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Schäßburgs Baumgärten -
Folge 3
Wie es einst war
Nach einer allgemeinen Beschreibung der Baumgärten(in
"Schäßburger Nachrichten" 18/1.12.2002) erscheinen
in Fortsetzung:
Erinnerungen und Erlebnisberichte in Wort und Bild in der Reihenfolge
der Eingänge.
Hier die 3. Folge mit Beiträgen von: Hosemsloch und Fuchsloch (Dr.
Rolf Schneider), Im Vogelsgesang (Liese Alexiu), Kulterberg (Gertrud Kestner),
Wench, Kreuzberg, Scherkes (Richard Löw) und Santesfeld (Otto Rodamer).
Als Abschluss dieser Reihe werden die Beiträge: Rohrau
(Kurt Leonhart), Lotzische Hülle (Liese Alexiu), Postland (Christian
Pomarius), Musler (Horst Breihofer) und eine Abhandlung über die
Pomologen Schäßburgs (Hedwig Deppner) in der Juni 2004 Ausgabe
erscheinen.

Im Wolkendorfer Grund, das Hosemsloch und der Vogelgesang.

Das Hosemsloch unter dem Jungkernberg.
Im Hosemsloch und Fuchsloch
Erinnerungen von Dr. Rolf Schneider
"Uns're Fahrt in's Hosemsloch,
Wo Jeder frische Luft einsog,
In dem 83-Jahr,
Als die grosse Hitze war."
Motto:
Freiheit liebt das Tier der Wüste,
Frei im Aether herrscht der Zeus,
Selbst Menschen ziehet dies Gelüste,
In's Freie wenn die Tage heiss.
Frische Luft nun zu geniessen,
In den Grund uns niederliessen,
In das grüne Hosemsloch,
Wo Jeder frische Luft einsog.
Diesen Tag nicht zu vergessen
Halte ich für angemessen,
Unsere Fahrt mir zu notieren,
Dichterisch thu ich's probieren.
Dreispännig war unser Wagen
Die Inschrift that es ja auch sagen,
Mit Blumen war er selbst versehen.
Was gar nicht übel thäte stehen.
Doch gegen des Geschickes Mächten,
Ist kein ew'ger Bund zu flechten;
Denn das Unglück schreitet schnell,
Die Inschrift fiel von ihrer Stell.
Die Blumen thaten wir verlieren,
Die unsern Wagen eben zierten,
Dies that ein wenig uns doch kränken,
Was man sich ja am End kann denken.
Doch schlossen wir nicht unsern Mund,
Denn singend fuhren wir in den Grund,
Machten auch 'ne Fusspartie,
Zu erleichtern es dem Vieh.
Denn die Strasse stieg zu sehr,
Deshalb ging der Wagen schwer,
In dem Grund nun angekommen,
Ward sogleich die Axt genommen.
Grüne Reisig abgehauen,
Eine Laube zu erbauen;
Die Küche ward von uns bestritten,
Fleisch zum Braten schnell geschnitten.
Es währte eine gute Stund,
So speisten wir schon unsern Mund,
Bei Tisch liess man manch' Witze los,
Eine Rede hielt auch Adolf Gross.
Both Fritz öffnete auch den Mund,
Verglich viel einem tollen Hund,
Plötzlich fiel es Jedem ein,
Uns zu ergötzen in dem Hain.
O, wie göttlich anzusehen,
Von den dort'gen Rudolfshöhen,
Die Natur in ihrer Pracht,
Wie die Saat auf den Feldern lacht.
Unsern Schöpfer thät ich loben,
Könnt ich immer sein da oben,
Könnt es doch was Schön'res geben,
Als dort am Waldesrand zu leben.
Hier verblieben wir zwei Stunden,
Da erscholl aus unsern Munden,
Lasst uns hinunter gehen,
Nach der Küche wieder sehen.
