszählung statt. Das Land hat in den letzten
10 Jahren 1 Million Einwohner verloren, davon Schäßburg rund
4000. Laut Statistik zählen sich von den heute 32 287 Einwohnern
noch 613 zur deutschen Minderheit (neben 24 556 Rumänen, 5904 Ungarn,
1161 Roma und 100 sonstiger Volkszugehörigkeit).
Trotzdem gibt es heute noch deutschsprachigen Unterricht in allen Jahrgangsstufen
an der fast 500 Jahre alten deutschen "Bergschule". Keine
5% der Schüler kommen aus Familien deutscher Volkszugehörigkeit
oder interethnischen Familien. Als Begegnungsschule, als ein Tor zu Europa
ist diese Institution jedoch von der Mehrheitsbevölkerung gewollt.
Wie berichtet, wurde das Schulgebäude kürzlich aus Mitteln
privater Stiftungen, Vereinen und Betrieben renoviert und nach deutschem
Standard ausgestattet. Der vom Allgemeinen Deutschen Kulturverband, Wien,
geförderte Deutschunterricht an der Bergschule soll ebenfalls dem
Verständnis für Kirchenburgen und anderen deutschen Kultureinrichtungen
dienen.
Es ist auch in unserem Sinne, dass nun auch die Inhalte in der Bergschule
das gleiche Niveau erreichen, dass der Geist, der den Ruf dieser Schule
geprägt hat, fortbestehen möge.
Hermann Theil (Weinsberg)

Letztes Update: 2003-07-30
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
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