Manch Küchenpein ward nun erlitten,
Ueberhaupt beim Backen der Kletitten,
Die Hitze war so furchtbar gross,
Dass der Schweiss den Köchen floss.
Wer von uns die Köche waren,
Kann von mir Niemand erfahren,
Es sind der Namen all zu viel,
Nach dem Essen ging's zum Spiel.
Unser Spielen, unser Treiben,
Alles kann ich nicht beschreiben,
Denn wir trieben allzuviel,
Tanzten auch denn Quadrill.
Wie die Damen man that kennen,
Einen will ich blos benennen,
Dieser aus dem Damenviertel,
Trug sogar auch einen Gürtel.
Wie sein Name? War's nur - Holla!
"Weiss schon, er hiess ja Karolla."
Uebten uns sogar im Springen,
Mancher wollt' die Kunst erzwingen.
Fiel dabei in's grüne Gras,
Und begrub sich seine Nas',
Aeste von 'nem Baume reissen,
Hos' und Hemd dabei zerreissen.
Sprangen über'n Haufen Heu,
Man verlor 'ne Dos dabei,
In die Wette ward gelaufen,
Das wir furchtbar thaten schnaufen.
Lächerlich war anzusehen,
Unser hintereinander gehen,
Einer fehlte in der Schaar,
Weil er krank am Rachenkatarrh.
Setzten uns dann in das Gras,
Machten dort noch manchen Spas,
Setzten uns 8 Uhr zum Schmaus,
Fuhren erst 10 Uhr nach Haus.
Liebe Freunde jung an Jahren,
Die wir da beisammen waren,
Heil uns bis das Auge bricht,
Diesen Tag vergess ich nicht.
Ist dies Gedicht nicht sehr famos,
Gedichtet ward's von Adolf Gross,
Er macht Stiefel und auch Schuh;
Er ist sogar Poet dazu.
Adolf Gross, 1883
Im Fuchsloch
1881 starb der Vater von Grißi, Georg Graef, das Haus in der Hüllgasse
wurde verkauft, der Erlös auf die drei Geschwister aufgeteilt. Urgroßmutter
Caroline geb. Grünanger kam zu Grißi in die Kleingasse und
hat hier noch 34 Jahre in dem kinderreichen Haus fleißig geholfen.
Von ihren Enkeln und Urenkeln geliebt und verehrt. Sie wurde Bibegrißi
genannt.
Mit der Erbschaft von diesem Hause wurde, so glaube ich, der Baumgarten
im Fuchsloch gekauft, an welchem Alt und Jung viel Freude hatten. Es ist
der Fünfte rechts, wenn man ins eigentliche Fuchsloch einbiegt, auf
der Talseite. Die Bergseite war damals bis hinauf zu den drei Birken (Zitadellchen)
mit Weingärten bepflanzt. Der Bangert, wie wir zu sagen pflegen,
war zwischen dem Birkischen und dem Augustinischen, reichte bis in den
Graben, der auch die Grenze vom Lehrer Theilschen bildete.

Bad im Bottich im Fuchsloch 1905, die Frauen Emilie Seraphin,
Mausi Frank und Therese Abraham - Archivbild

Apfelernte im Fuchsloch bei den Graefs - Archivbild
Für uns war es der ideale Baumgarten, da er mühelos zu erreichen
war, aber auch die weiter wohnenden Enkel kamen an schönen Sonntagen
heraus. Ein Gartenhaus mit zierlichen Schnitzereien und einem geräumigen
Vorbau, der mit Jasmin und rosablühenden Schlingpflanzen umgeben
war, stand unter einer mächtigen Linde, an deren Stelle steht jetzt
eine etwa fünfzigjährige Eiche, vom Häuschen ist nichts
mehr übrig.
Im Schatten der Linde stand ein großer ovaler Tisch, an dem die
zahlreiche Sippe genügend Platz hatte.
Hier saßen die Alten und debattierten über die Schwachsinnigkeit
und Beschränktheit des Russischen Zaren, dem sein Land vom Schwarzen
Meer bis zur Beringstraße, von Petersburg bis Sachalin, oder Nowaja
Semlja bis zur Mongolei nicht groß genug war. Nein, er wollte auch
die wenigen, außerhalb Russlands lebenden Slawen, mit seiner Knute
segnen.
Daß der Kommunismus hier Fußfassen konnte, ist sein und seiner
Schargen Verdienst, nur daß nun aus Hunderten, Tausende wurden,
ganz wie im "Zauberlehrling, Besen, Besen, seis gewesen."
Wir Kinder spielten unbeschwert, ließen uns von den Tanten Kradernetze
aus Binsen flechten, oder von Onkel Friedrich zeigen, wie man ein Weiden-Flierchen
macht. Jeder hohle Baum und jeder Busch wurde nach Nestern durchsucht.
Im Mai zur Apfelblüte und im Herbst herrschte hier reges Leben, da
waren zuerst die gestreiften Sommereisäpfel, dann der so gut duftende
Astrachen, der Poß- und der Blauapfel, Poinik-, Batul-, Kürbis-,
Weiß-, Pfarrer-, Zitronen-, Muijels- und Alaunknorzenapfel, die
beiden letzten und der Weißapfel trugen unverdrossen jedes Jahr.
Ein sehr seltener und wohlschmeckender Apfel, der Türkisch Muskateller,
stand rechts und ein Nußbaum links der Einfahrt.
Zur Apfelernte waren die Grißi, die Petrifamilie und wir immer dabei,
die Leonhardt's hatten mit den eigenen Baumgärten genügend und
verzichteten. Die schönsten wurden ausgelesen und aufgeteilt, die
übrigen zum Keltern in Säcke gefüllt und in die Mosterei
gefahren, wenn es sehr viele waren, im Häuschen aufbewahrt, bis der
Schnapsbrenner vom Ungefug Zeit hatte sie zu holen, zum Zählen der
Viertel wurde ich mitgeschickt, ob ich damals 9 Jahre alt, immer richtig
gezählt habe, ich bin mir nicht sicher, aber so genau wurde nicht
gerechnet, schenkte man in gesegneten Jahren oft an Nachbarn ohne Garten
gern einige Bäume zum selber ernten. ...
Im Vogelsgesang
Erinnerungen von Lieselotte Alexiu geb. Zielinski
Viele Märchen beginnen mit den Worten "es war einmal...".
Meine Kindheitserinnerungen sind auch wie aus einem Märchen, erlebt
- gelebt an einem ganz besonderen Fleckchen Erde: dem VOGELSGESANG! Mein
Großvater, Josef Zielinski, hatte im vor-vorigen Jahrhundert das
Grundstück im WOLKENDORFER-GRUND mit Obstbäumen, einer großen
Feldscheune, einem kleinen Bauernhaus und Stall erstanden. Er nannte es:
VOGELSGESANG! Die große Scheune ließ er ausbauen, und so entstand
das "Herren"-Sommerhaus, bestehend aus großem Wohn-, großem
Schlafzimmer, einem kleineren Zimmer, einer Küche und einer riesig
großen Veranda. Über dem Hauseingang konnte man von weitem,
die vom Großvater, mit weißer leuchtenden Ölfarbe geschriebenen
Worte: "Grüß Gott" lesen. So war mein Großvater,
fröhlich und immer für Späße aufgelegt.
Jedes Jahr verbrachten wir die Sommermonate mit meinen Eltern, meiner
Schwester ERIKA, von mir liebevoll "ERI" genannt, meinen beiden
Vettern KARLCHEN (Kötsch) und WALTI (ich konnte das "R"
nicht aussprechen, und so ist er für mich bis heute der WALTI geblieben)
im VOGELSGESANG. Es waren herrliche unbeschwerte Tage. Wir kletterten
auf Bäumen herum, bauten aus Zweigen eine Kalipp (rum. coliba = Hütte),
sammelten Beeren und Pilze im Wald, spielten "Räuber und Gendarm"
und lümmelten in der Hängematte. Bei Regenwetter spielten wir
auf der Veranda. Mein unvergessner Vetter KARLCHEN formte aus Lehm die
wunderbarsten Tiere: Vögel, Hunde, Hasen. Als Glanzstück modellierte
er ein großes Schiff. Er war schon damals ein kleiner Künstler.
Stundenlang konnten wir den im Stall hausenden Kaninchen zusehen. Es gab
noch Hühner, Schweine, Kühe, ein Pferd (die BERTA) und zwei
Hunde (CUTZU UND FRUNZA). Mit ihnen rannten wir um die Wette über
die Wiese bis zu dem kleinen Bach, der durch das Grundstück floss.
WALTI war während dieser Zeit mein liebster Spielgefährte, und
wir sind bis heute eng befreundet.

Das Zielinskische Anwesen im Vogelsgesang. - Archivbild
Wenn der Sommer sich dem Ende zu neigte und das Kukuruz (Mais) zu reifen
begann, hörten wir Kinder, wenn wir abends in unseren Betten lagen,
SARIE, unseren Hälftler, am Waldrand in sein Horn blasen und dazu
die Hunde bellen, um damit die Wildschweine von den Maisfeldern abzuhalten.
Es war richtig gruselig.
Den alljährlichen Abschluss unseres Sommerferien-Aufenthaltes im
VOGELSGESANG war die Obsternte. Jeder half mit. Auch wir Kinder. Die geernteten
Äpfel wurden vorsichtig in Heu gebettet, auf den Kuhwagen verladen
und in die Stadt geführt, wo Lenchentante sie fachgemäß
einkellerte.
Für die Winterzeit wurde das Sommerhaus verschlossen, die Fensterläden
verriegelt. In der serigla (Rückleiter des Wagens) sitzend fuhren
wir Kinder in die Stadtwohnung. Der Sommer war vorbei. 1944 war es unser
letzter Sommer im VOGELSGESANG!
Heute noch, nach so vielen Jahren, sind meine Erinnerungen so lebendig
geblieben als sei es erst gestern gewesen. Wenn sich heute ein Wanderer
in den Baumgarten verirrt, findet er weder Baum noch Strauch, weder Haus
noch Stall, noch Hasen - und kein Vogel singt! Es ist still geworden im
VOGELSGESANG!
In der Wench, Kreuzberg und Scherkes
Erinnerungen von Richard Löw
Ein Baumgarten alten Stils war das Anwesen in der "unteren Wench".
Von der Marienburger Straße abzweigend führte die Straße
durch die Wench nach Großalisch. Am Anfang lag das "Kottre
Bäschken" und dann folgten die Baumgärten.
Unser Baumgarten lag am Hang, am Anfang der Wench. War etwa 4 Joch (ca.
2 Ha) groß, mit Obstbäumen bepflanzt. Im oberen Teil befand
sich eine kleine Gruppe von wildgewachsenen Zwetschgenbäumen, aus
deren Früchten im Herbst der gute und beliebte "Pelsenpali"
gebrannt wurde, von dem die Arbeiter zu Arbeitsbeginn und Feierabend je
ein "Stampel" bekamen. Als Kind sah ich dieser Prozedur des
öftern bewundernd zu und wünschte mir: "Wenn ich mal groß
bin, trinke ich mit!" Es wurde aber leider nichts draus. Als ich
groß war, waren die Kommunisten am Werk und alles andere Vergangenheit!
Früher fuhr man im Sommer nicht nach Mallorca, sondern in den Baumgarten.
Den ganzen Tag in der frischen Luft. Ernährte sich von Obst und Gemüse
und konnte dann im Herbst frisch gestärkt dem Winter entgegensehen!
Dieser Baumgarten in der Wench war bei uns Kindern besonders beliebt,
weil das Badevergnügen der Kokel lockte und man sich da den ganzen
Tag im Wasser tummeln konnte. So hatten wir auch häufig Besuch von
Freunden aus den Kokelfernen Baumgärten. Wie wurden wir da von denen
aus dem Wolkendorfer Grund oder Ungefug beneidet.
Mitten im Grundstück stand das "Beangerthaus", das Wohnhaus
mit einer einzigartigen, angenehmen Besonderheit. Wir hatten fließendes
Wasser im Haus! Und das kam so: Als man das Haus erbaute, ärgerte
man sich über eine ständig feuchte Stelle im Keller. Bis man
erkannte, das ist ja eine Quelle! Kurzerhand ummauerte man sie, machte
einen Abfluss unter dem Haus hindurch und fertig war das fließende
Wasser im Haus, mit glasklarem, kühlem Trinkwasser. Sehr zur Freude
der Frauen, welche nun nicht mehr das Wasser von einem tiefergelegenen
Brunnen heranschleppen mussten.

Landhaus Löw in der Wench. - Archivbild
Eine ganz andere Art von Baumgarten war das Anwesen Kreuzberg-Scherkes.
Dieses war 4,9 Ha groß und nicht eingezäunt und somit für
Jedermann begehbar, also auch erntebar. Im Herbst "bedienten"
sich so manche von dem Apfelsegen... Einmal sah mein Vater einem Bürger
zu, wie er einen Baum aberntete. Auf die Frage, was er da mache, die Antwort:
"Ich ernte meine Äpfel, aber was geht Sie das an?" So kann
es auch gehen!
In den 40er Jahren wurde auf dem Kreuzberg eine Baracke errichtet und
diente den Lehrjungen als Wohnheim.
In den gleichen Jahren hatte die CFR (rum. Staatsbahn) große Pläne
mit dem Scherkes, wollte hier einen Güterbahnhof bauen.
Wie so vieles blieb auch dieses nur Stückwerk. Quer durch die Äcker
wurde ein Gleis angelegt. Sonst nichts, und dient heute als Abstellgleis
für ausgemusterte, verrostete Loks. Von jedem Schäßburg-Besucher
zu bewundern!
Am Santesfeld
Erinnerungen von Otto Rodamer
Im Alter von dreizehn Jahren habe ich 1949 Schäßburg verlassen
"müssen". Als einer der ersten Familien konnten wir, meine
Mutter, meine Schwester und ich im Rahmen der Familienzusammenführung
zu meinem Vater nach Hamburg. Es war eine sehr schwere Entscheidung. Es
zeriss die Bindung zu meinen Freunden, die einem Dreizehnjährigen
alles bedeuteten. Mit fast der ganzen Schulklasse nahm ich auf der Lönskuppe
Abschied von der Gegend, wo ich eine lange Zeit eine Kindheit verleben
durfte, wie sie kein Buch interessanter hätte beschreiben können.
Mein Sepp-Onkel, Josef West, hatte hier einen wunderbaren landwirtschaftlich
bewirtschafteten Hof, der in der Mitte der Höfe der beiden anderen
Brüder Hermann und Fred lag.
Gleich mit Beginn der Schulferien ging es aufs Santesfeld. Schon das Hinkommen
war abenteuerlich. Von der Westischen Fabrik mit Auto oder auch mit der
Pferdekutsche durch die bezaubernde Landschaft.
Dort angekommen, wurde die Familie Drechsler begrüßt, die dort
die Pferde, Kühe, Schweine, Hühner, Hunde und auch die Felder
versorgten.
Uns Kinder aus der Stadt, wir waren stets mehrere, wurde die Natur und
auch die Landwirtschaft durch den langen Aufenthalt nahe gebracht. Es
gab einen Pferde- und Kuhstall, einen Schweinestall, ein Gebäude
für den Verwalter, und ich entsinne mich noch an einen Webstuhl,
der dort aufgestellt war und an dem Frau Drechsler webte, was wir Kinder
mit staunenden Augen betrachteten. Es gab noch eine große Scheune
für Stroh und Heu, wo wir auch so manche Nacht geschlafen haben.
Es gab noch ein Wohngebäude mit einer gemütlichen Glasveranda
und eine Küche mit einem Backofen für Brot. Unvergesslich, wenn
aus einem Teil des Brotteiges kleine Brote in Kohlblätter eingepackt
und so gebacken wurden. Alle liebten diesen besonderen Geschmack. Im angrenzenden
Wald gab es viele Pilze, die immer wieder schmackhaft zubereitet wurden.

Heuschuppen, Stall und Bienenhäuschen des Sepp West.
Im Vordergrund Otto Rodamer, die geschwister Kleisch und Helli West.
- Archivbild

Sommerfrische pur für Alt und Jung am Santesfeld.
- Archivbild
Vor dem Gebäude war noch ein Blumengarten, der liebevoll angelegt
war, und an den der Gemüsegarten angrenzte. In dieser Nähe war
auch das Bienenhäuschen. Wir erlebten das Schwärmen der Bienen
und auch wie der Schwarm wieder eingefangen wurde. Der Honig stand für
uns Kinder bereit und diente als Speiseeisersatz. Aber auch der Stall
faszinierte uns. Wir erlebten die Geburt von Kälbchen und vom Fohlen,
aber auch den Nachwuchs im Schweinestall. Wir erlebten aber nicht nur
die Geburt, sondern auch wie die Stute zum Hengst gebracht wurde. Dies
wiederum führte zu schweren Diskussionen mit meiner Luise-Tante aus
Hermannstadt, die auch anwesend war und die Meinung vertrat, so etwas
wäre noch nichts für einen Siebenjährigen. Mein Duft, den
ich aus dem Stall verbreitete, ging ihr leicht auf den Nerv, was mich
aber nicht störte. Ihre beiden Töchter Inge und Wiltrud durften
nicht im Stall schlafen, und so konnten sie diese Romantik noch nicht
genießen.
Es brachte sehr viel Spaß, bei der Ernte ein wenig mitzuhelfen oder
mindestens dabei sein zu dürfen. Hier wurde so manch Neues an der
Dreschmaschine oder anderen Geräten ausprobiert, denn Sepponkel war
stets hinter neuen Erfindungen bzw. Verbesserungen her.
Wenn es an die Kokel zum Baden ging, so wurde mangels Telefon ein weißes
Leintuch aus dem oberen Fenster in Richtung des Nachbarhofes von Fred
West gehängt und so bekanntgemacht, dass es zum Baden geht. So schlossen
sich dann auch andere an. Wir lernten verherende Wolkenbrüche kennen
und die nahe Kirche aus Marienburg läutete in diesem Fall die Glocke
aus alter Tradition, um den gefürchteten Hagelschlag zu verhindern.

Baumgarten im Ungefug, Öl v. K. Brandsch.
Neben den vielen Haustieren, den Tieren aus dem Feld und Wald, dem dörflichen
Leben, den vielen Gerüchen lernte ich noch eins hier kennen, die
"menschliche Wärme". Meine liebe Minchentante und der Sepponkel
waren stets liebe und sehr geduldige und herzliche Gastgeber, und wenn
am Wochenende noch zusätzliche Gäste kamen, stets gleichmäßig
freundlich. So mancher von den Wochenendbesuchern fuhr dann erst am Montag
mit dem Pferdewagen, der die Kuhmilch jeden Morgen nach Schäßburg
zum Verkauf brachte, zurück. Was ich hier an Liebe und Wärme
erhalten habe, hat mich sehr geprägt, und mein Herz ist jetzt noch
voll Dankbarkeit und ich zehre noch von all den schönen Erinnerungen.
Leider wurde dieses durch die Enteignung dann alles beendet.
Am Kulterberg
Erinnerungen von Gertrud Kestner, geb. Beer (Gunzenhausen)
Wenn in Schäßburg im Sommer die Schulferien anfingen, flohen
alle, die einen Baumgarten hatten, in ihre Gärten. So auch wir. Mit
einem vollbepackten Handleiterwägelchen zogenwir mit Sack und Pack
und Lilli, unserem Hund, zu Fuß los. Unser Baumgarten lag ungefähr
eine Dreiviertelstunde Fußmarsch entfernt Richtung Schaas. Für
die Zeit der Schulferien, also zwei bis drei Monate, schlugen wir dort
unsere "Zelte" auf.
Der Garten erstreckte sich lang und schmal von der Straße den Hang
hinauf bis zum Wald. Links begrenzte unser Grundstück eine Hecke
aus Stachelküsschen mit zehn Zentimeter langen Stacheln, rechts eine
Buchenhecke.

Häuschen am Kulterberg. Helmut, Willi und Luise Beer
mit
Hedda Plattner und Trudi Beer. - Arcivbild
Der Baumgarten hatte Vaters Tanten gehört, die bei uns in der Hüllgasse
wohnten. Während wir die Sommermonate über im Garten wohnten,
hüteten die beiden alten Damen unser Haus und unsere Katzen. Einmal
pro Woche ging Mutter in die Stadtwohnung, um Brot zu backen. Vater, der
ja keine Ferien hatte, fuhr täglich mit dem Fahrrad ins Geschäft
(Petrowitsch). Das Gartenhäuschen stand auf großen Steinblöcken
und war recht klein. Drei Stufen führten auf die überdachte
Holzveranda, von der aus die Tür ins Haus. In der "Hüttte"
wurde nur geschlafen. Das Leben spielte sich aber kaum im Haus ab, alles
geschah draußen. Der Straße zu gab es ein Vordach - unsere
"Freiluftküche" - mit Lehmboden. Dort kochte Mutter auf
einem Gasherd. Für Licht sorgten zwei Petroleumlampen.
Etwaas abgesetzt vom Sommer-Haus befand sich der Schweinestall. Zwei Schweine
hielt Vater meistens. Ich erinnere mich an eine große Schweinejagd,
als die beiden einmal ausgebüxt waren.
Das Klohäuschen war weiter oben im Garten. Unsere Verwandten aus
Amerika waren in einem Sommer drei Monate zu Besuch. Meine amerikanische
Cousine Trudi saß einmal in diesem Häuschen und sang so laut
"Ade, mein kleiner Gardeoffizier", dass es sogar noch auf der
Straße zu hören war.
Für die Wasserversorgung waren wir Kinder zuständig. Jeder von
uns Dreien hatte immer, wenn wir zum Spielen oder Baden zum Schaaser Bach
gingen, einen bauchigen Tonkrug dabei. Ging es nach dem Spielen wieder
nach Hause, mussten wir vom "Rännchen" frisches Quellwasser
mitbringen. Das "Rännchen" transportierte das Wasser von
einer Quelle jenseits des Schaaser Baches auf die Straßenseite.
Gegenüber von unserem Garten, auf der anderen Seite der Straße,
musste man zuerst über die Gleise der "Wusch", um auf eine
große Wiese zu kommen. Meine beiden Brüder spielten dort mit
den zwei etwa gleichaltrigen Söhnen des Bauern Sirbu Fußball.
Die Wiese erstreckte sich bis zum Schaaser Bach, und dort lag unsere "Riviera".
Ich erinnere mich, dass die große Attraktion eines Sommers der einteilige
Badeanzug, dessen Ober- und Unterteil sich mittels eines Reißverschlusses
voneinander trennen ließen, meiner Cousine aus Amerika war.
Ein anderes Mal hatten die Amerikaner einen nagelneuen Lederfußball
mitgebracht. Alle spielten unten auf der Wiese mit dem Prachtball. Die
Wiese war aber nicht nur Fußballplatz! Sie wurde auch als Kuh-Weide
benutzt. Das Spiel war in vollem Gang, als Butz plötzlich losschimpfte.
Was war passiert? Butz war barfuß in einen "Käbesch"
getreten.
Eines Tages schickte mich Mutter zum Hof des rumänischen Bauern unterhalb
unseres Baumgartens. Als ich auf den Hof kam, meine Augen wurden riesengroß
vor Schreck, stand angelehnt an die Schuppenwand ein Sarg. Der alte Bauer
Cinlei hatte vorgesorgt und sich seinen "Platz" schon anfertigen
lassen.
Der Schaaser Bach hatte sehr sauberes und gutes Wasser und war so voller
Fischchen und Krebse. Als Kinder hatten wir ein Auge dafür, wo sich
die Krebse aufhielten. Am ergiebigsten war die Beute an Büschen,
die im Wasser standen.

Man sehe uns staune, eine Großfamilie an der Riviera
des
"Schaaser Baches" . Archivbild
Wenn wir im Garten waren, waren auch immer viele Verwandte und Bekannte
bei uns. Abends wurde oft gegrillt. Da wir keinen Kühlschrank hatten
(der kühlste Platz im Baumgarten war der "Keller", ein
ca. 80 x 80 cm großes, ausbetoniertes Loch im Boden unseres Häuschens),
brachten die Besucher meist das Holzfleisch frisch aus der Stadt mit,
und die Tüte wurde in die "Küche" gelegt. Auch Mutter
saß mit auf dem Rasenplatz und unterhielt sich. Plötzlich schrie
sie auf. Burkusch, der große Hund des Nachbarn, hatte die Tüte
mit dem Fleisch schon im Maul und wollte damit abhauen. Der Schrei der
Mutter erschreckte ihn aber so, dass er seine Beute fallen ließ
und davonraste. Das Holzfleisch war gerettet.
Es muss im Frühling gewesen sein. Wir waren alle im Garten und saßen
auf den Bänken am Tisch und spielten. Der Kuckuck rief. Plötzlich
kippte Vater einfach rückwärts von der Bank und lag auf dem
Rücken, die Füße in die Höhe. Wir erschraken furchtbar
und dachten, es sei ihm schlecht geworden. Er aber lachte und sagte: "Na
wisst ihr das nicht? Wenn der Kuckuck ruft, muss man ihm das Hinterteil
zeigen und ins Portemonnaie spucken. Dann hat man das ganze Jahr Geld!"
Wir spuckten kräftig, aber mehr Geld hat es nicht gebracht.
Im angrenzenden Wald bauten die Buben sich tolle Hütten. Die Wände
waren aus geflochtenen Zweigen ganz stabil gebaut. Das Einzige, ws ihnen
bei ihrer "Kalip" fehlte, war eine Tür. Heimlich "liehen"
sie sich die Tür aus, mit der Vater die Veranda winterfest machte.
Im Garten gabe es im Herbst jede Menge Pflaumen. Da wir diese Mengen nicht
allein bewältigen konnten, wurden sie an die ganze Verwandtschaft
und an Bekannte verschenkt. Mutter machte Pflaumenmus und Pflaumenkompott.
Etwas Besonderes war der "Zwetschgenröster". Pflaumen wurden
ganz lange ohne Zucker unter ständigem Rühren gekocht, bis die
Masse so fest wurde, dass sie geschnitten werden konnte.
Vorschau Baumgärten / Folge 4 (Ausgabe 21 / 30 Juni 2004)

Adleff Konrads Landhaus mit Wirtschaftshof, im Wolkendorfer
Grund
- Foto: W. Lingner

Letztes Update: 2004-01-19
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